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Gesundheitsversorgung

Im Notfall Grenzen überwinden

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Noch vor vier Jahren wurden Notfallpatient:innen, die von Polen über die Grenze nach Meck-Vorp gebracht werden mussten, von einem polnischen in einen deutschen Rettungswagen umgelagert. Das führte in vielen Fällen zu deutlichem Zeitverlust in zum Teil lebensbedrohlichen Situationen, sagt Dr. Lutz Fischer, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes des Landkreises Vorpommern-Greifswald und Mitinitiator des Projekts.

Für einen Rettungseinsatz über die Grenzen zum Nachbarland hinweg fehlten bislang die nötigen rechtlichen Grundlagen. Polnische Rettungskräfte müssen sich zum Beispiel selbst versichern. Wie sich ihre Haftung auf deutschem Boden verhält, war lange unklar. Auch haben Sanitäter:innen in Polen größere Kompetenzen. Sie können – anders als deutsche Sanitäter:innen – auch ohne Notarzt zum Beispiel Betäubungsmittel oder bestimmte Medikamente verabreichen. Sobald sie aber Patient:innen über die Grenze in ein deutsches Krankenhaus bringen, gilt das hiesige Betäubungsmittelgesetz. Dieses müsste also dringend geändert werden, damit alle Sanitäter:innen in einer Notfallsituation schnell helfen können, fordert Fischer. Die zumeist ländlichen Regionen beiderseits der Grenze erfordern eine engere Verflechtung der Gesundheitssysteme. Das machen Notfalleinsätze immer wieder deutlich.

So habe es zuletzt am vergangenen Wochenende einen grenzüberschreitenden Einsatz gegeben, erzählt Grzegorz Dolata von der Rettungsstation im polnischen Międzyzdroje (Misdroy). Polnische Einsatzkräfte brachten einen Mann mit einer Beinverletzung ins 30 Kilometer entfernte Klinikum nach Schwedt, anstatt ihn – wie eigentlich vorgeschrieben – ins 80 Kilometer entfernte Krankenhaus in Szczecin (Stettin). Einen ähnlichen Fall habe es zuvor auch auf deutscher Seite mit einem Herzinfarktpatienten in Hintersee gegeben, berichtet Dr. Fischer. Er wurde nicht ins 97,6 Kilometer entfernte Greifswald gebracht, sondern für eine schnellere Behandlung über die Grenze ins 33,6 Kilometer entfernte Szczecin. Solche Bedarfe würden weiter steigen, sagen Fischer und Dolata.

Das Forschungsprojekt InGRiP

Dass sie nun grundsätzlich auch rechtlich möglich sind, hat das Pilotprojekt für einen „Integrierten grenzüberschreitenden Rettungsdienst Pomerania/Brandenburg“ (InGRiP) auf den Weg gebracht. Initiiert wurde es von der Klinik für Anästhesiologie an der Universitätsmedizin Greifswald und dem Landkreis Vorpommern-Greifswald. Gemeinsam mit der Greifswalder Universität, dem brandenburgischen Rettungsdienst Märkisch-Oderland, der polnischen Woiwodschaft Zachodniopomorskie (Westpommern) sowie der polnischen und deutschen Luftrettung wurde in den letzten vier Jahren versucht, die Rechtsgrundlagen zu vereinfachen, die Zusammenarbeit zu fördern und infrastrukturelle Probleme herauszufinden und zu lösen. Beteiligt waren daran auch insgesamt 57 deutsche und polnische Rettungssanitäter:innen und Ärzt:innen. Gefördert wurde das Projekt vom Wirtschaftsministerium MV aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung mit rund zwei Millionen Euro. 15 Prozent der Kosten, also rund 355.000 Euro, trugen die Projektpartner.

Ziel war es, dass deutsche und polnische Rettungskräfte bei Bedarf zukünftig auch auf der jeweils anderen Seite der Grenze tätig werden können. Patient:innen sollen ohne Zeitverzug und unabhängig vom Grenzverlauf medizinisch versorgt werden zu können.

Sprachbarrieren abbauen, Zusammenarbeit fördern

Um langfristig einen gemeinsamen Rettungsdienst zu etablieren, müssen Ärzt:innen und Sanitäter:innen die Möglichkeit haben, die jeweils andere Sprache zu lernen. Im Rahmen des Projekts wurde dafür im polnischen Międzyzdroje ein Simulationszentrum für Notfalleinsätze gebaut. Laut Grzegorz Dolata, Projektkoordinator von der woiwodschaftlichen Rettungsstation, ist es das einzige in Polen. Dort wurden Sprachkurse angeboten, in denen auch Fachbegriffe abgestimmt und gemeinsam Leitlinien für eine grenzüberschreitende medizinische Versorgung erarbeitet wurden. Außerdem konnten im Simulationszentrum deutsche und polnische Rettungskräfte Notfallübungen trainieren. Zusätzlich haben Mitarbeiter:innen des Lehrstuhls für Slawistik an der Universität Greifswald eine E-Learning-Plattform entwickelt. Die habe besonders in den Lockdownphasen der Corona-Pandemie geholfen, die Kommunikation in Tandems aufrechtzuerhalten, sagt Sprachdozentin Dorota Orsson. In dem Simulationszentrum sollen auch nach dem Ende des Pilotprojekts deutsche und polnische Rettungsdienste geschult werden.

Einen weiteren Gewinn konnte das Projekt in Sachen rechtliche Rahmenbedingungen erzielen, betont Dr. Fischer. So wurde vor einem Jahr ein Kooperationsvertrag zwischen dem Landkreis Vorpommern-Greifswald und der Woiwodschaft Zachodniopomorskie unterzeichnet worden, der genaue Einsatzgebiete, Alarmierungswege sowie Haftungs- und Kostenpunkte deutlich formuliert und rechtlich absichert. Damit sind Rettungskräfte im jeweiligen Nachbarland während ihrer Einsätze versichert, können Patient:innen in Krankenhäuser transportieren und die Rettungswagen dürfen Sondersignale verwenden.

Das sei ein großer Schritt in Richtung eines abgesicherten und strukturierten grenzüberschreitenden Rettungsdienstes, betonten die Projektpartner auf der Abschlusspressekonferenz am Dienstag in Greifswald. Noch immer seien aber nicht alle Hürden überwunden.

Probleme bei Kommunikation und Luftrettung bleiben

Nach wie vor dringend verbessert werden müssten die Infrastruktur und Kommunikation, so Dr. Fischer. Zum Beispiel gibt es beim Datenschutz noch keine Einigung. In Deutschland und Polen bestünden unterschiedliche Ansichten, wie mit Patientenakten umgegangen werden solle. Daher werden bei grenzüberschreitenden Notfällen die Rettungsdienste per Fax alarmiert.

Laut Koordinatorin Orsson hätten die Teilnehmer:innen der Sprachkurse zum Teil Sorge, die gelernte Sprache wieder zu vergessen, wenn nicht kontinuierlich geübt werde. Das sei im Berufsalltag der Notfallrettung sehr schwer. Weitere Schulungen zur Verbesserung der interkulturellen Kommunikation solle es aber geben, betonen alle Projektpartner.

Was ebenfalls noch fehle, sei eine grenzübergreifende Luftrettung, sagt Florian Reifferscheid von der DRF-Luftrettung: „Nach Vereinbarungen am Boden braucht es auch eine in der Luft.“ 2019 gab es dazu eine Konferenz in Szczecin, auf der grundlegende Fragen, wie luftfahrtrechtliche Aspekte, Finanzierung und Koordination formuliert wurden. Wie wird kommuniziert? Wie werden Dokumente, wie Einsatzprotokolle oder Akten, weitergegeben? Die Umsetzung sei noch offen, so Reifferscheid. Eine grenzüberschreitende Rettung aus der Luft sei aber der nächste dringende Schritt hin zu einer besseren Notfallversorgung.

Nach Angaben des Landkreises Vorpommern-Greifswald werde der demografische Wandel, die grenzüberschreitenden gesellschaftlichen Verflechtungen und der wachsende Tourismus im Grenzgebiet, wie etwa auf Usedom, zu einem Anstieg medizinischer Notfälle führen. Das Pilotprojekt habe zumindest gezeigt, dass es funktionieren kann, so Vizelandrat Dietger Wille (CDU). Das sei schon ein großer Erfolg. Nun müsse man weiter daran arbeiten.

Dass es möglich ist, zeigen bereits bestehende Kooperationen in anderen Regionen  – etwa zwischen Deutschland und den Niederlanden sowie Österreich und der Schweiz. Dort bestehen grenzüberschreitende Rettungsdienste zum Teil schon seit Jahrzehnten.

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