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Geflüchtete in MV

„Da fällt es schwer, nicht depressiv zu werden“

Von und

Lesedauer: ca. 8 Minuten

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Unsicher sind sie. Ihre Namen wollen sie nicht sagen. Auch nicht fotografiert werden. Aber sie wollen ihre Geschichten erzählen und ihre Perspektive in der Debatte um Unterkünfte für Geflüchtete und falsche Anschuldigungen gegen sie, wie es in Loitz Anfang des Jahres der Fall war.

Rückblick: Weil die bisherigen Geflüchtetenunterkünfte des Landkreises Vorpommern-Greifswald in Torgelow, Wolgast und Greifswald an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, muss eine schnelle Lösung her. Die wird in Loitz in einer ehemaligen Grundschule gefunden. Noch in diesem Jahr soll sie wieder als Schulgebäude umgerüstet werden. Da sich die Renovierung aber aufgrund von Lieferengpässen verzögert, soll das Gebäude übergangsweise Geflüchtete beherbergen.

Anfang des Jahres wurden die ersten 36 Menschen dort untergebracht. Kurz zuvor gab es einen Anschlag auf die Unterkunft: Unbekannte schlugen Fenster und Türen ein.

Einige Tage nach dem Einzug wurde eine Anzeige erstattet: Ein elfjähriges Mädchen soll von einem unbekannten Mann auf der Straße festgehalten worden sein. Schnell wurden Stimmen laut, die den Täter in den Reihen der Geflüchteten vermuteten. Mit einem Drohbrief an die Loitzer Stadtvertreter:innen kündigte ein Bürger schließlich Selbstjustiz an, sollten die Sicherheitsmaßnahmen in der Stadt und besonders um das Geflüchtetenheim nicht verbessert werden.

Daraufhin gab es eine Informationsveranstaltung in Loitz für Fragen der Bürger:innen und wie es weitergehen soll. Von den mehr als 250 Teilnehmer:innen des Abends sind einige dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen. Auch der Verfassungsschutz MV beobachtete die Veranstaltung, sieht aber trotz Kleidung der rechtsextremen Gruppierung Brigade 12 Pommern oder Aussagen wie „Bring einen Ofen aus Auschwitz mit“ keinen Handlungsbedarf. Landrat Michael Sack (CDU) konnte an dem Abend nicht selbst vor Ort sein. Der ehemalige Bürgermeister der Stadt sagt aber: „Loitz hat kein Naziproblem. Die Leute, die an dem Abend Stimmung machen wollten, waren keine Loitzer.“

Die Veranstalter:innen – Landkreis und Stadt – konnten die Situation nur schwer moderieren. Auch der stellvertretende Landrat Dietger Wille (CDU) zeigte sich im Anschluss an die Veranstaltung überrascht über so viel Emotionalität, Ängste und Vorurteile.

Wer bei all dem bisher nicht zu Wort kam, waren die Geflüchteten selbst.

Wenig Platz und wenig Möglichkeiten

Von Woche zu Woche sind neue Geflüchtete nach Loitz gekommen. Die Unterkunft ist für maximal 200 Menschen ausgelegt. Bislang sind es nach Angaben des Landkreises Vorpommern-Greifswald knapp 60 Männer aus Syrien.

Unsere Anfrage, die Geflüchtetenunterkunft besuchen zu dürfen, hat der Landkreis abgelehnt. Mit drei Syrern können wir uns aber direkt im Ort treffen. Der erste von ihnen hat Literaturwissenschaften studiert und musste seine Frau und zwei Kinder in Syrien zurücklassen. Der zweite arbeitete vor seiner Flucht in einer Bank und ist unverheiratet. Der dritte hat ein abgeschlossenes Masterstudium der Betriebswirtschaftslehre. Auch seine Frau und seine zwei Kinder sind in Syrien geblieben.

Nachdem wir einen Ort gefunden haben, wo ein ungestörter Aufenthalt möglich ist, kommen wir mithilfe eines Übersetzers ins Gespräch. Auf ihrem Weg nach Deutschland sind die Syrer unter anderem durch Griechenland, die Ukraine und Belarus gekommen und zunächst in Großstädten wie Berlin und Hamburg gelandet.
Dann wurden sie weiter nach MV vermittelt und nach einem kurzen Aufenthalt in Schwerin kamen sie nach Loitz. Hier lernten sie sich kennen, weil sie im selben Zimmer untergebracht wurden, genauer gesagt in einem ehemaligen Klassenraum. In einem solchen Raum wohnen zurzeit bis zu zehn Männer. Sie schlafen auf Feldbetten. W-Lan gibt es, allerdings müsse man zum Telefonieren mit der Familie nach draußen gehen, um „ein bisschen Privatsphäre zu bekommen“. Selbst auf dem Gang fehle diese.

Einen Fernseher gibt es nicht, sie schauen sich Videos oder Nachrichten meist auf Youtube an. Rauchen könne man draußen, aber nur hinter dem Gebäude, nicht nach vorne zur Straße, so die Anweisung der dort angestellten Mitarbeitenden. Zum Essen gehen sie in die Kantine. Die vier Containerduschen befänden sich draußen auf dem Hof. Toiletten seien aber im Gebäude. Das sei alles „schon okay“, betonen sie, nur eine Waschmaschine sei zu wenig für so viele Leute. Da gebe es sehr lange Wartezeiten.

Was es noch gibt, fragen wir. „Einen alten Fußball.“ Außerdem gibt es noch das Sicherheitspersonal, von dem nur eine Person Englisch spricht. Fast die gesamte Kommunikation muss über Smartphones und Übersetzungssoftware stattfinden.

Angst und Scham

Sie wollen sich weniger über die Unterkunft beschweren, sagen sie immer wieder. Aber das Gefühl, wie es ihnen ergeht, wollen sie teilen. Denn das größte Problem für sie seien die Gerüchte. „Gerüchte darüber, wie es hier in Loitz ist“, sagt einer. Sie hätten von dem Infoabend gehört und was da so gesagt wurde. Das mache ihnen Angst.
Auch fühlen sie sich beobachtet, etwa, wenn sie auf der Straße unterwegs sind. Ihre Möglichkeiten in dem kleinen Ort sind begrenzt. Sie können einkaufen in einem Supermarkt gleich eine Straße weiter. Oder in einem anderen Supermarkt am anderen Ende von Loitz. Ansonsten kennen sie noch die lange Straße dazwischen. „Dort gibt es so viele leere Häuser“, sagt einer, „das sieht traurig aus.“ Andere Möglichkeiten oder Angebote hätten sie noch nicht gefunden. „Dazu noch das Wetter. Da fällt es schwer, nicht depressiv zu werden“, ergänzt ein anderer. Die ärztliche Versorgung im Ort sei aber gut, die Ärzte nett und kompetent.

Einmal seien sie nach Greifswald gefahren. Dort mussten sie Anträge abgeben. Aber auf dem Weg habe es einen der schlimmsten Momente gegeben, erzählt einer der Geflüchteten. Mit dem Einzug in die Unterkunft hat jeder von ihnen ein Armband mit einer Zahl bekommen. Es diene zur Übersicht in der Unterkunft. Einer der drei kannte das bereits aus Hamburg, für die anderen war es neu. Sie versuchen das Armband so oft wie möglich unter dem Ärmel zu verstecken. Während des Festhaltens im Bus aber sei das Band hervorgerutscht, beschreibt einer. Da es grellblau ist, fiel es ein paar Mitfahrenden auf. „Das war ein demütigendes Gefühl, dafür muss man sich schämen“, sagt der Literaturwissenschaftler und Vater von drei Kindern. „Die Leute denken, wir kommen aus der Psychiatrie oder so“, ergänzt ein anderer. Er spricht fließend Englisch und vertreibt sich die Zeit damit, auf Youtube Deutsch zu lernen. Als er einmal zum Supermarkt am anderen Ende der Stadt laufen wollte, wusste er nicht mehr genau, wo es langging. Also versuchte er eine Passantin nach dem Weg zu fragen, wurde aber ignoriert. Auch beim Einkaufen bemerke er regelmäßig die skeptischen Blicke – etwa wenn er zu lange ein Produkt ansehe. Beim Einkaufen komme es auch regelmäßig zu unangenehmen Situationen. Die Geflüchteten haben noch kein Bankkonto in Deutschland und können nur bar bezahlen. Weil das an der Kasse manchmal länger dauert, gebe es immer wieder genervte Kommentare der Verkäufer:innen.

Wir fragen nach etwas, das ihnen hier guttut. Sie nennen einen Helfer, der mit ihnen Kontakt hält und sie regelmäßig besucht. Im Vergleich zu anderen Unterkünften, in denen sie bisher untergebracht waren, gebe es aber nichts Gutes mehr zu ergänzen.

In den größeren Städten seien die Menschen viel freundlicher, zumindest offener gewesen, sagen alle drei. Dort gab es auch mehr Angebote, etwa Dolmetscher:innen vor Ort. Nach Loitz komme nur etwa ein- bis zweimal in der Woche jemand. Das reiche zeitlich kaum für die 57 Leute, die potenziell Bedarf haben. Andere Unterstützung für das Ausfüllen von Asylformularen gebe es aktuell nicht.

Insgesamt sollen es in der Unterkunft in Loitz etwa 150 Personen werden. Für eine Kleinstadt ziemlich viel, finden sie: „Wir können die Skepsis der Leute hier verstehen. Das würde man in Syrien auch nicht gut finden. Warum macht die Regierung sowas?“.

Warten ohne Perspektive

Zudem könne niemand ihnen sagen, wie lange sie noch dort sein werden. So warten sie auf ihre Verfahren und hoffen, dass sie bald gehen können. Alle drei wollen Deutsch lernen, um ihre Lehre weiterführen zu können oder eine andere Ausbildung zu beginnen. Da sie während ihres Aufenthalts tagsüber nur warten würden, wünschen sie sich vor allem, vor Ort einen Sprachkurs belegen zu können.
Einige Initiativen und Ehrenamtliche im Ort und aus der Region sind interessiert und haben auch schon beim Landkreis angefragt, wird während und nach dem Gespräch im Umfeld klar. Zumindest eine Art Vorbereitungskurs wollen einige anbieten. Das könne sich etwa die Zukunftswerkstatt in Loitz vorstellen. So könnten die Geflüchteten ihre Zeit sinnvoll nutzen. Wann die Ideen genau umgesetzt werden können, bleibt aber offen.

Die Hoffnung auf Demokratie und eine Aussicht auf eine gleichberechtigte Chance in Deutschland haben die Syrer ein Stück weit verloren. In Loitz oder Vorpommern bleiben wollen sie nicht. Und so verlassen sie nach dem Gespräch zügig das Gebäude, damit es nicht so auffällt, wo sie waren. Und mit wem sie gesprochen haben.


Dieser Artikel erschien in Ausgabe 17 von KATAPULT MV.

Anm. d. Red.: Bei Redaktionsschluss für die Zeitungsausgabe am 9.2. hat der Landkreis Vorpommern-Greifswald zusammen mit der Stadt Greifswald angekündigt, dass die Geflüchteten aus Loitz voraussichtlich im Laufe des März nach in Greifswald ziehen können. Bis dahin waren sie mindestens zwei Monate in der beschriebenen Unterkunft in Loitz untergebracht.

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Fußnoten

  1. Rust, Martje: Weitere Unterkunft für Geflüchtete in Vorbereitung, auf: katapult-mv.de (6.1.2023).
  2. Polizeipräsidium Neubrandenburg (Hg.): Beschädigung an Gemeinschaftsunterkunft in Loitz, auf: presseportal.de (13.1.2023).
  3.  Blöß, Louise; Rust, Martje: Bürger stellt Stadt Loitz Ultimatum, auf: katapult-mv.de (20.1.2023).
  4. Hinz, Patrick; Rust, Martje: Bald Selbstjustiz gegen Geflüchtete in Loitz?, auf: katapult-mv.de (26.1.2023).
  5. E-Mail vom Ministerium für Inneres, Bau und Digitalisierung MV vom 8.2.2023.
  6.  Stand 9.2.2023.

Autor:innen

Geboren in Vorpommern, aufgewachsen in Mecklenburg. Einziger KATAPULT-Redakteur mit Traktorführerschein UND Fischereierlaubnis. Layouter und Chefredakteur.

Redaktionsleitung bei KATAPULT MV.

Ist in Greifswald geboren, hat in Augsburg studiert und zog für den Lokaljournalismus wieder zurück nach Meck-Vorp.

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