Die Grafik zeigt Orte im Greifswalder Bodden an denen Wissenschaftler des Helmholtz Instituts für One Health antibiotikaresistente Bakterien nachgewiesen haben.
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Infektionsforschung

Bakterien im Bodden

Antibiotikaresistente Keime in der Ostsee. Das klingt erst mal kompliziert und gefährlich. Kompliziert sind sie vielleicht ein bisschen, gefährlich jedoch nicht. Forscher:innen haben solche Bakterien im Greifswalder Bodden gefunden. Fragen, die jetzt folgen, sind aber nicht solche nach einem Badeverbot, sondern nach besseren Wegen der Abwasseraufbereitung.
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Unter antibiotikaresistenten Bakterien versteht man solche, die mit Antibiotika nicht mehr bekämpft werden können. „Antibiotika-Resistenz ist etwas Ursprüngliches“, sagt Katharina Schaufler.1 Sie ist Abteilungsleiterin am Helmholtz-Institut für One Health (HIOH) und Professorin an der Universitätsmedizin in Greifswald. Mikroorganismen müssen sich seit ihrer Entstehung gegen andere Mikroorganismen durchsetzen. Durch den Einsatz von Antibiotika bei Menschen oder Tieren werden empfindliche Bakterien abgetötet, während
resistente Erreger überleben und sich weiter vermehren können, erklärt die promovierte Veterinärmedizinerin vereinfacht. Besonders gefährlich für den Menschen sind jene Erreger, die gegen verschiedene Arten von Antibiotika gewappnet sind. Diese nennt man multiresistent.

Prinzipiell findet man solche multiresistenten Bakterien häufig in unserer Umwelt. Jeder Mensch und jedes Tier kann potenziell Träger davon sein. Besonders Probleme machen die Erreger dann, wenn sie Menschen mit geschwächtem Immunsystem infizieren. Zum Beispiel in Kliniken. Dank der Forschung von Katharina Schaufler und ihren Kolleg:innen weiß man jetzt: Auch im Greifswalder Bodden kommen multiresistente Bakterien vor.

Resistenz bleibt länger als erwartet

Ein Jahr lang hat Schauflers Team Wasserproben an drei Stellen aus dem Greifswalder Bodden entnommen. Überall fanden die Forscher:innen Bakterien der Art Escherichia coli – allerdings in unterschiedlicher Häufigkeit. E. coli ist ein natürlicher Bestandteil der Darmflora und spielt eine wichtige Rolle bei der Verdauung. Die im Bodden gefundenen Stämme von E. coli wiesen jedoch eine besondere Eigenschaft auf: Sie produzierten ein Enzym, das sie resistent gegen Cephalosporin – ein wichtiges Antibiotikum – macht. Zudem sind diese Stämme häufig krankheitserregender als die harmlosen E. coli , die natürlicherweise im Darm vorkommen.

Überraschend war dabei für Schaufler weniger die Anwesenheit der Erreger, sondern vielmehr, dass sie im Wasser – bei eher geringer Antibiotikakonzentration – ihre Resistenzmechanismen noch nicht verloren haben. Eine Resistenz gegen Antibiotika zu besitzen, kostet die Bakterien viel Energie. „Lange sind wir eigentlich davon ausgegangen, dass die Bakterien diesen Mechanismus wieder verlieren, wenn das Antibiotikum weg ist“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Braucht es mehr Reinigung?

Die meisten Nachweise gab es bei Ladebow. Das liegt vermutlich daran, dass dort das gereinigte Wasser aus der Kläranlage eingeleitet wird. Daraus schließt Schaufler: „Eine zusätzliche Reinigungsstufe könnte dazu beitragen, die Belastung von Oberflächengewässern mit resistenten Erregern aus Klärwerken zu reduzieren.“

Die Grafik zeigt wo die Proben mit antibiotikaresistenten E.coli Bakterien im Greifswalder Bodden herkommen.

Drei Reinigungsstufen sind aktuell Standard in deutschen Klärwerken. So auch in Greifswald. Eine vierte Reinigungsstufe kann zusätzlich zur bisherigen Filterleistung auch verschiedene Spurenstoffe herausfiltern. Dazu gehören beispielsweise Rückstände von Arzneimitteln, Kosmetika oder eben multiresistente Keime. Diese Reinigungsstufe kann unterschiedlich gestaltet sein. Dabei kommt zum Beispiel Aktivkohle zum Einsatz, an deren Oberfläche sich die Spurenstoffe ablagern.2

Welche Auswirkungen die antibiotikaresistenten Keime auf das Ökosystem der Ostsee haben, ist nicht bekannt. Was allerdings bekannt ist: Eine vierte Reinigungsstufe kostet zusätzlich Geld. Wann und ob das Greifswalder Klärwerk eine vierte Stufe bekommt, steht noch nicht fest.

Die Grafik zeigt, wo es in Deutschalnd Klärwerke mit einer vierten Reinigungsstufe gibt.

Baden bleibt sicher

Auch am Strandbad Eldena konnten multiresistente E.-coli-Bakterien nachgewiesen werden. Schaufler gibt aber direkt Entwarnung: „Für Menschen mit intaktem Immunsystem ist das Baden ungefährlich. Selbst wenn wir da einen Schluck Wasser nehmen, kann unser Körper das in der Regel problemlos bewältigen.“ Geht man allerdings mit großen offenen Wunden ins Wasser, könnte es theoretisch zu Infektionen kommen. „Allerdings stellt sich die Frage,
wie häufig eine solche Situation tatsächlich vorkommt“, so die Wissenschaftlerin.

Ganz allgemein sollen ihre Forschungsergebnisse keine Panik verursachen. Vielmehr gehe es Schaufler darum, die Bevölkerung aufzuklären: „Wir planen eine Lernroute an verschiedenen Stellen des Greifswalder Boddens und auch hier bei uns am Institut.“ Ihr ist es wichtig, die Menschen aktiv einzubeziehen, denn nur so könne eine Diskussion über politische Maßnahmen wie beispielsweise die Einführung einer vierten Reinigungsstufe geführt werden.

Was ist das Helmholtz-Institut für One Health?

Das Helmholtz-Institut für One Health (HIOH) wurde 2021 in Greifswald als Außenstelle des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung gegründet. One Health bezeichnet dabei einen Ansatz, nach dem die Gesundheit von Menschen, Tieren und der Umwelt als untrennbares Ganzes zu verstehen ist. Wissenschaftler:innen verschiedener Disziplinen wie Veterinärmedizin, Ökologie und Humanmedizin forschen am Institut deshalb gemeinsam an Fragestellungen zur Pandemievorsorge. Obwohl es den Ansatz seit Jahrzehnten gibt, ist er im Zuge der Corona-Pandemie stärker in den Fokus gerückt. Das HIOH arbeitet eng mit der Universität und Universitätsmedizin Greifswald und dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit Greifswald-Riems zusammen.3

  1. Telefonat mit Katharina Schaufler am 13.1.2025. ↩︎
  2. Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (Hg.): Vierte Reinigungsstufe zur Spurenstoffelimination, auf: hlnug.de. ↩︎
  3. helmholtz-hioh.de. ↩︎

Autor:in

  • Porträt von Lilly Biedermann Redakteurin Katapult MV in Greifswald

    Redakteurin in Greifswald

    Geboren und aufgewachsen in Sachsen. Ist zum Studieren vom tiefen Osten in den kalten Osten nach Greifswald gezogen.

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