KATAPULT MV: Herr Dr. Knabe, wie würden Sie als Soziologe das gängige Stereotyp der „faulen Arbeitslosen“ beschreiben?
André Knabe: Gar nicht. (lacht) Weil das wirklich Unsinn und wissenschaftlich nicht haltbar ist. In keiner Statistik ist Faulheit eine erklärende Variable. Faulheit ist eine Charaktereigenschaft, die weder Armut noch Reichtum erklärt. Dass jemand wenig Geld hat, hat immer mit der sozialstrukturellen Position in der Gesellschaft zu tun. Wenn Menschen arbeitslos sind, gibt es oft Lebensumstände, die das erklären. Zum Beispiel durch Krankheit oder weil Qualifikationen veraltet sind. Das sind Faktoren, die Erwerbslosigkeit erklären – und nicht Faulheit. Arbeitslosigkeit ist kein Zustand, der sich gut aushalten lässt, sondern ein hartes Schicksal.
Welche Zuschreibungen kursieren noch in Bezug auf Arbeitslose, die auch durch Politik und Medien verbreitet werden?
Ich habe den Eindruck, dass immer dann, wenn Politiker:innen nichts mehr einfällt, womit sie die eigenen Probleme erklären können, nach einem äußeren Feind gesucht wird, gegen den der Zorn gelenkt wird. Das sind oft geflüchtete Menschen, Migrant:innen oder Personen in Notlagen. Dieses „Nach-unten-Treten“ oder „nach außen“ dient oft dazu, von anderen Problemen abzulenken. Das hat sich zum Beispiel gut bei der Debatte ums Bürgergeld gezeigt, in der Friedrich Merz meinte, zweistellige Milliardenbeträge einsparen zu können. So eine Behauptung in die Welt zu setzen, dass es eine Klasse gebe, die auf Kosten der Anderen lebt, ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten. Ich weiß nicht, ob es so eine Klasse wirklich gibt. Falls doch, ist sie sicher nicht am unteren Ende der Sozialstruktur zu finden.
Wann ist das Stereotyp der „faulen Arbeitslosen“ entstanden?
Diese Erzählung ist in den alten Bundesländern bereits mit dem Abflauen des Wirtschaftswunders und dem Einsetzen der Ölkrise aufgekommen. Zu dem Zeitpunkt wurde gesagt, dass der Sozialstaat die Leute zu stark absichern würde. Sie würden sich nicht um Arbeit bemühen und sich fallen lassen. Immer, wenn es wirtschaftliche Krisen gibt und es für eine breite Masse der Bevölkerung spürbar ist, dass es gerade nicht nach vorne geht, wird das Narrativ bemüht, dass das Problem bei den Bedürftigen liege. Diese Krisen zu beheben, ist deutlich schwerer, als nach unten zu treten. Dabei ist Arbeitslosigkeit in der Regel das Symptom einer wirtschaftlichen Krise, aber nicht deren Ursache.
Trotz dieses Problems, welches dem System selbst innewohnt, gibt es Hass gegen Arbeitslose. Wie ist das zu erklären?
Dadurch, dass wir in einer Gesellschaft leben, die von einem starken Leistungsgedanken getragen wird. Jeder kennt diese Erzählung: Du musst dich anstrengen, eine Ausbildung machen, damit du später Geld verdienst. Dabei schwimmt unterschwellig immer mit: Wenn du das nicht schaffst, dann bist du gescheitert. Deshalb ist es eine sehr starke Kränkung, die die Menschen erfahren, wenn sie arbeitslos werden. Unsere Würde hängt stark an unserem Platz im Erwerbsleben. Auch deshalb halten an diesem Leistungsgedanken selbst diejenigen fest, die von Armut betroffen sind. Keine statussichernde Arbeit zu haben, beschädigt unsere Identität und viele versuchen dann oft selbst, nach unten zu treten, um sich symbolisch von denen abzugrenzen, zu denen sie nicht gehören wollen.
Wie ist Armut in Mecklenburg-Vorpommern verteilt?
Da gibt es ziemlich unterschiedliche Phänomene. Wir haben in den Städten Rostock, Schwerin, Neubrandenburg und Greifswald eine starke Segregation.1 Man kann zum Beispiel in der Rostocker Innenstadt leben und nichts von Armut mitbekommen, während es außerhalb davon Stadtteile gibt, in denen jedes zweite Kind in einem Haushalt lebt, der auf unterstützende Leistungen angewiesen ist. Im ländlichen Raum wäre das Gegenstück zur Segregation Peripherisierung.2 Wir haben weite ländliche Räume, die dünn besiedelt sind. Und wo in den letzten Jahrzehnten Infrastruktur abgebaut wurde, kann es passieren, dass man in einem Dorf nicht gut aufgefangen wird. Und dann ist man ziemlich aufgeschmissen.
In Vorpommern ist die sogenannte Armutsgefährdungsquote besonders hoch. Woran liegt das?
So genau wissen wir das gar nicht. Die Landkreise in MV sind riesig. Eine Kennziffer über Vorpommern insgesamt sagt wenig aus über die Lage an konkreten Orten, die sehr unterschiedlich sein kann. Wir können das statistisch nicht auf dem Niveau beschreiben, wie es nötig wäre, um Armut strategisch zu bekämpfen. Denn es gibt in Mecklenburg-Vorpommern als einzigem der 16 Bundesländer keine Armuts- und Reichtumsberichterstattung. Daher fehlen diese kleinräumigen Daten und auch Beobachtungen der Wirksamkeit von Maßnahmen gegen Armut im Zeitverlauf.
Das heißt, dass es auch einen großen Teil verdeckter Armut geben könnte?
Ja, verdeckte Armut entsteht einerseits, wenn es keine Beratungsangebote gibt und die Menschen niemanden haben, an den sie sich wenden können. Andererseits aber auch, weil Armut nicht gesehen wird – und weil Menschen ihre Hilfebedürftigkeit aus Angst vor Stigmatisierung nicht anzeigen.
In Deutschland gab es Anfang der 2000er Erwerbslosenproteste. Woran liegt es, dass sich so ein Widerstand heute nicht mehr formiert?
Das hat natürlich auch mit der Stigmatisierung zu tun. Es ist keine positive Eigenschaft, irgendwo als erwerbslos oder armutsbetroffen aufzutreten. Dazu gehört eine Menge Mut, den viele nicht haben. Aus verständlichen Gründen. In meiner Doktorarbeit habe ich mich unter anderem damit beschäftigt, ob es eine Art Klassenbewusstsein bei strukturell benachteiligten Personen gibt. Dieses Bewusstsein haben die Menschen leider nicht. Der Grund für Erwerbslosigkeit wird immer als persönliches Versagen beschrieben und nicht als Ursache einer benachteiligenden sozialstrukturellen Lage. Und deshalb organisieren sich Armutsbetroffene oftmals nicht.
Gibt es Beispiele für Selbstorganisationen von Armutsbetroffenen und Erwerbslosen in MV, die gängige Klischees widerlegen?
Eigentlich reicht ein Blick in jedes beliebige Stadtteilzentrum. Meistens arbeiten dort Menschen, die selbst wenig Geld haben, aber das Gefühl, dass sie dort eine Aufgabe haben und einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen können. Solche Orte sind wichtig, weil sie einen Rahmen für soziale Teilhabe bieten. Wenn wir armen Menschen diese ermöglichen, dann ist das quasi ein Geben und Nehmen.
Auch Menschen, die bei den Tafeln arbeiten, engagieren sich mit Herzblut. Es ist ein Grundbedürfnis von uns Menschen, dass wir nützlich sein wollen und einen sinnvollen Platz in der Gesellschaft einnehmen möchten. In MV gibt es zudem seit mehr als 20 Jahren das Erwerbslosenparlament, das eine besondere Form der Selbstorganisation darstellt. Es ist eine ungeheure Leistung, sich derart hör- und sichtbar zu organisieren, um den gesellschaftlichen Narrativen etwas entgegenzusetzen.
Was braucht es aus Ihrer Sicht als Soziologe, um Armut in MV wirksam zu reduzieren?
Es wäre wirklich wichtig und an der Zeit, dass wir eine Armuts- und Reichtumsberichterstattung bekommen. Die Landesregierung hat letztes Jahr einen Maßnahmenkatalog veröffentlicht, mit dem sie zeigen will, was sie alles gegen Armut tut. Dort stehen Hunderte Einzelmaßnahmen drin, die für sich genommen alle super sind. Wir wissen aber nicht, wie gut sie der Zielgruppe wirklich helfen. Es ist wichtig, dass Armut systematisch bekämpft wird. Wir müssen die Ursachen der Armut bekämpfen – nicht die Armen.
Welche verbreiteten Annahmen über Armut würden Sie am liebsten widerlegen?
Die Annahme, dass ein Leben in Armut ein leichtes Leben sei. Anhand der vielen Biografien und Geschichten der unglaublich starken und kämpferischen armutsbetroffenen Menschen, mit denen ich in den letzten zehn Jahren sprechen durfte. Sie zeigen, was Armut im Alltag wirklich bedeutet: Jede Kleinigkeit wird zum Problem. Anerkennung, Würde und Teilhabe sind nicht mehr selbstverständlich. Man muss sich offenbaren und rechtfertigen. Und Tag für Tag selbst motivieren – auch wenn das Licht am Ende des Tunnels sehr weit weg erscheint.
- Soziale Segregation bedeutet, dass sich verschiedene Bevölkerungsgruppen (etwa nach Einkommen, Herkunft, Alter) räumlich trennen und sich in unterschiedlichen Stadtteilen oder Einrichtungen konzentrieren, was zu sozialer Ungleichheit und Ausgrenzung führen kann. ↩︎
- Unter Peripherisierung wird ein Prozess verstanden, bei dem Regionen oder Gruppen an den Rand gedrängt werden. Dabei werden sie von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zentren abgekoppelt. Dieser Prozess führt zu Benachteiligung, weniger Einfluss und schlechterer Erreichbarkeit von Dienstleistungen. ↩︎

