Korrektur. Beschluss zur Werkserweiterung am Rostocker Überseehafen: Naturwald nicht mehr vor Abholzung geschützt
Unabhängiger Journalismus kostet Zeit und Geld. Eure Unterstützung macht ihn aber möglich!
Industriestandort Rostocker Überseehafen

Naturwald nicht mehr sicher vor Abholzung

Wir brauchen euch, damit unsere Inhalte kosten- und werbefrei bleiben.

Das Unternehmen EEW will seinen Standort am Rostocker Überseehafen vergrößern. Um den notwendigen Platz zu schaffen, müsste jedoch ein seltener Naturwald zum Teil abgeholzt werden. Vor der gestrigen Bürgerschaftssitzung machte eine Mahnwache auf den Erhalt der „Swienskuhlen“ aufmerksam. Die Debatte darüber in der Sitzung verdeutlichte vor allem die Notlage der Stadt.

In der Rostocker Bürgerschaft wurde gestern über einen überparteilichen Antrag abgestimmt, der die Werkserweiterung der Erndtebrücker Eisenwerke (EEW) im Überseehafen ermöglichen soll. Die EEWproduziert hier Gründungspfähle – also die Verankerung im Meeresboden – für Offshore-Windparks.1 Weil diese in immer tieferen Gewässern gebaut werden müssen, werden perspektivisch auch größere Produktionsflächen benötigt. Das Unternehmen gilt als wichtiger Arbeitgeber und Industriestandort der Hansestadt und soll durch seinen Beitrag zum Ausbau von Windkraftanlagen die angestrebte Energiewende voranbringen.

Die vom Unternehmen dafür vorgeschlagene Fläche umfasst allerdings auch einen Teil des jahrhundertealten Naturwaldes Swienskuhlen südlich des Überseehafen. Um eine Bebauung hier überhaupt zu ermöglichen, hob die Bürgerschaft nun per Beschluss den Schutzstatus des seltenen Waldgebietes auf. Ein Änderungsantrag der Grünen mit Alternativvorschlägen, um dem entgegenzuwirken, wurde abgelehnt. Die Baufreigabe müsse schließlich bis 2028 erfolgen, heißt es im Hauptantrag von SPD, Linke, CDU und FDP/Unabhängige. Dieser sieht vor, alle dafür notwendigen Planungsvoraussetzungen zu schaffen und somit auch den Schutzstatus der Swienskuhlen in Teilen aufzuheben.2 Aber woher kommt die Dringlichkeit, ausgerechnet über den alten Naturwald zu entscheiden?

Einer der letzten zwei Prozent

Der Wald existiert bereits seit der Eiszeit und ist einer der wenigen, die in seinem naturnahen Zustand noch erhalten sind. Im ganzen Land gebe es nur noch knapp zwei Prozent dieser Naturwälder, betonte Susanne Schumacher vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Sie hatte am 4. März, unmittelbar vor der Bürgerschaftssitzung, kurzfristig zu einer Mahnwache vor dem Rathaus aufgerufen, um auf das Waldgebiet aufmerksam zu machen. Aufgrund der abgeschiedenen Lage und der Nähe zum Industriegebiet, wären die Swienskuhlen nur wenigen Menschen bekannt. Trotzdem waren etwa fünfzig Unterstützer:innen an der Versammlung beteiligt, darunter Mitglieder des BUND und der Rostocker Naturschutzjugend.

Sechs Fledermausarten, verschiedene Orchideen, Greifvogelarten und diverse Insekten beherbergt der seltene Naturwald, berichtete Laura von der BUND-Jugend. Durch die besondere Lage des Waldes, abgeschieden von den Einflüssen aus der Landwirtschaft, haben die Swienskuhlen beispielsweise kein Problem mit Pestiziden, die andernfalls Flora und Fauna massiv beeinträchtigen würden. Die Werkserweiterung von EEW sei zwar ebenfalls im Interesse des BUND, man müsse aber das große Ganze bei solchen Entscheidungen bedenken: „Langfristig gesehen bauen wir uns (…) selbst eine Falle, wenn wir immer mehr kleine verschiedene Flächen angehen – wir machen uns vulnerabel!“, so die Jugendsprecherin.

Durch die geplante Hafenerweiterung sind bereits solche unwiederbringlichen Biotope, so auch die Moorfläche am Peezer Bach, akut gefährdet.

Der BUND rief zur Mahnwache vor dem Rathaus auf, um den Naturwald vor der Teilrodung zu schützen.
Der BUND rief zur Mahnwache vor dem Rathaus auf, um den Naturwald vor der Teilrodung zu schützen.

Verlustangst fällt Bäume

In der Debatte der Bürgerschaft am gestrigen Abend kam vor allem eines klar zum Ausdruck: Zeitdruck und Geldnot sitzen der Stadt im Nacken. Unisono waren sich alle Fraktionen und Vertreter:innen einig, dass das Unternehmen der EEW in Rostock erhalten und erweitert werden müsse. Einwände wurden jedoch zum Verfahren des Hauptantrages laut. Auch auf fehlende Unterlagen zum Flächenprüfverfahren, aus denen hervorgehen müsse, wie viele Hektar tatsächlich für die Werkserweiterung benötigt werden, wurde hingewiesen. Sybille Bachmann (Rostocker Bund) hinterfragte konkret die Rechtssicherheit des Verfahrens.

Um den Schutzstatus des Naturwaldes aufrecht zu erhalten, aber die Werkserweiterung dennoch zu unterstützen, stellte Anja Eggert (Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.Volt) einen entsprechenden Änderungsantrag.3 Darin forderte sie die Prüfung einer konkreten Alternativfläche, die bereits im Bebauungsplan der Hafenerweiterung vorgesehen ist. Weiterhin solle der Schutzstatus des Waldes nur „bei Bedarf“ aufgehoben werden. Die Abholzung von mindestens 14 Hektar würde den ohnehin schon kleinen Wald mit seinen seltenen Arten stark beeinträchtigen, begründete Eggert. Wenn es eine Alternative gebe, müsse diese in jedem Fall vorgezogen werden. 

Diesen Vorstoß lehnte die Bürgerschaft jedoch ab – und der Hauptantrag wurde unverändert beschlossen.

In ihren Redebeiträgen betonten die Fraktionsvertreter:innen mehrmals und mit Nachdruck die Konsequenzen für die Stadt Rostock, sollte EEW seinen Standort am Überseehafen aufgeben. „Kein Mensch käme auf die Idee, eine Waldfläche zu überprüfen, wenn wir diese Not nicht hätten“, fasste Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger das Dilemma der Stadt zusammen.

  1.  EEW SPC Rostock: EEW SPC, auf: eew-group.com↩︎
  2.  Vorsitzende der Fraktionen Die Linke, CDU, SPD und FDP/Unabhängige (Hg.): Werkserweiterung von EEW im Seehafen ermöglichen, auf: rostock.de (3.2.2026). ↩︎
  3.  Anja Eggert für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.Volt (Hg.): Werkserweiterung von EEW im Seehafen ermöglichen – Flächenprüfung, auf: rostock.de (24.2.26).  ↩︎

Autor:in

  • Redakteur in Rostock

    An der Küste MVs aufgewachsen und wieder angekommen; feiert Wind- und Wetterfeste, wie sie fallen. Dazwischen Anthropologe und Kulturaktivist.

Gute Arbeit?

Jeder Euro hilft, neue Recherchen zu realisieren!

Ein KATAPULT-MV-Abo beinhaltet:

Mit deinem Abo erhältst du KATAPULT MV und unabhängigen Lokaljournalismus am Leben!

KATAPULT-Newsletter