Das Bündnis Zusammen bewegen will die demokratische Mehrheit in Mecklenburg-Vorpommern sichtbar machen und sich für ein „gutes Leben für alle“ einsetzen. Dabei versteht sich die landesweite Initiative als parteiunabhängige Plattform für eine starke Zivilgesellschaft, die Halt geben und soziale Teilhabe ermöglichen soll. Wie funktioniert das?
Seit dem vergangenen Jahr entsteht eine zügig wachsende Bewegung engagierter Menschen, Vereine und Sozialverbände aus Mecklenburg-Vorpommern. Zum aktuellen Zeitpunkt sind bereits mehr als 350 Akteur:innen aus allen Teilen des Landes beteiligt. Der Bedarf sei groß, besonders im Hinblick auf die anstehende Landtagswahl im September. „Den Leuten ist klar, dass sich vieles verändern könnte“, sagt Pressesprecherin Ina Gross. Ziel sei es deshalb, langfristig etwas aufzubauen, das die Landtagswahl überdauert – ganz gleich, wie diese ausgehen wird. Der öffentliche Startschuss der Kampagne fand mit einem landesweiten Aktionstag am 28. Februar statt.

Der kleinste gemeinsame Nenner
„Viele Menschen erleben, dass ihr Alltag komplizierter wird und sichere Strukturen wegfallen“, beschreibt Katharina Schlaak von Zusammen bewegen den Antrieb zur Gründung des Bündnisses. Die Engagierten, die sich an dem Zusammenschluss beteiligen, wünschen sich, wegzukommen von polarisierenden oder hetzenden Parolen und stattdessen den Ton im Land positiver und konstruktiv zu gestalten. Nicht immer nur „dagegen“ zu sein, sondern zu zeigen, dass es viele Ideen und Initiativen gibt, die bereits als Positivbeispiele die Gesellschaft prägen, erklärt Pressesprecherin Gross den kleinsten gemeinsamen Nenner des wahrscheinlich größten zivilgesellschaftlichen Bündnisses in MV. Dadurch soll vielen Menschen im Land ein einfacher Anschluss ermöglicht werden.
Einige solcher Positivbeispiele gebe es bereits im Bereich Soziales, Sport, Kultur und Bildung. In MV seien es Tausende Vereine und Projekte, die vielen unterschiedlichen Menschen im Land notwendige Räume und Halt geben und nun mehr und mehr miteinander kooperieren wollen. Durch die Vernetzungsarbeit von Zusammen bewegen werden kleine wie große bestehende Projekte und Initiativen gebündelt und sichtbarer gemacht, um sich gegenseitig zu stärken.
Hilfe zur Selbsthilfe
Denn durch kommunale Haushaltspläne und deren Kürzungen im sozialen Bereich seien zentrale Angebote zunehmend gefährdet, ebenso wie zahlreiche freiwillige Leistungen – von Begegnungsstätten über Jugendsozialarbeit bis hin zu niedrigschwelligen Hilfen. Sozialverbände sprechen ganz explizit von einer „Bedrohung des sozialen Friedens in MV“. Dem steigenden Bedarf der Menschen im Alltag stünden stagnierende finanzielle Mittel gegenüber, fasst der Landesverband der Lebenshilfe zusammen. Viele notwendige Dienste wurden bereits eingeschränkt oder geschlossen. Als präventive Unterstützungsangebote entlasteten diese jedoch nicht nur zukünftige Haushalte, sondern sicherten ebenso den gesellschaftlichen Zusammenhalt, betont Andreas Meindl vom Vorstand der Caritas im Norden.1
Weitere akute wie generationsübergreifende Probleme, die immer drängender werden, sind das Phänomen der Vereinsamung und das landesweite Kultursterben. So fällt es einigen Betreiber:innen immer schwerer – insbesondere seit der Covidpandemie –, kulturelle Einrichtungen und Clubs am Leben zu erhalten.2 Wichtige Begegnungsorte verschwinden. Gleichzeitig hindern steigende Preise viele jüngere wie ältere Menschen daran, kulturelle Angebote überhaupt wahrnehmen zu können.
Aufgrund des demografischen Wandels in Mecklenburg-Vorpommern geht das Sozialministerium davon aus, dass vor allem alleinstehende und ältere Menschen von Vereinsamung betroffen sind. In seinem Abschlussbericht beschrieb der Runde Tisch gegen Einsamkeit im Alter Ursachen und Folgen sozialer Isolation bei Senior:innen.3 Bereits 2024 stellte das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung jedoch auch einen deutlichen Anstieg der Unter-30-Jährigen fest, die sich zunehmend einsam fühlen.4 Als zentrales Element zur Vorbeugung von Vereinsamung hob MVs Sozialministerium in seinem Bericht sogenannte dritte Orte hervor.5 Diese sind durch ihre öffentliche und gemeinschaftliche Zugänglichkeit gekennzeichnet sowie kosten- und konsumfrei gestaltet, um eine niedrigschwellige Teilhabe zu ermöglichen.
Eine besonders wichtige Rolle für die neue Kampagne von Zusammen bewegen spielen daher solche offenen Räume, in denen Austausch und Begegnung stattfinden können – auch, um die soziale Versorgung untereinander zu stabilisieren und krisensicherer zu gestalten. Aus gemeinschaftlichen Nachbarschaften können beispielsweise dauerhaft wachsende und unterstützende Beziehungen entstehen. Schon kleine, lokale Projekte, wie etwa Müllsammelaktionen, Spieleabende oder gemeinsames Kochen, bringen Menschen zusammen und schaffen ein Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Aktion statt Angst
Um das Engagement nachhaltig zu festigen, wurden vier Regionalgruppen für MV gegründet: West, Mitte, Ost und Süd. Die Regionalgruppen sollen einerseits die Vernetzung vereinfachen und andererseits als Plattform zur Planung gemeinsamer Projekte dienen. Dort soll auch entschieden werden, wie zukünftig die konkrete Zusammenarbeit aussehen soll. Landesweit werden alle Informationen von einem Koordinierungsrat gebündelt und somit eine aktive Verbindung zwischen den Regionen sichergestellt.
Das Bündnis verspricht sich laut einer Pressemitteilung dadurch eine Stärkung demokratischer Bürger:innen in ihrem Alltag, die langfristig ein „Gegengewicht“ zu politischen Unsicherheiten und Ohnmachtsgefühlen sein kann. Dabei gehe es um den Umgang mit zentralen sozialen Fragen: hohe Armutsquoten, niedrige Löhne, Bildung, Gesundheit, Mobilität und Unterstützung im Alltag. Das Bündnis ist davon überzeugt, dass es eine gestärkte und selbstbewusste Zivilgesellschaft braucht, um all diese Themen dauerhaft und sichtbar zum Gegenstand öffentlicher und politischer Debatten zu machen.
Auch dem allgegenwärtigen Gefühl des Alleinseins will die Initiative etwas entgegensetzen. „Viele wollen sich einbringen und nicht tatenlos zusehen, haben aber das Gefühl, mit ihren Anliegen allein zu sein“, beschreibt Frank Claus, einer der Initiator:innen von Zusammen bewegen, die Situation im Land. Das Bündnis könne dort ansetzen und den Leuten wieder das Gefühl vermitteln, „dass ihre Stimme gehört wird – und dass man gemeinsam tatsächlich etwas bewegen kann“, so Claus. Die Mitwirkenden erhoffen sich, durch geeintes Auftreten und gelebtes solidarisches Miteinander der Vereinzelung und Zukunftsangst – dem Nährboden antidemokratischer Strömungen – entgegenzuwirken.
- Landesverband der Lebenshilfe MV (Hg.): Wohlfahrtsverbände warnen: Haushaltspläne bedrohen Kitas, Inklusion und Beratung, auf: lebenshilfe-mv.de (25.9.2025). ↩︎
- Grubert, Sandra: Das fast stille Kultursterben in MV, auf: katapult-mv.de (9.12.2025). ↩︎
- Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport MV (Hg.): Abschlussbericht „Runder Tisch gegen Einsamkeit im Alter“, auf: regierung-mv.de (3.6.2025). ↩︎
- Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hg.): Einsamkeit: Besonders Jüngere fühlen sich zunehmend einsam, auf: bib.bund.de (29.5.2024). ↩︎
- Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport MV 2025, S. 14. ↩︎

