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Gesundheitsversorgung

Mehr Vernetzung von Forschung und Pflege nötig

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150 Teilnehmer:innen waren angemeldet. Rund 120 kamen tatsächlich. Für die Organisator:innen des Landkreises Vorpommern-Greifswald ein gutes Zeichen: Das Interesse an diesem Vernetzungstreffen bleibe nach wie vor relativ hoch, sogar ein kleiner Anstieg im Vergleich zu den letzten Jahren sei zu verzeichnen.

Netzwerkarbeit auf allen Ebenen nötig

Seit 2013 richtet sich die Gesundheits- und Pflegefachkonferenz des Landkreises an Akteure aus Pflege und Gesundheit, der lokalen Wohnungswirtschaft und von Landkreisen, Städten und Kommunen. Mit Vorträgen von Fachexpert:innen sollen neueste Studien und statistische Entwicklungen näher beleuchtet und eine praktische Umsetzung der Erkenntnisse angeregt werden. 

In diesem Jahr ging es vor allem um die Umsetzung von Pflegereformen, die Potenziale von digitalisierten Prozessen in der Pflege und einen besseren Umgang mit Demenzpatient:innen. 

Das Konzept klingt simpel und sollte eigentlich schon längst erfolgreicher sein, die Veranstalter und Fachexperten sehen aber weiterhin einen dringenden Bedarf. So haben während ihrer Vorträge unter anderem Francisca Rodriguez vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und Sandra Strube-Lahmann von der Charité Berlin auf diese Vernetzungsprobleme hingewiesen. Oft gebe es Studien ohne die Expertise etwa der Pflegekräfte. 

Dabei ist auch besonders die Zusammenarbeit zwischen den Landkreisen und den betroffenen medizinischen Einrichtungen entscheidend. Schließlich sei der Landkreis für die Daseinsvorsorge und langfristige Konzepte zuständig, sagte Friedrich Bluschke vom Paritätischen Wohlfahrtsverband MV, der die Konferenz moderierte.

Karina Kaiser vom Landkreis Vorpommern-Greifswald eröffnete die Konferenz, Friedrich Blaschke vom Paritätischen Wohlfahrtsverband des Landes moderierte.

Bedarf an Pflegeeinrichtungen steigt – vor allem in MV

Meck-Vorps Bevölkerung wird weniger und immer älter. So die Prognose von Karina Kaiser, Beigeordnete und Dezernentin des Landkreises zur Eröffnung der Konferenz. Im vergangenen Jahr wurden in Vorpommern-Greifswald 1.600 Kinder geboren, 4.000 Menschen sind gestorben, 2.100 zugezogen. 

Von den insgesamt 235.000 Menschen, die im Landkreis leben, nehme die Arbeitsgeneration zusehends ab. Das habe auch Auswirkungen auf das immer weiter benötigte Pflegepersonal, so Kaiser. Die Bedarfe für ambulante, teil- und stationäre Pflegeeinrichtungen steigen. Das ist nicht nur in MV ein Problem, sondern deutschlandweit: Nach Angaben der Expert:innen der Konferenz werden bis 2030 voraussichtlich 100.000 Pflegekräfte gebraucht. Etwa 5.000 werden jährlich ausgebildet. 

Die Zahl der Pflegebedürftigen in MV ist im deutschlandweiten Vergleich, gerechnet auf die Zahl der Einwohner:innen, am größten. 

Erste erfolgreiche Fortschritte gibt es aus Sicht des Landkreises in der Wohnungswirtschaft: Viele Wohnungsgesellschaften im Landkreis würden seit Jahren daran arbeiten, ihre Wohnungsangebote altersgerecht umzugestalten und neu zu bauen. 

Das große Problem sehen die Veranstalter im Fachkräftemangel. Von Moderator Bluschke hieß es: „Wir fahren den Berg erst noch hoch, man sollte vorbereitet sein.“

Großbaustelle Pflegereform

Ein großes Problem sei nach Meinung von Thorsten Mittag vom Paritätischen Gesamtverband aus Berlin auch die Gesetzgebung für den Bereich der Pflege. Seit 2008 gebe es intensive Pflegereformbemühungen, abgeschlossen seien sie bis heute nicht. Schlüsselthemen, wie Arbeitsbedingungen und Begrenzung von Eigenanteilen werden immer wieder ausgespart. Weil sie den finanziellen Rahmen vieler sprengen würden, so Mittag. Erst in der vergangenen Legislaturperiode wurden beide Themen erstmals berücksichtigt. Nach wie vor fehle jedoch der gesamte Bereich der ambulanten Pflege. 

Dazu komme, dass die Entlastung pflegender Angehöriger in Gesetzespaketen nicht wirklich vorankomme und kaum etwas über Hilfsleistungen bekannt sei. 80 Prozent des Entlastungsbetrags, etwa um einkaufen gehen zu können, würden pflegende Angehörige gar nicht abrufen, weil es ihnen nicht angeboten werde. Das sind insgesamt 12 Milliarden Euro des Hilfspakets der Regierung, die demnach nicht genutzt würden. 

Einen Gewinn gebe es ganz aktuell mit der Einführung einer tariflichen Bezahlung für Pflegekräfte seit September. Das aber steigere für die jeweiligen Einrichtungen auch die Kosten. Ebenso müsse man die kommenden Energiekosten beachten. Für soziale Einrichtungen gebe es von Seiten der Regierung noch keine Anzeichen für konkrete Hilfspakete, etwa eine Deckelung der Eigenanteile.  

Sein Fazit: Es gebe immer wieder Forderungen zu immer ähnlichen Themen, die offenbar nicht zu Ende gelöst werden. Sein Plädoyer: „Pflege darf kein lohnendes Geschäft im klassischen Sinne sein.“ Im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierung stehen viele Ziele auch für die Verbesserung im Pflegebereich, bisher sei davon noch nichts umgesetzt oder auf den Weg gebracht worden. 

Digitalisierung kann Entlastungen schaffen

Ein Schlüssel zu einer Verbesserung im Pflegesektor könnte die Digitalisierung sein. Mithilfe der Forschung auf diesem Gebiet könnten langfristig Entlastungen für Pflegepersonal geschaffen werden, es zum Teil sogar ersetzen, wenn Fachkräfte fehlen. Potenzial gebe es nach Angaben von Sandra Strube-Lahmann vor allem in der Datenanalyse von Patient:innen. Sie leitet die Forschungsgruppe Geriatrie an der Berliner Charité, die sich unter anderem mit den Chancen innovativer Technologien in der Pflege auseinandersetzt. 

Was in Form der Sensorik schon längst in der Intensivmedizin angekommen ist, kann auch schnell in den Pflegebereich übertragen werden, meint sie. Mit einem kontinuierlichen Monitoring von Pflegepatient:innen könnten langfristig Daten gesammelt und so ausführlichere Prognosen und Diagnosen gestellt werden. Außerdem können Datenerfassungen die sogenannten „Sitzwachen“ von Pflegepersonal langfristig ersetzen. Diese hätten dann mehr Zeit für den:die Patient:in selbst, erklärt Strube-Lahmann: „Mehr Technologie soll nicht heißen, keine Kommunikation mehr, sondern mehr Zeit für Patient:innen.“ 

Franziska Cathleen Müller von der Berliner Charité zeigt, wie das sogenannte Exoskelett auch in der Pflege eingesetzt werden kann, um Pflegekräfte körperlich zu entlasten.

Auch werde an Techniken geforscht, die dem Pflegepersonal körperliche Entlastungen bringen sollen. So werde etwa an Hebegeräten für Pflegekräfte gearbeitet. Diese sollen helfen, den Rücken zu entlasten. Bisher wurden sie schon für die Mitarbeitenden des Möbelherstellers Ikea genutzt. Die Forschungsgruppe der Berliner Charité arbeitet derzeit daran, solch ein Gerät für den Einsatz in der Pflege zu verbessern und umzurüsten. Der Projektzeitraum geht noch bis Ende Februar, danach soll es in der Praxis eingesetzt werden können. 

Probleme, die sie nach wie vor auch einräumen muss: Der Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis muss dringend weiter verbessert werden. Noch gebe es viele Insellösungen, keine allgemeinen, erzählt sie. Mit einer besseren Vernetzung untereinander würde auch die Akzeptanz gegenüber neuen Technologien gestärkt werden, so ihre Hoffnung.

Umgang mit der Volkskrankheit Demenz

Mit mehr Digitalisierung in der Pflege können sich Mediziner:innen und Pflegekräfte auch mehr der psychosozialen Ausrichtung der Betreuung von Patient:innen widmen. Dieser Möglichkeit geht das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Greifswald nach. Wissenschaftlerin Francisca Rodriguez forscht seit Jahren etwa an den Auswirkungen sozialer und psychologischer Prozesse auf Demenzpatient:innen, einer Erkrankung, mit der die Gesellschaft langfristig zu tun haben wird, prognostiziert sie. Denn die Zahl der Erkrankten steigt. 

Fazit: Soziale Aktivitäten können ein Demenzrisiko und nach dem Ausbruch weiterhin eine Verschlechterung verringern. Das gelte schon für alltägliche Momente, wie gemeinsames Musizieren, Gruppenaktivitäten im betreuten Wohnen oder Gespräche zwischen Patient:in und Pflegeperson. 

Es gebe dazu auch schon viele Maßnahmen in den Einrichtungen, nur fehle es oft an Zeit neben den weiteren anfallenden Aufgaben. Auch ist die gesetzliche Unterstützung noch nicht ausreichend. So wurde speziell für Demenzpatient:innen erst 2013 eine entsprechende Pflegestufe, die Pflegestufe 0, eingeführt. Vorher fielen sie aus dem Raster. 

Auch sei es nach wie vor wichtig, die Gesellschaft für die Bedarfe und mehr Verständnis zu sensibilisieren. So müssen Bevölkerung, Kommunen und Einrichtungen dafür sorgen, dass Isolation und Vereinsamung im Alter vermieden werden. Vor allen Dingen für ländliche Regionen. In jeglichen Konferenzen werde das immer wieder angesprochen, heißt es von Moderator Blaschke. 

Schüler:innen der Uni Greifswald waren vor Ort

Besonders erfreut zeigten sich die Organisator:innen über den Besuch von einer Gruppe Pfleger:innen in Ausbildung, die derzeit an der Uni Greifswald geschult werden. Aktuell sei das Rekrutieren von Fachkräften am wichtigsten, vor allen Dingen auch das Sichern und Halten dieser, findet Landkreisdezernentin Karina Kaiser. „Überarbeitung, Personalmangel und Überalterung sind nicht nur Stichworte.“ 

Die rund 20-köpfige Schüler:innengruppe konnte die Veranstaltung wahrnehmen. Das ging nicht allen Interessierten so, heißt es vom Landkreis. Die Konferenz gilt offiziell als Serviceleistung für Akteure aus Medizin- und Pflegewirtschaft, zertifiziert ist sie aber nicht. Daher können Interessierte sie nicht abrechnen. Der Landkreis will künftig versuchen, Ärzt:innen einzuladen, um die Veranstaltung zertifizieren zu können, das koste aber auch. 

So oder so wären aber wohl mehr Pflegekräfte gekommen, hätten sie zeitliche Kapazitäten gehabt.

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Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

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