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Gedenken und Mahnen

Jüdische Gemeinden in MV: Von einst über 40 auf zwei

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Mit einer antisemitischen Hetzrede brachte Propagandaminister Joseph Goebbels Anhänger des Nationalsozialismus am 9. November – auf den Tag genau fünfzehn Jahre nach einem gescheiterten Putschversuch Hitlers gegen die Weimarer Republik – dazu, jüdische Einrichtungen zu überfallen, zu plündern und zu zerstören.

Während und unmittelbar infolge der Ausschreitungen vom 9. und 10. November 1938 starben weit mehr als 1.300 Menschen, mit mindestens 1.400 wurden über die Hälfte aller Synagogen in Deutschland und Österreich stark beschädigt oder ganz zerstört sowie mehr als 7.000 Geschäfte geplündert, beschädigt oder komplett verwüstet. Über 30.000 Juden wurden in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald verschleppt und inhaftiert, wo ebenfalls Tausende ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben. Die Novemberpogrome waren der Anfang der systematischen und offensiven Judenverfolgung und -vernichtung in Deutschland durch das NS-Regime.

Einst mehr als dreizehn Synagogen in MV

Auch in Mecklenburg-Vorpommern wurden vor 83 Jahren jüdische Einrichtungen angegriffen und zerstört. Von den mehr als 40 Synagogen wurden dreizehn bei den Novemberpogromen zerstört, mindestens 22 jüdische Friedhöfe wurden geschändet, in zahlreichen Städten wurden Häuser, Wohnungen und Geschäfte jüdischer Menschen überfallen und geplündert. Allein in Mecklenburg werden 175 jüdische Männer verhaftet. Nur 75 von etwa 1.000 Mecklenburger Juden sollen den Holocaust überlebt haben. Bis heute sind die Geschehnisse noch nicht hinreichend aufgearbeitet. Vieles liegt noch im Dunkeln.

Zwischen 1845 und 1945 gab es nach Angaben der Landeszentrale für politische Bildung in MV 45 jüdische Gemeinden mit insgesamt rund 7.000 Mitgliedern. Heute sind noch zwei Gemeinden aktiv – eine in Rostock und eine in Schwerin. Zusammen zählen sie 1.200 Mitglieder.

Noch immer im Fadenkreuz

Auch in diesem Jahr wurde an vielen Orten der Novemberpogrome gedacht. Unter anderem wurden Kränze an den ehemaligen Standorten der zerstörten jüdischen Synagogen niedergelegt, an Stolpersteinen Kerzen angezündet.

Und Politiker:innen erinnern daran, dass Antisemitismus und Judenhass aktuell sind: „Es ist erschreckend, dass auch heute noch Angst, Einschüchterung und Gewalt zum Alltag jüdischer Bürger in Deutschland gehören“, sagte Neubrandenburgs Oberbürgermeister Silvio Witt (parteilos) gestern bei einer Ansprache.

Die Vorsitzende der Linksfraktion im Schweriner Landtag, Simone Oldenburg, warnte bereits am Montag vor einem Rechtsruck in der Gesellschaft: „Antisemitismus und Rassismus sind heute wieder auf dem Vormarsch. Menschen werden wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder politischen Haltung verächtlich gemacht, angegriffen und ermordet.“

Allein 2019 wurden über 50 antisemitische Straftaten in MV polizeilich erfasst. Im Jahr 2020 erfasste das Innenministerium MV 73 antisemitisch motivierte Straftaten, von denen 72 politisch motivierter Kriminalität von rechts zuzuordnen seien und ein Fall religiös motivierter Kriminalität. Die Zahl steige in den vergangenen Jahren immer weiter. Der Anstieg entspreche der Gesamtsituation in Deutschland, wo 2020 ein Höchststand der antisemitischen Straftaten seit 2001 zu verzeichnen gewesen sei, erklärt das Innenministerium. Die Dunkelziffer wird um einiges höher sein, denn allzu oft werde Antisemitismus von Nichtbetroffenen übersehen oder relativiert, heißt es in einer Erklärung der Grünen.

Landesrabbiner Yuriy Kadnykov ruft dazu auf, antisemitische Vorfälle zu melden und sich nicht zu verstecken. Dafür wurde in diesem Jahr die Dokumentations- und Informationsstelle Antisemitismus Mecklenburg-Vorpommern (kurz DIA MV) eingerichtet. Damit sollen antisemitische Vorfälle und die Verbreitung antisemitischer Einstellungen im Bundesland sichtbar gemacht werden. Gerade auch um das Dunkelfeld zu erhellen, wurde die DIA ins Leben gerufen. Auf der Webseite der Dokumentationsstelle sollen auch die Fälle von Antisemitismus erfasst werden, die unterhalb der Gewaltschwelle und des Straftatbestandes liegen. Zuletzt wurden Stolpersteine in Güstrow und Garz geschändet.

Unterstützt werden die beiden jüdischen Gemeinden im Land – Rostock und Schwerin – vom Land im Rahmen eines Staatsvertrages. Der wurde 1996 zwischen dem Land Mecklenburg-Vorpommern und dem Landesverband jüdischer Gemeinden geschlossen und im August 2021 um fünf Jahre verlängert. Nach Angaben der Staatskanzlei werden mit dem Vertrag unter anderem jüdische Feiertage und die Friedhofs- und Denkmalpflege anerkannt.

Aus Anlass der Vertragsverlängerung betont Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), dass „jüdisches Leben und jüdische Religionsausübung zu unserem Land gehören“. Es sei gemeinsame Aufgabe, den jüdischen Gemeinden ihre Arbeit zu ermöglichen und das deutsch-jüdische Kulturerbe zu bewahren.

Nach Angaben Schwesigs erhöht das Land seine finanzielle Unterstützung für die jüdischen Gemeinden von derzeit 440.000 auf zunächst 575.000 Euro im nächsten Jahr. Die jährliche Zuwendung steige bis 2026 auf 650.000 Euro. Damit werde auch ermöglicht, Mitarbeiter der Gemeinden und des Landesverbandes tariflich zu entlohnen.

In diesem Jahr werden bundesweit 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert. Auch in Mecklenburg-Vorpommern sind dazu noch bis Ende des Jahres Veranstaltungen geplant.

Als Reaktion auf den antisemitischen Anschlag 2019 in Halle hatte die Landesregierung zugesichert, den Schutz jüdischer Einrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern zu erhöhen. Dies sollte sowohl die Polizeipräsenz vor Synagogen und Gemeindezentren umfassen als auch den passiven Schutz durch Sicherheitstechnik. Laut Innenministerium stellt das Land für bauliche und sicherheitstechnische Maßnahmen insgesamt knapp drei Millionen Euro bereit.

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Redakteurin bei KATAPULT MV.

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