Die neuen Zahlen zu rechten Angriffen in MV liegen seit heute vor. Die Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt, Lobbi, registrierte im vergangenen Jahr insgesamt 150 solcher Angriffe – so viele wie noch nie zuvor seit Beginn der Erhebung im Jahr 2003. Zum Vergleich: 2023 registrierte Lobbi 113 Angriffe. Ihre Zahl hat also um gut ein Drittel zugenommen. Landesweit bleibe „das Angriffsniveau“ hoch, so Lobbi. Besonders stark stiegen jedoch die Angriffszahlen im Landkreis Vorpommern-Rügen und Rostock. Dort verdreifachten beziehungsweise verdoppelten sie sich.

Rassismus als Kernmotiv
Statistisch gesehen habe es jeden dritten Tag einen rechten Angriff gegeben. Insgesamt waren 211 Menschen betroffen – ein Drittel davon Kinder und Jugendliche. 25 Betroffene waren bis 13 und 43 zwischen 14 und 18 Jahre alt. Der „entscheidende Katalysator“ dafür, dass Täter:innen „die Hemmschwelle überwinden, Kinder direkt anzugreifen“ oder sie zu Zeugen eines Angriffs auf ihre Eltern zu machen, ist nach den Erkenntnissen der Beratungsstelle eindeutig Rassismus. Dieser äußere sich auch brutaler, was sich an einer Enthemmung der Täter:innen und einer Entmenschlichung der Betroffenen zeige. Rassismus ist laut der Erhebung auch das Hauptmotiv der Täter:innen: 81 Angriffe lassen sich auf eine solche Einstellung zurückführen. Es sei alarmierend, dass sich für Menschen ein Angriffsrisiko ergebe, weil sie nicht weiß sind oder in der Öffentlichkeit nicht Deutsch sprechen, so Robert Schiedewitz von Lobbi. Die Beratungsstelle warnt zudem seit Jahren vor „einer gefährlichen Gewöhnung an rassistische Gewalt“.
Laut den Daten sind Menschen, die als politische Gegner:innen wahrgenommen werden – beispielsweise Mitglieder bestimmter Parteien oder von zivilgesellschaftlichen Initiativen –, am zweithäufigsten von Angriffen betroffen. Die Zahl der Angriffe auf sie verdoppelte sich gegenüber 2023 von 22 auf 40.

Mehrheitlich Körperverletzungen
Bei den meisten Angriffen handelte es sich laut Lobbi um Körperverletzungen. Darunter waren auch 35 gefährliche Körperverletzungen bis hin zu zwei Angriffen mit schweren Verletzungen und versuchter Tötung. Daneben kam es zu Bedrohungen, Nötigungen und Sachbeschädigungen sowie Brandstiftung. Die Beratungsstelle stellt dazu klar, dass es sich bei den Angriffen für die Betroffenen meist „nur um die Spitze des Eisbergs“ handelt. Sie seien in ihrem Alltag vielfach bedrohlichen Situationen ausgesetzt, die sich unterhalb einer „Gewaltschwelle“ abspielen – etwa Beleidigungen oder Diskriminierungen, die ebenfalls darauf angelegt sind, sie einzuschüchtern.
Am häufigsten geschahen die Angriffe im öffentlichen Raum, insbesondere in Bahnhöfen und an Haltestellen. Angriffe auf Wohnungen oder Vorfälle im schulischen Umfeld hätten aber ebenfalls zugenommen. Zehn solcher Taten mussten im vergangenen Jahr erfasst werden.
Die Beratungsstelle nutzt die Veröffentlichung für einen Appell und eine Warnung: Es brauche „ein klares Bekenntnis zu einer offenen und pluralistischen Gesellschaft“, sagt Schiedewitz. Das bedeutet auch, dass rechte Gewalt klar als solche benannt werden muss. Ohne das und eine damit einhergehende „konsequente politische Bekämpfung rechter Gewalttäter:innen und ihrer Stichwortgeber:innen“ werde sich „die Situation weiter verschärfen“. Mit Sorge geht sein Blick dabei auch auf extrem rechte Jugendliche, die sich zunehmend dominant verhielten. Die Radikalisierung verlaufe bei vielen in enormem Tempo. Jetzt sei aber noch Zeit und Möglichkeit, die Heranwachsenden zu erreichen.
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