Auf dem Bild ist das Gelände der Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen in Neubrandenburg zu sehen. Auf einem Teil des Geländes baut gerade ein US-Rüstungskonzern. Dieses Vorhaben wird kritisiert.
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Neubrandenburg-Fünfeichen

Rüstungskonzern baut an historischem Sterbeort

Im Südosten von Neubrandenburg befindet sich die Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen. Derzeit baut der US-Rüstungskonzern General Dynamics dort neue Werkstätten auf einer Fläche, die in der Vergangenheit Nazis und Sowjets als Gefangenenlager diente. Das Vorhaben stößt auf Kritik.
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„Wir sind jetzt schlauer als vor 20 Jahren in Sachen Fünfeichen“, sagt Eleonore Wolf, die ehemalige Leiterin des Stadtarchivs von Neubrandenburg, die sich seit Jahren intensiv mit der Geschichte des ehemaligen Internierungslagers Fünfeichen befasst.1 Nach Hinweisen entdeckten Museumsmitarbeiter 1990 vor Ort Massengräber2, die heute Bodendenkmäler sind und zur Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen gehören. Nur wenige Meter von den Friedhöfen entfernt befindet sich die Fläche, auf der momentan der Rüstungskonzern General Dynamics Land Systems baut. Das Unternehmen ist bereits seit 2018 in Neubrandenburg ansässig. In Fünfeichen plant der Konzern neue Werkstätten für den Panzer Piranha.3

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Grundstück erst von den Nazis und später von den Sowjets als Gefangenenlager genutzt. „Zwar liegen dort keine Menschen begraben, sie sind aber dort gestorben“, gibt Wolf zu bedenken. Für sie wirft die Ansiedlung des Rüstungskonzerns deshalb moralische Fragen auf.

Ort mit wechselhafter Geschichte

Vor dem Zweiten Weltkrieg befand sich an der Stelle ein landwirtschaftliches Gut, das die Wehrmacht 1938 von der jüdischen Besitzerin Olga von Maltzahn erwarb – wobei nicht unwahrscheinlich ist, dass der Verkauf unter Zwang erfolgte. Danach diente die Fläche erst als Truppenübungsplatz und später, ab September 1939 bis Ende April 1945, als Kriegsgefangenenlager, das sogenannte Stalag (Stammlager) II A. In dieser Zeit waren dort mindestens 70.000 Gefangene untergebracht. 500 Meter südöstlich vom Lagergelände wurden ungefähr 500 gestorbene alliierte Soldaten in Einzelgräbern beigesetzt. Etwa 6.000 Tote der Roten Armee wurden in Massengräbern verscharrt.4

Auch nach dem Kriegsende in Deutschland wurde die Fläche weiterhin genutzt: Von Mai bis September 1945 wurde aus dem Kriegsgefangenenlager eine Auffangstelle für Heimatlose, sogenannte Displaced Persons. Anschließend betrieb der sowjetische Geheimdienst NKWD zwischen Juni 1945 und November 1948 dort das Speziallager Nr. 9, in dem Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen, aber auch willkürlich Verhaftete gefangen gehalten wurden. Insgesamt waren während dieser Jahre rund 15.000 Menschen in Fünfeichen interniert,5von denen nach Schätzungen 4.500 starben.6 Knapp 700 wurden zudem im Februar 1947 in ein Straf- und Arbeitslager nach Stalinsk in Sibirien deportiert.7

Eine Frage der Moral

Schaut man auf die jüngere Vergangenheit, so wurde die Fläche zu DDR-Zeiten von der Nationalen Volksarmee (NVA) und später bis 2016 von der Bundeswehr genutzt. Doch der Unterschied liegt im Detail: Das Wissen über das Schicksal der verschiedenen Opfergruppen, insbesondere der NKWD-Opfer, wurde zu DDR-Zeiten tabuisiert.8 Das ist heute anders. Die Frage jedoch, ob ein Rüstungskonzern auf einer Fläche angesiedelt sein sollte, auf der nachweislich Menschen unter menschenunwürdigen Umständen gestorben sind, bleibt offen.

  1. Telefonat mit Eleonore Wolf am 4.11.2025. ↩︎
  2. NDR (Hg.): Fünfeichen: Als die Massengräber entdeckt wurden, auf: ndr.de (23.3.2025). ↩︎
  3. NDR (Hg.): Rüstungsbetrieb erweitert Standort Neubrandenburg, auf: ndr.de (31.3.2025). ↩︎
  4. Stadt Neubrandenburg (Hg.): Lager in Fünfeichen, auf: web.archive.org (November 2010). ↩︎
  5. Ebd. ↩︎
  6. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Hg.): Neubrandenburg-Fünfeichen, auf: kriegsgraeberstaetten.volksbund.de. ↩︎
  7. Stadt Neubrandenburg 2010. ↩︎
  8. Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen, auf: bpb.de. ↩︎

Autor:in

  • Redakteurin in Greifswald

    Irgendwas zwischen Patchworkwendekid und Halbprovinzbohème. Wohnte in 4 von 16 Bundesländern. Hat einen Meisterbrief und einen Papagei.

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