Zum Inhalt springen

Studie aus MV

Wie alltäglich Rassismus eigentlich ist

Von und

Artikel teilen

„Ich bin eine hoch ausgebildete Frau. Ich habe studiert und ich habe drei Sprachprüfungen absolviert, und trotzdem muss ich in einem Hotel die Teller abwaschen.“ Nur eine der Erfahrungen einer migrantischen Frau aus Mecklenburg-Vorpommern.

Die aktuelle Studie mit dem Titel „Die Angst schwingt immer mit“ präsentiert viele solcher Beispiele, alle aus MV. Sie zeigen verschiedene Situationen im Alltag von Frauen, in denen sie Rassismus erleben. Manchmal unterschwellig, manchmal ganz direkt – mit verachtenden Worten, Nachrufen auf der Straße oder institutionell. In nahezu allen Lebenslagen.

Und genau darin liegt das Problem, sagen die Forschenden. Die Dimensionen von Rassismus sind noch immer nicht konkret aufgearbeitet worden. Eine systematische Erhebung für MV gibt es noch nicht.

Um mehr Erkenntnisse über die verschiedenen Formen von Rassismus zu gewinnen, haben Wissenschaftlerinnen der Hochschule Neubrandenburg zusammen mit den Vereinen Lola für Demokratie in MV und Tutmonde Erfahrungen von insgesamt 20 Frauen aus MV zusammengetragen und ausgewertet. Unterstützt wurde das Projekt von der Amadeu-Antonio-Stiftung. Eigentlich sollten die Ergebnisse schon vor einem Jahr in der Landespressekonferenz präsentiert werden. Dann wurde das Projekt verlängert, um bei der Auswertung der Daten weiter ins Detail gehen zu können. Ende November wurde die Studie dann in Neubrandenburg vorgestellt.

Anregung zum Handeln

Die Studie soll sensibilisieren, sagen die Professorinnen der Hochschule Neubrandenburg, Júlia Wéber und Christine Krüger. Sei es bei Fahrten zur Arbeit, Arztbesuchen, bei Behördengängen, in der Schule oder auf der Straße. Mit den konkreten Einblicken in die Lebenswelten von Frauen in MV biete sich ein weitreichendes Bild, wie präsent Rassismus noch immer ist. Die meisten der zu Wort kommenden Frauen bekämen in den gesellschaftlichen Debatten um Migration und Integration tendenziell wenig Raum. Ihre Stimme werde nicht gehört, so die Autorinnen. So soll die Studie darauf aufmerksam machen, dass sich nach wie vor Menschen ausgeschlossen, unerwünscht und benachteiligt fühlen. Für Leserinnen und Leser mache sie „die Alltäglichkeit der Problematik und auch die Komplexität“ des Problems nachvollziehbarer, sagen Wéber und Krüger.

Die Studie soll zudem zu konkreten Handlungen animieren: „Die Liste der Anlaufstellen in MV zeigt, dass im Bundesland zwar wichtige Akteure existieren. Die Befunde der Studie machen aber auch deutlich, dass die Kapazitäten dieser Strukturen derzeit noch nicht ausreichen“, so Wéber. „Wünschenswert wäre daher eine zentrale Anlaufstelle im Land im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes vom 14. August 2006.“

Im Koalitionsvertrag von SPD und Linkspartei für die aktuelle Legislaturperiode werden die Umsetzung eines Integrationskonzepts sowie ein „modernes“ Integrations- und Teilhabegesetz angekündigt. „Dieses Vorhaben begrüßen wir sehr“, so die Forscherinnen. Genau so etwas müsse jetzt aber deutlich umgesetzt werden, sagt Tahera Ameer von Lola und Tutmonde.

Landesregierung reagiert zurückhaltend

Denn noch immer gibt es kein neues Gesetz. Auch hält sich die Landespolitik aus Sicht der Autorinnen bislang mit Unterstützung bei der Präsentation und Diskussion der Ergebnisse zurück, etwa bei der Werbung für die Ergebnisbroschüre, obwohl die Regierung das Projekt unterstützt und mitfinanziert hat. Auf Nachfrage erklärt das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport, es habe zur Studie und den Ergebnissen im Vorfeld der Veröffentlichung „einen Austausch mit den Fördergebern und den Macherinnen“ gegeben. Für die Regierung habe die Landesintegrationsbeauftragte Jana Michael an der Vorstellung teilgenommen. Sie war auch an der Forschung beteiligt, bevor sie im vergangenen Jahr Integrationsbeauftragte wurde. Die Ergebnisse der aktuellen Studie würden von der Regierung ernst genommen, heißt es vom Ministerium weiter, dazu gehöre jedoch auch, „sie entsprechend einzuordnen und anzuerkennen, dass nur ein kleiner Ausschnitt der Grundgesamtheit untersucht worden ist“. Demnach seien mit 20 Interviews nur vergleichsweise wenige Frauen befragt worden.

Trotzdem stützten die Erkenntnisse die Bestrebungen des Landes, unter anderem neue Gesetzesinitiativen, ressortübergreifende Projekte in der Schulbildung und die Gleichbehandlung von Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesellschaft weiter voranzubringen. So gebe es einen Austausch mit psychosozialen Zentren sowie Migrant:innenorganisationen, mehrere Arbeitsgruppen zu den Themen Rechtsextremismus und Rassismus und die Absicht, vor allem Pädagog:innen zu sensibilisieren und entsprechende Qualifizierung zu schaffen. Wirklich konkret ist dabei das angekündigte Landesintegrations- und Teilhabegesetz, „das noch in dieser Legislatur in Kraft treten soll“. Ansonsten sei es das grobe Ziel der Landesregierung, „die Anti-Rassismus-Arbeit noch gezielter auszurichten und Schwerpunkte zu setzen“, so das Ministerium.

Die Integrationsbeauftragte Jana Michael teilt mit: „Um Rassismus in unserer Gesellschaft wirksam und nachhaltig zu bekämpfen, ist es wichtig, zu verstehen, welche Strukturen ihn ermöglichen und seinen Abbau erschweren“. Hierzu seien wissenschaftliche Studien ein wichtiger Baustein.

„Von solchen Studien braucht es mehr“

Ein Grußwort zur Studie schrieb die Antirassismusbeauftragte der Bundesregierung, Reem Alabali-Radovan (SPD), ehemalige Integrationsbeauftragte von MV. Aufgrund von Kabinetts- und Plenarsitzungen habe sie bei der Veröffentlichung im November nicht anwesend sein können, erklärt sie auf Nachfrage. Aber auch sie betont die Wichtigkeit der Arbeit: Über Rassismus zu sprechen, sei in den letzten Jahrzehnten stark vernachlässigt worden. Deshalb würden die in der aktuellen Studie enthaltenen Erkenntnisse „Politik und Verwaltung helfen, betroffene Frauen besser zu unterstützen“. Von solchen Studien brauche es mehr. Förderungen will Alabali-Radovan auf Bundesebene stärken. Dazu kündigte sie an, im Januar dem Bundeskabinett einen Lagebericht zu Rassismus in Deutschland vorzustellen.

Auch die Neubrandenburger Forscher:innen werden sich mit der Problematik weiter beschäftigen. Neue Kooperationen seien geplant. Mit einem Aktionsbündnis, das aus Lola, der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) und Studierenden des Fachbereichs Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung der Hochschule Neubrandenburg besteht, werde etwa zum Thema Anti-Rom:nja-Rassismus geforscht. Auch diesbezüglich müsse viel stärker sensibilisiert werden. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine gebe es erneut viele Millionen Menschen, die in anderen europäischen Ländern Zuflucht suchten, führen die Hochschullehrerinnen Wéber und Krüger an. Auch in MV suchen Geflüchtete nach wie vor eine sichere Bleibe.

Vorerst aber soll die aktuelle Studie zu den Rassismuserfahrungen von Frauen in MV noch weiter in den Fokus rücken. So hoffen die Autor:innen, im März im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus die Inhalte in Schwerin noch einmal genauer vorstellen zu können.

MV braucht mehr als nur eine Zeitung pro Region. Holt euch ein KATAPULT-MV-Abo!

Schon 5.260 Abonnent:innen

186,0 %

🎉 Ziel I:

19.000 Euro

Ziel II: 57.000 Euro

(11.400 Original-Abos)

Fußnoten

  1. Lola für Demokratie in MV (Hg.): „Angst schwingt immer mit“, S. 9, auf: amadeu-antonio-stiftung.de (2021).
  2. SPD, Die Linke (Hg.): Koalitionsvereinbarung 2021-2026, auf: spd-mvp.de, S. 62-63.
  3. E-Mail vom Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport vom 2.12.2022.
  4. Ebd.

Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

Redakteurin bei KATAPULT MV.

Ist in Greifswald geboren, hat in Augsburg studiert und zog für den Lokaljournalismus wieder zurück nach Meck-Vorp.

Neueste Artikel

Übergriff war erfunden

Nachdem es in Loitz einen mutmaßlichen Übergriff auf ein elfjähriges Mädchen gegeben hatte, vermuteten einige Bürger:innen den Täter aus den Reihen der kurz zuvor dort untergebrachten Geflüchteten. Sie stellten Stadt und Landkreis in einem Drohbrief kurz darauf ein Ultimatum, unter anderem für mehr Schutzmaßnahmen im Ort und die Abschottung der Geflüchteten. Jetzt kam ans Licht: Den Übergriff gab es gar nicht.

Straßennamen in Rostock

Vielleicht kann die erste Oberbürgermeisterin der Stadtgeschichte ab Mittwoch für Ausgleich sorgen? Immerhin wurde jetzt der Radschnellweg am Südstadt-Campus nach der Rostocker Chemikerin Else Hirschberg benannt. Sie hat 1898 als erste Frau an der Uni Rostock das Verbandsexamen in Chemie abgelegt. Wegen ihrer jüdischen Herkunft wurde sie 1942 in Auschwitz umgebracht. Ein Denkstein in der Schillerstraße 29 erinnert an Else und ihre Schwester Margot. Der Radschnellweg verläuft übrigens zwischen Albert-Einstein-Straße und Erich-Schlesinger-Straße.
Schweriner Stadtarchivar Dr. Bernd Kasten im Audio-Interview

Schweriner Stadtarchivar im Audiointerview

In Deutschland wird heute an das Leid der Opfer des NS-Regimes erinnert. Mit dem Direktor des Stadtarchivs Schwerin, Bernd Kasten, hat KATAPULT MV über Erinnerungskultur und Gedenken in MV gesprochen.