Ein Bild vom Betonwrack in der Wismarer Bucht
Unabhängiger Journalismus kostet Zeit und Geld. Eure Unterstützung macht ihn aber möglich!

Das Betonwrack in der Wismarbucht

Seeleichter Wiking aus Beton – das klingt wie ein avantgardistisch-baltisches Kunstprojekt, bezeichnet aber einen besonderen Schiffstypen, von dem nur noch wenige existieren. Zwei dieser historischen Betonschiffe sind an MVs Küste zu finden: Das eine liegt gestrandet in der Wismarer Bucht, das andere ist noch schwimmfähig und Teil der Freilichtausstellung des Rostocker Schifffahrtsmuseums. Auf Beton über die Ostsee schippern? Schwer vorstellbar. Und was macht man heute mit den Schiffen? KATAPULT MV war im Museum und mit Bucht-Rangern unterwegs.
Wir brauchen euch, damit unsere Inhalte kosten- und werbefrei bleiben.

In den seichten Gewässern der Wismarbucht liegt der graue Betonklotz auf einer Sandbank. Das wettergegerbte Wrack sticht in der idyllischen Kulisse der kleinen Bucht vor Redentin sofort ins Auge. Seit 1972 liegt es schon hier. Eine lokale Berühmtheit, die – wenn man den Satellitenbildern mit dem eindeutigen Watweg zum Wrack hin glaubt – viele schon aus nächster Nähe kennengelernt haben. Dabei ist es kein sonderlich schönes Schiff. Aufgrund seiner Bauart schaut man aber trotzdem ein zweites Mal hin.

Als traditionelle Werkstoffe im Schiffbau sind Stahl, Holz oder Kunststoffe bekannt. Beton gehört dagegen zu den ungewöhnlichsten Materialien, aus denen Schiffe jemals gefertigt wurden. Und der damit verbundene „Gedanke an die Bauindustrie“1 lässt unmittelbar Zweifel aufkommen: Kann das überhaupt schwimmen? Und wie kam man überhaupt auf die Idee, Schiffe aus Beton zu bauen?

Experimente mit Beton

Weil Metall zu Kriegszeiten dringend für die Waffenproduktion gebraucht wurde, experimentierte man mit anderen Materialien, berichtet Ronald Piechulek, der seit 1987 am Rostocker Schifffahrtsmuseum tätig ist. „Zu NS-Zeiten sind ja viele Bunker aus Beton gebaut worden, die Technologie war also vorhanden.“ Die Schiffsrümpfe wurden in tiefen, mit Stahlgeflecht ausgekleideten Sandgruben gegossen. Anfang der 1940er-Jahre wurde eine ganze Reihe solcher Betonschiffe in Serie produziert und vor allem zu Transportzwecken genutzt. Motorisiert waren diese Schiffstypen auf See voll einsatzfähig, jedoch bei Weitem nicht so manövrierfähig wie beispielsweise Stahlschiffe, erklärt der Museologe. Wirtschaftlich setzten sich die Betonschiffe auch nach dem Krieg nicht durch, da ihr hohes Eigengewicht zu lasten ihrer Ladefähigkeit ging.2 Experimente mit Beton gebe es aber auch heute immer mal wieder im Schiffbau.

Das Betonschiff
Von Wind und Wetter mitgenommen, steckt das Betonwrack auf der Sandbank fest. An Bord ist seit Jahrzehnten nichts mehr, was man mitnehmen könnte. Foto: Bernd Klare

Auf der Warnow, in der Freilichtausstellung des Rostocker Schifffahrtsmuseums, unweit des charakteristischen Traditionsschiffs Dresden, liegt die Capella. Sie ist vom selben Typ wie das prominente Wrack vor Redentin. Die Liegeplätze und Zustände der beiden Betonschiffe könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. Während der Verfall des Wracks seit Jahrzehnten aus der Ferne zu beobachten ist, bleibt das Betonschiff im Schifffahrtsmuseum aus nächster Nähe erfahrbar. Die Museolog:innen sind um die Instandhaltung der Schiffe bemüht, um deren Bauart und Geschichte für Besucher:innen zu erhalten. Deshalb wird die Capella derzeit umfangreich renoviert, um möglichst bis zum Tag des offenen Denkmals im September wieder begehbar zu sein, hofft Piechulek.

Schwimmende Lager- und Veranstaltungsräume

Da die Capella erst gegen Kriegsende, um 1944, gebaut wurde, ist das Schiff – im Gegensatz zu seinem Verwandten in der Wismarbucht – nie mit Maschinen ausgestattet und somit auch nie in Betrieb genommen worden. Mit Schleppern kam es von A nach B und wurde lange Zeit im Rostocker Stadthafen als Lagerraum genutzt. Nur deshalb sei es überhaupt so lange erhalten geblieben, vermutet Piechulek. 1988 wurde die Capella schließlich von der VEB Bagger-, Bugsier- und Bergungsreederei an das Rostocker Schifffahrtsmuseum warnowabwärts überführt.3

Auch heute noch wird der Innenraum des technischen Denkmals durchgehend als Ausstellungsfläche genutzt. Außerdem diente das Betonschiff immer wieder als Veranstaltungsort. Mehrere Bands spielten bereits auf der Capella, wenn im angrenzenden Iga-Park größere Events stattfanden. Für Kunstausstellungen wurde das Betonschiff auch schon von Schleppern in den Stadthafen gebracht, als schwimmender Ausstellungsraum.

Insgesamt hat sich die Capella all die Jahre als wasserdicht erwiesen. Auch die Innenräume sind immer trocken geblieben. Das Geheimnis dahinter? Material wie Beton könne sehr wohl schwimmen, „wenn man es eben so organisiert, dass ein Innenraum entsteht, wo Luft drinnen ist“, fasst der Museologe lachend zusammen. „Es liegt gut im Wasser, man fühlt sich wie auf einem normalen Schiff.“ Ein mulmiges Gefühl hätte er allerdings trotzdem bei dem Gedanken, mit einem Betonschiff hinaus auf die Ostsee zu fahren.

Kein Lost Place, sondern Rastplatz

Immerhin war ein Sturm der Stärke 12 nötig, um das 225 Tonnen schwere Betonschiff in der Wismarbucht an seinen jetzigen „Liegeplatz“ zu bringen. Ähnlich wie die Capella wurde auch dieses Schiff zuvor als Wellenbrecher und Lagerraum genutzt.4 Zwar sollte das Wrack auf Geheiß des Seewasserstraßenamtes der DDR bereits 1973 beseitigt werden, „da es das Landschaftsbild stören und ein Schifffahrtshindernis darstellen würde“.5 Weil jedoch der finanzielle Aufwand nicht zu bewältigen war, blieb das Betonwrack an Ort und Stelle liegen. Bis heute. Mittlerweile wird das Betonschiff vor Redentin als sogenannter Lost Place gefeiert – aber wird das seiner Umgebung gerecht?

Tatsächlich liegt das Wrack mitten im Schutzgebietssystem Natura 2000 und damit in einem europäischen Vogelschutzgebiet. Betreut wird die Wismarbucht mit ihren rund 24.000 Hektar Fläche deshalb von drei Bucht-Rangern des Landschaftspflegevereins Dummersdorfer Ufer. Der Verein fungiert als koordinierender Verbundpartner für das übergreifende Projekt Hotspot 28, einen von bundesweit dreißig ausgewählten Hotspots der biologischen Vielfalt, zu dem auch die Wismarbucht gehört. Zum Aufgabenbereich der Bucht-Ranger gehören insbesondere der Schutz und die Datenerhebung von 45 sogenannten wertgebenden Rast- und Brutvogelarten sowie Aufklärungsarbeit. Seit einem Jahr betreuen Dirk Brenning und Bernd Klare das Gebiet und arbeiten mit verschiedenen Interessengruppen der Region zusammen. Wie aber beeinflusst das Schiffswrack ihre Arbeit und den Lebensraum der Tiere?

Das gestrandete Betonschiff diene einigen Vogelarten als idealer Ruhe- und Rastplatz und biete den Wasservögeln zudem guten Windschatten, beschreibt Bucht-Ranger Klare, während sein Kollege Brenning das Fernrohr auf das Wrack ausrichtet. Tauben trippeln über die Reling, Möwen scheinen an Bord zu brüten, später rastet auch ein einzelner Kormoran am Bug. Rund um das Wrack tummeln sich Höckerschwäne, Möwen und Enten im Wasser und am flachen Ufer. Sogar ein Waldwasserläufer und ein Austernfischer sind zu sehen.

Regelmäßig würden Menschen zu dem bekannten Schiffswrack hinauswaten. Im Gegensatz zum Museumsschiff in Rostock sind menschliche Besucher:innen auf dem Wrack jedoch unerwünscht. Trotzdem gebe es keine strikten Vorschriften.

Konstruktive Koexistenz

Die Bucht-Ranger setzen stattdessen auf freiwillige Vereinbarungen und Regeln. Das sei nachhaltiger für alle Beteiligten, begründet Klare. Denn neben den Vogelschützer:innen hätten auch Wassersportler:innen und Angler:innen ihre Interessen und Daseinsberechtigung. Brennings und sein Ziel sei dabei insgesamt keine Verschlechterung der Bedingungen und Bestände im Gebiet – und das lasse sich am besten durch „Selbsterziehung“ erreichen, so Klare. Deshalb bieten die Bucht-Ranger auch Führungen an. Das Interesse daran habe stetig und deutlich zugenommen – möglicherweise auch, weil das sogenannte Birding, das Beobachten und Dokumentieren von Vögeln, bei jüngeren Menschen an Popularität gewonnen habe, mutmaßen die Vogelschützer. Aber auch der Andrang auf das Schiffswrack als Lost Place sei im letzten Jahr glücklicherweise zurückgegangen. Eine positive Zwischenbilanz aus Sicht der noch frisch amtierenden Bucht-Ranger.

Von Mai bis Oktober fahren sie einmal pro Woche mit der Limosa ihre Routen rund um die Wismarbucht ab. Das schmale, kleine Boot, dessen Namensgeberin die Uferschnepfe (Limosa limosa) ist, bietet keinen Komfort, ist aber gut geeignet, um die flachen Stellen der Bucht zu befahren. Oft genug reicht schon die bloße Präsenz der Ranger aus, damit die meisten Menschen ihr Verhalten überdenken. Einige, die es nicht besser wissen, werden von den Bucht-Rangern über das sensible Gebiet, die Angelregeln und Befahrungszeiträume informiert. „Dann überreichen wir schon mal vom Boot aus ein paar Flyer und Karten mit einem Teleskopkescher an die Angler“, berichtet Brenning schmunzelnd.

In der Redentiner Bucht befindet sich auch das Gelände des Seglervereins Redentin 90. Der Verein hat inzwischen ein Schild am Zugang der Marina aufgestellt, das darauf hinweist, dass schon „mehrere Tausend Personen über diesen Weg ordnungswidrig zum Betonschiff hin- und zurückgewatet“ seien. Der „verbotene Weg“, wie ihn die Bucht-Ranger mit einem Augenzwinkern nennen. Dass die Uferzone sowie die Flora und Fauna des Gebietes unbeschädigt und intakt bleiben, sei letztendlich auch im Sinne der Wassersportler:innen und Angler:innen. Denn wer gegen die freiwilligen Vereinbarungen und Verhaltensregeln innerhalb der sensiblen Gebiete der Wismarbucht verstößt, riskiert strengere Auflagen für alle oder die Einrichtung von Sperrzonen. Aber wie geht es weiter mit dem anziehenden Betonklotz?

Werdegang eines Wracks in Echtzeit

Die Idee, das Wrack als Partyboot zu nutzen, scheiterte bereits Mitte der Siebzigerjahre. Nachdem schnell klar wurde, dass die Entsorgung zu teuer wäre, versuchte man, das Betonschiff anderweitig loszuwerden. Doch auch in den Händen der DDR-Schauspielerin Christine Laszar ließ sich aus dem stark sanierungsbedürftigen Schiffswrack kein exklusiver Clubraum auf dem Wasser machen. Ebenso entpuppten sich Pläne, das Schiff an Land zu ziehen oder zu sprengen, in den Neunzigerjahren als nicht umsetzbar.6

Heute wäre an eine Entsorgung ohnehin nicht mehr zu denken, meint Bucht-Ranger Klare. Notwendig sei sie aber auch längst nicht mehr. Zwar verfalle das Betonschiff in der Bucht langsam, der Umwelt drohe dadurch aber keine Gefahr. Problematische Stoffe seien bereits vor Jahrzehnten beseitigt worden oder längst vom Salzwasser ausgewaschen. Stattdessen dient das Wrack nun verschiedenen Vogelarten als verlässlicher Rast- und Brutplatz und ist damit längst Teil des Ökosystems der Bucht geworden.

  1.  Kramer, Reinhard: Schiffe aus Beton, in: Maschinen, Schiffe und Raketen, Rostock 1995, S. 51. ↩︎
  2. Kramer, Reinhard: Beton schwimmt – „Capella“ als Rostocker Museumsschiff, in: Verschwunden – Vergessen – Bewahrt?, Rostock 1997, S. 29-30. ↩︎
  3. Ebd., S. 29-30. ↩︎
  4. Ebd. ↩︎
  5. Busch, Peter: Der schwimmende Stein vor Redentin – ein Schiff aus Beton, in: Mecklenburg-Magazin (Beilage der Schweriner Volkszeitung) vom 16.2.1996. ↩︎
  6. Ebd. ↩︎

Autor:in

  • Redakteur in Rostock

    An der Küste MVs aufgewachsen und wieder angekommen; feiert Wind- und Wetterfeste, wie sie fallen. Dazwischen Anthropologe und Kulturaktivist.

Gute Arbeit?

Jeder Euro hilft, neue Recherchen zu realisieren!

Ein KATAPULT-MV-Abo beinhaltet:

Mit deinem Abo erhältst du KATAPULT MV und unabhängigen Lokaljournalismus am Leben!

KATAPULT-Newsletter