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MV-Werften

Ein Jahr Insolvenz: Wie sieht es an den Standorten aus?

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Die Werft in Rostock hat der Bund als neuen Bundeswehrstandort übernommen. Im Marinearsenal Warnow-Werft sollen künftig Korvetten gewartet werden können. Insgesamt 500 Arbeitsplätze sind am Standort vorgesehen. Ein Teil der Belegschaft der ehemaligen MV-Werft wird übernommen. Die ersten vorbereitenden Arbeiten, wie Umbauten und das Fluten des Docks, haben Mitte Oktober begonnen.

Bis Jahresende wird dort außerdem das Kreuzfahrtschiff Global Two zerlegt. Die fertiggestellten Sektionen des Schwesterschiffes der Global One, die in der Wismarer Werft gebaut wurde, werden in hochofentaugliche Stücke zerkleinert und anschließend verschrottet.

Die IG Metall plädiert für eine zusätzliche Ansiedlung der Offshore-Industrie in Rostock. Der belgische Konzern Smulders zeigt Interesse am Standort und könnte dort Konverterstationen für Offshore-Windanlagen bauen. Dafür steht der südliche Teil des Werftgeländes zur Debatte. Laut Stefan Schad, Geschäftsführer der IG Metall Rostock-Schwerin, sei besonders die Rostocker Werft wegen geeigneter Wassertiefen und eines direkten Zugangs zur Ostsee ohne Schleusen dafür gut geeignet. Flächen, die derzeit brachlägen, seien vorhanden. Allein dort könnten bis zu 1.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Das Bundesverteidigungsministerium prüft allerdings noch immer den möglichen Eigenbedarf der Marine.

Auf der Werft in Wismar sollen künftig U-Boote gebaut werden. Dafür wurde der Standort von Thyssen Krupp Marine Systems (TKMS) übernommen. Das Unternehmen hat Anfang Oktober die ersten 22 ehemaligen Mitarbeitenden der MV-Werften übernommen. Es sind vor allem Azubis, dual Studierende und Ausbilder:innen. Weitere 80 Ingenieur:innen sollen im Januar folgen. Allerdings könne die Produktion am Standort voraussichtlich erst 2024 beginnen, weil die benötigten Teile für die U-Boote noch nicht vorhanden sind.

Bis dahin könnten die Arbeiten am nahezu fertiggestellten Kreuzfahrtschiff Global One, das nach wie vor im Dock der Wismarer Werft liegt, noch am Standort abgeschlossen werden. Dafür hat die Insolvenzverwaltung das Gelände bereits bis Ende 2023 von TKMS zurückgemietet. Einen Verkauf stellte Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) im Oktober in Aussicht. Zuletzt gab es Spekulationen über ein großes Kaufinteresse der US-amerikanischen Reederei Disney Cruises. Laut Insolvenzverwalter Christoph Morgen existieren aber noch keine verbindlichen Verträge mit irgendeinem Käufer. Bis es zu konkreten Verhandlungen kommt, könnten keine Auskünfte zum Stand des Verkaufsprozesses erteilt werden.

Die Global One ist bereits zu 75 Prozent fertiggestellt. Lange war nicht klar, ob sie doch verschrottet wird. Nunsteht ein Käufer fest: Disney Cruise Line.

Neben dem Werftstandort hat auch das ehemalige Fertigmodulwerk der MV-Werften eine neue Besitzerin: Die Medizintechnikfirma Eppendorf will Anfang April kommenden Jahres beginnen, dort Pipettenspitzen, Reaktionsgefäße und andere Labormaterialien für die Bearbeitung von Proben zu fertigen. Das Unternehmen kann sich auch vorstellen, für eine autarke Energieversorgung eine Windkraftanlage zu bauen. Die Prüfungen dazu laufen.

Ebenfalls zur MV-Werften-Gruppe gehörte das Hotel Park Inn by Radisson mit rund 100 Zimmern. Es wurde Mitte Oktober von einem Hamburger Familienunternehmen gekauft und die Belegschaft übernommen, heißt es in einer Pressemitteilung der Insolvenzverwaltung. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Namentlich will der Hamburger Unternehmer ebenfalls nicht genannt werden.

Die Transfergesellschaft, in die knapp 1.000 Mitarbeiter:innen der drei Standorte vorübergehend übernommen wurden, ist bis Ende November verlängert worden. Eine Erleichterung für die Gewerkschaft IG Metall, die allerdings auf eine Frist bis Ende des Jahres gehofft hatte, so Geschäftsführer Stefan Schad.

Unklar ist zudem, wie es mit den Bürgschaften und Darlehen der Landesregierung für die Werftenrettung weitergeht. Die Kosten hat die Regierung derweil zur Verschlusssache erklärt. Der FDP-Fraktionsvorsitzende im Landtag, René Domke, darf darum die Antwort auf seine Kleine Anfrage nicht veröffentlichen. In einer Pressemitteilung kritisiert er die Einstufung: So werde „der Eindruck vermittelt, es liefe etwas in den Hinterstuben, was die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler nichts anginge oder sie nicht verstehen würden“.

Einen Einblick brachte Mitte Oktober dann aber die Veröffentlichung des diesjährigen Schwarzbuches, in das die aktuelle „Akte Werftenrettung“ als Fall von Steuerverschwendung aufgenommen wurde. Der Steuerzahlerbund MV prangert die Landesregierung an, die Finanzvorschüsse in Form von Bürgschaften und Darlehen ohne Absicherung des Währungsrisikos vergeben zu haben. Mittlerweile flossen laut dessen Recherche bislang 86 Millionen Euro in das Rettungsprojekt. Dieser Umgang mit Steuergeld sei „grob fahrlässig und illustriert sehr gut das Handeln des Landes in der immer noch aktuellen Werftenkrise“.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 13 von KATAPULT MV.

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Fußnoten

  1. NDR (Hg.): Marine statt Kreuzfahrt: Bund übernimmt MV-Werft in Rostock, auf: ndr.de (1.8.2022).
  2. NDR (Hg.): Warnemünde: 17.500 Tonnen Stahl der früheren „Global 2“ werden zerlegt, auf: ndr.de (5.10.2022).
  3. Preuß, Olaf: Das zähe Ringen um die Offshore-Windkraft-Branche, auf: welt.de (8.9.2022) / Stand 18.10.2022.
  4. Scherrer, Peter; Rust, Martje: Transfergesellschaft einen weiteren Monat gesichert, auf: katapult-mv.de (5.10.2022).
  5. Ebd.
  6. Aktualisierungshinweis: Mittlerweile wurde die Global One von Disney Cruise Line gekauft.
  7. Eppendorf baut in Wismar neues Werk für Hightech-Kunststoffe zur Anwendung im Labor, auf: eppendorf.com (22.4.2022).
  8. E-Mail von Schellenberg & Kirchberg PR vom 18.10.2022.
  9.  FDP-Fraktion MV (Hg.): DOMKE zur Geheimhaltung rund um die Folgekosten der MV-Werften-Insolvenz: Steuerzahler haben Anspruch darauf, reinen Wein eingeschenkt zu bekommen, auf: fdp-fraktion-mv.de (8.8.2022).
  10. Skott, Michaela: Wechselkurs wird zum Kostenrisiko, auf: schwarzbuch.de (19.10.2022).

Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

Ist in Greifswald geboren, hat in Augsburg studiert und zog für den Lokaljournalismus wieder zurück nach Meck-Vorp.

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