Künstliche Intelligenz erforschen und verwenden nicht nur Konzerne aus den USA oder China. Auch in MV entwickeln Forschende technologische Lösungen, die in den unterschiedlichsten Alltagssituationen helfen sollen. Sie finden Einsatz in der Pflege, im Handwerk und auf der Werft. So könnte in MV eine neue Branche entstehen – doch es gibt auch Hindernisse.
„Wir sind nicht hundert Jahre hinterher“, sagt Kristina Yordanova, Professorin für Data Science an der Universität Greifswald. Was künstliche Intelligenz betrifft, sagt sie, sei Mecklenburg-Vorpommern sogar „ganz gut aufgestellt“. Und zwar gerade bei den Anwendungen, „die wir auch in MV einsetzen können“. Von alltäglichen Projekten in kleinen Betrieben bis zu großen Zukunftstechnologien im Meer oder in der Medizin. Die Zukunft kommt also nicht nur aus Start-up-Städten wie Berlin, Hamburg oder München, sondern auch aus Stralsund und Greifswald. Obwohl MV das Bundesland mit den wenigsten IT-Fachkräften1 ist, werden hier KI-Projekte in der Pflege, für den Bäcker und im Hightechbereich entwickelt.
Zentrale Frage für MV
Das zum Teil staatlich finanzierte Kompetenzzentrum der Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften mv works unterstützt Firmen in Sachen künstliche Intelligenz. Geschäftsführer Axel Fick berät Unternehmen zu KI: aber nur, wenn Führungsriege und Arbeitnehmer mit im Boot sind.
Für Fick ist KI „eine der zentralen Fragen“, wenn es um die Arbeit der Zukunft im Bundesland geht. Denn seit Chatbots und Co. im Alltag angekommen sind, würden sich Angestellte, Betriebsräte und Unternehmensleitungen fragen: „Wie hilft mir KI bei der Arbeit?“
Die Sache mit den Arbeitsplätzen
Die Angst, dass KI viele Arbeitsplätze ersetzen könnte, teilt Fick nicht. Erstens sei bisher überhaupt nicht klar, inwiefern Firmen2 oder Angestellte3 produktiver sind, wenn sie KI nutzen. Zweitens sei KI vielleicht eher ein vorgeschobener Grund, um Personal zu kürzen.4 Drittens könnte KI genauso viele neue Arbeitsstunden schaffen, wie gestrichen werden.5
Außerdem, sagt Fick, sei die Arbeit sehr vieler Beschäftigter in MV sowieso nur „schwer oder sehr schwer“ durch KI zu ersetzen. Das gelte etwa für Angestellte im Tourismus, der Medizin und der Pflege. Im Endeffekt, sagt der Berater, werde es trotzdem „gar keine Frage sein“, ob Firmen in MV künstliche Intelligenz einsetzen. Aus seiner Sicht könne KI MV sogar „quasi retten“. Expert:innen vermuten schließlich, dass in den nächsten Jahren viele Arbeitsplätze frei werden, wenn die Generation der Babyboomer in Rente geht. Da könnte KI Abhilfe leisten, vermutet Fick, selbst wenn sie den demografischen Wandel ohne mehr Einwanderung oder höhere Löhne nicht ganz auffangen kann.6
Handwerk kann KI probieren
Was die Zukunft auch bringen mag, KI scheint MV neue Möglichkeiten zu eröffnen. „Wo Großindustrie ist, wird Großindustrie sein“, sagt Fick zwar. Aber wo kleinere Industrien weichen, könne man auch in MV neue Geschäftsmodelle aufbauen, die schnell auf der ganzen Welt erfolgreich werden könnten.
Sich mit künstlicher Intelligenz zu befassen, sagt Fick, sei daher „auf jeden Fall sinnvoll“. MV sei bloß noch nicht gut genug darin, auch wirtschaftlich innovativ zu sein. Zum Beispiel nutzten bisher vor allem große Betriebe KI – in MV gebe es aber viel mehr kleine Unternehmen. Ficks liebstes Beispiel aus seiner Arbeit sind daher Handwerksbetriebe, die zeigen, dass sich KI auch bei ihnen „durchaus durchsetzen kann“.
Ein Bäckermeister etwa nutze KI, um seinem Personal individuelle Weiterbildungen zu erstellen. Ein Pflegebetrieb setzt sie zur Dokumentation und als Übersetzer für Personal mit geringen Deutschkenntnissen ein. Und ein Dachdecker aus Neustadt-Glewe nutzt KI, um seinen Angestellten das gesammelte Wissen des Betriebs zur Verfügung zu stellen.
Hightech-KI aus MV
Und MV hat auch bei Hightech Stärken. Kurt Sandkuhl, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Rostock, sagt, das Bundesland habe zum Beispiel „einen sehr guten Schwerpunkt“ im neuen Bereich ocean technologies – maritime Technologien, die KI in der Navigation, Fischerei und der Unterwasserforschung einsetzen.7
Auch bei KI-Anwendungen in der Medizintechnik arbeiteten Forschende in MV an Projekten, „wo andere tatsächlich noch nicht so weit sind“. Die vergleichsweise kleine Gemeinschaft an Forschenden und Firmen könnte sich sogar als Vorteil erweisen. Sandkuhl sagt, „man kennt sich“ in MV: Auch dank Initiativen wie mv works und dem Zentrum für KI in MV, das Sandkuhl mitgegründet hat. Wenn Projektleitende einmal von diesen Anlaufstellen erfahren, sagt er, wunderten sie sich oft, warum sie KI-Expertise bisher meistens außerhalb von MV gesucht haben.
Dank KI länger zuhause wohnen
Das größte Potenzial für heimische KI liegt also nicht in der Grundlagenforschung, sondern in konkreten Anwendungen. Darauf konzentriert sich auch die Exzellenzinitiative des Landes.8 Sie unterstützt zum Beispiel neue Forschung von Kristina Yordanova. Gemeinsam mit Partnern aus MV entwickelt sie ein KI-System, das Menschen mit beginnender Demenz helfen soll, länger im eigenen Zuhause zu wohnen – und dadurch so lange wie möglich frei über ihr Leben zu entscheiden.9
Yordanova erklärt das Projekt an einem Beispiel: Sagen wir, eine leicht demente Person möchte sich Nudeln kochen. Es passiert etwas ganz Normales: Die Person vergisst das Wasser zu kochen oder kann sich nicht erinnern, was sie vorhatte. Da soll die KI erkennen, was passiert ist, und einen Vorschlag machen. Zum Beispiel, in dem sie etwas sagt wie: „Entschuldigen Sie, wenn Sie Nudeln kochen wollen, dann müssen Sie noch Wasser aufsetzen.“
KI wirft auch in MV Fragen auf
Fairerweise sind solche technischen Lösungen ethisch oft problematisch. Zum Beispiel, was den Schutz der Privatsphäre angeht, wenn ständig eine Maschine zuhört. Oder weil sich die Gesellschaft möglicherweise wohler damit fühlt, dass ältere Menschen von Fachkräften anstelle einer künstlichen Intelligenz unterstützt werden.10
Yordanova sagt zwar, dass es nicht darum gehe, jemanden zu ersetzen. Die neue Technik solle älteren Menschen und Pflegekräften nur den Tag erleichtern. Aber das beantwortet längst nicht alle ethischen Fragen.
Trotzdem ist das Projekt ein gutes Beispiel von KI in MV – vielleicht auch, weil es Herausforderungen aufzeigt, die im Land erst noch gemeinsam gelöst werden müssen. Yordanova und ihre Partner:innen werden die Anwendung immerhin End-to-End in MV entwickeln: Das heißt, sie starten bei einem echten Bedarf von Menschen in MV, bauen und testen mit ihnen die Lösung. Was den Datenschutz betrifft, schon mal deutlich besser, als sich auf Server im Ausland zu verlassen.
Vielen offene Fragen bleiben
MV steht aber noch vor anderen Herausforderungen. Das kleine Netzwerk an Forschenden bedeutet auch, dass das Bundesland nicht jeden Forschungsbereich abdecken kann. „Wir sind einfach zu wenige“, sagt Sandkuhl. Gerade bei neuen Methoden in der KI, beispielsweise Grundlagenforschung an Alternativen zu Sprachmodellen.
Eine andere Herausforderung ist die Politik. Axel Fick wünscht sich daher eine Landesstrategie für KI. Die sei zwar erst mal nur „beschriebenes Papier, wie alle anderen Strategien“. Aber sie könnte signalisieren, dass KI für die Politik eine Priorität ist. Auch die kommende Landtagswahl ist ein Thema. Bisher findet man KI in MV nämlich oft bei Projekten zu Nachhaltigkeit und Klima. Unter einer möglichen neuen Landesregierung, sagt Sandkuhl, sei nicht klar, ob solche Forschung weiter unterstützt werden würde. Da würden sich Forschende „natürlich ein wenig Sorgen machen“.
Stärken aus den Schwächen machen
Trotzdem steht fest: Es gibt längst KI aus MV. Standorte wie die USA haben sicher einige Vorteile: weniger Datenschutz und Bürokratie, mehr Geld und Fachpersonal. Aber manches Manko könnte in MV auch zur Stärke werden. Dabei sollte die Nachhaltigkeit nicht in Vergessenheit geraten. Immer mehr Ressourcen für künstliche Intelligenz zu verbrauchen, sei „teuer und bringt uns nichts“, sagt Yordanova. Denn die Systeme würden am Ende doch nur das Gleiche machen. MV könnte stattdessen spezialisierte Alternativen bieten.
Wie die, mit denen das Zentrum für KI in MV seine Partner unterstützt: ein KI-basierter Personalbedarfsplan, der alle Arbeitsschutzbestimmungen erfüllt und es den Angestellten erlaubt, ihre Wünsche zu äußern. Eine Software, die genauer voraussagt, wann große Industriemaschinen gewartet werden müssen. Oder endlich etwas, um in der öffentlichen Verwaltung ein wenig Zeit, Arbeit und Haareraufen zu sparen.
So wie KI funktioniert und wie sich unsere IT-Systeme entwickelt haben, sagt Emil Löffler, Koordinator bei KI in MV, klappt das sowieso nicht wie bei Microsoft Office, wo alle dieselbe Software verwenden. Da können MVs viele kleine Betriebe getrost schauen, was bei ihnen funktioniert und was nicht. Und MVs Gemeinschaft von KI-Expertinnen und -Experten könnte sie prima dabei unterstützen. Es müssen nur mehr Leute von ihr wissen.
Dieser Beitrag erschien im Mai 2026 in unserer KATAPULT-MV-Ausgabe Nr.55
Zum Weiterlesen:
- Handelsblatt (Hg.): Wo IT-Spezialisten in Deutschland besonders gefragt sind, auf: handelsblatt.com (12.1.2023).g-Vorpommerns, auf: unesco.de. ↩︎
- Donath, Andreas: KI-Projekte bringen 95 % der Firmen keinen messbaren Ertrag, auf: golem.de (24.9.2025). ↩︎
- Voege, Colton: Weg mit dem Zehnmal-so-produktiv-
mit-KI-Imposter-Syndrom!, auf: golem.de (26.9.2025). ↩︎ - Der Standard (Hg.): Rauswurf-Bumerang: Firmen holen immer öfter Mitarbeiter zurück, die durch KI ersetzt wurden, auf: derstandard.de (7.11.2025). ↩︎
- Göpfert, Angela: Jobverlust durch KI – mehr als nur Panikmache?, auf: tagesschau.de (21.2.2026). ↩︎
- Riecke, Thomas: Warum KI den demografischen Wandel nicht ausgleichen wird, auf: handelsblatt.de (19.2.2026). ↩︎
- Sustainability Directory (Hg.): Ocean Technology, auf: esg.sustainability-directory.com (24.11.2025). ↩︎
- Ministerium für Wissenschaft, Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten MV (Hg.): Exzellenzforschung, auf: regierung-mv.de (8.12.2025). ↩︎
- Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): Zuhause wohnen, auf: wegweiser-demenz.de (16.4.2025). ↩︎
- Reinboth, Tim: Oma hat jetzt einen Roboter, da braucht sie mich nicht mehr, auf: golem.de (27.12.2024). ↩︎

