Das ehemalige Kernkraftwerk Greifswald bei Lubmin wird seit dreißig Jahren zurückgebaut. Durch das Ende der DDR und die damit verbundene Stilllegung des Kraftwerks ging der fertiggestellte Reaktorblock 6 nie in Betrieb. Eine Initiative kämpft nun um seinen Erhalt und sammelt erste Ideen für die Nachnutzung.
Von außen ist nicht viel zu sehen von der aufwendigen Entsorgung des belasteten Materials, das im Innern des stillgelegten Kernkraftwerks Greifswald (KGR) tagtäglich abgetragen wird. Der Komplex mit seinen acht Reaktorblöcken steht noch immer in unscheinbarer Präsenz zwischen Lubminer Heide und Greifswalder Bodden. Die spärliche Beleuchtung und der fehlende Ausstoß des Schlotes liefern dezente Hinweise darauf, dass hier seit 1990 kein Strom mehr erzeugt wird.1
Für den Rückbau ist seit 1995 – im Auftrag des Bundesfinanzministeriums – das Entsorgungswerk für Nuklearanlagen (EWN) zuständig. Wie die Arbeit unter strengen Sicherheitsvorkehrungen hinter den dicken Betonmauern des Kraftwerks abläuft, dokumentierte KATAPULT MV bereits im Rahmen einer Fotoreportage für die Ausgaben 14 und 18.

Als Bestandteil der Unternehmenskommunikation bietet das EWN kostenfreie Führungen durch den einzigen unbelasteten Reaktorblock – den KGR 6 – an. Diesen über den Rückbau hinaus stehen zu lassen und durch das öffentliche Unternehmen zu „musealen Zwecken“ zu betreiben, sei allerdings nicht vorgesehen, bestätigt Pressesprecher Kurt Radloff.2
Aus diesem Grund hat der Mikrobiologe Tom Lichtenthäler eine Initiative für den Erhalt des begehbaren Reaktorblocks ins Leben gerufen. Sie ging 2023 aus einem Beschluss des Kreisverbands Vorpommern-Greifswald der Grünen hervor. Im KGR 6 sieht Lichtenthäler die einmalige Chance, ein Stück Industriegeschichte des Landes zu bewahren und den historischen Ort für die Region sinnstiftend zu gestalten. Unterstützt wird die Initiative vom Leiter der Fachstelle des Museumsverbandes MV, Andrej Quade, sowie dem Historiker Olaf Strauß, der selbst im Kernkraftwerk gelernt und gearbeitet hat und mittlerweile auf Technikgeschichte spezialisiert ist.
Die vernachlässigte Industriegeschichte der Energieregion MV
Zu Hochzeiten arbeiteten hier 10.000 Menschen, erzählt Lichtenthäler. Und mit der Stilllegung verloren Tausende ihren Arbeitsplatz. Das außerordentlich leistungsfähige Kernkraftwerk – mit acht Reaktorblöcken sollte es seinerzeit das größte der Welt werden3 – war jedoch nicht nur ein wichtiger Arbeitgeber in der Region, sondern spielte auch eine entscheidende Rolle für die Energieversorgung der DDR. Über das einzige Kraftwerk, das während der Schneekatastrophe 1978/79 noch Strom lieferte, gab es sogar schon ein Theaterstück, schwärmt der Initiator.
Der Blick auf MV sei weitestgehend von Landwirtschaft und Tourismus geprägt, dabei sei das Land eine Energieregion mit Industriegeschichte. Allein in der unmittelbaren Umgebung des KGR gab es noch das Kohlekraftwerk in Peenemünde auf Usedom, außerdem den Anlandungspunkt der Nord Stream-Pipeline, in Mesekenhagen wird Erdöl gefördert, der Strom der Offshore-Windkraftanlagen in der Ostsee kommt hier an und mit Wendelstein 7-X wird in Greifswald an der Kernfusion geforscht, zählt Lichtenthäler auf. „Das ist alles hier und hat Geschichte, die sich auf die Region ausgewirkt hat und nie zusammenhängend dargestellt wurde.“ Weitere Industrie habe sich bereits in den vergangenen Jahren um das Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks angesiedelt. Sogar Wasserstoffprojekte seien im Gespräch.
Trotz (oder gerade wegen) seiner Verbindung zu den Grünen dürfe es beim Erhalt des Reaktorblocks aber nicht darum gehen, „Kernkraft zu verteufeln“, betont Lichtenthäler. „Weil es insbesondere den Menschen in der Region unter die Haut geht.“ Die Schließung des KGR war mit vielen Familien- und Einzelschicksalen verbunden, wie er aus den Erfahrungsberichten der Menschen erschließen konnte, mit denen er bereits über das KGR ins Gespräch gekommen ist. „Ein wichtiger Treiber der Region war plötzlich weg und an seine Stelle trat das dominierende Gefühl, dass Leute aus Westdeutschland gekommen sind und gesagt haben, dass das nicht sicher sei, nicht funktioniert“, und deshalb abgeschaltet wurde.
Aufgrund seiner gesellschaftlichen Bedeutung und des historischen Werts für die Region besteht die Möglichkeit, den unbelasteten Teil des stillgelegten Kernkraftwerks langfristig unter Denkmalschutz zu stellen. Die Denkmalwürdigkeit des Objekts werde derzeit noch geprüft, so Lichtenthäler, der die Prüfung angestoßen hatte. Ein Vorteil in diesem Prozess sei seiner Ansicht nach auch, dass die Anlage sich nicht in Privatbesitz befinde, sondern im Grunde dem Volk gehöre. Die Besitzfrage würde sich demnach gar nicht stellen und der Block müsse keiner Privatperson abgekauft werden.
Kultur und Sport im Block
Doch was stellt man mit so einem ausgedienten Reaktorblock an? Welche Wünsche und Ideen haben die Menschen, die in den umliegenden Gemeinden leben oder deren Geschichte mit der des KGR verwoben ist? Und was wäre überhaupt möglich, in Anbetracht des laufenden Rückbaus? Die Erhaltungsinitiative möchte ein Anstoß sein, um solche Fragen zu stellen und Möglichkeiten auszuloten.
Vergleichbare Projekte hätten bei so einem Rückbauverfahren meistens den Anspruch der „grünen Wiese“, also die Umgebung in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuführen, erklärt Lichtenthäler. Es gebe jedoch auch nur selten den Fall eines unbelasteten Blocks eines Kernkraftwerks, der erhaltenswert ist, fügt er hinzu. Bei einer Fachtagung im Technikmuseum Berlin habe er 2024 als Teilnehmer der Podiumsdiskussion einiges über „Atomkraftwerke als Denkmäler“ dazulernen können.
Lichtenthäler selbst könnte sich etwa eine Nutzung des KGR 6 als Museum vorstellen. Die Besucherroute des EWN erfreue sich seit Jahren großer Beliebtheit, selbst ohne touristischen Anspruch oder Bewerbung des Angebots. Gerade, weil die Atomkraft so ein kritisches und polarisierendes Thema ist, sieht er eine große Chance darin, anhand des originalen Objekts darzustellen, was Kernkraft ist und wie ihre zivile Nutzung überhaupt funktioniert. Weil in Deutschland der Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen wurde, gebe es irgendwann keine Dokumente mehr, um wichtige Entwicklungen nachvollziehen und Wissen erhalten zu können, so Lichtenthäler. Der Ort an sich böte die einmalige Möglichkeit, über Generationen als Gesprächstreiber zu dienen.

Klapptischgespräche mit den Gemeinden
Um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die von diesem Ort unmittelbar betroffen sind, nahm Lichtenthäler zunächst Kontakt zu den Mitarbeitenden des EWN sowie zu Vertreter:innen der angrenzenden Gemeinden Lubmin, Rubenow und Kröslin auf. Mit einem Klapptisch und einer Pinnwand stellte er sich beispielsweise auf den Freester Fischmarkt oder vor die Lubminer Seebrücke, um über den Erhalt von KGR 6 zu diskutieren, aber auch, um Meinungen und Ideen der Leute zu sammeln. Dabei begegneten ihm einerseits viel Zuspruch und Interesse, andererseits auch viele kreative Vorschläge, wie man wohl einen Reaktorblock nutzen könnte.
Als Kletterhalle zum Beispiel, berichtet Lichtenthäler schmunzelnd. Gar nicht mal so abwegig, wenn man bedenkt, dass die weitläufigen, leeren Räume des Blocks aufgrund ihrer Fläche auch schon mal als Tennisplatz genutzt wurden. Die Räumlichkeit böte für viele ebenso ein ideales Ambiente für Kunstausstellungen oder Konzerte. Ohnehin können sich einige der Befragten ein Museum mit Platz für kulturelle Veranstaltungen für die Gegend sehr gut vorstellen. Eine besonders originelle Idee, verrät Lichtenthäler, war die Vorstellung, in dem Block eine Brauerei einzurichten.
Der Rahmen der Möglichkeiten
Ein Erhalt von KGR 6 ist allerdings nicht nur davon abhängig, ob es Interesse und Ideen gibt, sondern ist außerdem mit finanziellen und baulichen Herausforderungen verbunden. Nach einer aktuellen Schätzung des EWN wird der Rückbau der gesamten Kraftwerksanlage noch bis in die 2040er-Jahre andauern.4 Da sie als Doppelblöcke errichtet wurden, teilen sich KGR 5 und 6 zwangsläufig Bereiche – ein Versuch, Reaktorblock 6 zu erhalten, würde demnach statische Herausforderungen und großen Aufwand beim Rückbau mit sich bringen, so Pressesprecher Radloff. Inwiefern im Zuge des Abrisses von Block 5 eine Trennung zum Erhalt des Block 6 überhaupt möglich wäre, soll zu gegebener Zeit noch geprüft werden.
- Rust, Martje; Hinz, Patrick: Wenn ein Kraftwerk in Kisten verschwindet, auf: katapult-mv.de (17.5.2023). ↩︎
- E-Mail von Kurt Radloff vom 9.1.2026. ↩︎
- Högselius, Per: Die deutsch-deutsche Geschichte des Kernkraftwerkes Greifswald, S. 9, Berlin 2005. ↩︎
- E-Mail von Kurt Radloff vom 9.1.2026. ↩︎

