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Feminismus

Diverse Technopartys

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Lesedauer: ca. 7 Minuten

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Maike Münstermann studiert Geografie in Greifswald. In ihrer Freizeit legt sie als DJ auf. Die Musik beschreiben ihre Freund:innen als „Maike Disco“. Es ist ein Mix aus alten Disco-Klassikern und neuerer Dark Disco, mal flotter und mal ruhiger. Vor zwei Jahren hat sie das DJ-Kollektiv Kinky Mush mitgegründet. Ein Kollektiv ist ein Zusammenschluss von mehreren DJs, in dem man sich gegenseitig unterstützt und gemeinsam Partys organisiert. Bei Kinky Mush gibt es eine Reihe von FLINTA*-Personen. FLINTA* ist die Abkürzung für Frauen, lesbische, intersexuelle, nichtbinäre, trans- und agender Menschen. Also Menschen, die in der Gesellschaft als Frauen diskriminiert werden, obwohl sie teilweise gar keine Frauen sind. 


Das Rostocker Kollektiv What a feminist sounds like besteht ausschließlich aus FLINTA*-Personen. Jule Esteh hat es im Januar 2023 gegründet. Ausschlaggebend für die Gründung sei der zu geringe Anteil an FLINTA*-DJs bei Festivals und anderen Partys gewesen: „Mich hat es schon immer gestört, dass es Veranstaltungen gab auf denen entweder nur eine FLINTA*-Person aufgelegt hat oder keine.“ Durch eine gemeinsame Party mit einer Freundin entstand die Idee für das Kollektiv. Statt immer nur Bühnen anzufragen, wollten sie sich selbst eine Bühne geben.

Aller Anfang ist schwer

Besonders das Anfangen sei für neue DJs schwer. Wenn es keine Vorbilder gibt, kann man sich schlechter vorstellen, selbst hinter dem Pult zu stehen, so Jule aus Rostock. Maike hatte in ihrer Heimatstadt Aachen ein solches Vorbild: Eine Arbeitskollegin zeigte ihr, wie man auflegt. Ihren ersten Auftritt hatte sie dann im Geographenkeller in Greifswald. Elektronische Musik spielte sie zum ersten Mal bei einer Party am Strand bei Sonnenuntergang.
Jules Karriere hingegen begann in ihrer Garage: „Ich habe einfach Lieder, die mir gefallen haben, beim Windows Media Player in eine Reihenfolge gepackt. Im ST-Club in Rostock habe ich dann auflegen gelernt.“ Für sie ist ihr Kollektiv auch wichtig, um Nachwuchs ans Pult zu holen. Weil männliche DJs die Frage nach einem gemeinsamen Musikmachen teilweise als romantische Verabredung verstehen, würden sich FLINTA*-Personen nicht immer trauen, Kollegen um Hilfe zu bitten. 

Murat Demirkaya vom Nachtclub Rosa in Greifswald ist ein diverses Line-up, also die Auswahl der Künstler:innen eines Abends, wichtig. Früher hatte er Probleme FLINTA*-DJs zu finden. Inzwischen ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichener. Das liegt auch daran, dass er in den Räumlichkeiten der Rosa DJ-Workshops anbietet – von FLINTA*s für FLINTA*s. DJs mit Migrationsgeschichte zu finden, sei allerdings nach wie vor schwer, sagt er.

Statistik spricht für Gleichberechtigung

Das female:pressure-Netzwerk führt seit 2012 eine Studie zu Geschlechterverhältnissen auf internationalen Musikevents durch. Untersucht wurden seit Beginn der Studie über 1.000 Festivals, bei denen elektronische Musik gespielt wurde. Der Anteil männlicher Künstler auf Festivals zwischen 2022 und 2023 lag in Deutschland durchschnittlich bei 43,1 Prozent. Der Rest waren weibliche und nichtbinäre Künstler:innen oder Gruppen von Künstler:innen. 

Eine Erhebung von KATAPULT MV aus dem letzten Jahr kam zu dem Ergebnis, dass 2023 durchschnittlich 70 Prozent der Künstler:innen auf Elektrofestivals in MV Männer waren. Die Zahlen der Erhebung unterscheiden sich allerdings von den offiziellen Angaben von Veranstalter:innen. Laut unserer Analyse traten auf einem der größten Technofestivals in MV, der Fusion, 57,5 Prozent Männer auf. Die Fusion selbst spricht von nur 38 Prozent.


Nichtsdestotrotz ist sowohl deutschlandweit als auch in MV der Anteil an FLINTA*-DJs auf Festivals gestiegen. Laut female.pressure legten beispielsweise beim 3000Grad Festival in Feldberg im Jahr 2020 nur 20 Prozent FLINTA*-Personen auf. 2023 waren es laut Analyse von KATAPULT MV bereits 35,8 Prozent. Zum Line-up in Clubs und auf sonstigen Veranstaltungen gibt es keine einheitlichen Zahlen. Außer vom Club Rosa bekamen wir keine Rückmeldung auf unsere Anfragen.

Sichere Partys für alle

Wenn man es einmal geschafft hat, einen Namen hat, regelmäßig gebucht wird, verschwindet dann der Sexismus? Jule hat in ihrem Kollektiv bisher keine schwerwiegenden Vorfälle erlebt. Aber es passiert manchmal, dass Mitarbeiter im Club ungefragt Hinweise geben würden. Jule empfindet das als übergriffig: „Statt nachzufragen, gibt es Techniker, die einfach meine Geräte anfassen und aufbauen, obwohl ich das schon oft genug gemacht habe.“ Dass man erstmal fragt, bevor man hilft, musste Murat auch erst lernen. Besonders jüngere DJs seien für seine Hilfe allerdings dankbar – wenn sie höflich angeboten wird.

Ein wichtiger Sicherheitsaspekt für Jule und Maike ist das Verbot von Kameras in manchen Clubs. Auch in der Rosa werden Handykameras abgeklebt. Maike möchte selbst bestimmen, wann Fotos von ihr aufgenommen werden. Jule ist es wichtig, ihre Privatsphäre zu schützen: „Für mich ist feiern gehen etwas Privates und ich möchte nicht von irgendwem auf Instagram gepostet werden.“

Maike hat als DJ bisher keinen Sexismus erlebt. Es gibt zwar Veranstaltungen, bei denen sie sich fragt, warum die Geschlechterverhältnisse so unausgeglichen sind, aber bei Partys, die sie organisiert, ist das nicht der Fall. Hinter dem Pult fühlt sie sich außerdem sicher vor Übergriffen: „Das Gute ist, dass das DJ-Pult schon generell abgeschirmter ist. Eigentlich ist auch immer Personal da, das einen beobachten kann. Sollte etwas passieren, muss man nur die Hand heben und jemand kommt vorbei.“ 

Nicht nur auf den Partys selbst, sondern in der gesamten Szene von MV, erfährt Maike viel Unterstützung: „In MV ist es irgendwie leichter, etwas zu starten. Die Vernetzung ist ein bisschen leichter als an anderen Orten, weil man sich in der ländlichen Region gegenseitig unterstützen möchte.“ Diese Unterstützung hat auch Jule erlebt: „Ich habe einen Kumpel, der mir die Technik zu einem Freundschaftspreis ausleiht. Diese Männer braucht es, die einen unterstützen, weil sie es gut finden, was man tut.“

Jule spielt nur in Clubs, in denen sie und ihr Kollektiv sich als FLINTA*s sicher fühlen können. Veranstaltungsräume im ländlichen Raum gehören für sie nicht dazu. Die Geschehnisse in Bergholz und Neukalen hätten das noch einmal deutlich gezeigt. Zur Erinnerung: In beiden Orten wurden bei Partys rassistische Parolen zur Musik von Gigi D’Agostino gegrölt.

Awareness für den gesellschaftlichen Wandel

Immer wieder fällt in den Gesprächen der Begriff Awareness. Awareness bedeutet übersetzt „Bewusstsein“ oder „Achtsamkeit“. Bei Partys oder Festivals geht es darum, einen respektvollen Umgang miteinander zu etablieren und dadurch Diskriminierung und Gewalt zu verhindern. Entscheiden sich die Veranstalter:innen einer Party auf Awareness zu achten, soll dies die Sicherheit für alle Gäste und Künstler:innen erhöhen. Eine Maßnahme ist zum Beispiel die Schaffung von Awareness-Räumen, in die man sich zurückziehen kann, wenn man Übergriffe erlebt hat. Murat erklärt das Vorgehen bei Übergriffen in der Rosa: „Wenn wir etwas mitbekommen, gehen wir mit der betroffenen Person erstmal ins Büro, fragen, was sie gerade braucht. Dann setzen wir uns mit der Person auseinander, von der der Übergriff ausging. Ich finde es dabei ziemlich wichtig, zu erklären, was passiert ist, damit ein Lernprozess stattfinden kann.“

Auch wenn Kinky Mush eine Party organisiert, ist Awareness ein Thema. Bei ihren Veranstaltungen gibt es ein sogenanntes Awareness-Team, das jederzeit ansprechbar ist, sollte man sich nicht wohlfühlen. Seit einiger Zeit beschäftigt das Kollektiv auch Sicherheitspersonal bei den Partys. Auslöser waren zwei Gäste, die sich am Einlass weigerten, ihren Ausweis zu zeigen, und behaupteten, sie hätten „die Blutgruppe SS“. Die sogenannte „Schutzstaffel“ war in der NS-Zeit unter anderem für die Ermordung von KZ-Insassen verantwortlich. In diesem Moment hat sich Maike zum ersten Mal Gedanken über den Umgang mit Rassismus auf ihren Partys gemacht. Mit ihrem Kollektiv möchten sie jetzt einen Workshop zum Thema Deeskalation besuchen, damit sie in Zukunft in solchen Situationen souveräner agieren können – auch ohne Türsteher. 

Murat hofft, dass Clubs durch Konzepte zur Awareness eine zivilisatorische Kraft entfalten. Musik und das gemeinsame Hören tragen zur Identität bei. Wenn beim Feiern Regeln wie gegenseitiger Respekt gelten, fließen diese Regeln in die Identität mit ein. Partys können also etwas zum gesellschaftlichen Wandel beitragen.

Dieser Text erschien in Ausgabe 33 von KATAPULT MV.

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Fußnoten

  1. Ehbauer, Jasmin: Das Queer-Lexikon: Was bedeutet FLINTA*?, auf: tagesspiegel.de (3.3.2022).
  2. Telefonat mit Jule Esteh am 4.6.2024.
  3. Telefonat mit Murat Demirkaya am 5.6.2024.
  4. female:pressure (Hg.): FACTS 2024, auf: femalepressure.com (8.3.2024).
  5. Rieck, Max: Wie divers sind die Festivals im Land?, auf: katapult-mv.de (1.9.2023).
  6. E-Mail von Linus Neumann am 14.5.2024.
  7. Flägel, Victoria: Ein Lied als Symbol für heiteren Alltagsrassismus, auf: katapult-mv.de (29.5.2024).
  8. Initiative Awareness e. V. (Hg.): Awareness – Umgang mit Diskriminierung und Gewalt bei Veranstaltungen (Dezember 2019).
  9. Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland, auf bpb.de (5.5.2022).

Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

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