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Umbenennung des Neudierkower Wegs gefordert

Gedenken an NSU-Opfer Mehmet Turgut

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Deutschlandkarte. Orte, die Straßen oder Plätze nach Mordopfern des NSU benannt haben: Hamburg: Süleyman Taşköprü (Tasköprüstraße), Dortmund: Mehmet Kubaşık (Mehmet-Kubaşık-Platz), Kassel: Halit Yozgat (Halitplatz), Nürnberg: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, İsmail Yaşar (Enver-Şimşek-Platz); Orte, die das nicht gemacht haben: Rostock (Mehmet Turgut), Heilbronn (Michèle Kiesewetter) und München (Habil Kılıç, Theodoros Boulgarides)

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Anlässlich des 19. Todestages wird am Samstag am Ort seiner Ermordnung im Neudierkower Weg Mehmet Turguts gedacht. Der 25-jährige Kurde wurde am 25. Februar 2004 von der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) erschossen.

Karte von Rostock zur Gedenkveranstaltung am 25. Februar um 14 Uhr. Eingezeichnet ist der Neudierkower Weg, der mit "Mehmet-Turgut-Weg" überschrieben ist.

Die Gedenkinitiative Mord verjährt nicht! mahnt angesichts der Verwüstung des Mahnmals nach dem Gedenken im vergangenen Jahr, dass ein würdevolles Gedenken eine anhaltende Verpflichtung sei, die nicht zur bloßen Routine verkommen dürfe. Mathias Mertens von der Gedenkinitiative fordert „ein deutliches zivilgesellschaftliches Zeichen gegen die posthume Ausgrenzung und Verhöhnung Mehmet Turguts“.

Die Erinnerung an Mehmet Turgut ist auch eine Verpflichtung, im Hier und Jetzt gegen Rassismus und Neonazismus Stellung zu beziehen. Vor dem Hintergrund einer rassistischen Mobilmachung gegen Geflüchtete im Bundesland gilt dies aktuell in besonderer Weise.
Mathias Mertens, Gedenkinitiative Mord verjährt nicht!

Darüber hinaus pocht die Initiative nach wie vor auf die Umbenennung des Neudierkower Weges in Mehmet-Turgut-Weg, die Mertens „überfällig“ nennt. „Das ist seit vielen Jahren ein zentraler Wunsch der Familie Turgut.“ Außerdem sei dies ein wichtiges Zeichen, dass Mehmet Turgut zu Rostock gehörte. „Wir hoffen sehr auf neue Impulse seitens der Stadtpolitik“, so Mertens weiter.

Neben Angehörigen von Turgut wird an der Veranstaltung auch Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger (Die Linke) teilnehmen. Sie hatte sich im Wahlkampf vergangenen Herbst für eine Umbenennung des Neudierkower Weges ausgesprochen.

Doch auch der damalige OB Claus-Ruhe Madsen (parteilos) habe 2021 am jährlichen Gedenken teilgenommen und sich dort für die Umbenennung des Weges ausgesprochen, so Mertens. „Eine Initiative dazu hat er als Verwaltungschef im Nachgang allerdings nicht ergriffen.“ Daher fordert die Initiative von Kröger „nicht allein Lippenbekenntnisse, sondern politischen Druck hinter den Kulissen“.

Seit 2012 versucht der Migrantenrat Rostock zusammen mit der Familie Turgut, den Weg umbenennen zu lassen. Ohne Erfolg. Die Umbenennung scheiterte am Widerstand der beiden zuständigen Ortsbeiräte. 2012 wurde der Antrag vom Ortsbeirat Dierkow-Ost, Dierkow-West einstimmig abgelehnt, vom Ortsbeirat Toitenwinkel vertagt – bis heute.

Initiative ist optimistisch

Im März 2021 bat Bürgerschaftspräsidentin Regine Lück (Die Linke) den Ortsbeirat Dierkow-Ost/West, den Vorschlag erneut zu besprechen. Die Bitte wurde vom Vorsitzenden Uwe Friesecke (CDU/UFR) mit Hinweis auf die Ablehnung 2012 abgewiesen.

Vor einem Jahr startete der Migrantenrat Rostock eine Petition zur Umbenennung und versuchte mit Anne Mucha, der stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Fraktion in der Bürgerschaft, Gespräche zwischen Migrantenrat, Ortsbeirat und Bürgerschaftsfraktionen zu organisieren. Ein halbes Jahr später hatte Mucha „die Hoffnung noch lange nicht aufgegeben“. Mittlerweile wurden rechtliche Bedingungen und Kosten geprüft, die Beteiligten um weitere Gespräche gebeten. Ergeben hat sich bis jetzt jedoch nichts.

„Wir erwarten hier von der Oberbürgermeisterin, dass sie als Verwaltungschefin diesen Entscheidungsprozess aktiv unterstützt“, sagt Mertens heute. Und gibt sich optimistisch: „Mit der Unterstützung der Oberbürgermeisterin und dem politischen Rückenwind einer Mehrheit der Bürgerschaft wären wir sehr überrascht, wenn das Vorhaben dennoch scheitern sollte.“

Seit 2012 – acht Jahre nach Turguts Ermordung, und kurz nach der Selbstenttarnung des NSU – findet jährlich an Mehmet Turguts Todestag eine Gedenkveranstaltung an dem Ort statt, an dem er erschossen wurde. 2014 wurde die Gedenkstätte am Neudierkower Weg eingeweiht – zwei Betonbänke mit türkischen und deutschen Inschriften.

Eine Übersichtskarte der Todesopfer rechter Gewalt in ganz Deutschland stellt die KNICKER-Redaktion zur freien Verfügung.

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Fußnoten

  1. E-Mail der Inititative Mord verjährt nicht! vom 19.2.2023.
  2. E-Mail der Inititative Mord verjährt nicht! vom 22.2.2023.
  3. Hanse- und Universitätsstadt Rostock (Hg.): Umbenennung des Neudierkower Weges in Mehmet-Turgut-Weg, auf: ksd.rostock.de (8.5.2012).
  4. Hanse- und Universitätsstadt Rostock (Hg.): Umbenennung des Neudierkower Weges in Mehmet-Turgut-Weg, auf: ksd.rostock.de (19.4.2012).
  5. E-Mail von Anne Mucha vom 2.3.2022.
  6. E-Mail von Anne Mucha vom 16.8.2022.

Autor:innen

Geboren in Rostock.
Aufgewachsen in Rostock.
Studierte in Rostock. Und Kiel.

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