„Klare Kante Zukunft – Für Mensch und Natur in MV“ unter diesem Motto verabschiedeten am Samstag mehr als 100 Delegierte der Grünen MV in Stralsund ihr Programm für die anstehende Landtagswahl im September. Mit den Schwerpunkten Klima- und Umweltschutz möchte die Partei das Bundesland fit für die Zukunft machen. Die Spitzenkandidatin und Bundestagsabgeordnete Claudia Müller betont: „Klimaschutz ist die Chance für MV schlechthin. Es geht beim Klimaschutz darum, Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.“ Dieses Anliegen macht die Partei auch in ihrem Wahlprogramm deutlich, das Ökologieund Soziales umfassend verbindet.
Azubi-Start-Bonus und mehr psychosoziale Beratung an Unis
So möchten die Grünen einen Azubi-Start-Bonus von 1.500 Euro einführen. Das zinsfreie Darlehen muss nach Beendigung der Ausbildung nur von Personen zurückgezahlt werden, die weniger als ein Jahr als Facharbeiter:innen in MV arbeiten. Gerade Berufe mit Fachkräftemangel sollen damit wieder attraktiver werden. Auch Studierende hat die Partei im Blick und fordert eine landesweite Strategie zur Förderung der psychischen Gesundheit sowie den Ausbau psychosozialer Beratungsangebote an allen Hochschulstandorten. Zudem soll das Praktische Jahr im Medizinstudium einheitlich auf Grundlage des aktuellen BAföG-Höchstsatzes (aktuell 992 Euro1) vergütet werden. Des Weiteren möchten MVs Grüne an der Universität Rostock das Jurastudium wieder einführen. Leerstellen im Programm zeigen sich jedoch insbesondere für Personen, die nicht an Universitäten beziehungsweise in akademischen Berufen arbeiten.
Digitalisierung und Sicherheit umfassend gedacht
Mit einem „Einfach-Amt“ für Alle will die Partei die öffentliche Verwaltung in MV verständlich, barrierefrei und bürgernah gestalten – ob beim Onlineantrag oder persönlich vor Ort. Die Digitalisierung begreift die Partei als Schlüsselaufgabe für das Bundesland und fordert dahingehend gleichzeitig weniger Abhängigkeit von globalen Tech-Konzernen. Der Fokus soll stattdessen auf Open Source, offenen Standards und „digitaler Souveränität“ liegen.
Auch der Bereich Sicherheit wird bei den Grünen mehrdimensional gedacht. So fordern sie keine Zusammenarbeit mit Unternehmen wiePalantir Technologies, die Sicherheitsbehörden in intransparente Abhängigkeiten führen würden. Zudem will die Partei eine wissenschaftliche Längsschnittstudie durchführen lassen, die – als Reaktion auf rechtsextremistische Vorkommnisse bei der Landespolizei – Motivationsveränderungen bei den Beamt:innen untersucht. Des Weiteren soll eine einheitliche Definition von Femiziden und eine systematische statistische Erfassung geschlechtsspezifischer Tötungsdelikte in Mecklenburg-Vorpommern eingeführt werden, damit entsprechende Fälle nach einheitlichen Kriterien von Polizei und Staatsanwaltschaften dokumentiert und ausgewertet werden können. Mit der Strategie Vision Zero möchte die Partei Verkehrstote verhindern und setzt dafür unter anderem auf mehr Beleuchtung und Zebrastreifen sowie moderne Ampelanlagen.
Gesellschaft im Fokus
MVs Grüne setzten bei ihren gesellschaftspolitischen Forderungen auf ein Miteinander. So soll eine Rechtsgrundlage für die Einsetzung von Bürger:innenräten auf Landes- und Kommunalebene geschaffen werden. Die Partei plant Bürgerbegehren auf kommunaler Ebene und Volksbegehren auf Landesebene zu vereinfachen.
Aber auch außerhalb der Politik wollen die Grünen die Gesellschaft stärken. So sollen unter anderem mehr Nachbarschaftstreffs entstehen, Mehrgenerationenwohnen gefördert und Armut strukturell bekämpft werden. Durch eine Befreiung von Netzkosten sollen Anwohner:innen von Wind- und Solarparks künftig direkt finanziell von der Energiewende profitieren. Zudem möchte die Partei den Friedhofszwang aufheben, um so ein modernes Bestattungswesen zu ermöglichen, welches die Wünsche und die Würde der Menschen berücksichtigt.
Grüne halten am Klimaziel 2035 fest
Neben überwiegend realpolitischen Forderungen hält die Partei an dem Ziel fest, MV bis 2035 klimaneutral zu gestalten. Ein Punkt, der auch auf der Landesdelegiertenversammlung im Stralsunder Störtebeker Brauquartier für Diskussion sorgte und schließlich in einem symbolpolitischen Zugeständnis an die Grüne Jugend endete. Wohlwissend, dass das Ziel, bis 2035 gänzlich klimaneutral zu werden, unrealistisch ist. Im jüngst beschlossenen Klimaverträglichkeitsgesetz der rot-roten Landesregierung soll MV bis 2045 emissionsfrei werden.2 Der Landtagsabgeordnete Hannes Damm sieht darin ein Nachgeben der Landesregierung aus Angst vor der AfD und unterstrich in seiner Rede: „Die AfD besiegt man mit Mut, mit Chancen und mit Zuversicht. Wir müssen die sein, die mutig sind.“
Wahlumfrage sieht Grüne bei vier Prozent
Zwischen veganen Schnittchen und Kaffee mit Milchersatz zeigten die Delegierten nach außen ein geschlossenes Bild auf dem Parteitag. Eine Notwendigkeit, denn die öffentlichen Streitigkeiten der letzten Monate innerhalb der Landtagsfraktion, die zum Ausschluss Damms aus der Fraktion führten,3 haben der Partei wahrscheinlich ein paar Prozentpunkte gekostet. So liegen die Grünen in MV laut der letzten Umfrage bei lediglich vier Prozent und würden damit den Wiedereinzug in den Landtag knapp verpassen.4
Spitzenkandidatin Müller machte in ihrer Rede deutlich, welche Aufgabe der Partei zukommt: „Wir sind der Stabilitätsfaktor für eine demokratische Mehrheit.“ Sollten es die Grünen wieder in den Landtag schaffen, seien sie bereit, Verantwortung zu übernehmen. Sei es als Teil einer Koalition oder als Mehrheitsbeschaffer:in in einer Minderheitsregierung. Und das ganze ohne „Distanzeritis“ zu demokratischen Parteien, wie Müller betont.
Für ihren Wahlkampf erwarten MVs Grüne tatkräftige Unterstützung von über 50 Partnerverbänden aus ganz Deutschland. Anfang August werden die Wahlkampfunterstützer:innen mit Bussen nach Mecklenburg-Vorpommern reisen. Im Bundesland mit den flächenmäßig größten Wahlkreisen werden sie einiges zu tun haben.
- Studis online (Hg.): BAföG-Höchstsatz 2026, auf: bafoeg-rechner.de (25.1.2026). ↩︎
- Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt (Hg.): Landtag beschließt Klimaverträglichkeitsgesetz, auf: regierung-mv.de (3.6.2025). ↩︎
- Deutschlandfunk (Hg.): Wochenlange Querelen: Grüne schließen Abgeordneten Hannes Damm aus Landtagsfraktion aus, auf: deutschlandfunk.de (20.12.2025). ↩︎
- Zicht, Wilko; Cantow, Matthias: Umfragen Mecklenburg-Vorpommern, auf: wahlrecht.de. ↩︎

