Taktisches oder strategisches Wählen bedeutet, von der eigenen politischen Überzeugung abzuweichen, um ein bestimmtes Ergebnis bei den Wahlen zu erreichen. „Es ist das Konzept des rationalen Wählers, der seine Präferenzen und deren Erfolgschancen abwägt und nicht die eigene ideologische Präferenz wählt, sondern die zweit- oder drittbeste Wahl“, erklärt Wolfgang Muno, Politikwissenschaftler an der Uni Rostock.1
Das ist nicht ungewöhnlich. Auch das sogenannte Stimmensplitting, bei dem unterschiedliche Parteien in Erst- und Zweitstimme gewählt werden, ist eine Art des taktischen Wählens. Schon in den Achtzigerjahren der BRD warb beispielsweise die FDP um die Zweitstimmen von CDU-Wählerinnen2, um so die Fünf-Prozent-Hürde zu nehmen und eine Koalition mit der Union bilden zu können.
Doch der Aufstieg der AfD hat in Deutschland eine neue Form des strategischen Wählens erzeugt, die helfen soll, die Macht der rechtsextremen AfD zu verhindern oder zu verkleinern. Bei der Bundestagswahl 2025 war das „Challenger Voting“ zu beobachten: Je größer die konkrete Gefahr eines AfD-Direktmandats in einem Wahlkreis war, desto eher bündelten Wählerinnen ihre Erststimmen bei der aussichtsreichsten Nicht-AfD-Kandidatin, statt die eigentlich bevorzugte Kandidatin zu wählen.3
Erststimme, um AfD-Direktmandate zu verhindern
Mit der Erststimme werden die Direktkandidierenden gewählt, die im Landtag ihren Wahlkreis vertreten sollen. „Die AfD wird in MV fast alle Direktmandate gewinnen – außer vielleicht Schwesig und Backhaus“, prognostiziert Muno.
Daher hat beispielsweise Daniel Trepsdorf (Die Linke) im August in Schwerin dazu aufgerufen, Ministerpräsidentin Manuela Schwesig von der SPD die Erststimme im gemeinsamen Wahlkreis 8 zu geben. Die Strategie dahinter: Im selben Wahlkreis wie Schwesig und Trepsdorf kandidiert der AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm. Um zu verhindern, dass Holm die meisten Stimmen und damit das Direktmandat erringt, fordert Trepsdorf seine Anhängerschaft auf, Schwesig zu wählen, um die Stimmen auf eine demokratische Kandidatin zu vereinen und ein Direktmandat der AfD zu verhindern.4
Zweitstimme entscheidet über Machtverteilung
Doch die Zweitstimme seiner Sympathisierenden möchte Trepsdorf behalten. Denn mit der Zweitstimme wird nicht eine einzelne Person, sondern eine Partei gewählt. Also entscheiden die Zweitstimmen über die Zusammensetzung des Landtages und welche Partei wie viele Sitze und damit wie viel Einfluss erhält. Damit ist sie wichtig für die Machtverteilung im Parlament:5 Kommt eine Partei erst gar nicht in den Landtag, weil sie an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert, bringen ihr auch durch die Erststimme errungene Direktmandate nichts, da diese dann nicht in das Parlament einziehen können.
Taktisches Wählen mit dem Ziel, die künftige Macht der AfD zu verringern, bedeutet also, die Zweitstimme so zu vergeben, dass möglichst viele demokratische Parteien über die Fünf-Prozent-Hürde kommen. Denn nicht der prozentuale Anteil an Stimmen bestimmt die Macht im Parlament, sondern die daraus resultierende Sitzanzahl: Erhalten beispielsweise drei Parteien jeweils 4,9 Prozent der Stimmen, ziehen alle drei nicht in den Landtag ein und insgesamt 14,7 Prozent der abgegebenen Stimmen sind im Landtag nicht vertreten. Und je weniger Parteien in den Landtag einziehen, desto mehr Sitze hat die AfD im Parlament. Und umgekehrt: Je mehr Parteien es in den Landtag schaffen, desto weniger Sitze hat die AfD.
Wie taktisch wählen in MV?
In Mecklenburg-Vorpommern geht es vielen bei ihrer Wahl darum, die rechtsextreme Partei möglichst klein zu halten. Eine Alleinregierung ist nach den aktuellen Umfragen nicht möglich – von einer absoluten Mehrheit ist die AfD im Nordosten noch vergleichsweise weit entfernt, eine Koalition mit den anderen Parteien (bisher) ausgeschlossen.
Um eine demokratische Mehrheit im Landtag von MV zu erreichen, geht es vor allem um die Grünen. Denn die FDP erreicht derzeit so wenig Zustimmung, dass sie sehr wahrscheinlich nicht im Landtag vertreten sein wird. Eine Stimme für die FDP wäre aus strategischer Sicht also eine verlorene Stimme. Beim BSW hingegen ist es unklar, wie sie sich bei einem Einzug in den Landtag der AfD gegenüber verhalten würde, denn Sarah Wagenknecht, Kopf und Namensgeberin der neuen Partei, äußert sich immer wieder kritisch über die Brandmauer zur AfD.6
Ziehen die Grünen allerdings wieder in das Schweriner Schloss, besteht nach aktuellen Umfrageergebnissen die Möglichkeit einer Rot-rot-grünen Landesregierung. Eine Koalition mit der CDU wäre aktuell zwar rechnerisch möglich, aber nicht realistisch: Die CDU hat einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der Linken. Rot-rot hingegen wird dieses Mal wohl keine Mehrheit der Stimmen erhalten, prognostiziert Professor Muno. Kommt keine mehrheitsfähige Koalition zustande, besteht die Möglichkeit einer Minderheitsregierung, wie die Landes-CDU immer wieder betont.7 In einer Minderheitsregierung müssen für jede Entscheidung Mehrheiten aus verschiedenen Fraktionen und Abgeordneten gefunden werden. In Sachsen gibt es seit 2024 und in Thüringen seit 2020 bereits die zweite Landesregierung ohne Parlamentsmehrheit.8
Risiken des taktischen Wählens
Strategisches Wählen ist allerdings riskant. „Es ist wie beim Poker: Man kann sich auch verzocken“, erklärt Muno. Denn Wahlentscheidungen werden nicht (ausschließlich) anhand von Wahlprogrammen und Überzeugungen getroffen, sondern auch basierend auf Umfragewerten. „Und Umfragen haben immer eine Fehlermarge von zwei bis drei Prozentpunkten“, erklärt der Politikwissenschaftler. So stehen sowohl die Grünen als auch die CDU mit ihren Umfragewerten von fünf beziehungsweise acht Prozent recht wackelig da.
So könnte es also passieren, dass die Grünen in MV mit beispielsweise 4,9 Prozent doch nicht in den Landtag einziehen. Damit sind knapp fünf Prozent der abgegebenen Stimmen verloren, die sonst an demokratische Parteien wie SPD oder Linke gegangen wären, gibt Muno zu bedenken. Außerdem erhalten die zahlreichen Kleinparteien nur dann eine staatliche Parteienfinanzierung, wenn sie mehr als ein Prozent der Stimmen erhalten.9
Auch die große Menge an Unentschlossenen taucht nicht in den Umfragen und der Berichterstattung darüber auf. „Das ist gleichzeitig ja auch das Gute an der Demokratie und der Unterschied zur Autokratie: Die Ergebnisse stehen vor der Wahl noch nicht fest.“
Ihr seid euch noch unsicher, welche Partei am besten zu euren Präferenzen passt? Hier findet ihr Wahlhilfen und Informationen zu den Personen und Institutionen, die sie erstellt haben: Online-Wahlhilfen für MVs Landtagswahl. Mehr Informationen zu Wahl findet ihr hier: Landtagswahl 2026 | KATAPULT MV
- Telefonat mit Wolfgang Muno am 28.8.2026. ↩︎
- Die Autorin verwendet in diesem Text das generische Femininum. ↩︎
- Hillen, Sven / Kuhlmann, Jessica: Blocking the Radical Right: Evidence from Strategic
Candidate Voting Against the AfD in Germany’s 2025 Federal Election, in: PVS Politische Vierteljahresschrift (13. Februar 2026), S. 619-644. ↩︎ - Die Zeit (Hg.): Linkenpolitiker unterstützt Manuela Schwesig in Schweriner Wahlkreis, auf: zeit.de (18.8.2026). ↩︎
- KATAPULT MV (Hg.): Wie gewählt wird, in: KATAPULT MV Sonderausgabe (September 2026), S. 4-5. ↩︎
- tagesschau.de (Hg.): BSW startet in Gespräche mit AfD, auf: tagesschau.de (10.9.2026) / Deutschlandfunk (Hg.): Das BSW und der Umgang mit der AfD, auf: deutschlandfunk.de (16.8.2026) / Ludmann, Stefan: Wegen Kuschelkurs mit der AfD: Neue Parteiaustritte beim BSW in MV, auf: ndr.de (3.7.2026). ↩︎
- Deutschlandfunk (Hg.): CDU-Chef und Spitzenkandidat Peters sieht Minderheitsregierung als Option, auf: deutschlandfunk.de (15.6.2026). ↩︎
- Domsgen, Johannes / Steidele, Christof: Mehrheiten trotz Minderheitsregierung: Zur Konsultationsvereinbarung zwischen Landtag und Staatsregierung in Sachsen, in: VerfBlog , auf: verfassungsblog.de (11.3.2026). ↩︎
- Die Bundeswahlleiterin (Hg.): Staatliche Finanzierung der Parteien, auf: bundeswahlleiterin.de (13.12.2019). ↩︎

