Die Schweriner Stadtvertretung positioniert sich gegen den Schutz der Lenin-Statue auf dem Großen Dreesch. Seit Monaten sorgt die geplante Eintragung in die Denkmalliste durch das Land für kontroverse Diskussionen. Das öffentliche Interesse an dem Vorgang ist groß und fördert unterschiedliche Positionen zutage. KATAPULT MV hat einen Blick über den Sockelrand der Statue gewagt und erkundet, wie die Landeshauptstadt über ein Denkmal streitet.
Im Juli 2025 stellte das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege (LAKD) den Denkmalwert der Schweriner Lenin-Statue fest, im Rahmen eines gesetzlich geregelten Verfahrens. Aus Sicht der Fachbehörde gilt das 1985 errichtete Monument im Wohngebiet an der Hamburger Allee aus „stadtgeschichtlichen, kunstgeschichtlichen sowie politikgeschichtlichen Gründen“ als Denkmal.1 Trotz der fachlichen Einordnung bleibt die Statue ein Objekt gegensätzlicher Standpunkte – während Befürwortende einer Unterschutzstellung ihren dokumentarischen Charakter betonen, sehen Kritiker:innen und Opferverbände in der Figur ein verletzendes Symbol für Repression und Gewalt unter kommunistischer Diktatur. Auf die Feststellung des LAKD folgten offene Briefe,2 hitzige Debatten innerhalb der Stadtvertretung sowie Vorberatungen im Ausschuss für Kultur und Bürgerservice, die Ende Januar in einer Beschlussempfehlung für die Stadtvertretung mündeten.3 Darin sprach sich der Fachausschuss entschieden gegen eine Eintragung der Lenin-Statue in die Denkmalliste aus, da diese „in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation weder angemessen noch verantwortungsvoll“ sei. Weiterhin wurde der Oberbürgermeister aufgefordert, bis November ein Konzept zum weiteren Umgang mit der Statue vorzulegen.4
Für den 23. März war nun die endgültige Stellungnahme der Stadtvertretung zur Aufnahme der Statue in die Denkmalliste des Landes geplant. Die Stadtvertreter:innen sprachen sich mehrheitlich dagegen aus.5
Holl di fuchtig, Lenin!
Vor 36 Jahren rauschte eine Welle der ideologischen Demontage durch den Osten Deutschlands. Mit dem Ende der DDR kam der Systemwechsel der heutigen „neuen Bundesländer“. Popkulturell wurde dieser Moment vermutlich nirgendwo so gelungen und nachhaltig in Szene gesetzt wie im deutschsprachigen Film Good Bye, Lenin!. Denn der Leninkult hatte sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der DDR gezogen. Ideologie und Konterfei des bereits 1924 verstorbenen Wladimir Iljitsch Uljanow prägten Alltag und öffentlichen Raum und sollten nicht zuletzt die Nähe zur Schutzmacht Sowjetunion unterstreichen.6
Der republikweit gefeierte 100. Geburtstag des Revolutionsführers war 1970 auch in MV Anlass verschiedener Würdigungen und Propagandasymbolik. Besonders die Straßen und Gebäude von Sassnitz auf Rügen verwiesen zahlreich auf Lenin, weil dieser hier 1917 mit dem Zug eine Zwischenstation eingelegt hatte, bevor er seinen Weg aus dem Exil nach Russland zur gewaltsamen Machtübernahme fortsetzte – der sozialistischen Oktoberrevolution.7 Heute erinnert in Sassnitz noch eine dezente Gedenktafel daran. Die frühere Leninstraße, Leninschule und der Leninplatz sind heute nur noch Teil eines zweisprachig beschilderten Rundwegs durch die Hafenstadt.8 Ein historischer Zugwaggon, der an Lenins Aufenthalt erinnern sollte und bekannt war als das „kleinste Lenin-Museum der Welt“, gehört mittlerweile der Akademie der Deutschen Bahn in Potsdam.9

Stadt, Land, Denkmalschutz
Das LAKD attestierte der übriggebliebenen Lenin-Statue in Schwerin die notwendige stadt- und politikgeschichtliche Relevanz, um diese unter Denkmalschutz zu stellen. Schwerin rühmte sich damals, Hauptstadt eines „Industrie-Agrar-Bezirks“ zu sein, der „die Ernährung von 1,8 Millionen Bürgern der DDR gewährleiste“ – was vom Künstler mit Lenins Dekret über den Boden als Thema der Statue aufgegriffen wurde, wie aus der Denkmalwertbegründung hervorgeht.10 Tatsächlich wird gerade der kunstgeschichtlichen Bedeutung in der Begründung von Gutachter Jörg Kirchner ein besonderer Wert zugesprochen. Dabei betont der Experte nicht nur den impressionistischen Stil des estnischen Bildhauers Jaak Soans, sondern spricht auch vom „aufwendigsten Kunstwerk im öffentlichen Raum, das in Schwerin in der Zeit der DDR errichtet worden ist“. Diese Sicht auf den künstlerischen Mehrwert der Statue wird vor dem Hintergrund einer Aufnahme in die Denkmalliste allerdings nicht von allen geteilt und hatte mehrere Debatten zur Folge.
Mehr zur Erfassung und Sicherung von DDR-Kunstwerken in MV: Eine Generationenaufgabe
Die Schweriner Fraktion der Grünen und der Partei etwa lehnte einen Eintrag in die Denkmalliste strikt ab, weil das Abbild Lenins für viele politisch Verfolgte und Opferverbände ein Symbol für Repression, Gewalt und Entrechtung darstelle.11 Eine Unterschutzstellung bewerteten die Vertreter:innen angesichts der „aktuellen gesellschaftlichen Situation“ als „weder angemessen noch verantwortungsvoll“, da sie einer Aufarbeitung historischer Belastungen entgegenstehe und den politischen Handlungsspielraum der Stadt einschränke. Stattdessen forderte die Fraktion ein Konzept, das den Widerstand gegen kommunistische Gewalt sichtbar macht und die Opfer würdigt.
In ihrem kurz darauf zurückgezogenen Ersetzungsantrag schlossen sich Unabhängige Bürger und FDP dieser inhaltlichen Kritik an, gingen zunächst jedoch mit der klaren Forderung nach einer vollständigen Entfernung der Lenin-Statue aus dem Schweriner Stadtbild noch einen Schritt weiter.12 Sie argumentierten, dass die Landeshauptstadt die Verantwortung trage, Orte politischer Erinnerung vor der „unfreiwilligen Ehrung von Diktatoren“ zu schützen. Ihre Forderung nach einer Beseitigung des Monuments als einzige Konsequenz, um der historischen Verantwortung gegenüber den Opfern gerecht zu werden, nahm die Fraktion allerdings schon sechs Tage später öffentlich wieder zurück.
SPD und Linke setzten hingegen auf eine Versachlichung der emotionalen Debatte durch die Beauftragung eines Expert:innengremiums.13 Es soll aus Historiker:innen, Vertreter:innen von Opferverbänden sowie Anwohner:innen bestehen und Vorschläge für einen gesellschaftlich tragfähigen Kompromiss im Umgang mit der Statue erarbeiten. Die beiden Fraktionen forderten deshalb auch, bis zur Bewertung dieser Vorschläge die Entscheidung über die Stellungnahme der Stadt zur Unterschutzstellung auszusetzen.
Der ehemalige Oberbürgermeister Rico Badenschier (SPD) sprach sich in seiner Beschlussvorlage vom Oktober 2025 für eine Eintragung als Denkmal aus.14
Aus dem aktuellen Beschluss der Stadtvertretung von Montag geht hervor, dass diese „die besondere Sensibilität und historische Verantwortung“ anerkennt, die mit der Lenin-Statue als „Symbol für Repression, Gewalt und Entrechtung“ einhergeht.15 Eine Unterschutzstellung wäre aufgrund der gesellschaftlichen Situation aus ihrer Sicht aber nicht angemessen und würde einer historischen Aufarbeitung entgegenstehen.
Die Stadt wird als Eigentümerin im laufenden Verfahren zum Denkmalschutz zwar angehört, trifft jedoch die Entscheidung letztlich nicht. Darüber, ob der 3,20 Meter große Bronze-Lenin in die Denkmalliste des Landes aufgenommen wird oder nicht, entscheidet das Land.
Viel Bronze, wenig Kontext?
Die Diskussion um den Umgang mit Denkmälern umstrittener Persönlichkeiten ist keine neue. Denn viele dieser personenbezogenen Monumente sind das Ergebnis ungerechter bis gewaltvoller Machtstrukturen und -verhältnisse. Vor diesem Hintergrund häufen sich zivilgesellschaftliche Aktionen weltweit, die sich ihrer ungewollten, in Stein gemeißelten Tyrannen entledigen. Ein Umstand, der bereits 2022 auf einer Tagung des Goethe-Instituts in Berlin aufkam, bei der Expert:innen über die „Denkmäler der Zukunft“ berieten.16 Dabei stellten sie kritische Fragen, wie: Wer hat Vor- oder Nachteile davon, dass das Denkmal hier steht?, In welchen Fällen sollte ein Denkmal entfernt werden? oder Woran möchten wir uns erinnern?.17 Die teilnehmende Anthropologin Dori Tunstall aus den USA steht in der Frage klar hinter der Demontage ungewollter Erinnerungen und betonte damals, dass vielmehr an den Widerstandsgeist der Menschen erinnert werden müsse statt an ihr Trauma.18
Aber wie zeitgemäß sind solche Statuen dann überhaupt noch und wozu braucht es Denkmale? Laut der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bewahren Denkmale vor allem „unsere kulturelle Identität“ und helfen dabei, die „Geschichte, Geschichten und Zeitgeist an authentischen Orten der Erinnerung lebendig zu halten“.19 Vor diesem Hintergrund warnen auch Kulturhistoriker:innen wie Ulrike Wendland vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz davor, sich im Falle einer Zerstörung von Denkmälern zum „Richter der Geschichte zu machen“, und plädieren stattdessen für Gegendenkmäler.20 Denkmale, wie auch das von Lenin in Schwerin, sollten demnach späteren Generationen zur Auseinandersetzung erhalten bleiben und historische Ereignisse vergegenwärtigen. Eine Art Gegendenkmal könne in kontroversen Fällen aufgestellt werden, um Kontext und Kritik zu schaffen, schlägt Wendland anstelle einer Beseitigung vor.
Etwa fünfzig Kilometer vom Großen Dreesch entfernt steht eine weitere Skulptur von Lenin – in Pepelow reiht diese sich in entsprechender Gesellschaft in den sogenannten Lehrpfad der unholdigen Personen ein, einen angelegten Wanderweg am Salzhaff.21 Eine ansatzweise kritische Einordnung resultierte in Schwerin bereits aus einer früheren Debatte um die dortige Lenin-Statue. Nach einem abgelehnten Antrag zur Beseitigung des Monuments wurde 2006 eine Informationstafel an der Bodenplatte der Statue angebracht,22 um sowohl Lenins historische Bedeutung als auch dessen problematischen Hintergrund zu erläutern:
Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924)
Führer der Bolschewiki in der Oktoberrevolution 1917 und Gründer der Sowjetunion. Mit dem „Dekret über den Frieden“ beendete er den Ersten Weltkrieg für Russland. Er führte einen Bürgerkrieg gegen große Teile des eigenen Volkes, um seine Macht zu festigen. Unzählige starben auf seinen Befehl. Er enteignete Kulaken und Bauern und verteilte den Boden an Besitzlose. Lenin zerschlug die demokratischen Parteien und die Kirche in Russland fast vollständig. Sein theoretisches Werk bildete die geistige Grundlage für kommunistische Regime in der ganzen Welt. Lenins Diktatur bereitete den Weg für den kommunistischen Terror des 20. Jahrhunderts, dem Millionen von Menschen zum Opfer fielen. Das Denkmal des estnischen Bildhauers Jaak Soans wurde im Rahmen der 825-Jahrfeier Schwerins 1985 eingeweiht. Es soll an Lenins „Dekret über Grund und Boden“ und an die Enteignung der Großgrundbesitzer in der sowjetischen Besatzungszone während der Bodenreform 1945 erinnern.
Es stellt sich die Frage, ob eine Informationstafel als Gegengewicht beziehungsweise Gegendenkmal angesichts einer 3,20-Meter-Bronzeplastik ausreichen kann. Die Kritik und Entscheidung gegenüber dem Denkmalschutzverfahren in Schwerin zeigt zumindest, dass Erinnerungskultur ein interaktiver Vorgang ist. Letztendlich bestimmt nicht die Bronzestatue darüber, was sie darstellt, sondern der demokratische Aushandlungsprozess darüber, wie sie betrachtet wird oder was damit passiert. Denn was ein Denkmal ausmacht, ist schließlich allen voran – nach dem Denkmalschutzgesetz – das öffentliche Interesse.
- Kirchner, Jörg: Denkmalwertbegründung, S. 2, auf: bis.schwerin.de (24.7.2025). ↩︎
- Vorstand von Memorial Deutschland u.a. (Hg.): Kein Denkmalschutz für die Lenin-Statue in Schwerin – kein Denkmal für den Ursprung von Gewalt und Unterdrückung, auf: workuta.de (29.10.2025). ↩︎
- Bürgerinformationssystem der Landeshauptstadt (Hg.): Denkmallisteneintragung Lenin-Statue, auf: bis.schwerin.de (27.1.2026). ↩︎
- Stadtvertretung der Landeshauptstadt Schwerin (Hg.): Protokoll über die 13. Sitzung des Ausschusses für Kultur und Bürgerservice am 20.01.2026, auf: bis.schwerin.de. ↩︎
- Stadtverwaltung Schwerin (Hg.): Beschlusslauf: Denkmallisteneintragung Lenin-Statue, auf: bis.schwerin.de (23.3.2026). ↩︎
- Soutschek, Liza: Lenin und seine Nachbetrachtung in der DDR, auf: ddr-museum.de (20.1.2026). ↩︎
- Baberowski, Jörg: Was war die Oktoberrevolution?, auf: bpb.de (22.10.2007). ↩︎
- Sassnitzer Hausgeister (Hg.): DDR im Bau, auf: sassnitzerhausgeister.de. ↩︎
- Haase, Jana: „Leninwaggon“ in Potsdam. Per Zug zur Revolution, auf: tagesspiegel.de (4.11.2017). ↩︎
- Kirchner 2025, S. 2. ↩︎
- Fraktion Bündnis 90/Die Grünen/Die Partei (Hg.): Ersetzungsantrag zur Beschlussvorlage Nr. 01559/2025 „Denkmallisteneintragung Lenin-Statue“, auf: bis.schwerin.de (15.12.2025). ↩︎
- Fraktion Unabhängige Bürger/FDP (Hg.): Ersetzungsantrag vom 20.1.2026 (zurückgezogen am 26.1.2026), auf: bis.schwerin.de (20.1.2026). ↩︎
- Fraktionen SPD/Die Linke (Hg.): Ergänzungsantrag der SPD-Stadtfraktion zur Vorlage 01559/2025 „Denkmallisteneintragung Lenin-Statue“, auf: bis.schwerin.de (15.12.2025). ↩︎
- Badenschier, Rico: Beschlussvorlage Denkmallisteneintragung Lenin-Statue, auf: bis.schwerin.de (16.9.2025). ↩︎
- Stadtverwaltung Schwerin (Hg.): Beschlusslauf: Denkmallisteneintragung Lenin-Statue, auf: bis.schwerin.de (23.03.2026). ↩︎
- Brendel, Gerd: Wie sehen die Denkmäler der Zukunft aus?, auf: deutschlandfunkkultur.de (15.7.2022). ↩︎
- Goethe-Institut Washington (Hg.): Monuments of the Future?, auf: goethe.de (2022). ↩︎
- Brendel 2022. ↩︎
- Deutsche Stiftung Denkmalschutz (Hg.): Denkmale erhalten, auf: denkmalschutz.de. ↩︎
- Wendland, Ulrike; Roelcke, Eckhard: Gegendenkmäler statt Zerstörung, auf: deutschlandfunkkultur.de (15.6.2020). ↩︎
- Edelhoff, Fritz: Der „Arschlochpfad“ ist Deutschlands verrücktester Wanderweg, auf: reisereporter.de (25.12.2025). ↩︎
- Badenschier 2025, S. 3. ↩︎

