Zum Inhalt springen

Maritime Wirtschaft

Die Insolvenzgeschichte von MVs Werften

Von

Artikel teilen

MV kann standortbedingt mit vielen Werften glänzen: Die größten liegen in Wolgast, Stralsund, Rostock und Warnemünde und Wismar.

Neptun-Werft

Die älteste Werft war dabei die Neptun-Werft in Rostock-Warnemünde. 1850 gegründet, hat sie über 170 Jahre Werftgeschichte hinter sich. Und ja – auch schon ein Insolvenzverfahren. Nach dem Ende der DDR wurde sie wie auch alle anderen ostdeutschen Werften privatisiert. In diesem Fall übernahm die Bremer Vulkan-Werft AG den Standort, wie auch weitere im Land. Das Unternehmen ging wenige Jahre später insolvent. Infolgedessen wurde der Standort 1997 von der Meyer-Gruppe aus Papenburg (Niedersachsen) übernommen.

Warnowwerft

Eine weitere Werft in Rostock-Warnemünde – die ehemalige Wadan-Werft oder auch Warnowwerft – musste 2009 Insolvenz beantragen. Dabei kommen einem Geschichte und Ablauf ziemlich bekannt vor: Die Warnowwerft wurde ebenso wie die Neptun-Werft nach dem Ende der DDR privatisiert und kam in den Besitz des norwegischen Unternehmens Kvaerner. 2002 schloss sich der ebenfalls norwegische Betrieb Aker dem Unternehmen an, der bereits die Werft in Wismar besaß. Neuer gemeinsamer Name war Aker Ostsee. 2008 gingen die Werften dann zum russischen Unternehmen Wadan Yards über, nachdem dieses für rund 292 Millionen Euro 80 Prozent der Firmenanteile gekauft hatte. Die Weiterentwicklung der Werftstandorte wurde von Bund und Land mit über 220 Millionen Euro Krediten und Bürgschaften mitfinanziert. Dennoch geriet das Unternehmen in finanzielle Schieflage. In mehreren Krisengesprächen verlangte der Eigner Andrej Burlakow weitere kurzfristige Staatshilfen von mehreren Millionen Euro, war jedoch nicht bereit, einen Eigenanteil zu leisten. Somit beendete die Landesregierung ihre Hilfszahlungen. Die Werftstandorte von Wadan mussten Insolvenz anmelden. Übrigens ebenfalls beim Schweriner Amtsgericht. Die rund 2.700 Mitarbeiter:innen und zahlreiche Zulieferfirmen standen vor dem Aus. Und auch die Schuldzuweisungen ähneln dem aktuellen Geschehen rund um die MV-Werften-Insolvenz: Der damalige Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) äußerte sich verärgert, dass die Eigentümer die Werften im Stich gelassen hätten. Und auch Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) sagte damals: „Mecklenburg-Vorpommern hat nach besten Kräften geholfen. Jetzt sind die Eigentümer in der Pflicht, ihren Beitrag zu leisten.“ Für das damalige Insolvenzverfahren wurde der Schweriner Anwalt Marc Odebrecht eingesetzt. Es wurde ein Konzept entwickelt und ein neuer Eigentümer gefunden. Und zwar der damalige Leiter des Moskauer Nordstream-Büros, Witali Jussufow, Sohn des früheren russischen Energieministers und Gazprom-Aufsichtsrats Igor Jussufow. Die Werften wurden fortan unter dem Namen Nordic Yards geführt. Das Unternehmen übernahm 2014 dann noch die insolvente Stralsunder Werft. Alle drei Standorte wurden schließlich 2016 vom Genting-Konzern für 230,6 Millionen Euro übernommen.

Peene-Werft und Stralsunder Werft

Ebenfalls in die Insolvenz begeben musste sich 2012 die Wolgaster Peene-Werft: Der damalige Betreiber, die P+S-Werften, die neben Wolgast auch den Standort Stralsund innehatten, mussten aufgeben. Zuvor wurden Hilfen von Land und Bund von geplanten 152 Millionen Euro gestoppt. Wegen Zahlungsproblemen des Unternehmens wurden nur knapp 70 Millionen Euro ausgezahlt. Ein Insolvenzantrag ging Ende August 2012 beim Stralsunder Amtsgericht ein. Die noch ausstehenden Löhne für die rund 1.750 Mitarbeiter:innen wurden von der Agentur für Arbeit als Insolvenzgeld nachgezahlt. Knapp drei Viertel der Belegschaft wurden in Transfergesellschaften vermittelt. 2013 wurde der Wolgaster Werftstandort dann von der Lürssen-Werft aus Bremen übernommen. Für weniger als 20 Millionen Euro.

Damit sehen sich drei der vier genannten Werftstandorte auch heute wieder mit einer Insolvenz konfrontiert. Ausgang offen.

Aktuell acht Insolvenzanträge der MV-Werften

Im aktuellen Fall der Pleite der MV-Werften sind nach Angaben des Schweriner Gerichts insgesamt acht Anträge eingereicht worden: Sie betreffen die MV Werften Holdings Limited sowie sieben Tochterfirmen in Wismar, Rostock und Stralsund. Nach einer Zulässigkeitsprüfung sollen sie gebündelt von einem Insolvenzverwalter bearbeitet werden. Dieser sei noch nicht benannt worden. Laut dem Geschäftsführer der IG Metall Lübeck-Wismar, Henning Groskreutz, müsse dieser aber so schnell wie möglich eingesetzt werden. Er hofft, dass das noch bis Ende dieser Woche passiert.

MV braucht mehr als nur eine Zeitung pro Region. Holt euch ein KATAPULT-MV-Abo!

Schon 5.238 Abonnent:innen

189,3 %

🎉 Ziel I:

19.000 Euro

Ziel II: 57.000 Euro

(11.400 Original-Abos)

Fußnoten

  1. Stiftung Familienunternehmen (Hg.): Industrielle Familienunternehmen in Ostdeutschland, auf: familienunternehmen.de (2019), S. 102.
  2. Welt (Hg.): Wadan-Werften in Wismar und Rostock gehen pleite, auf: welt.de (5.6.2009).
  3. Büttner, Grit: Millionenverluste durch Werftenpleite, auf: nnn.de (16.1.2013).
  4. Focus Money Online (Hg.): P+S-Werften stellen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Stralsund, auf: focus.de (19.11.2013).
  5. Handelsblatt (Hg.): P+S Werften gehen getrennte Wege, auf: handelsblatt.com (17.12.2012).

Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

Neueste Artikel

Versuchsreaktor Wendelstein 7-X geht in den Dauerbetrieb

Kernfusion als künftige Energiequelle? Das soll mit dem deutschen Versuchsreaktor Wendelstein 7-X in Greifswald weiter vorangetrieben werden. Letzte Ergänzungen wurden bis Ende 2021 abgeschlossen, um dann in den Dauerbetrieb gehen zu können – zumindest für 30 Minuten. Aber wie viel Potenzial hat die Kernfusion überhaupt?

Gegenwind für Anti-Corona-Demos nimmt zu

Gestern fanden in MV wieder vielerorts Demonstrationen gegen die Corona-Politik und sogenannte Spaziergänge statt. Es gibt jedoch zunehmend Gegenproteste. KATAPULT MV hat für euch die Demos in Rostock, Güstrow, Neubrandenburg, Anklam, Schwerin und Greifswald begleitet.

Planungssicherheit? Fehlanzeige

Erst zu, dann wieder auf, dann wieder zu. Und das alles innerhalb von zwei Wochen. Ein entnervendes Hin und Her für die Kinobranche Mecklenburg-Vorpommerns. Vergangene Woche versicherte nun Kulturministerin Bettina Martin, an einem Öffnungskonzept für die Kultur – Kinos inbegriffen – zu arbeiten. Jedoch solle erst ein Brechen der Omikron-Welle abgewartet werden.