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Stadtteilentwicklung in Rostock

Zukunftsladen muss umziehen

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2020 bekam der gemeinnützige Verein Sense.Lab die Zusage für einen dreijährigen Mietkostenzuschuss der Stadt Rostock, um aus einem Gewerbeleerstand im Stadtteil Toitenwinkel ein soziokulturelles Zentrum zu entwickeln. Sense.Lab beschäftigt sich mit gesellschaftlicher Entwicklung und gründete die Initiative Stern macht Platz und im Zuge dessen das Projekt Zukunftsladen am Sternplatz in Toitenwinkel. „Hier gibt es nichts zu kaufen, aber eine Menge zu gewinnen“, erklärt Maria Schulz, Vereinsmitglied und eine von zwei Gründerinnen des Zukunftsladens. Der Stadtteil Toitenwinkel habe viel Potenzial, denn hier kommen viele verschiedene Menschen zusammen.

Der Mietkostenzuschuss lief im März aus, doch das Projekt geht weiter. Ein Jahr hat die Initiative um eine kommunale Förderung gekämpft und sie letztlich bekommen. Weil die Finanzierung jedoch lange nicht klar war, suchte der private Vermieter eine neue Mietpartei. Nun muss der Verein trotz geklärter Förderung aus den jetzigen Räumlichkeiten ausziehen.

Mietunsicherheit erschwert Stadtteilgestaltung

Seit der Eröffnung des Zukunftsladens sind es neben Schulz um die 50 ehrenamtliche Helfer:innen aus Toitenwinkel, die Mitmachprojekte gestalten und den von Leerstand geprägten Sternplatz mit Leben füllen. „An einem Ort, der halb ausgestorben ist, macht so ein Laden einen Unterschied in der Atmosphäre“, erklärt Künstlerin Benita Hahn, die im Zukunftsladen kostenlose Kunstprojekte für Kinder anbietet. Für Hahn habe der Laden den Sternplatz aufgewertet. An seinem jetzigen Standort hätte er Cafés und Geschäfte anlocken können, ist sie sich sicher. Doch dieser Wunsch bleibt zunächst unerfüllt. Im Mai wird der Zukunftsladen in die Räume einer ehemaligen Tanzschule ein paar Straßen weiter ziehen.

Unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen finden zusammen

Im Zukunftsladen treffen sich unter anderem junge Eltern, alleinerziehende Mütter, Geflüchtete, Kinder und Senioren aus Toitenwinkel. Darunter auch Sabrina J., die jeden Freitag einen Nähkurs gibt. Ihr sei besonders wichtig, dass es im Zukunftsladen auch Angebote für Erwachsene oder durchmischte Gruppen gibt. Das sei ein großer Unterschied zu den übrigen Angeboten sozialer Träger im Stadtteil, die sich eher an Kinder und Jugendliche richten.

Basti Z. ist ebenfalls regelmäßig im Zukunftsladen und übernimmt ehrenamtlich organisatorische und logistische Aufgaben. Besonders schätzt er, dass sich dort Menschen begegnen, die „draußen aneinander vorbeilaufen würden“. So rief Basti einen Bekannten aus dem Stadtteil an, weil es ein Problem mit der Elektrizität im Laden gab. „Der wäre sonst nie hergekommen. Eine Woche später haben wir hier gemeinsam Kartoffelsuppe gekocht und Tischtennis gespielt“, berichtet er. Gemeinsames Kochen unter dem Motto „Schnippeln-Schnacken-Schmausen“ ist eine von mehreren Aktionen, die der Zukunftsladen regelmäßig veranstaltet.

Anlaufpunkt für Geflüchtete

Dass auch internationale Beziehungen im Zukunftsladen entstehen, zeigt der Austausch mit Geflüchteten. Für Hunderte von geflüchteten Menschen sei der Laden eine Möglichkeit, in Rostock anzukommen. „Man hilft sich hier gegenseitig bei Kontoeinrichtungen, Kitaplatz-Suche und Jobcenterformularen“, erklärt Benita Hahn. Auch für Menschen, die schon länger in Deutschland leben, bietet der Zukunftsladen Vernetzungsmöglichkeiten.

Thám K. ist seit neun Jahren in Deutschland und macht begleitend zu ihrem Studium der sozialen Arbeit ein Praktikum im Zukunftsladen. Über ein Projekt in der Kita lernte sie Mütter aus verschiedenen Nationen kennen. Wenn die Frauen sich in der Kita nicht treffen können, tauschen sie sich im Zukunftsladen aus. „Durch Thám sind Frauen aus Syrien und Afghanistan dazugekommen, die bisher noch keinen Ort hatten und die man sonst im Stadtteil nicht sieht“, sagt Schulz. Für Thám sind die Angebote des Zukunftsladens eine familiäre Entlastung. Sie lege Wert auf außerschulische Bildung, die der Zukunftsladen ihren Kindern durch Radioworkshops mit dem Lokalsender Lohro, aber auch durch Pflanzaktionen und Diskussionen zum Klima ermögliche.

Umzug erschwert Arbeit des Zukunftsladens

Die entstandenen Netzwerke sind für Maria Schulz Teil einer Dynamik, die an anderen Orten nur schwer aufrechtzuerhalten wäre. „Man kann nicht unendlich oft Standorte wechseln, auch wenn man im gleichen Stadtteil bleibt“, so die Initiatorin. Hinter dem Zukunftsladen liegt bereits ein Auszug aus einer leerstehenden Kaufhalle in Toitenwinkel.

Darüber hinaus spüre Schulz auch lokalen Widerstand. Der Ortsbeirat habe in der Vergangenheit das Projekt angezweifelt und andere soziale Einrichtungen im Stadtteil sähen im Zukunftsladen Konkurrenz. Ihrer Sonderstellung als „Graswurzelprojekt“ sind sich die Initiatorinnen bewusst. Sie seien beweglicher und unbürokratischer, hätten dafür aber auch keine Planungssicherheit, berichten Schulz und Hahn.

Rostock am stärksten segregiert

„Nach so vielen Hürden fragt man sich schon, ob man einfach aufhören sollte“, gibt Maria Schulz zu. Der Zukunftsladen bekomme aus Politik und Verwaltung gutes Feedback, Gelder für das Projekt zu erhalten, gestalte sich jedoch schwierig. Schulz fordert deshalb Verbindlichkeit, Förderzusagen und Entwicklungsperspektive statt Schulterklopfen. Für sie, Hahn und viele andere aus dem Zukunftsladen steht fest, dass sich ihr Engagement in Toitenwinkel lohnt. „Rostock hat ein großes Segregationsproblem und deswegen ist es wichtig, dass es uns gibt.“

Diese räumliche Trennung unterschiedlicher sozialer Gruppen in verschiedene Teile der Stadt ist in Rostock besonders ausgeprägt. Das führt dazu, dass wirtschaftlich benachteiligte Gruppen von anderen getrennt werden und Begegnungen im öffentlichen Raum ausbleiben. Infolgedessen kann es zur Abwertung ökonomisch benachteiligter Gruppen kommen, weil sich eine negative Sicht auf bestimmte Wohngebiete auf die dort lebenden Menschen überträgt. In einer 2018 erschienenen Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zum Thema soziale Ungleichheit wies Rostock nach Schwerin die höchsten Segregationswerte unter 74 untersuchten deutschen Städten auf.

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Fußnoten

  1. Helbig, Marcel und Jähnen, Stefanie: Wie brüchig ist die soziale Architektur unserer Städte?, S. 30, auf: bibliothek.wzb.eu (Mai 2018).

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