KATAPULT MV: Sie wurden in Berlin geboren, haben Ihre Jugend in Wildberg bei Altentreptow verbracht, haben anschließend in Erlangen und Großbritannien studiert und sind schließlich nach Berlin zurückgekehrt. Wie sind Sie von dort aus eigentlich auf Eichi und den FC Pio aufmerksam geworden?
Loraine Blumenthal: Ich bin Journalistin und recherchiere viel. Über den Nordkurier bin ich auf Eichis Geschichte gestoßen. Das hat mich neugierig gemacht. Eichi hat mich dann zu sich in den Jugendklub eingeladen. Am Anfang ging es eher um Kinder- und Jugendthemen, aber schnell wurde klar, dass seine persönliche Geschichte und die des Vereins für etwas Größeres stehen.
Um das zu erzählen, mussten Sie Trainer Eichi und die Spieler erst mal kennenlernen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Die Kontakte zu den Spielern kamen über Eichi. Ich habe ihm gleich gesagt, dass ich auch andere Perspektiven nicht auslassen kann. Also haben wir gemeinsam überlegt, wer infrage kommt. Ich habe geschaut, wer offen genug ist, vor die Kamera zu gehen. Thomas beispielsweise war schnell dabei, weil wir uns sehr gut verstanden haben. Bei Asad hat es länger gedauert, bis wir vertrauter miteinander reden konnten.

Wie schaffen Sie es als Regisseurin, trotz Vertrautheit eine kritische Distanz zu wahren?
Ich habe natürlich immer meine Arbeit im Hinterkopf, wenn ich mit den Leuten spreche. Dabei versuche ich, Dinge herauszufiltern, die relevant für den Film sein könnten. Dadurch fällt es mir nicht so schwer, eine Distanz zu wahren. Nichtsdestotrotz gibt es auch Überschneidungen, denn bei den Themen, mit denen ich mich beschäftige, schwingt auch eine Form von Aktivismus mit. Ich finde es überhaupt nicht selbstverständlich, dass Leute ihre Türen aufmachen und uns erlauben, bei allem dabei zu sein und zu filmen. Da habe ich dann schon geschaut, wie ich die Protagonisten unterstützen kann.
In einer Szene erzählt Asad – der im Film außerdem seinen 18. Geburtstag feiert – beiläufig, er sei in Torgelow mit einem Messer angegriffen worden und man habe sogar versucht, auf ihn zu schießen.
Ja, er spricht darüber mit einer gewissen Beiläufigkeit. Ich glaube nicht, dass das spurlos an ihm vorbeigeht. Aber es ist eine Form des Umgangs, die vielleicht typisch männlich ist: Themen kleinmachen, nicht richtig darüber sprechen. Ich fand das eher erschreckend. Es ist eine Strategie, mit einer harten Realität umzugehen, aber man merkt, dass vieles unausgesprochen bleibt. Frauen, mit denen ich gesprochen habe, sind oft viel tiefer in diese Themen eingestiegen.
Und trotzdem besteht der Film fast nur aus männlichen Perspektiven.
Das ist der Thematik geschuldet. Der FC Pio ist eine Männerfußballmannschaft. Es gab einen Moment, in dem eine Frauenmannschaft im Gespräch war. Die hat sich aber nicht entwickelt. Natürlich sind alle Jungs sofort dabei, Fußball zu spielen – aber nicht alle Mädchen. Da braucht es mehr Empowerment. Erst recht, wenn die Frauen aus Ländern kommen, in denen ein hartes Patriarchat herrscht. Leider konnten wir das im Film nicht zeigen, obwohl wir es bei den Dreharbeiten und im Schnitt versucht haben.
Wann haben Sie überhaupt begonnen, an dem Film zu arbeiten?
2021 habe ich angefangen, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Damals fand aber aufgrund von Corona kein Training statt. 2022 habe ich dann die erste Förderung bekommen und erste Drehtage gemacht. 2023 und 2024 waren wir dann in voller Produktion. Insgesamt hatten wir etwa 26 Drehtage, verteilt über zwei Jahre. Durch die vielen Drehblöcke hatte ich aber auch Zeit, über das Material nachzudenken und Lücken zu erkennen. So konnten wir gezielt nachdrehen, was wichtig war. Am Ende sind etwa 100 Stunden Material entstanden. Geschnitten haben wir etwa anderthalb Monate.
Ist so eine Produktion nicht wahnsinnig stressig? Man weiß im Dokumentarfilm ja nie wirklich, was passieren wird.
Ja, ultrastressig. Dokumentarfilm bedeutet maximale Flexibilität und Geduld. Man kann ein Training oder ein Interview planen, aber am Ende entscheidet die Realität. Vieles war Beobachtung, manches aber auch Zufall. Zum Beispiel die Szene, in der Asad auf einer Bank sitzt und zwei Männer dazukommen und Schnäpse trinken. Ich konnte dann zwar mit Impulsen anstoßen, brauchte aber auch viel Geduld, um zu gucken, was sich entwickelt. Es war oft ein Vor und Zurück zwischen der eigenen Idee und der Realität.
Wie haben die Menschen in Torgelow und Umgebung, die nicht unbedingt Teil des Films waren, eigentlich auf die Dreharbeiten reagiert? Ein Filmteam sieht man ja in Vorpommern nicht so oft.
Die Reaktionen waren sehr gemischt. Die Leute waren grundsätzlich neugierig und wollten wissen, für welchen Sender wir arbeiten und was wir überhaupt machen. Wir hatten es aber auch mit einigen Leuten zu tun, die uns als „Lügenpresse“ bezeichnet haben.
An den allerersten Drehtagen während der Stoffentwicklung waren meine Bedenken am größten. Da wurden wir teilweise wirklich massiv verbal angegangen – von rassistischen Beleidigungen bis hin zu Beschimpfungen, weil wir mit ZDF-Unterstützung unterwegs waren. Da habe ich mir Sorgen um mein Team gemacht, denn für meine Kamerafrau aus dem Schwabenland war das ein Kulturschock. Für mich weniger, weil ich die Mentalität kenne.
Gab es Situationen, in denen Sie gehen und die Dreharbeiten abbrechen mussten?
Ja, einmal nach massiven Beschimpfungen auf der Straße. Und wir haben das Hauptinterview mit Eichi unterbrochen, weil er eine Pause wollte. Das sieht man auch im Film.
Er erzählt mehrfach von seiner rechtsextremen Zeit und davon, dass er sich für seine Vergangenheit schämt.
Ja. Aber er sagt oft, dass er nur Mitläufer gewesen ist, und setzt den Begriff in Anführungszeichen, als wäre das dann nicht so schlimm. Da musste ich ihm schon immer mal spiegeln, dass es für mich als Person of Colour keinen Unterschied macht, ob jemand Mitläufer ist oder nicht, wenn er mich beschimpft oder bespuckt.
Wie geht es Eichi, Asad und Thomas mittlerweile? Sind Sie noch in Kontakt?
Thomas musste das Land verlassen, ihm geht es aber sehr gut. Auch Asad geht es besser als zu dem Zeitpunkt, an dem wir gedreht haben. Mein letzter Stand war, dass er einen Job gefunden hat. Bei Eichi hat sich nicht viel geändert. Abgesehen von seiner prekären Jobsituation ist er aber einfach ein sehr gut gelaunter Typ, der Spaß an seiner Arbeit hat. Alle sind aber grundsätzlich wohlauf. Auch, wenn alle natürlich vor neuen, eigenen Herausforderungen stehen.
Im Mai 2025 fanden Premieren auf Filmfestivals in München und Schwerin statt.
Genau, wir hatten eine Doppelpremiere, weil die beiden Festivals so nah beieinanderlagen. Eigentlich ist das unüblich, aber in dem Fall hat es geklappt. Es war schön, den Film gleich in zwei Kontexten zeigen zu können, und auch spannend, zu sehen, wie unterschiedlich das Publikum reagiert hat. Gerade in Schwerin war das Echo sehr groß – auch weil viele Menschen aus der Region die Themen wiedererkannt haben.
Und wie geht es jetzt für Sie und den Film weiter?
Wir haben einen Verleih gefunden, der Lust hat, den Film ab dem 13. November in die Kinos zu bringen, bevor er Ende des Jahres im ZDF ausgestrahlt wird. Davor werden wir den Film noch auf verschiedenen Festivals zeigen und Screenings organisieren. Wir haben außerdem vor, damit in Schulen zu gehen und Workshops anzubieten. In den Neunzigern gab es wenig Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut. Wir wollen die Menschen stärken, die ganz dicht dran sind an den Jugendlichen. Ich hoffe, der Film kann zu der Debatte beitragen.


