KATAPULT MV: Bei solchen Interviewterminen wie heute, sind Sie da noch aufgeregt?
Nico Klose: Mittlerweile nicht mehr. Es gibt durchaus Gesprächsformate, da ist man vielleicht vorsichtig, aber aufgeregt nicht.
Vorsichtig, warum?
Man sammelt in diesem Amt die Erfahrung, dass mitunter Aussagen aus dem Kontext genommen oder mit Absicht anders ausgespielt werden.
Denken Sie dabei an die NDR-Berichterstattung über die, so hieß es, nicht vorhandene Drogenpolitik in Neubrandenburg?
Ja, genau. Das war sowohl eine Lektion als auch eine wichtige Erfahrung für mich. Ich würde es so umschreiben: Man überlegt sich genau – und es ist schade, dass das in diesen Positionen nötig ist – wie wähle ich gewisse Formulierungen. Gerade in Interviews kommen Antworten oft aus dem Bauch. Ich will vielleicht etwas sagen, aber wenn ich das einfach auf den Tisch packe, versteht man es ohne weitere Vorinformationen vielleicht nicht so, wie ich das meine.
Worum es in der NDR-Berichterstattung ging
Die auf Initiative des NDRs durchgeführten Abwassertests in Neubrandenburg und Neustrelitz hatten im November 2025 eine hohe Konzentration von Amphetaminen, Kokain und Ketamin ergeben. In diesem Kontext wurde Klose mit folgendem Satz zitiert: „Eine ganz konkrete Drogenpolitik als Stadt Neubrandenburg, die gibt es nicht und die sehe ich auch in Zukunft nicht.“1
Wie haben Sie es denn bei der Drogenpolitik gemeint?
Das NDR-Gespräch im Vorfeld meines Satzes zur Drogenpolitik drehte sich um Zuständigkeiten. Ich habe versucht, zu transportieren, dass ganz viele Themen in einer Stadt wie Neubrandenburg wichtig sind, für die wir aber originär nicht zuständig sind. Beim Thema Prävention ist das zum Beispiel der Landkreis.
Mir ist es wichtig, den Menschen das zu transportieren. So eine Kommune ist ganz vielen Erwartungshaltungen ausgesetzt. Natürlich ist das oftmals nicht schön, wenn Sie als OB auf Fragen oder Anmerkungen sagen müssen, dass das bekannt und wichtig ist, aber nicht unsere Zuständigkeit. Auf Menschen wirkt das häufig so, als würde man sich damit nicht befassen wollen.
Wie erklärt man denn, dass man nicht zuständig ist?
Unser Ansatz ist – getreu dem Motto „Tue Gutes und sprich darüber“ – über alle Kanäle unsere Arbeit generell zu erklären. So sehen die Menschen, was passiert. Ansonsten bleibt nur das Gespräch. Da müssen Sie reden. Immer reden.
Lassen Sie uns über Erwartungen sprechen. Da gab es sicher welche an Sie – in Anbetracht der Ausgangssituation rund um den Rücktritt Ihres Vorgängers?
Im Wahlkampf wurde immer wieder die Frage gestellt, wie ich mit dem großen Graben zwischen Stadtverwaltung und -vertretung umgehen möchte. Mein Ansatz war folgender: Ich habe relativ schnell nach Amtsantritt jeder Fraktion das Signal gesendet „Ich bin da, lasst uns reden“. Und jede Fraktion – bis auf eine – hat dieses Angebot bisher angenommen.
In diesen Gesprächen haben wir abgeklärt, wo wir grundsätzlich politisch stehen, wo wir flexibel sind oder auch nicht und wo wir uns gegenseitig unterstützen können. Das waren teilweise sehr anstrengende Gespräche – gerade bei Fraktionen, die selbst einen OB-Kandidaten hatten. Aber – das möchte ich klar sagen – dennoch sehr angenehm und wertschätzend. Das war ein wichtiger Schritt, um die Ausgangslage ein bisschen zu neutralisieren. Mein persönlicher Eindruck war – gerade innerhalb der Stadtvertretung –, dass alle auf einen Nullpunkt gehofft hatten und nach vorne schauen wollten.
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Welche Fraktion hat Ihr Angebot bisher nicht angenommen?
Die AfD-Fraktion. Sie wollten gerne und hatten mich gebeten, Termine vorzuschlagen, was ich getan habe. Daraufhin kam aber keine Antwort mehr. In der Einladung hatte ich klar gesagt, dass wir uns nicht politisch, aber über Arbeitsweisen austauschen könnten. Es ist nun mal eine sehr große Fraktion. Und ich glaube, dass es falsch ist, zumindest aus meiner Position heraus, sie zu ignorieren. Sie sind da und haben als gewählte Vertreter mir gegenüber die gleichen Auskunftsrechte wie jede andere Fraktion. Dem komme ich nach und dieses Signal habe ich auch gesendet.
Wie sieht es mit den Erwartungen der Verwaltung aus?
Wenn ich so an letztes Jahr denke, haben alle erstmal ein bisschen geguckt – was macht er jetzt, wie ist er so? Aber das ist normal. Ich habe eine unglaublich gut aufgestellte Verwaltung übernehmen dürfen. Dieses Haus arbeitet sehr professionell, sehr effizient und ich habe gerade im Bereich der Führungspositionen Menschen hier, die fachlich unglaublich gut sind. Viele Mitarbeiter haben auch Lust, mitzugestalten. Für andere bin ich der vierte oder fünfte OB.
Mit meinen beiden Stellvertretern sitze ich regelmäßig zusammen und bespreche, was ich mir für diese Verwaltung vorstelle. Das ist mir wichtig, weil da ganz viel Expertise zusammenkommt, von der ich profitiere.
Was stellen Sie sich denn vor?
Die Bürgerinnen und Bürger spüren die Arbeit der Verwaltung, wenn sie Dienstleistungen aus der Verwaltung in Anspruch nehmen. Im Führungstrio haben wir also gemeinschaftlich überlegt, wie wir noch bürgerfreundlicher und effizienter werden könnten. Wir wollen langfristig versuchen, den ganzen Bereich Einwohnerservice – also Personalausweis, Führerschein oder Zulassungsstelle – neu zu denken. Er soll so strukturiert werden, dass die Menschen das noch schneller, besser und digitaler nutzen können. Das Projekt ist am 1. Januar gestartet. Aber man merkt, die Prozesse sind lang. Die Verwaltung ist groß, vieles ist über Jahre etabliert.
Ist das eine Herausforderung für Sie, dass vieles nicht von heute auf morgen geht?
Natürlich wäre es schön, wenn man auf einen Knopf drücken und so in vier Wochen den Anteil digitaler Dienstleistungen von aktuell 20 Prozent auf 70 steigern könnte. Ich weiß aber aus sechs Jahren Neverin,2 wie eine Verwaltung funktioniert. Verwaltung wirkt oft von außen langsam, weil sie unglaublich viele Sachen zu berücksichtigen hat. Aber wenn man klar weiß, was man erwarten darf und in welchem Zeitraum, dann ist das zwar herausfordernd, aber nicht mit einem negativen Gefühl verbunden.
Zum Thema Zeit, genauer Freizeit: Die Dimension und Menge Ihrer Aufgaben hat sich mit dem neuen Amt vervielfältigt. Wie wirkt sich das auf Ihr Leben aus?
Als ich letztes Jahr im Januar überlegt habe, ob ich kandidieren sollte, habe ich mehrere Nächte mit meiner Frau abends auf der Couch gesessen. Da haben wir versucht zu eruieren, „Was passiert, wenn …“. Sowohl für den Fall des Wahlgewinns als auch für das Gegenteil. Jetzt, ein Jahr später, kann ich sagen, dass uns gerade was das Privatleben angeht, ganz viel bewusst war. Wenn die Praxis aber da ist, ist es doch ganz anders.
Inwiefern?
Es ist das Erkannt- und Angesprochenwerden. Nicht negativ, ich finde das gut, wenn ich in der Stadt unterwegs bin und Menschen mich ansprechen. Darüber freue ich mich, weil in der Regel immer ein Mehrwert dabei rauskommt. Für meine Frau und meinen Sohn ist der Unterschied krasser. Die werden jetzt auch noch anders wahrgenommen.
Wir waren uns dessen als Familie bewusst, es fühlt sich aber schon ein bisschen anders an. Bei Dingen, die sonst alltäglich waren, hat man zum Beispiel eine gewisse Anspannung. Spontan fällt mir dazu unser Weberglockenmarkt letztes Jahr ein. Da waren wir natürlich auch als Familie – im Vorbeigehen sprechen manche einen an, manche gucken nur, manche tuscheln, das macht was mit einem. Es ist eben kein normaler Beruf. Sie fangen nicht an und Sie machen nicht Feierabend. Sie sind es immer.
Besteht da manchmal der Wunsch, kurzzeitig wieder nur man selbst zu sein?
Das ist menschlich und das darf man nicht kleinreden. Ich persönlich glaube, dass es extrem wichtig ist, sich kleine Auszeiten zu nehmen.
Schaffen Sie das?
Wir machen es gerade familiär eher am Wochenende – verlassen mal die Stadt. Diese Zeit des Akkuaufladens brauchen Sie. Obwohl einem zum Beispiel in Berlin auch Leute über den Weg laufen – das hatte ich gerade letzten Samstag. Mir reichen diese kleinen Auszeiten – morgens in den Zug und abends zurück und zehn Stunden kein Oberbürgermeister.
Aber: Dieses Amt ist auch eine unglaubliche Ehre. Wer darf schon als Vertreter einer Stadt bei einer Veranstaltung zum Beispiel Menschen begrüßen? Das ist schon sehr cool – neulich etwa bei der Eröffnung der Norddeutschen Meisterschaften der Leichtathletik im Jahnsportforum.
Bei so einer Veranstaltung ist die Chance als Bürger:in auf ein Gespräch mit Ihnen kurz. Ansonsten ist der Weg – im Vergleich zu Neverin – jetzt länger.
Ja, da standen sie auch mal vor der Haustür. (lacht)
Sie müssen neue Wege finden oder suchen, ansprechbar zu sein.
Mein Amtsvorgänger Silvio Witt hat Bürgersprechstunden durchgeführt, die als kleine Podiumsdiskussionen aufgebaut waren. Ich wollte gerne persönliche Bürgersprechstunden machen, weil ich das so aus Neverin kannte. Der Gedanke dahinter war, dass manche Anliegen besser besprochen werden können, wenn nicht 20 andere Menschen am Tisch sitzen. Das haben wir eingeführt – sind aber jetzt wieder etwas davon weg.
Wieso?
Wir führen das in einem gewissen Maße weiter, haben aber gemerkt, dass es zeitlich schwer zu organisieren ist. Für so ein Vier-Augen-Gespräch braucht man eigentlich fast eine Stunde. So erreichen Sie aber wahnsinnig wenige Menschen. Daher gibt es nun etwas weniger solcher Termine und gleichzeitig führen wir die Bürgersprechstunden a la Silvio in unseren Stadtteilbüros oder eben als kleine Podiumsdiskussionen weiter. Wenn das Wetter schöner ist, wollen wir außerdem Stadtspaziergänge machen. Dafür suchen wir uns gezielt einzelne Viertel raus, inklusive der Themen, die dort vor Ort eine Rolle spielen. Wen das interessiert, der kann auf dem Spaziergang A etwas zu neuen Plänen erfahren – also welche Baumaßnahmen, welche Sanierungen – und B seine Fragen da lassen.
Letzte Frage: Demnächst werden unter anderem in Schwerin und Wismar neue Bürgermeister:innen gewählt. Wenn Sie auf Ihren Start zurückschauen, welchen Rat hätten Sie für die Neuen?
Sich, auch wenn es manchmal schwer ist, eine gewisse Offenheit zu bewahren. Offenheit in Bezug auf den Mitarbeiterstab, den Sie bekommen – genau den Erfahrungen zuzuhören, die Ihnen von dort mit auf den Weg gegeben werden. Aber dennoch für sich selbst die Fähigkeit beizubehalten, auf den eigenen Bauch zu hören. Was fühlt sich gut an und was nicht?
Ansonsten hoffe ich, dass so manches politische Geplänkel aufhört – gerade Machtspiele im Hintergrund – und sich die Leute konzentriert und pragmatisch auf ihre Arbeit stürzen können. Wir machen dadurch sonst ganz viel kaputt. Das ist auch ein Wunsch für mich in Neubrandenburg, der bisher zum Glück erfüllt wird. Aber es wird spannend, auch die Landtagswahl wird spannend.

