Kirche ist politisch und als Projektträgerin für Demokratiebildung gefragter denn je. Die Evangelische Jugend Mecklenburg will sich aufgrund aktueller politischer Entwicklungen noch klarer positionieren und daran erinnern, dass das gemeinschaftlich vorgelebte Menschenbild über die zukünftige Politik und eine faire Gesellschaft entscheidet. KATAPULT MV hat mit Vertreter:innen der Nordkirche und des Evangelischen Kinder- und Jugendwerks über ein gewagt-aussagekräftiges Banner gesprochen.
Der Umriss einer Kirche, charakteristisch mit Turm und Schiff, gefüllt mit den Regenbogenfarben und umkreist vom Schriftzug „Antifaschistische Kirchen“. Seit vergangenem Jahr fällt das Banner mit Signalwirkung in Rostock und Mecklenburg auf und provoziert auch innerhalb der Kirche. Einerseits werde das Wort „antifaschistisch“ oftmals mit radikalen, gewaltbereiten Strömungen verknüpft, reflektieren Janne-Marije Bork – Referentin für die Arbeit mit Jugendlichen – und Johannes Beykirch – Referent für Kinder- und Jugendpolitik vom Evangelischen Kinder- und Jugendwerk Mecklenburg (EJM). Andererseits störten sich Konservative an den Regenbogenfarben und der damit verbundenen Solidarität mit queerem Leben. Die jungen Christ:innen der mecklenburgischen Jugendvertretung seien aber weder radikal noch gewaltbereit, sondern verträten ihre unmissverständliche Position gegenüber einem immer lauter werdenden Faschismus. Mit klarem Bekenntnis zu Menschenwürde und Vielfalt. Auslöser der Banneridee war das politische Verhalten der Union kurz vor der vorgezogenen Bundestagswahl – insbesondere Friedrich Merz’ Abstimmung mit der AfD im Bundestag.
„Im Grunde ist es auch die Zuspitzung von vielen Kampagnen, die es schon gegeben hat“, erinnert Karl-Georg Ohse, Projektleiter von Kirche stärkt Demokratie des Kirchenkreises Mecklenburg. „Es gab schon Unser Kreuz hat keine Haken, Unser Kreuz hat alle Farben, Die Würde des Menschen ist unantastbar, Nächstenliebe verlangt Klarheit. Aber das Motiv der Antifaschistischen Kirchen lädt natürlich auch binnenkirchlich zu Diskussionen ein.“ Ein festes Netzwerk von Kirchen oder kirchlichen Trägerschaften, die sich als antifaschistische Kirchen zusammengetan haben, existiert allerdings nicht. Vielmehr handelt es sich um ein freies Symbol, das jede:r sich auf die Fahnen schreiben und selbst gestalten kann.
Unter anderem verwendeten bereits im Jahr 2024 kirchliche Initiator:innen den Begriff der antifaschistischen Kirchen für eine bundesweite Petition, die sich an Kirchenleitungen und Führungskräfte der Hilfswerke Diakonie und Caritas richtete. Das Ziel der Kampagne mit dem Titel Nächstenliebe verlangt Klarheit – antifaschistische Kirchen jetzt! war unter anderem der Ausschluss von Kirchenamtsträger:innen mit AfD-Mitgliedschaft.1 Die tausendfach unterzeichnete Petition hatte Erfolg: So positionierte sich die Synode der Evangelischen Kirchen Deutschlands öffentlich gegen die Politik der AfD. Der Brandenburger AfD-Kommunalpolitiker Henry Preuß aus dem Kreis Ostprignitz-Ruppin verlor daraufhin seine Kirchenämter.2 Eine weitere Kampagne der Antifaschistischen Kirchen zum AfD-Verbotsverfahren begann im Mai 2025.
„Wenn wir uns zurückziehen, wer springt dann in die Lücke?“
In Mecklenburg-Vorpommern besteht laut den Vertreter:innen des EJM dringender Handlungsbedarf. Der Jugendverband beschreibt, wie rechte Strukturen seit der Coronapandemie spürbar Zulauf bekommen haben. Johannes Beykirch erinnert sich an die Jugendarbeit während ungewisser Lockdown-Zeiten, als es strenge Auflagen bezüglich der Schließungen sozialer Räume gab. Für viele Jugendliche eine besonders schwierige Zeit. „Die rechten Räume waren aber einfach offen, die waren nicht als Jugendklub gekennzeichnet, sondern die waren dann einfach ein Ort, an dem man sich treffen und Anschluss finden konnte. So wurden junge Menschen für faschistische Ideen eingefangen.“ Auch in den Sozialen Medien seien diese rechten Strukturen in MV nach wie vor viel präsenter als die Kirche. Gerade deshalb müsse kirchliche Jugendarbeit heute mehr denn je bündnisfähig sein und Haltung zeigen, Räume für demokratische Bildung und gesellschaftliche Teilhabe bieten – Lücken schließen.
Die Schwerpunkte Menschenbild und Haltung nehmen seitdem in der Arbeit des Jugendverbandes deutlich mehr Raum ein. Überforderte Lehrer:innen und Schulen fragen bei kirchlichen Trägerschaften gezielt nach Unterstützung, um menschenfeindlichen Ansichten etwas entgegenzusetzen – das Thema Demokratiepädagogik sei ein immer wichtiger werdender Bestandteil kirchlicher Jugendarbeit, so Janne-Marije Bork. Es bräuchte viel mehr dialogorientierte Beziehungsarbeit mit jungen Menschen, doch die Mittel und Ressourcen reichen nicht aus. Die Akteur:innen des EJM sind sich jedoch sicher: „Wenn es einen Willen gäbe, dem etwas entgegenzusetzen und die Mittel dafür bereitzustellen, dann wäre das auch möglich.“
Nur Dialogbereitschaft schafft Dialog
Das Evangelische Jugendwerk und die Nordkirche organisieren regelmäßig Workshops zur Demokratiebildung, Fahrten zu Gedenkstätten und Gesprächsrunden zur Auseinandersetzung mit der schmerzhaften Kirchengeschichte des Dritten Reichs. Im Rahmen der regelmäßig stattfindenden ökumenischen Andacht in der Schlosskirche Schwerin besuchten die Referent:innen gemeinsam mit Jugendlichen den Landtag, um einmal mitzubekommen, wie Politiker:innen debattieren. Eine Erfahrung, die für die jungen Menschen sehr wertvoll sei und im Grunde allen gewährt werden sollte, meint Janne-Marije Bork. Dass es diese Bildungsarbeit und Zeit braucht, erlebt auch Karl-Georg Ohse regelmäßig im Dialog, in dem versucht wird, unterschiedliche Positionen gewaltfrei an einen Tisch zu bringen: „Wir merken, dass sehr viel unbearbeitete DDR- und NS-Geschichte vorhanden ist. Dazu gehört auch das Fremdeln mit der Demokratie und das Empören über politische Entscheidungen – alles anhand der biografischen Erlebnisse.“
Der dialogorientierte Ansatz des EJM stößt allerdings dort an seine Grenzen, wo die Referent:innen keine Dialogbereitschaft wahrnehmen. Im Umgang mit der AfD eine besondere Herausforderung, wie Beykirch hervorhebt, denn „‚unser Kreuz hat alle Farben‘ bedeutet ja auch, dass die Farbe Blau (Anm. d. Red.: die Parteifarbe der AfD) dazugehört“. Wie also ins Gespräch kommen, wie miteinander reden? Für das Team des Jugendverbandes mittlerweile eine klare Sache: „Gespräche sind da möglich, wo es Dialogbereitschaft auf beiden Seiten gibt. Unser Eindruck ist nicht, dass es den Politiker:innen der AfD um eine Auseinandersetzung über Inhalte geht, sondern dass sie nur platzieren wollen, was ihrem Deutungsrahmen entspricht. Wenn sie das so ungefiltert vor jungen Menschen tun, können wir das nicht auffangen, weil wir da keine Dialogbereitschaft erkennen.“
Glaube, Liebe, Jugendarbeit
Das Team des Evangelischen Kinder- und Jugendwerks Mecklenburg bleibt hoffnungsvoll – trotz Gegenwind und innerkirchlicher Differenzen sind es gerade die jungen Menschen, die den Beteiligten Hoffnung geben. Moritz, der sein freiwilliges soziales Jahr beim EJM absolviert, betont, dass er Kirche nie anders kennengelernt habe als antifaschistisch und queerfreundlich – tolerant eben. Dass Jugendarbeit etwas bewirken kann, erfahren die Referent:innen und ehrenamtlichen Jugendleiter:innen regelmäßig, beispielsweise auf Freizeitfahrten, wo junge Menschen den Raum bekommen, sich selbst auszuprobieren und Entscheidungsprozesse miteinander auszuhandeln.

Das Banner jedenfalls habe bereits Wirkung gezeigt: bei Veranstaltungen, auf Demos für Demokratie und zuletzt auf dem Festival Fette Weide in Tempzin.
Wäre Jesus ein Antifaschist gewesen? „Einerseits könnte man das so sagen, denn er war ein Menschenfreund“, schlussfolgert Johannes Beykirch. „Und selbst wenn er kein Antifaschist in unserem modernen Sinne war, so war er doch ein Revolutionär, der auf die Gesellschaft geschaut hat, mit Blick für die, die am Rand standen und Verachtung erfahren haben. Diejenigen hat er in die Mitte geholt und das ist auch unser Weg – dass keine:r verlorengeht.“
- Antifaschistische Kirchen (Hg.): Nächstenliebe verlangt Klarheit – Antifaschistische Kirche jetzt!, auf: weact.campact.de. ↩︎
- RBB24 (Hg.): AfD-Kommunalpolitiker Preuß verliert Kirchenämter, auf: rbb24.de (21.8.2024). ↩︎

