Reportage: Sea Shepherd befreit Ostsee von Geisternetzen
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Meeresschutz

Auf Tauchgang mit Sea Shepherd

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Die gemeinnützige Organisation Sea Shepherd setzt sich weltweit für den Schutz der Meere ein. Auch in Deutschland sind die Umweltschützer:innen aktiv. Seit 2021 birgt das Team der Baltic Sea Campaign Geisternetze aus der Ostsee und sammelt auf seinen Patrouillen Beweise für illegale Fischereiaktivitäten. KATAPULT MV hat die Meeresschutzorganisation für zwei Tage an Bord der Triton begleitet.

Wir blicken auf kilometerweite Sandstrände, im Osten und Westen schließen sich Küstenwälder an, das Wasser glitzert einladend in der Spätsommersonne. Hier ein paar bunte Häuschen, da ein Leuchtturm, einige Möwen segeln lachend über den Steg der Außenmole. Ein malerisches Paradies, wie Florian Stadler unseren Ausblick umschreibt, während wir im Hafen von Hohe Düne vor Anker liegen. Der Kampagnenleiter von Sea Shepherd Deutschland liebt die Ostsee und ihre Strände: „Aber dann fährst du da raus und hältst den Kopf einmal unter Wasser und bist zu Tode erschrocken.“ Unter der Meeresoberfläche erstrecke sich eine sandige, schlickige Unterwasserwüste, sagt der Taucher.

Die Ostsee steht unter enormem Druck. Das verhältnismäßig kleine Meer mit den vielen Anrainerstaaten habe zwar nur wenige unregulierte Flächen, aber viele Probleme, die aufgrund seiner Größe schneller deutlich werden, so Stadler. Er zählt nur ein paar von ihnen auf: Klimakrise, Verschmutzung, Überfischung, Eutrophierung – die Überdüngung von Gewässern durch intensive Landwirtschaft –, Verkehrslärm und Baustellen. Die Schutzbemühungen dagegen seien bei Weitem nicht ausreichend, insbesondere für bedrohte Arten wie Schweinswale oder Kegelrobben. Sea Shepherd versuche deshalb alles, was im rechtlichen Rahmen möglich ist. Einerseits, um die Rückzugsorte dieser Arten zu sichern, und andererseits, um auf Lücken im Umweltschutz und illegale Fischerei aufmerksam zu machen. Eines ihrer erfolgreichsten Mittel vor Ort ist die Bergung von sogenannten Geisternetzen und ihre Dokumentation.

Geisternetze und wo sie zu finden sind

Unter Geisternetzen versteht man Fischernetze oder Teile davon, die im Meer verloren oder absichtlich versenkt wurden. Die zurückgelassenen Netze treiben wie „Todesmaschinen“ unter Wasser, weil sich darin weiterhin viele Fische verheddern, welche dann Raubfische, Vögel und Meeressäuger anlocken, die ebenfalls darin hängenbleiben und sterben. Manchmal finden sie Netze, in denen Kegelrobben oder Schweinswale bereits verendet sind. Viel zu oft sind die Tiere dann kaum noch zu erkennen, berichtet Dokumentarfotografin Katie Mähler, die als fester Bestandteil des Medienteams bei jedem Einsatz dabei ist. Manche Fundorte dieser Netze beweisen darüber hinaus illegale Aktivitäten, erklärt Stadler, etwa wenn diese in ausgewiesenen Naturschutzgebieten gefunden werden, in denen Fischerei verboten ist.

Ein Geisternetz auf gut Glück zu finden, ist eine fast unmöglich zu lösende Aufgabe. Auf der Brücke – der Kommandozentrale des Schiffes – zeigt Stadler an einem der Monitore anhand verschiedener Karten, wie sie die Routen ihrer Einsätze planen. Erfahrungsgemäß bleiben viele der Netze an Schiffswracks hängen. Auf den offiziellen Seekarten des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) sind diese als Unterwasserhindernisse (UWH) vermerkt und, wenn bekannt, entsprechend erläutert.1 Ergänzend wird eine weitere Karte zu Rate gezogen, auf der noch mehr Wracks markiert oder näher beschrieben sind, etwa von Hobbytaucher:innen, Wrackinteressierten oder anderen Umweltorganisationen. Besonders gefährliche – weil noch fängige – Geisternetze werden zunächst vorrangig in Gebieten gesucht, wo sich Meeressäuger und gefährdete Fischbestände aufhalten oder wo illegale Fischereiaktivitäten vermutet werden. Auch hierfür gibt es weitere Karten, die miteinander abgeglichen werden. Für alle geplanten Tauchgänge im Verlauf der Kampagne benötigt das Team offizielle Genehmigungen. Diese werden im Voraus gebührenpflichtig beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt der Ostsee beantragt, beschreibt Stadler die bürokratische Vorarbeit.

Die Triton und die Sea Shepherd Crew

Früh am Morgen läuft die marinegraue Motoryacht mit schwarzer Flagge aus dem Hafen Hohe Düne aus. Auf der Flagge kreuzen sich unter einem grimmigen Totenkopf ein Hirtenstab und Neptuns Dreizack; wenn man genauer hinschaut, sind die Umrisse von Meeressäugern darin zu erkennen. Mit genügsamen 15 Knoten – etwa 28 Kilometern pro Stunde – werden zwei Positionen in Richtung Nord, Nord-Ost angepeilt, um dort nach möglichen Geisternetzen zu tauchen. Seit 2023 wird die Triton für Kampagnen in der Ostsee eingesetzt. Das Schiff gehörte zuvor der Königlichen Polizei von Gibraltar, bis es vor etwas mehr als drei Jahren von der Meeresschutzorganisation gekauft und umgebaut wurde. 

Die Triton ist schmal und praktisch und bietet genug Platz für eine vierzehnköpfige Crew. Innen führt eine kleine Treppe hoch zur Brücke und eine enge, steile Treppe hinab in den Schiffsrumpf, direkt in einen Raum, der hauptsächlich aus einem Tisch mit Bank besteht und vor allem dem Medienteam als Arbeitsplatz dient. So unmittelbar neben der berühmt-berüchtigten Galley, der Kombüse des Schiffes, ist hier auch immer jemand mit einem gefüllten Teller anzutreffen – Essen hilft vorbeugend hervorragend gegen Seekrankheit, versichert die Crew. Von hier aus geht es zum Heck in den dröhnenden Maschinenraum. Zum Bug hin befinden sich ein paar Kojen, die Schlafplätze der festen Crewmitglieder, die während der Kampagne hier an Bord wohnen.

Für den festen Kern des Teams ist die Triton für mindestens ein halbes Jahr lang ihr Zuhause. Wichtige Positionen, welche die Stabilität der Kampagne gewährleisten müssen, sind fest angestellt – dazu gehören Kampagnenleitung, technische Leitung und Schiffsführung, Taucheinsatzleitung sowie die Medienarbeit. Die Baltic Sea Campaign läuft von Mai bis Oktober und ist in Blöcke eingeteilt, die jeweils drei Wochen dauern. In der vierten, der sogenannten Transitwoche, werden der Standort und auch die ehrenamtlichen Crewmitglieder gewechselt. Die Transitwoche ist auch die einzige reguläre Pause der Aktivist:innen, die nicht vom Wetter vorgegeben wird. An jedem Standort wird die laufende Kampagne zusätzlich durch ein Team an Land unterstützt, das hauptsächlich für das Camp, die Versorgung und Logistik zuständig ist. Die Freiwilligen an Bord sind ausgebildete technische Taucher:innen oder Bootsführer:innen und damit qualifiziert, unter Wasser oder im Beiboot die Aktionen auf See zu unterstützen.

Technik und Tauchen

Die Küste ist schon lange nicht mehr zu erkennen. Dafür ein rasanter Wetterumschwung und reger Schiffsverkehr auf der Ostsee, mitunter riesige Frachter von bis zu 360 Metern Länge. Sobald die angepeilten Koordinaten erreicht sind, drosselt der Schiffsführer die Geschwindigkeit und beginnt mit dem Multibeam-Sonar, einem Fächerecholot, den Meeresboden unterhalb des Schiffes zu scannen. Auf mehreren Monitoren erscheint eine abstrakte Darstellung des Meeresbodens, auf der sich, langsam, aber deutlich, in etwa 17 Metern Tiefe der Umriss eines Wracks abzeichnet. Zeit für einen Tauchgang. Auf der Triton wird die blau-weiße Alfa-Flagge gehisst. Sie signalisiert allen anderen Schiffen, dass ein Taucheinsatz durchgeführt wird und ein Sicherheitsabstand von 200 Metern einzuhalten ist. 

An Bord beginnt eine orchestrierte Routine mit kurzen Absprachen über Funk und sicheren Handgriffen. Alle kennen ihre Aufgaben. Die Position des Wracks wird von der Crew mit einer großen, roten Boje sichtbar gemacht, die vom Achterdeck ins Wasser geworfen wird. Bei einsetzendem Regen versammeln sich mehrere Helfende auf dem Achterdeck, dem Arbeitsbereich des Schiffes, von wo aus die Taucheinsätze, das Schlauchboot und der Kran koordiniert werden. Mit dem Kran und ein paar Hilfsseilen wird das spezielle Festrumpfschlauchboot, die Sea Lion, zu Wasser gelassen und mit zwei Bootsführenden besetzt. Die Sea Lion dient dem Tauchteam als sicherer Anlaufpunkt und zur direkten Unterstützung, beispielsweise mit Werkzeugen. Kleinere Netzfragmente, für deren Bergung kein Kran notwendig ist, werden von der Besatzung der Sea Lion unmittelbar von der Wasseroberfläche eingesammelt. 

Taucheinsatzleiter Sven Biertümpfel (Mitte) hilft dem Tauchteam ins Wasser. Die rote Boje an der Wasseroberfläche markiert die Position des Wracks, die weiße zeigt die Strömung an.
Taucheinsatzleiter Sven Biertümpfel (Mitte) hilft dem Tauchteam ins Wasser. Die rote Boje an der Wasseroberfläche markiert die Position des Wracks, die weiße zeigt die Strömung an.

Die Tauchgänge sind das Herzstück dieser Aktionen. Es gibt drei Teams aus zwei Taucher:innen, die so lange in einer festgelegten Reihenfolge rotieren, bis der Einsatz beendet ist. Für deren Sicherheit und den reibungslosen Ablauf ist Sven Biertümpfel zuständig. Der ausgebildete Forschungstaucher ist seit 2023 als Taucheinsatzleiter angestellt, davor war er fast zehn Jahre als Volunteer bei Sea Shepherd in Bremen aktiv. Vor den Tauchgängen wird das Nitrox-Gemisch – eine Zusammensetzung aus Sauerstoff und Stickstoff – in jeder Pressluftflasche analysiert und in einem Tauchprotokoll dokumentiert, erklärt Biertümpfel. Den genauen Sauerstoffanteil im Gemisch zu analysieren, sei wichtig, um Vergiftungen unter Druck zu vermeiden sowie die Sicherheit und Nachvollziehbarkeit aller Tauchgänge zu gewährleisten. Die aktiven Taucher:innen haben, je nach Tiefe, Temperatur oder Anstrengung, etwa 60 bis 90 Minuten Zeit, bevor sie wieder an die Wasseroberfläche kommen müssen. Auch diese Zeiten werden im Tauchprotokoll festgehalten.

Um Geisternetze effektiv zu bergen, sind die Taucher:innen mit Hebesäcken und einer zusätzlichen Pressluftflasche ausgestattet. Wird unter Wasser ein Geisternetz ausfindig gemacht und freigelegt, werden die Hebesäcke in das Netz eingehängt und mit der Druckluft aus der Stage-Flasche befüllt. So können sie einfach an die Wasseroberfläche treiben. Ob oder wieviel die Taucher:innen unter Wasser finden, zeigt sich für die Crew an Bord erst anhand der orangen Säcke, die irgendwann auftauchen oder nicht. Ihnen bleibt nur Warten und Ausschau halten im Auf und Ab der Wellen.

Der Fang des Tages

Einer der heutigen Taucheinsätze findet unmittelbar an der Kadetrinne statt. Das gerade mal 100 Quadratkilometer große Naturschutzgebiet teilt sich die Fläche zu 90 Prozent mit einer der „am stärksten befahrenen Seewege Europas“.2 Die Kadetrinne ist außerdem ein wichtiger Teil der Wanderroute von Schweinswalen. Vom Deck der Triton sind zwar die vielen großen Schiffe ringsum gut sichtbar, die Tauchenden bringen von Unterwasser allerdings noch ganz andere Eindrücke mit. Florian Stadler ist froh, als er nach anderthalb Stunden wieder aus dem Wasser kommt: „Wir waren gestresst ohne Ende, weil dieser Lärm der Schiffsmotoren, dieser großen Tanker und Frachter und Fähren, der wirkt auf den Körper ein, alles vibriert, du fühlst den Druck auf den Körper, du kannst nichts mehr hören, weil deine Ohren permanent wummern.“ Kein Wunder also, wenn hier keine Schweinswale mehr zu sehen sind, fügt er hinzu.

Auch heute birgt die Crew ein Geisternetz aus der Kadetrinne. Mehrere orange Hebesackbündel tauchen an der Wasseroberfläche auf. Ein Teil der Crew versammelt sich daraufhin mit Schutzhelmen an Deck und zieht den Fund gemeinsam zum Heck des Schiffes, um das Geisternetz mit dem Kran aus dem Wasser zu holen. Langsam wird ein dunkler Klumpen über das Deck gehievt und vorsichtig abgesenkt. Die Crew durchsucht das Netz gezielt nach Meereslebewesen, mit Scheren und Messern parat, um jederzeit eins befreien zu können. Sämtliche Netze und Fragmente werden in einem großen Beutel gesammelt. Alles wird dokumentiert.

Stadler berichtet, dass sie bisher an jedem Wrack in der Kadetrinne Fischernetze gefunden haben, was darauf schließen lässt, dass hier „massiv viel gefischt wird und wurde – obwohl das eigentlich ein Rückzugsort und Schutzraum ist“. Deshalb ist Sea Shepherd zusätzlich in Schutzgebieten auf Patrouille unterwegs. „Wir haben das in Nationalparks schon beobachtet, dass da Schleppnetzfischer durch die Schutzräume pflügen.“ Um Beweise zu sammeln, planen sie Schwerpunktkontrollen und zeigen diejenigen an, die sie erwischen. Einen Abschreckungseffekt könne man nämlich nur erzielen, wenn die Leute Strafen kassieren, so Stadler.

Ein Crewmitglied verfolgt vom Heck der Triton den Taucheinsatz. Die Besatzung der Sea Lion (links) bleibt zur Unterstützung ständig in der Nähe des Tauchteams (rechts).
Ein Crewmitglied verfolgt vom Heck der Triton den Taucheinsatz. Die Besatzung der Sea Lion (links) bleibt zur Unterstützung ständig in der Nähe des Tauchteams (rechts).

Die Zeit auf dem Wasser verschwimmt, das Wetter kommt und geht. Und nachdem alle Taucher:innen, die Sea Lion mitsamt Besatzung und die Bojen wieder aus dem Wasser und an Deck geholt sind, geht es nach einem langen Tag zurück. Die Maschine wird hochgefahren auf 25 Knoten und bringt uns in den Hafen. Es ist bereits stockdunkel, als am Steg der Beutel voller Geisternetze mit dem Kran gewogen wird. „Today’s Catch: 249 Kilogramm“, schreibt jemand auf’s Whiteboard unter die Bekanntmachungen im Vorraum der Triton. Die Netze werden in einem Container gesammelt und zur fachgerechten, kostenpflichtigen Entsorgung übergeben. Die Entsorgungskosten werden von Sea Shepherd getragen.

Wie viel wiegt Gefahr?

Die Aufregung im Team am nächsten Morgen ist groß. Seit Beginn der Baltic Sea Campaign 2021 hat Sea Shepherd 29.958 Kilogramm Netze aus der Ostsee geborgen. Mit dem heutigen Einsatz in der Mecklenburger Bucht sind sich alle sicher, die 30 Tonnen-Marke zu knacken. Aber was bedeuten 30 Tonnen Geisternetze abgesehen von der schieren Masse Müll? Katie Mähler erklärt, dass das Gewicht eines Netzes letztlich nichts darüber aussagt, wie gefährlich und fängig es noch ist – also beispielsweise wie intakt oder wie großflächig das Netz ist, sodass sich Meereslebewesen darin verfangen können. Manche der Netze sinken auf den Grund und sind teilweise unter Sediment vergraben, andere schweben frei im Wasser. 

Schleppnetze sind schwer, können aber aufgrund ihrer groben Struktur einfacher erkannt werden. Sven Biertümpfel zeigt mir ein dickes Stahlkabel, das vermutlich von einem Grundschleppnetz über den Meeresboden gezogen wurde und unter einem Schiffswrack hängengeblieben ist. Stellnetze hingegen sind oft zwar leichter im Gewicht, aber meist gefährlicher, weil die Tiere die feinen Netze nicht wahrnehmen können.3 Von diesen gebe es deutlich mehr verlorene Netze, sagt Stadler, sie seien aber so leicht und dünn, dass es auch andere technische Mittel und Sonarsysteme brauche, um sie überhaupt zu orten.

Dreißig Tonnen

Die Triton steuert die Mecklenburger Bucht nordwestlich von Rostock an. Nach einer knappen Stunde Fahrt erreichen wir die Position des heutigen Tauchziels. Auf den Monitoren erscheint diesmal eine Skizze des Wrackzeichners Alexey Konovalov. In einer Tiefe von knapp 26 Metern liegen die Überreste eines Tjalk-Segelschiffes – die Umrisse des abgeschlossenen Scans stimmen mit der technischen Zeichnung von Konovalov überein. Das erste Tauchteam meldet den Fund eines riesigen Netzes, das komplett um das Wrack gewickelt ist. Es kostet so viel Anstrengung, das Netz zu befreien, dass das Tauchteam zwischendurch ausgewechselt werden muss. Aber die Zeit wird zu knapp: Die Aktion muss am frühen Nachmittag abgebrochen werden, denn Wind und Wellen nehmen zu. Bei zu starkem Wellengang kann beispielsweise eine sichere Bergung der Taucher:innen oder eine gefahrlose Bedienung des Krans nicht mehr gewährleistet werden. 

Das Team beschließt, vor Ort mit Unterwasserkameras Aufnahmen zu machen und den weiteren Einsatz am Wrack fürs nächste Mal vorzubereiten, indem sie ein paar Hängesäcke positionieren. Sie wollen das Netz im Ganzen aus dem Wasser holen, für heute macht ihnen jedoch das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Erschöpft schweigend tritt die Crew die Rückfahrt an. 

Taucheinsätze der Triton am 10. und 11. September 2025

Welcher Kurs für die Ostsee?

„Wir brauchen eine grundsätzliche Prioritätenverschiebung“, fasst Florian Stadler ihre Ziele zusammen. „Es ist nicht so, dass die Natur mit uns koexistieren muss, sondern umgekehrt.“ Mit ihrer Medienarbeit und der Dokumentation versuchen sie auch, das Bewusstsein für das Problem zu stärken und Veränderungen anzustoßen. Stadler glaubt, dass viele Menschen, die hier in MV und an der Küste leben, wissen, wie wichtig die Ostsee ist und auch über die Probleme Bescheid wissen. Er vermutet, dass jedoch angesichts der akuten globalen Krisen die Rolle der Ostsee als Naturraum immer kleiner und nur noch unterbewusst wahrgenommen wird. 

Für die Ostsee strebt Sea Shepherd weiterhin nachhaltige Lösungen an. Etwa um mittels politischer Aktionen Druck auszuüben und perspektivisch Zusatzartikel in den Küstenfischereiverordnungen zu erreichen, die Stellnetzfischerei verbieten. Als positive Entwicklungen hebt er die Grundschleppnetzverbote von Schweden und Dänemark hervor, wo außerdem schon erste No-Take-Zones angeordnet wurden – also Gebiete, in denen gar keine menschliche Einwirkung durch Fischerei oder Bauvorhaben gestattet ist. Nachhaltig sollen aber auch die ökologischen Aktionen der Meeresschutzorganisation sein, wie beispielsweise die Renaturierung von Seegraswiesen. Dazu ist in Schleswig-Holstein bereits die Kampagne Marine Meadows angelaufen.4 Eine Erweiterung dieser Aktion ist in Mecklenburg-Vorpommern in Planung. 

Alle Kampagnen von Sea Shepherd werden durch Spenden finanziert: „Wir wollen und werden unabhängig bleiben und unsere Arbeit zum bestmöglichen Schutz machen und uns da nicht reinreden lassen“, schließt der Kampagnenleiter, als wir wieder im Hafen vor Anker liegen.

Nach einer wetterbedingten Pause kommt zwei Tage später die Nachricht, dass das Netz von der Crew geborgen werden konnte – und Sea Shepherd damit offiziell mehr als 30 Tonnen Geisternetze aus der Ostsee geholt hat.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 49 von KATAPULT MV, die ihr im Abo oder im Shop bekommen könnt!

  1.  Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (Hg.): Wracksuche, auf: bsh.de↩︎
  2.  Bundesamt für Naturschutz (Hg.): NSG Kadetrinne, auf: bfn.de↩︎
  3.  Bundesamt für Naturschutz (Hg.): Stellnetz-Fischerei, auf: bfn.de↩︎
  4.  Sea Shepherd (Hg.) Marine Meadows, auf: sea-shepherd.de↩︎

Autor:in

  • Redakteur in Rostock

    An der Küste MVs aufgewachsen und wieder angekommen; feiert Wind- und Wetterfeste, wie sie fallen. Dazwischen Anthropologe und Kulturaktivist.

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