Karte von der Ostsee, in der die Routen von vier Buckelwalen eingezeichnet ist. Die Wale sind Ossi (gesichtet 1978/1979), Bucki (2008), Lotta (2018) und Timmy (2026). Einige Wale, wie Timmy, halten sich nur in der vorderen Ostsee auf. Andere, wie Lotta und Bucki schaffen es auch bis in den Bottnischen oder Finnischen Meerbusen.
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„Es ist eine gute Nachricht, dass mehr Wale in der Ostsee gesichtet werden“

Timmy war keine Ausnahme: Buckelwale besuchen regelmäßig die Ostsee. Manche bleiben monatelang und schwimmen bis in den Bottnischen oder Finnischen Meerbusen. Das zeigt eine historische Auswertung des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund.
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„Timmy“, das mehrfach an der Ostseeküste gestrandete Buckelwal-Weibchen, hielt monatelang Umweltminister Till Backhaus (SPD), Mecklenburg-Vorpommern und ganz Deutschland in Atem. Doch die Meeressäuger sind keine seltenen Gäste in der Ostsee: „Buckelwale sind seit dem 16. Jahrhundert in der Ostsee nachgewiesen“, sagt Dorit Visbeck-Liebers vom Deutschen Meeresmuseum Stralsund.1 Die Kuratorin hat historische Quellen nach Strandungen oder Totfunden von Buckelwalen in der Ostsee durchsucht und festgestellt: Zwischen 1578 und 1851 sind zehn Buckelwale an der Küste der Ostsee gestrandet. Über 100 Jahre lang gab es dann keine Nachweise mehr, bis 1978 „Ossi“ auftauchte.2

Ostsee als Spiegelbild des Walbestandes

Die lange Pause bei den Sichtungen gehe Hand in Hand mit dem industriellen Walfang im Nordatlantik und weltweit ab Mitte des 19. Jahrhunderts. „Die Population war damals fast auf null, alle Bestände wurden bejagt. Deshalb blieben auch die Besuche von Buckelwalen in der Ostsee weitgehend aus“, erklärt Visbeck-Liebers. Mit dem erneuten Anstieg der Walpopulation im Nordatlantik seien auch wieder regelmäßige Sichtungen nachweisbar. Daher seien Wale in der Ostsee kein Grund zur Beunruhigung, sondern „total super“: „Die Ostsee ist ein Spiegelbild der Bestandsveränderungen“, erklärt die Biologin.

Anders als häufig angenommen, bräuchten Buckelwale in der Ostsee keine Hilfe. „Sie können bestens navigieren, auch in flachen Gewässern“, erklärt Visbeck-Liebers. Die Meeressäuger halten sich häufig in Küstengewässern auf und lieben beispielsweise die flachen Fjorde Norwegens. Auch die Ostsee sei für sie ein interessantes Erkundungsgebiet.

Jungwale auf Erkundungstour in der Ostsee

Wale werden mit fünf bis zehn Jahren geschlechtsreif, vorher „hängen sie noch ein bisschen ab“, umschreibt es Visbeck-Liebers. „Es ist ein normales Verhalten höherer Säugetiere: Gebiete erkunden und Erfahrungen sammeln.“ Die Recherchen der Kuratorin zeigen dabei: Die Wale schwimmen nicht nur durch den Öresund, sondern auch durch den Kleinen und Großen Belt in die zentrale Ostsee. Und die Langstreckenschwimmer unter ihnen schaffen es nicht nur bis nach Rügen oder Bornholm, sondern mitunter bis in den Bottnischen und den Finnischen Meerbusen. Dabei finden sie in der Regel auch ohne Hilfe wieder aus der Ostsee heraus. So etwa 2008, als der Buckelwal „Bucki“ eigenständig zurück in den Nordatlantik schwamm.

Auch Nahrung bräuchten die Meeressäuger in der Ostsee keine: Buckelwale aus dem Nordatlantik beispielsweise fressen sich in den Sommermonaten in der Arktis mit kleineren Schwarmfischen und Krill eine dicke Fettschicht an. Von diesen Reserven zehren sie später in den wärmeren Gewässern tropischer Regionen wie der Karibik. „Die fressen dann ein halbes Jahr lang nicht“, so die Biologin. Anders als Schwertwale, die als Jäger regelmäßig Nahrung aufnehmen müssten.

Auch könne man Buckelwale in der Ostsee gar nicht gezielt füttern. Die Meeressäuger ernähren sich, indem sie unter Schwärme kleiner Fische schwimmen und diese beim Auftauchen mit weit geöffnetem Maul durch die Wasseroberfläche treiben. „Ihnen fünf Makrelen vors Maul zu legen, erscheint daher eher lächerlich“, so Visbeck-Liebers.

Künftiger Umgang mit Walstrandungen

Buckelwale kommen also sehr gut in der Ostsee zurecht. Größere Probleme bereiten ihnen die Vermüllung des Binnenmeeres und die intensive Schifffahrt. So komme es zu Verletzungen durch Schiffsschrauben und Kollisionen mit Schiffen. Das größte Problem für Buckelwale in der Ostsee sei jedoch die Fischerei, betont die Biologin. „Die Fischernetze verwandeln die Ostsee in einen Irrgarten. Verheddern oder verfangen sie sich in den Netzen, verletzen oder ersticken sie häufig qualvoll.“

Doch wie sollte aus Sicht der Expertin künftig mit gestrandeten Buckelwalen umgegangen werden? Wenn es sich um einen toten Wal handelt, könne er entweder liegen gelassen werden „oder er kann ausgestellt werden, wie wir das machen“, so Visbeck-Liebers.

„Manche Dinge müssen wir aushalten“

Schwieriger seien Lebendstrandungen. „Das Sterben von so großen Säugetieren ist kein einfacher Prozess“, erklärt die Biologin. Als Beispiel nennt sie einen Wal, der 1883 vor der Küste Schottlands gestrandet war: Sechs Wochen lang habe das Tier überlebt, bis sich die Menschen dazu entschieden, es zu harpunieren. Doch auch das habe lange gedauert und sei ein grausamer Anblick gewesen.

Doch auch eine Bergung des lebenden Tieres scheint keine erfolgversprechende Alternative zu sein: Timmy wurde nur zwei Wochen nach der umstrittenen Rettungsaktion einer privaten Initiative tot vor der dänischen Insel Anholt gefunden. „Manche Dinge müssen wir aushalten“, schlussfolgert Visbeck-Liebers.

Der Text erschien zuerst in unserer Juli-Ausgabe.

  1. Telefonat mit Dorit Visbeck-Liebers am 8.5.2026. ↩︎
  2. Deutsches Meeresmuseum (Hg.): Buckelwale – Gäste in der Ostsee, auf: deutsches-meeresmuseum.de. ↩︎

Autor:in

  • Bild von KATAPULT MV Redakeurin Victoria Flägel

    Rostock-Redakteurin

    überregionale Lokaljournalistin, geschichtengetriebene Datenjournalistin und kinderlose Katzenlady

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