Nach einer Diskussionsveranstaltung über Kommunalpolitik im Mai 2014 saßen Regina Nienkarn und Christian Lehsten zusammen. Er, ehemaliger Fotojournalist, und sie, Mitglied der Gemeindevertretung, waren sich einig: In Borkow weiß man zu wenig über den eigenen Wohnort. Zu wenig darüber, was in der Gemeindevertretung passiert. Zu wenig darüber, was in den anderen Ortsteilen vor sich geht, und manchmal sogar zu wenig darüber, was den eigenen Nachbarn umtreibt.
„Wenn irgendwo die Oma oder der Opa gestorben ist, stand das früher im Lokalteil der SVZ“, erzählt Christian Lehsten. Heute sei das anders. „Die Mutter meines Nachbarn ist gestorben und wir haben es nicht mitbekommen. Und der Nachbar war dann beleidigt, dass wir nicht kondoliert haben!“ Das Presseangebot in Borkow sei dürftig: das Amtsblatt, ein Werbeblatt und die Schweriner Volkszeitung (SVZ).
2023 strich die Tageszeitung rund 20 Stellen.1 Anfang letzten Jahres wurde sie dann vom Schwäbischen Verlag aufgekauft, gemeinsam mit den Norddeutschen Neuesten Nachrichten und dem Prignitzer. Zwei Jahre zuvor hatte sich der Verlag bereits den Nordkurier einverleibt.2
Diese Entwicklung wiederholt sich deutschlandweit: Unabhängige Tageszeitungen werden rar, Lokaljournalist:innen weniger. Eine Studie zeigt: In Westdeutschland ist die Entwicklung sogar noch drastischer als in Ostdeutschland – aber nur, weil die Presselandschaft im Osten ohnehin wenig ausgeprägt ist.3
Zeitung zur Selbsthilfe
Über Borkow, eine Gemeinde mit rund 430 Einwohner:innen im Landkreis Ludwigslust-Parchim, berichte die SVZ kaum mehr und wenn doch, dann schlecht informiert, findet Christian Lehsten. Regina Nienkarn und er wussten: Sie müssen sich selbst helfen. Die beiden beschlossen, eine Zeitung herauszugeben, von Borkower:innen für Borkower:innen. Sieben Menschen kamen damals, 2014, zur ersten Redaktionssitzung. Gemeinsam wählten sie Themen aus und sammelten Ideen. Wenige Monate später hielten sie die erste Ausgabe des Dorfblatts in den Händen.
Interviews, Fotos, Artikel – damals wie heute macht die Redaktion das Dorfblatt von vorne bis hinten selbst. Sogar das Verteilen übernehmen sie. Nur beim Layout lassen sie sich von einer Grafikerin helfen. Journalistische Erfahrung hat niemand, aber ins Schreiben hätten sie leicht hineingefunden, erinnert sich Nienkarn. Sie schreibe eher nüchtern, ihre Mitstreiterin Maren etwas blumiger, jede eben, wie sie mag.
Rezepte, Veranstaltungen, Pestizide
Die Inhalte: ein Rezept für Kartoffeln mit Apfel und Speck auf Plattdeutsch, eine Meldung über den Markttag im Ortsteil Rothen, eine Erläuterung der Gemeindesatzung. „Unser Blatt versucht, identitätsbildend zu sein“, erklärt Redakteur Lehsten. Darum wird auch in jeder Ausgabe eine Person aus der Gemeinde vorgestellt, mal eine Eisverkäuferin aus Rothen, mal ein Schlachter aus Hohenfelde.
Ebenfalls eine beliebte Rubrik: die Bilder aus der Dorfchronik. „Viele unserer Bewohner haben kaum Bilder aus der Vergangenheit. Die Menschen waren nicht sehr wohlhabend und Fotoapparate teuer.“ Darum, erzählt Lehsten, sammeln sie in jedem Heft historische Fotos aus Borkow. Insgesamt seien die Abbildungen das Wichtigste im Dorfblatt, denn „auf den Bildern erkennen sich die Menschen selbst. Ein Dorfbewohner, wo erscheint der sonst?“
Im Dorfblatt jedenfalls alle drei Monate. In jedem Briefkasten liegt dann kostenlos eine Ausgabe. Die größte Herausforderung bestehe darin, immer wieder neue Themen zu finden. „In einer Gemeinde mit 434 Einwohnern ist eben nicht immer der Bär los“, erklärt Lehsten. Die Redaktion findet trotzdem immer wieder etwas, worüber sie schreiben kann. Zum Beispiel Homeoffice auf dem Land oder Pestizide in der Landwirtschaft. Dabei versuchen die Redakteur:innen auch, selbst Dinge anzustoßen. „An der Straße von Borkow nach Rothen mussten 13 Bäume gefällt werden“, erinnert sich Lehsten, „und die Gemeinde war verpflichtet, nachzupflanzen, hatte aber kein Geld dafür.“ Darum haben sie in ihrer Zeitung dazu aufgerufen, zu spenden. Es sei einiges zusammengekommen – heute sprießen zwischen Borkow und Rothen wieder 21 junge Bäume.

Über ihren Köpfen die Südstaatenflagge
Mit den Inhalten scheinen die Leser:innen zufrieden zu sein. „Nur unser Dorfrechter Andreas4 hat sich mal beschwert, dass sich die Meinung der AfD im Dorfblatt nicht niederschlägt“, erzählt Christian Lehsten. „Dann hat Regina ihm einen freundlichen Brief geschrieben und gesagt: Das kommt bei uns nicht vor.“ Darin seien sich schon immer alle einig gewesen.
Zwar nicht im Dorfblatt, wohl aber in Borkow kommt die AfD vor. Knapp die Hälfte der Wähler:innen haben sie bei der Bundestagswahl zur stärksten Kraft in der Gemeinde gemacht.5 In der Redaktionsarbeit sei davon jedoch wenig zu spüren. Die AfD-Wähler:innen verhielten sich ruhig, wollten als Nachbar:innen akzeptiert werden. „Das Einzige, was man hier im Dorf sieht“, erzählt Lehsten, „ist, dass sie immer so eine Fahne hissen, die Südstaatenfahne.6 Das finden sie dann ganz toll.“
In einer Gemeinde, in der knapp die Hälfte die AfD wählt, ist das Dorfblatt auch ein Beitrag zu Meinungsvielfalt und Demokratie. Lehsten hält es für elementar, dass die Menschen informiert sind. Nur so könnten sie sich einbringen. Und wo kann man sich besser einbringen als in der eigenen Gemeinde?
Andreas habe dann übrigens verkündet, das Dorfblatt nicht mehr zu lesen. Heimlich tue er es bestimmt trotzdem, vermutet Lehsten. Denn Andreas Sohn wohnt nebenan und der bekommt immer die neue Ausgabe.
Geld, Streit, Nachwuchs
Am Dorfblatt führt offenbar kein Weg vorbei. Über die Jahre ist es eine feste Größe in Borkow geworden. Von den Bewohner:innen bekämen sie immer positive Rückmeldungen, sagt Lehsten. Und Spenden. Neben den Anzeigen sind diese essenziell, um die Zeitung zu finanzieren. Zwischen 600 und 800 Euro kostet jede Ausgabe, aber Geldprobleme hatten sie noch nie, auch dank verschiedener Fördermittel.
Auch politische Differenzen sind kein Problem in der Redaktion. Die gebe es zwar, aber streiten würden sie nie. „Wir kommen alle aus einem unterschiedlichen Stall“, erzählt Lehsten, „wir haben unterschiedliche Sozialisierungen, unterschiedliche Berufserfahrungen, unterschiedliche Lebenserfahrungen. Trotzdem haben wir es über die Jahre immer geschafft, auf einen Nenner zu kommen.“ Keine Selbstverständlichkeit im Ehrenamt, das allzu oft an widersprüchlichen Ansichten und gekränkten Egos zerbricht.
Ob aus zehn Jahren Zusammenarbeit auch Freundschaften entstanden sind? Lehsten, ganz norddeutsch: „Freundschaften kann man nicht sagen. Aber wir freuen uns, zusammenzuarbeiten.“
Was sie für ihre Arbeit jedoch brauchen: Nachwuchs. Denn in der Redaktion wirken hauptsächlich Rentner:innen mit. Christian Lehsten ist mit 77 Jahren der älteste Redakteur. Es braucht junge Menschen, damit das Dorfblatt weiterbestehen kann. Die zu finden, fällt ihnen noch schwer. Verschiedene Versuche sind in der Vergangenheit erfolglos geblieben. Gerade die, die mitten im Leben stehen, die mit Familie und Job – „die Vitalsten“ so Lehsten – haben wenig Zeit, mitzumachen.
Die nächsten zehn Jahre
Das zu ändern ist einer ihrer Vorsätze für die Zukunft. Außerdem: das Konzept Dorfblatt weitertragen. „Es gibt immer wieder in den Nachbargemeinden Leute, die sagen: Mensch, das wäre ja toll, wenn es das bei uns auch gäbe“, erzählt Christian Lehsten. „Aber das müssen sie selber machen.“ Starthilfe könnten die Borkower:innen leisten. Der wichtigste Vorsatz aber: „Weitermachen“, sagt Lehsten, „immer von Nummer zu Nummer.“
„Das Dorfblatt ist ein Experiment“, hieß es noch in der ersten Ausgabe. Heute, über 40 Ausgaben und zehn Jahre später, kann man sagen: ein geglücktes. Und eines zum Nachmachen.


- NDR (Hg.): Gewerkschaft: „Schweriner Volkszeitung“ baut Stellen ab, auf: ndr.de (8.9.2023). ↩︎
- Weißhaupt, Fabian: Der Schwäbische Verlag kauft „Schweriner Volkszeitung“, auf: ardmediathek.de (9.1.2024). ↩︎
- Wellbrock, Christian-Mathias; Maaß, Sabrina: Wüstenradar – Zur Verbreitung des Lokaljournalismus in Deutschland und dessen Effekt auf die Funktionsfähigkeit der Demokratie, auf: wuestenradar.de (November 2024). ↩︎
- Name von der Redaktion geändert. ↩︎
- Der Landeswahlleiter (Hg.): Wahl zum Deutschen Bundestag in Mecklenburg-Vorpommern am 23. Februar 2025, auf: wahlen.mvnet.de. ↩︎
- Die Flagge der Armeen der Südstaaten Northern Virginia und Tennessee im Amerikanischen Bürgerkrieg wird von verschiedenen rechten Gruppierungen in den USA genutzt und gilt als rassistisches Symbol (Grothe, Solveig: Warum steht diese Fahne für Rassismus?, auf: spiegel.de (11.6.2020)).
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