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Krieg in der Ukraine

Die Grenzen des Ehrenamts

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Einen Tag nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine sind die 25 ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen rund um die Initiative „Greifswald solidarisch“ aktiv: Sie sammeln Spenden, organisieren Transporte an die Grenze, koordinieren Hilfsangebote anderer Freiwilliger, suchen Übersetzer:innen und Unterkünfte für Geflüchtete. Das machen sie nun schon gut anderthalb Wochen. Von morgens bis abends sei man ohne Pausen unterwegs, heißt es von der Initiative. Hinzu komme die emotionale Herausforderung. Jetzt stoßen viele von ihnen an ihre Belastungsgrenze: „Helfende brechen in Tränen aus und können einfach nicht mehr.“
In einem offenen Brief an Greifswalds Oberbürgermeister Stefan Fassbinder (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und Landrat Michael Sack (CDU) fordern sie deshalb schnelle Hilfe, um weiterhin selbst helfen zu können.

Unter der Woche läuft’s, am Wochenende nicht

In dem Brief kritisieren sie nicht die gesamte Zusammenarbeit. So laufe es an den Werktagen relativ gut. An den Wochenenden sei man jedoch auf sich allein gestellt, erreiche niemanden – sowohl in der Stadtverwaltung als auch im Landkreis. Dagegen gebe es für Geflüchtete weder einen freien Tag, noch im Krieg einen Feierabend. „Wir haben gehofft, dass die Stadt unsere Arbeit in die Hand nimmt und wir weiterhin mithelfen können, ohne überfordert zu sein.“ Mit der Stadt gebe es dazu bereits Gespräche, heißt es auf Nachfrage. Von den anderen Parteien gab es bislang noch keine Rückmeldung.

Mehr offizielle Strukturen nötig

Von der Initiative kommt jedoch nicht nur Kritik. Im Brief präsentieren sie auch konkrete Ideen für eine bessere Strukturierung. Unter anderem sollen Taxifahrer:innen und Polizeibeamt:innen an den Bahnhöfen als Ansprechpartner:innen für ankommende Geflüchtete agieren, auch ein Willkommenszentrum sollte eingerichtet werden.

Vom Landkreis wünschen sie sich ein Bereitschaftstelefon, um auch kurzfristige Fragen klären zu können, und zudem regelmäßige Absprachen.

Dem Land fehle dem Brief zufolge ebenfalls ein umfassendes Netzwerk für eine bessere Koordination, auch um den Überblick zu behalten.

In Rostock sieht es ähnlich aus

Die Initiative „Rostock hilft“ kann die Probleme zum Teil bestätigen. Vor allem die durchgehend starke Belastung der Ehrenamtlichen beobachtet auch sie. Rund 400 stehen auf einer Kontaktliste bereit, erzählt eine Mitarbeiterin. Aber auch hier könnte die Erreichbarkeit der Ämter und Landkreise – besonders an den Wochenenden – besser sein. Sie selbst habe eine Wochenendschicht hinter sich. Auch da habe das Telefon nun einmal auch abends geklingelt, weil Unterkünfte voll waren.

Bisher konnte die Initiative 300 Menschen eine Bleibe vermitteln. Dass auch die Ämter derzeit stark überlastet sind, versteht sie. Mit dem Amt für Sport und Ehrenamt laufe die Zusammenarbeit aber sehr gut. Auch kleinere Städte aus dem Umland, wie Bützow, Graal-Müritz und Barth seien sehr zuvorkommend und böten schnell Unterkünfte an.

Um die Ehrenamtlichen nicht weiterhin zu stark zu überlasten, hat „Rostock hilft“ ein Schichtsystem entwickelt. Denn es müsse jedem klar sein, dass es so noch eine Weile weitergehen wird. Nach der Fluchtbewegung aus der Ukraine werde die aus Russland folgen, schätzt die Initiative.

So braucht es eben auch langfristig eine gute Zusammenarbeit zwischen Regierung, Landkreisen, Ämtern und den zahlreichen ehrenamtlichen Helfer:innen. Denn ohne Letztere – so sind sich alle einig – würde es nicht funktionieren.

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Fußnoten

  1. Stand 9.3.2022.

Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

Ist in Greifswald geboren, hat in Augsburg studiert und zog für den Lokaljournalismus wieder zurück nach Meck-Vorp.

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