Der Rostocker Regisseur Tom Fröhlich wirft mit seinem neuen Dokumentarfilm „Vom Traum, unsinkbar zu sein“ einen Blick auf die Vergangenheit und Gegenwart der Hochseefischerei. Im Fokus des Films, der offiziell am 2. Juli in den Kinos startet, stehen vier ehemalige DDR-Schiffe, deren heutiger Verbleib von Fröhlich nachvollzogen werden konnte. Die stählernen Kolosse sind die letzten Relikte der DDR-Hochseefischerei.
KATAPULT MV: Wie sind Sie auf die Idee für den Dokumentarfilm gekommen?
Tom Fröhlich: Da gibt es mehrere Faktoren. Ich bin in Rostock geboren und aufgewachsen. Meine ganze Familie väterlicherseits kommt von der Werft. Mein Vater konnte sich als Kind der Arbeiterklasse überlegen, ob er lieber Schiffbau oder Schiffbau studiert. Insofern war das schon auch eine Prägung. Wir sind viel an den Hafen gefahren und haben Schiffe geguckt. Meinen Bachelor habe ich dann in Darmstadt gemacht. Da hatte ich einen ganz tollen Professor, Thomas Carlé, der zu uns Studierenden sagte, dass wenn man gute Dokumentarfilme machen will, man nicht in die weite Welt hinaus fliegen muss, sondern unter der Nachttischlampe gucken sollte. Dann habe ich angefangen zu recherchieren. War bei ein paar Küstenfischern in Warnemünde, die mir von den Hochseefischern der DDR erzählten. So kam der Stein ins Rollen. 2014 habe ich angefangen, die Stammtische der ehemaligen DDR-Hochseefischer zu besuchen. 2019 fing dann die Filmfinanzierung und auch der Dreh an.
Die Besuche der Stammtische sind nicht Teil des Films. Warum?
Wir haben ganz viele Interviews geführt mit alten Fischern. Die Zitate, die Charly Hübner im Film spricht, sind auch Originalzitate aus den Interviews. Wir hatten irgendwann das Gefühl beim Schneiden, dass wir ihnen aufgrund der begrenzten Zeit nicht gerecht werden können. Jedes bisschen mehr Geschichte hätte bei den Zuschauenden nur neue Fragen aufgeworfen. In den 60ern war die Fischerei und das Leben drumherum ein anderes als in den 70ern und 80ern. Ich hatte das Gefühl, dass man der Erzählung der Geschichte des Kombinats nicht gerecht werden kann.
Im Film werden vier ehemalige DDR-Schiffe und ihr heutiger Einsatz thematisiert. Wie schwer war es, die Schiffe ausfindig zu machen?
Ausfindig zu machen, war gar nicht so schwer. Das Raufkommen war schwer. So gibt es unter den ehemaligen DDR-Hochseefischern tatsächlich einige sehr digital ambitionierte Leute, die die alten Listen des Fischkombinates genommen haben, um die Schiffskennungen nachzuvollziehen und dann daran zu sehen, wo die Schiffe heute im Einsatz sind.
Die Stubnitz kenne ich als Rostocker. Die zu finden, war also relativ leicht. Der Kontakt zum Blauwal kam auch schnell zustande. Beim Seefuchs war es so, dass wir Oliver Schmidt in Greifswald getroffen haben und schon Interviews gedreht hatten. Nur haben wir das Schiff nicht gefunden. Während der Coronapandemie hat das Schiff zweimal den Besitzer gewechselt. Sea Eye hatte das Schiff an eine spanische NGO verschenkt. Diese konnte das Boot aufgrund von politischem Druck nicht in Sevilla halten und hat es verkauft an einen Mann, der sich als Fischer aus Portugal ausgab. Danach war der Seefuchs völlig verschollen, bis wir ihn circa ein Jahr später in einem Polizeireport wiedergefunden haben.
Und beim vierten Schiff?
Bei der Nida war es so, dass das Schiff damals noch ganz normale Fangreisen unter litauischer Flagge gemacht hat. Dort musste Überzeugungsarbeit geleistet werden. Doch auch da hatten wir Glück, dass unter den Entscheidungsträgern auch ehemalige Rostocker Hochseefischer waren, die sich für uns eingesetzt haben. So konnten mein Kameramann und ich die Crew einen Monat lang auf hoher See begleiten.
Wie war die Erfahrung, 30 Tage auf hoher See zu sein?
Die Dreharbeiten waren ganz großartig. Alleine die Reise auf der Nida war als Selbsterfahrung ultra wichtig. Zuletzt habe ich einen Film über ein Tattoostudio in Jerusalem gedreht und mir vor Ort auch mein erstes Tattoo stechen lassen. Da war es auch so, dass man erstmal diesen Schmerz haben muss, um zu checken, wie das ist. Klar sind 30 Tage ein begrenzter Zeitraum und nicht zu vergleichen mit den Erfahrungen der Seeleute. Man gewinnt jedoch einen Eindruck, wie es ist, auf begrenzten Raum mit vielen Leuten zu leben, in strikten Abläufen und irgendwie klarzukommen.
Haben Sie vielleicht auch zeitweise überlegt, selbst Hochseefischer zu werden?
Lacht. Ne, auf keinen Fall. Das ist eine so harte körperliche Arbeit, die gleichzeitig auch mit einer psychischen Belastung einhergeht. Die Arbeiten „acht-acht“. Das heißt: acht Stunden Arbeit, acht Stunden Pause. Und in der Pause muss man essen, trinken, schlafen usw. Wenn man das mal im Kopf durchrechnet: Man arbeitet von drei bis 11. Dann hat man Pause bis 19 Uhr und arbeitet danach wieder bis drei Uhr. Da verschiebt sich der eigene Rhythmus. Ich habe noch immer diesen Matrosen vor Augen, der die ganze Zeit die schweren Kisten voller Fisch hin und her schleppt. Das würde ich keine acht Stunden schaffen und wahrscheinlich nach zwei Tagen tot umfallen.
Jetzt weiß jedes Küstenkind, dass frischer Fisch nicht riecht. Wie roch es unter Deck, wo die Fische verarbeitet werden?
Nee, das riecht gar nicht. Die Schiffe sind ja quasi eher Fabriken. Vom Deck kommen die frischen Fische in so eine Art Tank und werden dann verarbeitet und gefrostet. Was mich eher fertig gemacht hat, war der Geruch schwerer osteuropäischer Küche, der jeden Tag aus der Küche durch das ganze Schiff zog. Das war besonders schlimm für meinen veganen Kameramann, der noch einen Koffer voller Tofu mit auf das Schiff nahm und dafür anfangs belächelt wurde. Dann fanden es die Seeleute aber ganz interessant, wie er das durchzog, weil das Gemüse ja knapp wurde. Und dann haben sie für ihn Essen rationiert, damit er noch was zu essen hatte als Veganer an Bord.
Jetzt haben Sie viel Zeit mit DDR-Hochseefischern verbracht und auch mit denen von heute. Was würden Sie sagen, haben sie gemeinsam?
Hmm. Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass sie beide geprägt sind durch die Umstände. Eine Tatsache ist bis heute, dass die Fischer mehr Zeit auf dem Meer verbringen als zu Hause. Das macht ganz viel mit der Frage, was eigentlich der Heimatort ist. Hat man einen oder zwei? Und dann macht das natürlich auch viel mit den Familien, den Angehörigen und Kindern. Es ist, glaube ich, einfach ein völlig anderes Leben. Und das teilen sie sich in jedem Fall. Auch die Bedeutung der Schiffe sowie – die alten Hochseefischer haben es den freien Blick genannt -, dass man sich auf See umsieht und niemand dort ist. Weit und breit kein Schiff, kein Land, kein gar nichts.
Gibt es eigentlich eine spezielle Botschaft, die Sie mit dem Film vermitteln wollen?
Ich glaube, was der Film kann, ist eine gewisse Emotionalität zu den Schiffen zu erzeugen. Das kann man ja spoilern: Am Ende wird der Blauwal verschrottet. Und ich habe einige Menschen getroffen, die gesagt haben, dass ihnen das nah geht. Das finde ich interessant, weil wir uns im Alltag ja ständig von Dingen trennen müssen. Der Film kann es aber schaffen zu transportieren, dass die Schiffe auch einiges miterlebt haben und auch irgendwie Teil der Geopolitik sind. Sie zeigen, dass Schiffe auch Orte sind, die helfen zu erinnern und Geschichte in ihrem Kontext zu sehen. Am Ende nimmt jeder etwas anderes mit nach Hause. Und es macht natürlich einen Unterschied, ob man selbst Hochseefischer war oder ist und den Film ansieht oder nicht.

