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Polnisch-deutsche Kooperation

Schüleraustausch soll Fachkräfte sichern

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Proszę! Dzięki! Dzień dobry! Das war’s dann auch mit dem Polnisch-Wortschatz. Englisch zu sprechen trauen sich die meisten nicht so, sagen die Schülerinnen und Schüler des polnisch-deutschen Berufsschulprojektes am Regionalen Beruflichen Bildungszentrum (RBB) Greifswald und der Berufsschule in Trzebież (Ziegenort) im polnischen Landkreis Police, nördlich von Szczecin (Stettin). Und weil die polnischen Schüler ebenso kein Deutsch sprechen, verläuft die Kommunikation eher verhalten, meist mit Gestik und Mimik.

Im Fokus stehen aber auch erst einmal die Workshops, Unternehmensbesuche und Stadtrundgänge. Damit sollen die insgesamt 16 Schülerinnen und Schüler der beiden Berufsschulen an die Ausbildungsmöglichkeiten in der Region herangeführt werden. In dieser Woche sind sie in Greifswald unterwegs, in zwei Wochen geht es nach Trzebież.

Das Projekt wurde zusammen mit den beiden Berufsschulen vom Landkreis Vorpommern-Greifswald initiiert. Ziele sind nach Angaben einer Sprecherin der kulturelle Austausch, kooperatives Lernen und das Ausloten möglicher Ausbildungsstellen auch auf der anderen Seite der Grenze. Damit sollen „Fachkompetenzen für den Arbeitsmarkt in der Region nachhaltig gestärkt werden“.

Aber ist so ein Schüleraustausch für die Gewinnung von Nachwuchskräften erfolgversprechend?

Verhaltene Reaktionen bei Azubis

Nach Meinung von Christoph Walther schon. Er ist seit drei Jahren Lehrer am Greifswalder Bildungszentrum und Mitorganisator des neuen Projektes. Die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler seien derzeit noch im berufsvorbereitenden Jahr, haben teilweise in ihrer Schulzeit keinen Abschluss geschafft. Der solle jetzt nachgeholt werden und dann geht es auf den Arbeitsmarkt. Gemeinsam mit der Schulsozialarbeit werde seit Jahren intensiv daran gearbeitet, möglichst alle, die dieses Vorbereitungsjahr nutzen, auf den Berufsweg vorzubereiten und vor allem zu motivieren, erzählt Walther. Da könne so ein Austauschprojekt durchaus anregend sein. So würden die Jugendlichen mal ihre altbekannten Kreise verlassen. Die Hemmschwellen seien aber zum Teil noch recht hoch.

Schülerin Svenja Meier zum Beispiel möchte Köchin werden. Dieses Ziel hatte sie auch schon vor dem Projektstart. Bei dem Schüleraustausch könne sie sich aber auch mal ansehen, wie es in Polen abläuft. Die Ausbildung will sie trotzdem in Vorpommern machen. Mal für einige Zeit ins Ausland zu gehen, könne sie sich vorstellen. „Wenn’s denn mit der Sprache klappt“, sagt sie. Sonst nicht. Sprachkurse werden aber bisher im Rahmen des Projekts nicht angeboten. Es helfen zwei Dolmetscherinnen.

Auch gemeinsames Kochen ist Teil des Polnisch-Deutschen Projektes. (Foto: M. Rust)

Eine Schülerin, die sich selbst Brise nennt und auch von den Lehrkräften so angesprochen wird, spielt seit dieser Woche mit dem Gedanken, doch eine Ausbildung in einer Bank anzufangen. Eigentlich wollte sie Tischlerin werden. Ein Besuch in der Greifswalder Sparkasse im Rahmen des Bildungsprojekts habe dann doch ihr Interesse an dieser Branche geweckt. Sie aber will für die Ausbildung zurück nach Berlin ziehen und nicht hierbleiben.

Und genau da liegt das Problem.

Zu wenige junge Fachkräfte

In Meck-Vorp fehlen aktuell 2.000 Fachkräfte. 500 Lehrstellen sind in diesem Jahr bislang unbesetzt. Nachwuchskräfte müssten also dringend gehalten und gefördert werden, sagt Axel Hochschild, Präsident der Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern. Für die kommende Landesregierung müsse das ein wirtschaftlicher Schwerpunkt werden. Unter anderem solle die duale Ausbildung mehr unterstützt werden, ebenso Berufsorientierungen und Praktika.

Der Parlamentarische Staatssekretär für Vorpommern, Patrick Dahlemann (SPD), sprach sich beim Empfang des IHK-Wirtschaftskreises der Metropolregion Stettin Mitte Oktober dafür aus, die Beziehungen zwischen Mecklenburg-Vorpommern und der Woiwodschaft Westpommern weiter auszubauen, insbesondere die wirtschaftlichen, um Fachkräfte in der Region zu halten. Er sehe jedoch die noch bestehenden Hindernisse, vor allem nicht vorhandene Sprachkenntnisse, politische Verwerfungen und Herausforderungen an der Grenze.

Beim ersten Punkt versucht das RBB in Greifswald mit Eigeninitiative anzusetzen. Seit diesem Jahr erhält die Berufsschule Mittel aus dem Erasmus-Programm der EU für ihre internationalen Austauschprojekte – 67.000 Euro für die kommenden zwei Jahre. Man wolle mit dem Geld versuchen, internationale Kooperationen stärker voranzutreiben, etwa nach Italien oder Frankreich. Aber in erster Linie konzentriere man sich auf das Nachbarland, sagt Walther. So soll der deutsch-polnische Austausch fortan jährlich organisiert werden – für alle berufsvorbereitenden Schülerinnen und Schüler.

Auch ein internationales Praktikum während der Berufsschulzeit könne er sich gut vorstellen. Da müssten aber auch die Unternehmen mitmachen. Die meisten Unternehmen können ihre Arbeitskräfte derzeit jedoch kaum entbehren, erklärt der Berufsschullehrer. Da müssten noch bessere Umsetzungsmöglichkeiten für alle Beteiligten geschaffen werden.

Großes Interesse aus Polen

Am Greifswalder Bildungszentrum gab es schon öfter polnische Schülerinnen und Schüler. Auch einige der polnischen Teilnehmer des neu angelaufenen Austauschprojekts spielen mit dem Gedanken, eine Ausbildung in Deutschland zu machen.

Beim Workshop zur Holzverarbeitung bauen die Schülerinnen und Schüler Sitzbänke. (Foto: M. Rust)

Nach Angaben von Sofia Eisbrenner, Projektkoordinatorin beim Landkreis Vorpommern-Greifswald, sei auch der Landkreis offen dafür, eine grenzübergreifende Ausbildung auf die Beine zu stellen. Allerdings ist das mit hohen bürokratischen Hürden verknüpft. Ein solches Programm gebe es bereits im Saarland. Dort werden Schulpraktika oder Praxisaufenthalte von Azubis in Frankreich für bis zu vier Monate unterstützt. Ein Modell, das auch für eine Kooperation zwischen Polen und Deutschland denkbar wäre. Es müsse sich aber noch viel bewegen, so Eisbrenner. Der Aufbau des saarländischen Programms etwa dauerte fast zehn Jahre.

Ähnliche Angebote bietet schon mal die Greifswalder Arbeitsagentur: Mit dem Programm „Cleveres Köpfchen – Główka pracuje“ werden polnische Jugendliche finanziell und mit Sprachprogrammen unterstützt, die in Deutschland eine Lehre anfangen, erzählt Sprecherin Kristina Birkholz. Seit knapp zehn Jahren arbeitet die Agentur auch im Marketingbereich mit der polnischen Arbeitsverwaltung zusammen: durch gemeinsame Auftritte auf Job- und Bildungsmessen und über das Ausbildungs- und Stellenangebotsportal EURES versuchen die Ämter für die Grenzregion zu werben. Duale Studienangebote mit den Universitäten und der Hochschule in Stettin habe man ebenso schon entwickelt.

Versuche einer engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland gibt es also bereits, auch für potenzielle zukünftige Fachkräfte. Das vielfach genannte Grundproblem der Sprachbarriere ist damit aber noch nicht gelöst. In Meck-Vorp gibt es nach Angaben des Statistischen Amtes MV nur 31 Lehrkräfte an insgesamt 615 allgemeinbildenden und beruflichen Schulen, die die polnische Sprache vermitteln.

Genau da müsse man zuerst ansetzen, sagt Kajak Malgorzata, Psychologin und Lehrerin an der Beruflichen Schule Trzebiez. Sie ist eine der Dolmetscherinnen im Berufsschulprojekt. Man müsse früh anfangen mit der Kommunikation. Solange die Sprachbarriere nicht überwunden werde, könne es schwierig werden, sich für Auslandspraktika und Ausbildungen in Polen zu begeistern.

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Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

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