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Neuer Beruf, alte Herausforderungen

Zukunft der Küstenfischerei

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Lesedauer: ca. 14 Minuten

Säulendiagramm zur Kleinen Hochsee- und Küstenfischerei in MV: Anzahl der Betriebe im Haupt- und Nebenerwerk sank in den letzten 30 Jahren kontinuierlich. 1991 waren es noch 950, 2021 waren es 332.

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In einem mecklenburgischen Volkslied wird die Seele der Region besungen. Es ist als Hymne, als Mecklenburglied in die Köpfe der Menschen eingezogen. Darin heißt es: „Wo der Fischer fischt mit seiner starken Hand, da ist meine Heimat, Mecklenburger Land.“ Die Sache ist nur: Es gibt sie an der Küste immer weniger, diese Fischer.

Die Küstenfischerei gehört mit ihren Kuttern in den Häfen, den Kisten voller Fisch und knurrigen Fischer:innen zu den Aushängeschildern im Land. Es ist ein Klischee, aber es ist auch Identität und Abbild einer Wirklichkeit, die das Leben der Menschen über Generationen hinweg prägte.

Waren 1990 noch etwa 1.400 Fischer:innen an der Küste aktiv, sind es im Haupterwerb heute lediglich 118. Ihr Durchschnittsalter beträgt 57 Jahre. Es ist abzusehen, dass in zehn bis fünfzehn Jahren nicht mehr viele übrig sein werden. Schon jetzt finde ein „Gesundungsprozess“ statt, meint der Ummanzer Fischer Henry Diedrich. Einige Fischer:innen werden altersbedingt aus dem Beruf ausscheiden, andere, weil ihre Betriebe wirtschaftlich am Ende sind oder sie sich notwendige Reparaturen an ihren Booten nicht leisten können. „Es wird weniger Fischer geben, aber die, die übrig bleiben, können dann von der Fischerei leben“, ist er überzeugt. Der fischereiliche „Kuchen“ sei in den zurückliegenden Jahren immer kleiner und umkämpfter geworden. „Die Hoffnung darauf, dass die Quoten irgendwann wieder steigen werden, hilft uns heute nicht weiter“, so Diedrich.

Fast alle derzeit aktiven Fischer:innen sind auf ein Einkommen neben dem Fischfang angewiesen. Manche vermieten Ferienwohnungen, andere sind in der Gastronomie tätig. „Schon vor zehn Jahren war den Fischern klar, dass sie ein zweites Standbein brauchen“, erklärt Fischer Martin Saager aus Wismar. Er betreibt einen Imbiss, bietet Räucherfisch und Fischbrötchen an.

Seit 20 Jahren ist Saager selbstständiger Fischer. Fast täglich fährt er auf die Ostsee hinaus, sieht die Veränderung der Bestände. „Die Schollen verhungern bei uns, weil sie am sauerstoffarmen Meeresgrund keine Nahrung finden.“ Die ganze Nahrungskette leidet darunter. Robben und Kormorane machen den Fischer:innen Konkurrenz, zusätzlich belasten Nährstoffe aus der Landwirtschaft die See. Alles zusammen ist zu einem Problem geworden, so Saager. Die Situation helfe auch nicht, um junge Menschen für den Beruf zu begeistern.

Begrenzte Fangquoten sind dabei das eine. Die Konkurrenzsituation untereinander das andere. „Alle Fischereistandorte sind besetzt“, urteilt Oliver Greve, Geschäftsführer der Fischereigenossenschaft Wismarbucht. Eine junge Fischerin oder ein junger Fischer haben nach der Ausbildung nicht die Möglichkeit, einen Imbiss zu eröffnen, und allein vom Fischen werden sie nicht leben können. In MV begannen 2022 lediglich zwei Personen eine Ausbildung in der Küstenfischerei. In diesem Jahr nimmt niemand eine Ausbildung in der Küstenfischerei auf.

Fischerei braucht Imagewandel

Allein vom kulturellen Erbe, wie es das Mecklenburglied besingt, kann niemand in der Fischerei überleben. Das Kulturgut werde nach und nach verfälscht, weil es nicht mehr die Möglichkeiten gebe, ständig rauszufahren, meint Henry Diedrich. „Ich bin nicht mehr so oft auf dem Wasser wie mein Vater und er war nicht so oft auf dem Wasser wie sein Vater.“ Wissen gehe ebenso verloren wie Fingerspitzengefühl für Beruf und Fisch.

Dann stellt Diedrich die Gretchenfrage: „Brauchen wir als Gesellschaft überhaupt die Fischer?“ Rein ökonomisch betrachtet, wird der Bedarf an Fisch nicht durch die Küstenfischerei, sondern durch die Hochseefischerei gedeckt. Die Küstenfischer:innen versorgen lediglich ihren eigenen kleinen Kreis an Kund:innen.

„Wir müssen das Image der Küstenfischerei verbessern und uns stärker positionieren“, glaubt Diedrich. Regionaler Fisch sei eine frische Ware mit kurzen Lieferwegen. Auch aus Klima- und Umweltschutzgründen sei wild gefangener Fisch ein nachhaltiges Lebensmittel, das nicht aus der Massenproduktion stamme. „Wir haben in Deutschland noch immer kein gutes Verständnis für Lebensmittel“, kritisiert der Fischer. Die Wertschätzung müsse und werde sich ändern.

Der ideelle Bedarf könnte die Küstenfischerei lebendig halten. Wenn es den Menschen wichtig ist, regional und saisonal zu essen, dann wird die Küstenfischerei wieder relevant. Deshalb plädiert Diedrich für eine Nachweispflicht für regionalen Fisch. So könnten Kund:innen sicher sein, dass sie Fisch aus der Umgebung bekommen, und zugleich ließe sich eine Marke aufbauen, wie sie bereits mit Hiddenseer Kutterfisch existiert. „Das ist für alle ehrlicher und hilft uns mehr als Subventionen.“

Mit einer Nachweispflicht wären lokale Fischer:innen wieder gefragt und Nachwuchsfischer:innen hätten eine Perspektive. Zur Wertschätzung gehört jedoch nicht nur die lokale Nähe, sondern auch die Bereitschaft, faire Preise zu zahlen. „Wenn wir junge Leute begeistern wollen, müssen wir einen attraktiven Verdienst sicherstellen, damit sie nicht bei jedem Wetter raus aufs Wasser müssen.“ Zwar seien die Einkaufspreise im Großhandel in den letzten Jahren gestiegen, doch noch immer fehle ein Verständnis für die erforderliche Arbeit, die hinter jedem Fang stehe.

Neues Berufsbild Sea Ranger

Die herausfordernde Lage der Berufsfischerei an der Küste macht es lokalen Fischer:innen beinahe unmöglich, ihren Lebensunterhalt allein durch das Fischen zu verdienen. „Wenn unsere Fischer ihre Quoten auf Hering und Dorsch ausnutzen, dann verdienen sie damit zweieinhalb bis dreitausend Euro im Jahr“, erklärt Genossenschaftler Greve.

Er weiß aber auch, dass die „heutigen Fischer ihre Nische gefunden haben“ und auf die eine oder andere Art ihren Lebensunterhalt verdienen. Nur gebe es keinen Nachwuchs, weil dieser keine Perspektive sehe. „Mit der Aussicht, Fischbrötchen zu verkaufen, wird niemand eine Fischereiausbildung beginnen.“

Soll die Küstenfischerei erhalten werden, braucht es neue Ansätze. Fischer:innen könnten Aufgaben in den Bereichen Umweltschutz, Artenschutz, Kulturpflege und Tourismus übernehmen und auf dem Wasser ähnlich agieren wie Förster:innen in den Wäldern.

„Es gibt niemanden, der sich innerhalb der Drei-Seemeilen-Zone um das Meer kümmert, obwohl die Fläche doppelt so groß ist wie die Wälder in MV“, sagt Greve. Zwar werde die Ostsee erforscht, aber über ihren tatsächlichen Zustand sei immer noch wenig bekannt. „Eine Betreuung des Meeres findet kaum statt.“ Außerdem sei die Präsenz von Fischer:innen und Kuttern in den Häfen wichtig für den Tourismus und schon deshalb erhaltenswert.

Greve gehört zu einer Gruppe von Initiator:innen, die zukünftige und aktuelle Küstenfischer:innen mit einer Zusatzausbildung zum Sea Ranger stärken wollen. Sie sollen Kompetenzen erlernen, mit denen sie das Meer schützen und staatliche Aufgaben übernehmen können.

Im Oktober beginnt das Pilotprojekt mit der ersten Schulungsphase zur Fachwirt:in Fischerei und Meeresumwelt. Dafür habe man zehn erfahrene Fischer werben können, die nicht älter als 50 Jahre seien. Sie kommen unter anderem aus Wismar, Stralsund und von Usedom. Mit ihnen soll das Pilotprojekt inhaltlich erprobt und die noch auszuarbeitenden Lehrinhalte bewertet werden.

Innerhalb eines halben Jahres erhalten die Teilnehmenden rund zehn Wochen Präsenzunterricht am Ausbildungsstandort Sassnitz. Weitere vier Wochen sind für Praktika vorgesehen. „Wenn die Älteren, die jetzt ausgebildet werden, jüngere Menschen für den Beruf begeistern, haben wir Erfolg“, sagt Initiator Greve und will das Projekt daran messen lassen, ob es gelingt, Nachwuchs für die Fischerei zu gewinnen.

Das Berufsbild der Fischerei wird sich verändern müssen

Und wenn zehn zertifizierte Sea Ranger den ersten Schulungsjahrgang abschließen, sei das schon Teil des Erfolgs. Diese müssen dann ein Einkommen erwirtschaften können. Dafür brauchen sie Arbeitgeber:innen und „Aufgaben, die hoffentlich alle auf dem Meer stattfinden“. Fischer:innen wollen mit ihren Booten und Kuttern rausfahren. Dort könnten sie strukturiert Daten erheben, Fischbestände und Seegraswiesen pflegen, Tourist:innen betreuen.

Greve hat bereits Vorschläge, wie es laufen könnte. Der Tunnelbau unter dem Fehmarnbelt zwischen Deutschland und Dänemark werde mit Aufforstungsarbeiten an Land kompensiert. Eine Kompensation auf dem Meer wäre für ihn viel nachvollziehbarer und diese Kompensation könnten Sea Ranger durchführen oder betreuen.

Greves Vision: „Die Fischer der Zukunft kennen wie heute ihre Reviere, aber sie pflegen und entwickeln sie.“ Diese Geisteshaltung gelte es in die Köpfe zu bekommen, denn das Berufsbild der Fischer:in wird sich langfristig ändern müssen. „Nur noch zu fischen ist nicht mehr möglich, es geht auch um Biotoppflege, um Inhalte, um Forschung.“

Es sei wichtig, dass die zehn, die jetzt die Zusatzausbildung beginnen, auch dranbleiben. Einer von ihnen ist Martin Saager. Der Wismarer Fischer will ein Zeichen für die Zukunft setzen. „Wir brauchen Nachwuchs, wenn die Fischerei an der Küste erhalten werden soll.“ Das gelinge nur mit neuen Angeboten. Saager will einen Grundstein für zukünftige Fischer:innen legen und testen, ob das Konzept des Sea Rangers praxistauglich ist.

„Wenn das nicht funktioniert, haben wir in zehn Jahren keine Fischer mehr“, beschreibt Saager die Dringlichkeit des Projektes. Um das zu vermeiden, drückt der 45-Jährige auch bereitwillig erneut die Schulbank. Häfen ohne Kutter und Küstenfischerei will er sich nicht vorstellen. Wenn es Saager, Greve und ihren Mitstreiter:innen jedoch gelingt, junge Menschen zu inspirieren, dann hat der Beruf eine Chance.

Notlage der Fischerei trifft auf Bedarf

Arbeit gebe es genug, meint Greve. „Wir brauchen mindestens 100 Sea Ranger entlang der Küste, die sich für das Meer einsetzen.“ Abhängig vom Heimathafen würden sie verschiedene Aufgaben übernehmen. Dazu könnten Schutz und Aufbau maritimen Lebens gehören. Greve denkt an Bestandsentwicklung durch Aquakultur oder Muschelzucht. All diese Bereiche erhalten aktuell wenig Aufmerksamkeit. „Die Notlage der Fischer und der Bedarf an Fachleuten auf dem Meer treffen aufeinander“, urteilt Greve und möchte beides miteinander in einem neu geschaffenen Berufsbild verbinden.

Als Expert:innen aus der Praxis könnten die Sea Ranger auch in den Bereichen Politik, Wissenschaft und Umwelt beraten. „Als Kümmerer bekommen die Fischer dann ein ganz neues Image.“

Dauerhafte Finanzierung ungewiss

Herausfordernd bleibt der finanzielle Aspekt. Die Kosten für den ersten Schulungsjahrgang sowie die Anschlussfinanzierung für eine einjährige Beschäftigung sind gesichert. Über 2024 hinaus ist die Finanzierung noch offen. Greve wünscht sich eine Aufnahme des Projekts in den Landeshaushalt. Aber auch Städte und Gemeinden könnten einen Beitrag leisten. Grundsätzlich soll eine zentrale Vergabestelle geschaffen werden, die Budget und Aufträge akquiriert und an die Sea Ranger weiterleitet.

„Wenn wir in MV zeigen können, dass das Projekt funktioniert, können wir es in einem nächsten Schritt gemeinsam mit Schleswig-Holstein auf die gesamte deutsche Ostseeküste ausweiten“, blickt Greve in die Zukunft. Auch ein internationales Projekt mit allen Ostseeanrainern könne er sich vorstellen. Außerdem hält er eine Anpassung der Fischereiausbildung für notwendig, was jedoch auf Bundesebene entschieden werden muss.

Zusatzausbildung – aber ohne Cowboyhut

Die Idee, mit einer Zusatzausbildung die Küstenfischerei zu unterstützen, hat verschiedene Interessengruppen zusammengebracht. Der Landestourismusverband, die Stralsunder Ortsgruppe der Umweltschutzorganisation WWF, Küstenfischer:innen und Fischereigenossenschaften, Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (Lung) und Landesamt für für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei (Lallf). Fördermittel kommen unter anderem aus dem europäischen Maßnahmenprogramm Leader.

Das in Güstrow ansässige Bilse-Institut ist als Bildungsträger verantwortlich für die Organisation der Ausbildung. Es wirbt Gastdozent:innen an und bildet die Schnittstelle zwischen Institutionen und Geldgeber:innen, erklärt Sektionsleiter Sebastian Dettmann. „Wir sind gerade dabei, Stunden und Inhalte in einem Rahmenstoffplan zusammenzustellen.“

Auf die Fischer:innen werden neue Themen zukommen. In der Zusatzausbildung sollen sie Methoden der Wissenschaft, Forschung und Verwaltung kennenlernen. Es geht um Umweltrecht und Meeresbiologie, aber auch um Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Der Umgang mit Medien und Kund:innen soll geschult, nachhaltige Ziele vermittelt und die Selbstvermarktung gestärkt werden. Die Fischer:innen sollen außerdem dazu befähigt werden, pädagogische Konzepte zielgruppengenau zu entwickelt. „Ich werde bestimmt nicht mit Cowboyhut durch die Gegend laufen und auch nicht mit Wathose“, stellt der Sea Ranger in spe Martin Saager klar. Er ist Fischer, kein Darsteller.

Ein dritter Baustein der Aufstiegsqualifizierung beschäftigt sich damit, Traditionen zu bewahren und Innovationen in die Küstenfischerei einzuführen. Sea Ranger sollen Wissen erhalten und in den Häfen erlebbar machen. Auch die reglementierende Pflege der Fischbestände gehört dazu. Nachhaltiges Fischen ist damit gemeint, was viele Fischer:innen entlang der Küste mit Stellnetzen und Reusen bereits umsetzen.

Ökologischer Aspekt zieht Menschen an

Die verschiedenen Interessengruppen, die sich für die Ausbildung einsetzen, bringen unterschiedliche Ideen darüber mit, was Sea Ranger letztlich leisten können sollen. Wichtig sei es, die Zusatzausbildung inhaltlich nicht zu überfrachten, sagt Dettmann. Es gehe darum, Handlungsfelder zu schaffen, „in denen die Fischer einen finanziellen Mehrwert erwirtschaften und zukünftigen Generationen eine Perspektive bieten können“. Die Fischer:innen seien Botschafter:innen für das Kulturgut Fischerei. Aber es bleibt abzuwarten, ob die Zusatzausbildung die Küstenfischerei langfristig stützen kann.

Dettmann ist vorsichtig optimistisch und verweist auf positive Erfahrungen an Land. „Obwohl es überall Fachkräftemangel gibt, kann die Landesforst aus den Auszubildenden aussuchen.“ Der Wald habe ein positives Image und der Arbeitsplatz bediene die ökologischen Ansprüche junger Menschen, erklärt Dettmann.

Diese ökologische Aufklärung, die es für den Wald bereits gibt, sei auch für das Meer wichtig. Fischer:innen können schon heute vielseitig darüber informieren. „Wir müssen den Blick darauf richten, was die Fischer jetzt schon gut machen.“

Ist die Freiheit der Fischer:innen gefährdet?

Die Zusatzqualifikation zum Sea Ranger als Zukunft der Küstenfischerei schmeckt längst nicht allen. Auch Fischer Diedrich ist nicht vollständig überzeugt. Könne es möglich sein, unter einer Dienstherrin und zugleich selbständig zu arbeiten? Was passiert, wenn die zugetragenen Aufgaben mit dem eigenen Betrieb kollidieren? Wenn etwa Forschungsfahrten beauftragt sind und gleichzeitig die eigenen Netze eingeholt werden müssen?

„Als Sea Ranger werden Fischer immer seltener auf dem Wasser sein“, glaubt Diedrich. Das Fingerspitzengefühl für den Fisch werde nach und nach verlorengehen. Auch sei nicht klar, welche Aufgaben die Sea Ranger tatsächlich übernehmen. „Ich mache jetzt schon viel für die Forschung“, erklärt der Küstenfischer. Ob er das auch in Zukunft wird machen können oder ob Forschungseinrichtungen und Wissenschaftsinstitute später nur noch mit zertifizierten Sea Rangern zusammenarbeiten (dürfen), ist bislang nicht absehbar.

„Vielleicht ist der Markt an Aufträgen auch begrenzt“, spekuliert der Fischer. Was passiere, wenn es irgendwann 50 Sea Ranger geben wird, aber nicht genügend Aufträge? Und wenn Aufträge von Behörden kommen, mit denen die Fischer:innen zuvor jahrelang im Clinch lagen? „Bestimmte Sachen kann man nicht ausblenden. Da ist man gebrandmarkt.“ Für Diedrich ist die Perspektive der Sea Ranger noch nicht umfassend durchdacht. Eine abschließende Meinung zum Projekt hat er nicht, doch er sagt: „Ich bin bisher gut damit gefahren, dass ich frei arbeiten konnte und mich selbst angeboten habe.“

Der Fischer weiß aber auch, dass sich Berufsbilder ändern, nicht nur in seiner Branche. „Kundenorientiertes Arbeiten ist wichtig, wir können nicht nur in den Tag hineinfischen.“ Doch Tourist:innen die Gewässer und Reviere der Region zu zeigen, ist weder für Diedrich noch für viele seiner Kolleg:innen reizvoll. Die zentrale Frage lautet, ob es sich lohnt, Freiheit gegen Sicherheit zu tauschen. „Welche Freiheiten gebe ich auf und in welche Schublade werde ich gesteckt? Möchte ich das oder bleibe ich lieber Fischer?“

Die Küstenfischerei, wie es sie einst gab, wird nicht wiederkehren, glaubt selbst der Ummanzer. Dafür gebe es immer weniger Fischer und immer weniger Zeit auf dem Wasser. „Wir reagieren nur noch auf Veränderung und haben keine Zeit mehr, etwas auszuprobieren.“

Mecklenburg-Vorpommern hat rund 1.700 Kilometer Küstenlinie. Geht es nach Oliver Greve, sind in ungefähr zehn Jahren 50 Sea Ranger beschäftigt, die gemeinsam organisiert sind und Aufgaben übernehmen, für die es bisher keine passenden Leute gebe. Zentral sind dabei die Überwachung und Pflege des Lebensraums Ostsee. „Die Fischer, die wir heute haben, kommen durch, aber sie werden die Letzten sein, denen es auf diese Art gelingt.“ Für die Zukunft braucht die Küstenfischerei Veränderung. Gut möglich, dass sie den Namen Sea Ranger trägt.

Dieser Text erschien zuerst in unserer Juliausgabe.

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Fußnoten

  1. Steusloff, Wolfgang: Kutter- und Küstenfischerei in Mecklenburg-Vorpommern: zur Entwicklung eines maritimen Erwerbszweiges seit 1990. Deutsches Schiffahrtsarchiv, Bd. 29, S. 219-246, auf: ssoar.info.
  2. Telefonat mit Henry Diedrich am 14.6.2023.

Autor:innen

ist KATAPULT MVs Inselprofi und nicht nur deshalb gern am Wasser. Nutzt in seinen Texten generisches Femininum.

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