Rein theoretisch könnte man auf MVs Milch- und Käsestraße eine Rundtour durch das Land machen. Aber praktisch tut das vermutlich niemand. „Sie verläuft entlang einer Straße, aber natürlich ist das keine Straße, die Sie abfahren“, erklärt Marc Albrecht-Seide1l. Er ist Geschäftsführer des Verbands für handwerkliche Milchverarbeitung. Die Organisation hat die deutschen Milch- und Käsestraßen ins Leben gerufen. Jedes Bundesland hat eine. Die in Schleswig-Holstein wurde allerdings von der dortigen Landwirtschaftskammer gegründet. Die Straßen sind ein Zusammenschluss von handwerklichen Käsereien und Hofkäsereien.
Verloren geglaubtes Handwerk
Ihr Ziel sei es, zu zeigen, „dass es diese Branche überhaupt gibt“, so Albrecht-Seidel. Denn selbstverständlich ist das nicht. Hofkäsereien, die selbstproduzierte Milch direkt auf dem Hof zu Käse verarbeiten, waren in Deutschland einmal so gut wie ausgestorben. Erst in den Siebziger- und Achtzigerjahren seien sie auf dem Gebiet der damaligen BRD wieder entstanden. „Unser Verband hat sich 1992 mit gerade mal 60 Betrieben gegründet. Inzwischen haben wir über 1.000 in Deutschland“, berichtet der Käseexperte.
Im Nationalsozialismus wurden Landwirt:innen dazu gezwungen, ihre Milch an Molkereien zu liefern. Eine Verarbeitung auf dem eigenen Hof war also nicht möglich, schreibt Uwe Spiekermann.2 Diese Maßnahme reduzierte laut dem Wirtschaftshistoriker auch die Käsevielfalt: „Auf Grundlage des Milchgesetzes wurden 1934 standardisierte Hart-, Weich- und Schmelzkäsesorten festgelegt und deren Gesamtzahl auf 48 gedeckelt.“ Das ist auch der Grund, warum es in Deutschland keine Käsesorten mit jahrhundertealter Tradition gibt, wie beispielsweise im Nachbarland Frankreich.
Letztlich war die Erzeugung von Biomilch mit ausschlaggebend für die Wiederentdeckung des Käsehandwerks in Westdeutschland. Biomilch wurde in den 70er- und 80er-Jahren – mit höheren Betriebskosten – zwar hergestellt, fand aber bei den industriellen Molkereien kaum Abnehmer, die diesen höheren Preis zahlen wollten. „Einige Betriebe haben deswegen gesagt, sie fangen selber wieder mit der Verarbeitung an“, erzählt Albrecht-Seidel. Die Rezepturen dafür kamen aus dem Ausland. Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ging es nach der Wende wieder los mit dem Käsemachen.
Regionaler Käse ist gefragt
Landwirt:innen, die Teil der Milch- und Käsestraße sind, bekommen ein entsprechendes Hofschild und einen Eintrag auf der Verbandswebsite. Dort sind konventionelle und biologisch arbeitende Betriebe aufgelistet. Spezielle Richtlinien zur Tierhaltung gibt der Verband nicht vor. Bei der Unterscheidung zwischen Hofkäse und Handwerkskäse ist man laut Albrecht-Seidel dann aber genau: „Betriebe, die zwar handwerklich arbeiten, aber mehr als 50 Prozent ihrer Milch dazukaufen, fallen bei uns aus der Definition von Hofkäse heraus.“
Insgesamt 20 Betriebe sind Teil der Milch- und Käsestraße MV. Neben Führungen und Käse bieten einige von ihnen auch Schulungen an. Dort können Interessierte lernen, ihren eigenen Käse herzustellen. Das werde gut angenommen, berichtet der Verbandsgeschäftsführer. Generell gebe es eine große Nachfrage nach regionalem Käsehandwerk. „Man verbindet kleine Käsereien eher mit Ländern wie Frankreich oder Italien“, sagt Albrecht-Seidel. Umso schöner sei es, wenn man solche dann auch in Mecklenburg-Vorpommern entdecken könne.
Wenn es in jedem Bundesland eine gibt, warum existiert dann keine bundesdeutsche Milch- und Käsestraße? „Der Bezug zum eigenen Bundesland hat die Medienwirksamkeit der einzelnen Straßen wesentlich erhöht“, antwortet Albrecht-Seidel. Der Föderalismus greift also auch beim Käse.

- Telefonat mit Marc Albrecht-Seidel am 4.8.2025. ↩︎
- Spiekermann, Uwe: Wachstum ohne kulinarische Tradition: Die Käseindustrie in Deutschland 1930-2020, auf: uwe-spiekermann.com (27.3.2021). ↩︎

