26. Todestag von Klaus-Dieter Gerecke "Das war ein ganz lieber, netter Mensch. Er war ein Unikat von Greifswald", sagte Sozialarbeiter Ingo Stehr über Gerecke in einem Interview von 2021
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Zum 26. Todestag

Darum gibt es kein Gedenken für den ermordeten Klaus-Dieter Gerecke 

Heute jährt sich die Ermordung des obdachlosen Greifswalders Klaus-Dieter Gerecke zum 26. Mal. Gerecke ist einer von vier Menschen, die nach 1989 in der Universitäts- und Hansestadt aus sozialdarwinistischen Gründen von Rechtsextremen ermordet wurden. Ein offizielles Gedenken der Stadt oder der Zivilgesellschaft gibt es bisher nicht. Doch warum?
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Klaus-Dieter Gerecke war vielen Greifswalder:innen bekannt. Er trug den Spitznamen „Kläuser“ und hielt sich oft bei der Mensa am Wall auf, wo er Zigaretten erschnorrte. Wenn er mit einem Kinderwagen voller Leergut und einem Beutel über der Schulter durch die Straßen zog, sollen Menschen gelegentlich die Straßenseite gewechselt haben. „Er war nie bösartig. Das war ein ganz lieber, netter Mensch. Er war ein Unikat von Greifswald“, sagte der Sozialarbeiter Ingo Stehr 2021 in einem Interview.1

Junge Rechtsextreme töteten Gerecke

Das Frühjahr 2000 sollte für Kläuser nicht gut beginnen. Unter bis heute ungeklärten Umständen starb sein Bruder Rainer Gerecke am 1. April. Mutmaßlich durch Rechtsextreme. Wenige Wochen später, am 24. Juni 2000, traf auch Klaus-Dieter in Greifswald auf seine Mörder:innen – darunter zwei junge Frauen und ein junger Mann. „Sie haben ihn gesehen, haben über ihn geredet, ihn als ‚Penner‘ und ‚Assi‘ bezeichnet und haben ihn verfolgt“, sagte der Sachverständige Robert Schiedewitz vor dem NSU-Untersuchungsausschuss im Schweriner Landtag. Später ist es zu dem Angriff gekommen, bei dem Gerecke über eine Stunde geschlagen, getreten und erniedrigt wurde. „Sie sind immer wieder von ihm weggegangen. Andere Jugendliche kamen hinzu, fragten: ‚Was macht ihr?‘ Da haben sie geantwortet: ‚Einen Penner wegschlagen.‘“2
Mehr Informationen zu Gerecke und den anderen Todesopfern rechter Gewalt hat die landesweite Opferberatung Lobbi MV auf der Webseite kein-vergessen-mv.de zusammengetragen.3

Darum gibt es bisher kein Gedenken für Klaus-Dieter Gerecke

Zivilgesellschaftliche Initiativen wie das Greifswalder Bündnis „Schon vergessen?“ leisten seit vielen Jahren eine wertvolle Arbeit, indem sie die aktive Erinnerungskultur der Stadt gestalten. Für die Gebrüder Gerecke gibt es jedoch bisher kein offizielles Gedenken. Zu den Gründen gibt es aus der Stadtgesellschaft unterschiedliche Meinungen. Auf Nachfrage bei der Pressestelle der Stadt heißt es, dass die Stadtverwaltung ihre Aufgabe vor allem darin sehe, diesen wertvollen Impuls aus der Gesellschaft nach Bedarf zu unterstützen und zu begleiten, anstatt ihn durch eine rein behördlich organisierte Veranstaltung zu ersetzen oder zu überformen. „Gedenken wirkt oft dann am tiefsten, wenn es von den Menschen selbst getragen wird“, sagt die Pressevertreterin der Stadt, Andrea Reimann. 

Darüber hinaus engagiere sich Greifswald auf vielfältige Weise für Erinnerungskultur und Prävention. Zum Beispiel über die Partnerschaft für Demokratie Greifswald, die Internationalen Wochen gegen Rassismus oder das Kulturfest zum 1. Mai für Demokratie und Solidarität. „Die Entscheidung, keine eigene Veranstaltung durchzuführen, ist daher kein Ausdruck von Gleichgültigkeit“, so Reimann.4 Vielmehr setze die Stadt bewusst auf die Stärke des zivilgesellschaftlichen Engagements und darauf, Erinnerungsarbeit und Präventionsprojekte nachhaltig zu fördern. 

Dabei bedeutet Gedenken den Opfern rechter Gewalt eine Öffentlichkeit zu geben, die sie so zu Lebzeiten nicht hatten. Klaus-Dieter Gerecke und auch sein Bruder Rainer zählen bis heute nicht zu den staatlich anerkannten Todesopfern rechter Gewalt. 

  1.  RAA Sachsen (Hg.): Gegen uns. Tödliche rechte Gewalt gegen Wohnungslose in Greifswald, auf: gegenuns.de. ↩︎
  2. Landtag MV (Hg.): Beschlussempfehlung und Abschlussbericht des 1. Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Aufklärung der NSU-Aktivitäten sowie weiterer militant rechter und rechtsterroristischer Strukturen in Mecklenburg-Vorpommern, S. 177, auf: dokumentation.landtag-mv.de (19.6.2026). ↩︎
  3. Lobbi MV (Hg.): Todesopfer rechter Gewalt in MV, auf: kein-vergessen-mv.de. ↩︎
  4. E-Mail von Andrea Reimann vom 23.6.2026. ↩︎

Autor:in

  • Redakteurin in Greifswald

    Irgendwas zwischen Patchworkwendekid und Halbprovinzbohème. Wohnte in 4 von 16 Bundesländern. Hat einen Meisterbrief und einen Papagei.

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