"Wir wissen alle, wie Antisemitismus endet, aber es ist wichtig aufzuzeigen, wo er anfängt." Yuriy Kadnykov
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Jahresbericht DIA MV

35 Prozent mehr Antisemitismusfälle in MV als im Vorjahr

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124 antisemitische Vorfälle dokumentierte „DIA MV“ im Jahr 2025. Das sind 35 Prozent mehr als 2024. Diese und weitere Zahlen wurden am Dienstag mit dem „Jahresbericht antisemitischer Vorfälle 2025“ vorgestellt. Dabei reichen die Fälle von verbalen Angriffen über Beschmierungen an Gedenkorten bis hin zu physischen Attacken. Zum ersten Mal ereigneten sich die meisten Vorfälle nicht in Rostock.

Jugendliche FC-Hansa-Rostock-Fans singen im Juli 2025 das sogenannte U-Bahn-Lied, in Schwerin wird im April 2025 zu Beginn des Pessachfestes die an der jüdischen Gemeinde angebrachte Mesusa – ein Kennzeichen für ein Haus jüdischen Lebens – gestohlen sowie Stolpersteine vor der Gemeinde mit weißer Farbe beschmiert, im März 2025 rufen in Wismar Teilnehmer einer Versammlung aus dem extrem rechten Milieu Gegenprotestler:innen „Ich hoffe, ihr werdet vergast, ihr Juden“ zu, im Mai 2025 landen in einem Greifswalder Wohnhaus Auszüge eines antisemitischen Pamphlets in Briefkästen. Dies sind nur einige der insgesamt 124 antisemitischen Vorfälle, die die Dokumentations- und Informationsstelle Antisemitismus (DIA MV) für das Jahr 2025 dokumentiert.

DIA MV

ist die Dokumentations- und Informationsstelle Antisemitismus Mecklenburg Vorpommern. Gegründet im Jahr 2021, will die zivilgesellschaftliche Melde- und Beratungsstelle antisemitische Vorfälle sowie die Verbreitung antisemitischer Einstellungen im Bundesland sichtbar machen. DIA MV steht Betroffenen, Zeug:innen und allen, die sich in MV engagieren, beratend zur Seite. Meldungen über antisemitische Vorfälle können auf der Website unter www.dia.mv.de auch anonym gegeben werden.

Von Bedrohung bis Angriff

In ihrer Dokumentation unterscheidet DIA MV sechs Kategorien an Vorfällen: Angriffe, davon gab es zehn im vergangenen Jahr, Bedrohungen (1), gezielte Sachbeschädigung (9), Massenzuschriften (4) sowie verletzendes Verhalten (100). Unter letzteres fallen Äußerungen – online wie offline – , aber auch Schmierereien oder Aufkleber. „Hinter vielen Vorfällen stecken direkte Betroffene“, macht Linnea Müller, Projektmitarbeiterin bei DIA MV bei der Vorstellung klar.

Antisemitische Vorfälle 2025, Anzahl gemeldeter Fälle je Landkreis und ausgewählte Einzelfälle

Zu beachten sei bei den Zahlen jedoch, dass die Zunahme von 35 Prozent im Vergleich zum Vorjahr nicht ausschließlich mit einem tatsächlichen Anstieg in Zusammenhang gebracht werden könne. „Einfluss auf die Anzahl der dokumentierten Vorfälle hat auch die allgemeine Bekanntheit der Meldemöglichkeit sowie die Vernetzung des Projektes im Bundesland“, so Müller.

Antisemitismus nach  Landkreisen

In jedem Landkreis in MV gab es im Jahr 2025 antisemitische Vorfälle. Zum ersten Mal seit Beginn der Dokumentation im Jahr 2021 gab es die meisten Vorfälle jedoch nicht in Rostock (14,5 Prozent) sondern in den Landkreisen Mecklenburgische Seenplatte (20 Prozent) und Vorpommern-Greifswald (21 Prozent). Auch dies sei vorrangig auf die steigende Bekanntheit der Meldestelle in einigen Landkreisen zurückzuführen, sagt Müller. Zudem sei auch von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.

Vorfälle nach Erscheinungsformen: Post-Schoah-Antisemitismus prägt jeden zweiten Vorfall

Aber jeder einzelne Vorfall würde zu einer Verbreitung antisemitischer Inhalte beitragen, erklärt Müller. Blieben sie unwidersprochen, könne sich Antisemitismus weiter verfestigen. Besonders codierte antisemitische Aussagen blieben oft im Verborgenen, hätten aber reale Auswirkungen auf Betroffene und die Sichtbarkeit jüdischen Lebens in MV. Das bestätigt Yuriy Kadnykov, Landesrabbiner Mecklenburg-Vorpommern, der bei der Vorstellung des Jahresberichts ebenfalls dabei ist: „Einige in der Gemeinde ziehen sich dann aus dem öffentlichen Leben zurück.“ Die Arbeit von DIA MV sei enorm wichtig, so Kadnykov: „Wir alle wissen, wie Antisemitismus endet, aber es ist wichtig aufzuzeigen, wo er anfängt.“

Genau das sei der Anspruch von DIA MV: Mit der Dokumentation antisemitischer Vorfälle die Zivilgesellschaft sowie staatliche Akteur:innen für Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Problem sensibilisieren sowie Handlungsbedarfe identifizieren. Die Vorfälle können vertraulich unter www.dia-mv.de gemeldet werden. „Diese Daten dienen als Grundlage, um Gegenmaßnahmen zu entwickeln“, so Dia-MV-Mitarbeiterin Müller.

Autor:in

  • Tauschte die Berge des Südens gegen das Meer im Nordosten. Wurde im Rostocker Büro liebevoll Katzen-Oma getauft - hat aber keine Katze.

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