Der Grote Pohl liegt brach. Vereinzelte Obstbäume stehen inmitten von Wildwuchs, Bauzäunen und Überresten geplünderter Gartenlauben, hier und da ziehen sich sporadisch Reptilienschutzzäune durch die Wiesen. Der Geruch verkohlten Holzes einer erst kürzlich abgebrannten Laube liegt in der Luft. Eine Vielzahl unterschiedlicher Vogelstimmen erhebt sich, übertönt jedoch nicht den Verkehrslärm und die herbstliche Tristesse.
Doch im Norden des Geländes, an die Bahnschienen angrenzend, sieht die Situation noch ganz anders aus. Mit etwa hundert Parzellen wird hier die Kleingartenanlage (KGA) Pütterweg nach wie vor aktiv bewirtschaftet. Gesäumt von Informationsplakaten und Protestbannern, kräftigen Obstbäumen und bunten Wimpelketten, beleben die Gärtnernden das letzte Stückchen Land, das noch nicht geräumt wurde. Daran schließen sich, von Ost nach West, der Interkulturelle Garten des Vereins Ökohaus, das Gartenareal der Naturschutzjugend (NAJU) und das der Moscheegemeinde des Islamischen Bund Rostock an. Wichtige Begegnungsorte und Grünflächen, deren Fortbestand nicht im Bebauungsplan vorgesehen ist.
Große Pläne und „unrühmliche“ Umsetzungen
Die Überplanung der Kleingartenanlagen wurde bereits 2003 im Zuge einer Neuaufstellung des Flächennutzungsplans vom Rostocker Amt für Stadtplanung und dem Verband der Gartenfreunde vereinbart.1 2009 beschloss die Bürgerschaft erstmals, einen Bebauungsplan für das „Sondergebiet Groter Pohl“ aufstellen zu lassen.2 Eine frühzeitige Bürgerbeteiligung wurde im Rahmen dieses Beschlusses ebenfalls angestrebt – ein Punkt, dessen Umsetzung bis heute von den Betroffenen als mangelhaft bewertet wird. Die Kündigungen und Räumungen von drei der vier Kleingartenanlagen seit 2017 – Groter Pohl, Pferdewiese, Ernst-Heydemann – ohne unmittelbaren Bedarf oder anstehenden Baubeginn gelten mittlerweile als „unrühmliches Lehrstück von Stadtentwicklung, wie man es nicht tut“, wie Thoralf Sens (SPD) in einer Bürgerschaftssitzung formulierte.3 Letztendlich haben diese Entscheidungen dazu geführt, dass die Flächen seit Jahren leer stehen und, weil ungenutzt und nur zum Teil geräumt und gerodet, seither Vandalismus und Brandstiftung ausgesetzt sind.4
Zum Weiterlesen: Kleingartensterben am „Groten Pohl“
Die Initiative Pütterweg bleibt! stellte gemeinsam mit dem NABU Regionalverband Mittleres Mecklenburg schon vor vier Jahren einen Antrag auf Bürgerbeteiligung. Darin kritisierten sie, dass „in den bisherigen Plänen der Bürgerschaft/Stadtverwaltung zur Bebauung des Areals die Interessen der Bürger:innen, Nutzer:innen, Kinder und Jugendlichen nicht genügend berücksichtigt“ wurden.5 Das Vorgehen der Stadt und auch der Bebauungsplan würden invasiv anmuten und mehr auf Verdrängung als auf Dialog setzen, beschreibt es Jola Pospech, die eine Parzelle der KGA Pütterweg gepachtet hat. Für viele Kleingärtner:innen und Bürger:innen, die sich beteiligen wollen, sei außerdem unverständlich, dass bestehende Flächen und Infrastruktur – wie Fahrradwege, der ehemalige Schulgarten oder Teilflächen der KGA – nicht in den Bebauungsplan integriert wurden, so Pospech. Im Hinblick auf den bisherigen Umgang mit den Pächter:innen bereits geräumter Anlagen wünsche man sich mindestens Mitspracherecht und den Erhalt mancher Flächen und Strukturen.

Was bleibt?
Um weitere solche Entwicklungen zu vermeiden, dokumentiert und informiert Juliane Bäthge seit Jahren für die Initiative Pütterweg bleibt! über die Maßnahmen am Groten Pohl. Sie selbst bewirtschaftet einen Garten in der KGA Pütterweg und berichtet unter anderem von unrechtmäßigen Rodungen auf dem gesamten Gelände. Nach der Baumschutzsatzung der Hansestadt gelten die meisten Obstbäume dort als geschützt und hätten demnach nicht gerodet werden dürfen.6
Insgesamt fallen für Flora und Fauna, die in dem Gebiet heimisch sind, wichtige Lebensräume dauerhaft weg. Lou und Marlene von der Hochschulgruppe der Naturschutzjugend erklären – mit Blick auf die hohen Wiesen und wilden Flächen des NAJU-Gartens –, dass notwendige Ausgleichsmaßnahmen und Korridore durch die Bebauungspläne nicht gegeben seien. Tatsächlich sind laut B-Plan nur öffentliche Grünflächen vorgesehen, die mehrmals im Jahr gemäht werden und somit für die derzeitige Artenvielfalt der angesiedelten Insekten kein geeignetes Habitat darstellen können. Ausgleichsmaßnahmen innerhalb des Plangebiets umfassen hauptsächlich Baumpflanzungen; der Großteil der Kompensation findet über externe Ausgleichsflächen und die Abbuchung von Ökokonten statt7 – also durch zeitlich und räumlich flexible Naturschutzmaßnahmen zum Ausgleich von Bauvorhaben. Der Hochschulgruppe selbst stehen ebenfalls keine alternativen Räume oder Flächen zur Verfügung.
Auch die Moscheegemeinde muss perspektivisch ihren Standort am Groten Pohl aufgeben. Dadurch würden der Gemeinde „wichtige Räumlichkeiten in der Südstadt fehlen“, so Maher Fakhouri, Sprecher des Vereins Islamischer Bund Rostock.8 Übrig blieben die angemieteten Räume in Toitenwinkel, die lange nicht für alle Mitglieder ausreichen würden. Der Gemeinde fehlen finanzielle Mittel, um dringend notwendige Räumlichkeiten beziehungsweise eine Moschee für die wachsende Mitgliederzahl im Zentrum der Stadt zu schaffen.
Noch bevor neuer Wohnraum am Groten Pohl entstehen soll, wird das Gelände bereits von einigen Menschen ohne festen Wohnsitz genutzt. In den leerstehenden Baracken der KGA Ernst-Heydemann haben in den letzten Jahren Menschen einen Rückzugsort gefunden, die anderswo keine Chance auf Wohnraum haben. Derzeit leben hier noch sechs Parteien, die durch die anlaufende Räumung ebenfalls umsiedeln müssen, bestätigt ein Straßensozialarbeiter der Obdachlosenhilfe Rostock, der die Menschen vor Ort betreut.

Lückenhafter Planungsprozess
In der Rostocker Bürgerschaftssitzung vom 17. September 2025 wurde über die zweite öffentliche Auslage des Bebauungsplans debattiert.9 Im Zentrum der Diskussion stand ein Änderungsantrag von Sybille Bachmann (Rostocker Bund), der darauf abzielte, Teile der noch aktiven KGA als Grünflächen zu erhalten – was jedoch von der Mehrheit als nicht zielführend und verzögernd abgelehnt wurde. Die weitere Nutzung der Parzellen soll jedoch bis zum Baubeginn ermöglicht werden, versprach auch Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger (Linke), die klar einräumte, dass es in der Vergangenheit „wirklich schlecht gelaufen“ sei.
Einerseits war die Debatte der Bürgerschaft – angesichts befürchteter weiterer Verzögerungen des Baubeginns auf dem Gelände – von Ungeduld geprägt, wie aus vielen der Redebeiträge hervorging. Sowohl Thoralf Sens (SPD), als auch Felix Winter (Grüne) plädierten dafür, den Bebauungsplan voranzutreiben, ohne diesen durch späte Änderungen aufzuhalten. Auch Senatorin Fischer-Gäde (Grüne) forderte eindringlich den Beschluss des Bebauungsplans, um den Entwurf endlich in die Erschließungsphase zu überführen. Oberbürgermeisterin Kröger sprach von einem komplizierten Planungsprozess, der nur „schwer auszuhalten“ sei, aber Teil der Realität der Planung eines komplett neuen Stadtteils.
Andererseits wurde auch Kritik laut. Etwa von Julia Kristin Pittasch (FDP/Unabhängige), die auf unrealistische Planungen und dem Unverhältnis zwischen geplantem Wohnraum und Sonderbedarfsflächen – für beispielsweise Kleingewerbe – hinwies. „Wir lösen keine Probleme, sondern wir planen sie“, sagte sie im Hinblick auf den ohnehin schon knappen bezahlbaren Wohnraum der Hansestadt. Trotz Bedenken und drohender Kostensteigerungen wurde die Beschlussvorlage schließlich ohne Änderungen angenommen.
Nach seiner Bewilligung durch die Bürgerschaft lag der zweite Bebauungsplan seit dem 27. Oktober der Öffentlichkeit vor. Bis zum 12. Dezember konnten über das Amt für Stadtentwicklung, Stadtplanung und Mobilität entsprechende Stellungnahmen zum Bebauungsplan eingereicht werden. Die Initiative Pütterweg bleibt! plante eine Petition mit der Forderung nach informeller, kooperativer Bürgerbeteiligung am Groten Pohl.
In den zweiten Bebauungsplan flossen ein paar der eingereichten Änderungswünsche und Bedenken aus der Öffentlichkeit mit ein. Der überarbeitete Planentwurf wurde am 7.10. von der Rostocker Bürgerschaft ohne weitere Änderungen mehrheitlich angenommen.10 Ein „Grüner Pohl“ – wie von der Bürgerinneninitiative gefordert – hat allerdings keine Perspektive in der anstehenden Erschließung und konkreten Bauplanung mit Beginn des nächsten Jahres.
Dieser Artikel erschien bereits in Ausgabe 50 von KATAPULT MV, die ihr im Abo oder im Shop bekommen könnt!
- Initiative Kleingärtner Rostock (Hg.): Chronologie – Groter Pohl, auf: i-k-rostock.de. ↩︎
- Hanse- und Universitätsstadt Rostock (Hg.): 2009/BV/0029 Bebauungsplan Nr. 09.SO.162 Sondergebiet „Groter Pohl“ Aufstellungsbeschluss, auf: rostock.de. ↩︎
- Rathaus Rostock (Hg.): Bürgerschaftssitzung vom 17. September, auf: rathaus.rostock.de. ↩︎
- Hinz, Patrick: Kleingartensterben am „Groten Pohl“, auf: katapult-mv.de (31.12.2021). ↩︎
- KGA Pütterweg (Hg.): Antrag auf Bürgerbeteiligung, auf: puetterweg.blogspot.com. ↩︎
- Hanse- und Universitätsstadt Rostock (Hg.): Baumschutz, auf: rathaus.rostock.de. ↩︎
- Hanse- und Universitätsstadt Rostock (Hg.): Bebauungsplan Nr. 12.W.192 „Wohn- und Sondergebiet am Südring“, Grünordnungsplan. ↩︎
- Anfrage per E-Mail an den Islamischen Bund Rostock vom 7.11.25. ↩︎
- Rathaus Rostock (Hg.): Bürgerschaftssitzung vom 17. September, auf: rathaus.rostock.de. ↩︎

