Rostocker Radrennbahn: Mit hundert Sachen in den Denkmalschutz
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Denkmalschutz

Vergessener Schatz aus Beton: Die Rostocker Radrennbahn

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Vom lauten Jubel zu DDR-Zeiten in den Dornröschenschlaf – und wieder zurück? Die Radrennbahn in der Rostocker Südstadt ist ein fast vergessenes Bauwerk, das als einstige Trainingsanlage international erfolgreicher Radsportler:innen Sportgeschichte geschrieben hat. Mit der Ostsee-Rad-Klassik lässt ein Verein die Sportstätte einmal im Jahr für soziales Engagement und aus Freude am Radsport wieder aufleben. Der Denkmalschutz soll nun den Erhalt sichern. KATAPULT MV dreht eine Runde auf Rostocks sporthistorischem Kleinod.

Umgeben von Kleingärten, Sportplätzen und dem Friedhof liegt die Rostocker Radrennbahn – versteckt im grünen Süden der Hansestadt. 1986 eröffnet, erlebte die Anlage zu DDR-Zeiten sportliche Höhepunkte, die heute kaum noch jemand kennt. Viele Rostocker:innen wissen nicht einmal, dass es die Bahn gibt – obwohl hier Radsportgrößen wie Jan Ullrich, André Greipel und Lea Sophie Friedrich ihre ersten Rennen fuhren.

Ende August lud der Verein Nachami zum fünfzehnten Mal prominente Radsportler:innen und Zweiradenthusiast:innen zur Ostsee-Rad-Klassik ein. An einem Wochenende wurden mit dem traditionellen Rennen der Steher auf der Radrennbahn – einem Wettbewerb, bei dem jeweils ein:e Motorradfahrer:in und ein:e Radsportler:in gemeinsam als Team antreten – und einer 200-Kilometer-Tour durch Mecklenburg Spenden für einen guten Zweck gesammelt. Mit den Einnahmen und den Teilnahmegebühren der Tour unterstützt der Verein, gegründet vom Veterinär und Bildungsreferenten für Chancengleichheit Olaf Bellmann, schon seit mehreren Jahren Schulen und Ausbildungsstätten in Uganda und Tansania.

Gleichzeitig bemühen sich die Vereinsmitglieder zusammen mit den Erbauern und vielen Unterstützer:innen des Radsports um den Erhalt der Radrennbahn, die derzeit noch vom Landesradsportverband gefördert wird. Sie befürchten jedoch, dass im Zuge des aktuellen Baus des neuen Radsportzentrums in Schwerin diese Gelder künftig ausbleiben. Die Veranstalter:innen hoffen, mit dem kürzlich bestätigten Eintrag in die Denkmalliste der Stadt Rostock die Sanierung und Belebung des einzigartigen Betonovals zu ermöglichen.

Ein herausfordernder Bau

Dabei ist die Entstehung der Bahn selbst ein Stück Sport- und Stadtgeschichte, denn „eigentlich war das Ganze illegal“, erklärt ihr Architekt Kurt Welke. Welke, eigentlich Landschaftsarchitekt, musste für die Umsetzung viel dazulernen. So flog er beispielsweise aus eigener Tasche nach Moskau, um sich vom Velodrom von Krylatskoje inspirieren zu lassen, einer der – noch heute – besten Radrennbahnen der Welt. Die Stadtverwaltung habe Mitte der Achtzigerjahre gar nicht gewusst, dass überhaupt eine Radrennbahn gebaut wird, berichtet der Radsporttrainer Peter Sager. Nur durch Beziehungen und Verbindungen und viel Improvisation sei der Bau zu Zeiten der Mangelwirtschaft zustande gekommen, erinnert sich Sager, der auch Jan Ullrich trainiert hat. Die Beschaffung von Materialien und Expertise wurde vor allem über Tauschgeschäfte abgewickelt. Finanziert mit Stasi-Geldern des SV Dynamo und ohne Genehmigung der Stadt, wurde das riskante Bauprojekt dennoch Realität.

Eine Radrennbahn ist ein einzigartiger Bau, dessen Architektur an die Bedingungen des Rennsports angepasst ist. Ihre Länge ergibt sich daraus, dass sich die Runden auf der Bahn leicht auf einen Kilometer umrechnen lassen, erklärt Kurt Welke. Beispielsweise entsprechen vier Runden auf der 250-Meter-Bahn einem Kilometer. Damit niemand bei den hohen Geschwindigkeiten in einer Kurve aus der Bahn geworfen wird, müssen diese schräg sein. Zu flache Kurven wären lebensgefährlich für die Rennfahrenden. Seine Berechnungen ließ Welke deshalb sicherheitshalber von einem Diplom-Mathematiker korrigieren. Um die Kurvenneigung von 38 Grad in Beton zu realisieren, brauchte es die Hilfe eines Experten – so wurde Ulrich Müther mit ins Boot geholt.1 Müther – bekannt für seine sogenannte Hyperschalentechnik – war außerdem Architekt unter anderem des Warnemünder Teepotts.

Kurt Welke ist sich sicher, dass so ein Bauprojekt heute nicht mehr möglich wäre. Antrieb war damals schon in erster Linie der Spaß am Radsport. Zur Ostsee-Rad-Klassik kam der 86-jährige Rostocker entsprechend mit seinem Rennrad gefahren. Beim Rennen der Steher trat außerdem sein Sohn Mathias als erfahrener Schrittmacher an, der bereits einige Rennen sowohl als Motorrad- als auch als Rennradfahrer bestritten hat.

Formel 1 auf zwei Rädern

Steherrennen sind eine der herausforderndsten Disziplinen des Radsports: Im Stehen fahrende Motorradfahrer geben den Radfahrern unmittelbar hinter ihnen den bestmöglichen Windschatten, die dann bis auf 60 bis 80 km/h beschleunigen können. Die Schutzklappen für die Ohren am Helm der Schrittmacher sind vorne geschlossen und nach hinten offen, um die Kommandos des Rennradfahrers zu hören. Die Kommandos sind knapp – „Allez!“ für mehr Tempo, ein erschöpftes „Oh!“ zum Abbremsen.

Im 20. Jahrhundert begeisterte die Disziplin noch die Massen, ähnlich wie heute die Formel 1, weiß Rainer Podlesch als Weltmeister und ehemaliger Trainer noch zu gut. Er erklärt den Aufbau der Rennräder, deren geschlossene Hinterräder bremsende Luftverwirbelungen vermeiden sollen und somit hohe Geschwindigkeiten ermöglichen.

Lenker und Sattel der Motorräder sind speziell präpariert, sodass die Schrittmacher im Stehen fahren können. An der Rückseite des Motorrads ist zusätzlich ein Stangenkonstrukt angebracht, um einerseits den Abstand zwischen Motorrad und Rennrad zu gewährleisten und andererseits den Rennradfahrer:innen Orientierung zu bieten. Die hinterste Metallrolle dreht sich mit dem Vorderrad des Rennrads mit, sodass möglichst dicht aufgefahren werden kann, ohne Unfälle zu verursachen. Die Redewendung „von der Rolle sein“ kommt übrigens aus dem Steherrennen, erklärt Podlesch. Bleiben die Rennfahrer:innen nicht dicht genug an der Metallrolle dran – und somit im Tempo des Schrittmachers –, verlieren sie den Anschluss und sind „von der Rolle“.

Der Rennradfahrer (Steher) fährt im Windschatten des Motorradfahrers (Schrittmacher). Die Rennräder haben weder Schaltung noch Bremsen.
Der Rennradfahrer (Steher) fährt im Windschatten des Motorradfahrers (Schrittmacher). Die Rennräder haben weder Schaltung noch Bremsen.

Insgesamt wurden während der 15. Ostsee-Rad-Klassik in drei Durchläufen 75 Kilometer auf der 250-Meter-Bahn gefahren. Die lautstarke Veranstaltung bei bestem Wetter empfanden die Organisator:innen als vollen Erfolg. Mit dabei waren außerdem André Greipel als diesjähriger Schirmherr sowie der Maler Feliks Büttner, der während des Rennens eine große Leinwand bemalte. Das entstandene Kunstwerk soll für die wohltätige Arbeit von Nachami versteigert werden.

Zwischen Denkmal und Neubau

Die Zukunft der Rostocker Radrennbahn bleibt vorerst ungewiss. Aus Sicht der Stadt habe der Radsport keine sportliche Priorität mehr, erklärt Vereinsvorstand Hendrik Schmidt die kommunale Zurückhaltung gegenüber der Rennbahn. Der Landesradsportverband MV setzt auf den Neubau in Schwerin. Öffentlichen Zugang und Ränge für Zuschauende bietet das neue Radsportzentrum allerdings nicht. Für Veteranen wie Trainer Peter Sager, der über Jahrzehnte den Radsportnachwuchs in Rostock formte, ist diese Entscheidung unverständlich. Die Sportart müsse schließlich einem Publikum präsentiert werden können, um auch für den Leistungssport relevant zu bleiben.

Dank der Bemühungen ihrer Sympathisant:innen erhält die Rostocker Radrennbahn nun offiziell den Denkmalstatus. Damit eröffnen sich neue Fördermöglichkeiten, um das Bauwerk zu erhalten. „Perspektivisch ist es in unserem Sinne, zu ihrem Erhalt die Bahn wieder stärker zu beleben“, bekräftigt Hendrik Schmidt von Nachami. Über Möglichkeiten und Ideen wird sich für die Zukunft noch mit dem Verpächter, also der Wohnungsgesellschaft Wiro, abgestimmt. Bislang werde die Radrennbahn ansonsten in den Sommermonaten für kleinere Rennen sowie vom Polizeisportverband genutzt, um Kinder und Jugendliche zu trainieren.

Ob stillgelegtes Relikt oder lebendiger Ort der Sportkultur – das entscheidet sich in den kommenden Jahren. Mit ihrer besonderen Bauweise, ihrer turbulenten Entstehungsgeschichte und den Erinnerungen an große Namen ist die Rostocker Radrennbahn mehr Denkmal als verstecktes Betonoval.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 48 von KATAPULT MV, die ihr im Abo oder im Shop bekommen könnt!

  1.  Heimatverband MV (Hg.) Schwarzbau im Damerower Weg – Der Bau der Rostocker Radrennbahn, in: Stier und Greif Nr. 1, August 2022, S. 36-38. ↩︎

Autor:in

  • Redakteur in Rostock

    An der Küste MVs aufgewachsen und wieder angekommen; feiert Wind- und Wetterfeste, wie sie fallen. Dazwischen Anthropologe und Kulturaktivist.

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