„Uns gehen die Vokabeln aus, das zu beschreiben“, erklärt Robert Schiedewitz von Lobbi MV, als er am Donnerstag die Bilanz zu rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern für 2025 vorstellt. Dieses Jahr spricht er von „dramatisch hohen Zahlen“: Seit vier Jahren nimmt die Anzahl an Gewalttaten stetig zu. Das zweite Jahr in Folge verzeichnet Lobbi MV einen absoluten Höchststand der Angriffe seit 2003. Zuletzt annähernd so hoch war die Zahl der Attacken 2016, zu Zeiten der Fluchtmigration aus Syrien, Afghanistan und dem Irak sowie den daraus resultierenden migrationsfeindlichen Bewegungen wie Pegida und MVgida.
Rechte Gewalt betrifft (vermeintlich) politische Gegner:innen wie Aktive, Politiker und Journalistinnen, queere Menschen und deren Verbündete sowie Nicht-Weiße und Nicht-Muttersprachler:innen. Das häufigste Motiv bei rechter Gewalt bleibt weiterhin Rassismus.
Dabei verzeichnet Lobbi eine zunehmende Brutalität bei den Angriffen sowie einen Gewöhnungseffekt in der Bevölkerung. Daher geht Schiedewitz von einem noch größer werdenden Dunkelfeld aus. Die politischen Debatten der vergangenen Jahre zu restriktiverer Migrationspolitik und die Wahlerfolge rechtsextremer Parteien verschärften die Situation für Betroffene, so die Analyse der Jahresstatistik von Lobbi.1

„Jeder Migrant, jede Migrantin ist Anfeindungen ausgesetzt“
„Gewalt ist dabei nur die Spitze des Eisbergs“, betont Maria Lichtermann, Vorsitzende des Migrantenrates Rostock. „Die meisten nichtdeutsch aussehenden, migrantisierten Menschen sind fast durchgehend von Rassismus betroffen.“ Dieser reiche hinein in alle Bereiche des Lebens, wie medizinische Versorgung oder notwendige Behördengänge. Alltägliche Schikanen, Anfeindungen und Angriffe würden dazu führen, dass sich Betroffene zurück- oder ganz aus dem Bundesland wegziehen.
Für Täter:innen folgen hingegen selten Konsequenzen. Auch 2025 gehörten zu ihnen zunehmend extrem rechte Jugendgruppen, die „auf der Straße Dominanzräume abstecken – im Zweifel mit Gewalt“. 2Ein prominentes Beispiel ist die selbsternannte Letzte Verteidigungswelle. Zwei mutmaßliche Mitglieder aus MV stehen derzeit in Hamburg wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung vor Gericht.3 Doch Kinder und Jugendliche sind nicht nur Täter:innen, sondern auch selbst immer mehr von rechter Gewalt betroffen – auch durch Erwachsene, erklärt Schiedewitz.

Appell an die Politik und Gesellschaft
Die Politik solle sich darauf besinnen, welche Strukturen nach der rechten Gewalt der Neunzigerjahre, auch Baseballschlägerjahre genannt, etabliert wurden, um die Betroffenen in den Mittelpunkt zu rücken und zu schützen. Dazu gehörten laut Schiedewitz Beratungsstellen wie Lobbi. Außerdem appelliert er an „privilegierte Personen“ der Mehrheitsgesellschaft, die eigene Rolle zu hinterfragen. „Das beginnt beim Widerspruch und endet beim Eingreifen und Riskieren eigener Privilegien.“

- Lobbi MV (Hg.): Hemmungen fallen weiter, Zeit zu handeln. Rechte Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern 2025. ↩︎
- Lobbi MV (Hg.): Hemmungen fallen weiter, Zeit zu handeln. Rechte Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern 2025. ↩︎
- Biedermann, Lilly: Die Letzte Verteidigungswelle und ihre Verbindungen in MV, auf: katapult-mv.de (27.3.2026). ↩︎


