Die Grafik zeigt die rechtsextremen Gruppen, zu denen zwei mutmaßliche Mitglieder der rechtsterroristischen „Letzten Verteidigungswelle“ Verbindungen hatten. Darunter die Partei Die Heimat und deren Jugendorganisation JN, die Division Schwerin, Deutsche Jugend Voran, Der Störtrupp und Aryan Circle.
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Rechtsterrorismus

Die Letzte Verteidigungswelle und ihre Verbindungen in MV

Aktuell wird am Oberlandesgericht Hamburg eine Anklage gegen mutmaßliche Mitglieder der rechtsterroristischen Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“ verhandelt. Zwei der möglichen Rädelsführer kommen aus MV. Wie waren sie vernetzt und ist die Gefahr jetzt gebannt?
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Jason R. und Benjamin H. aus Mecklenburg-Vorpommern wird vorgeworfen, Führungspersonen einer rechtsterroristischen Vereinigung gewesen zu sein: der Letzten Verteidigungswelle (LVW).1 Im Mai 2025 machten ihre und die Verhaftung weiterer Mitbeschuldigter Schlagzeilen.2 Inzwischen wird gegen insgesamt acht Personen aus MV, Thüringen, Brandenburg, Sachsen und Hessen vor dem Oberlandesgericht in Hamburg verhandelt. Doch abgeschlossen sind die Ermittlungen damit nicht. So kam es Mitte März erneut zu Razzien im Zusammenhang mit der Gruppe.3

Wer und was ist die Letzte Verteidigungswelle?

Bei der LVW handelt sich um eine bundesweit agierende rechtsextreme Gruppierung. Organisiert wurde sie in einer Chatgruppe mit rund 200 Mitgliedern, viele davon minderjährig.4 Wie die taz berichtet, sollten Anhänger:innen wohl nachweislich Straftaten begehen, um Mitglied der LVW zu werden. Bei der Brandstiftung in einem Kulturhaus im brandenburgischen Altdöbern beispielsweise filmten sich zwei der Beschuldigten.5

Auch in Mecklenburg-Vorpommern soll es zu schweren Straftaten gekommen sein. Jason R. wird in dem Verfahren in Hamburg vorgeworfen, Personen angegriffen zu haben. Dabei sollen die Opfer „nicht unerhebliche Verletzungen“ davongetragen haben, wie es in einer Pressemitteilung der Generalbundesanwaltschaft heißt. Benjamin H. soll andere Gruppenmitglieder dazu aufgefordert haben, Migranten zu töten.6 Der Anwalt von H. wollte zum aktuellen Zeitpunkt noch keine Stellungnahme zu den Vorwürfen abgeben. Der Anwalt von Jason R. äußerte sich bis Redaktionsschluss nicht zu den Vorwürfen.

Neubesetzung nach Pause

Am 17. März fanden in mehreren Bundesländern – auch in MV – weitere Razzien im Zusammenhang mit der LVW statt. Dabei wurde unter anderem die Wohnung einer Person in Bad Kleinen durchsucht. Dem Beschuldigten E. S. wird vorgeworfen, die Gruppe auch nach den ersten Festnahmen weitergeführt zu haben. In einem seiner Instagrambeiträge von Ende August 2025 heißt es: „Nach einer kurzen Phase der Zurückhaltung im Hintergrund sind wir nun wieder da – stärker, klarer und entschlossener als je zuvor! (…) Die L.V.W. wünscht ein schönes Wochenende.“7 Zu S. konnten wir bis Redaktionsschluss keinen Kontakt aufnehmen, um ihn mit den Vorwürfen zu konfrontieren.

Für den Leiter des RAA-Regionalzentrum für demokratische Kultur Westmecklenburg, Stefan Kollasch, wird dadurch die Struktur der Gruppe deutlich. Es handele sich eben nicht nur um einzelne Akteure, sondern um eine Vielzahl von Personen, die „hoch ideologisiert“ sind. Führungspositionen, die durch Haftantritte frei werden, würden einfach neu besetzt.8

Verbindungen zur Heimat und Aryan Circle

Doch wie tief sind Jason R., Benjamin H. und E. S. in die rechte Szene eingebunden? H. trat bisher nicht auf Demonstrationen oder anderen Veranstaltungen der Szene in Erscheinung. Womöglich ließe sich seine Radikalisierung mit Erkenntnissen aus dem Gerichtsverfahren nachvollziehen. Dieses findet jedoch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, um die Jugendlichen vor einer Stigmatisierung zu schützen. Jedenfalls gilt der Verteidiger von Benjamin H., der Rostocker Anwalt Thomas Penneke, laut Medienberichten als „Szeneanwalt“.

Jason R. und E. S. nahmen dagegen häufiger an rechtsextremen Veranstaltungen teil. Fotos zeigen die beiden auf einer Demonstration gemeinsam mit dem Aryan Circle.9 Diese neonazistische Gruppe gilt als sehr gewaltbereit und versuchte im vergangenen Jahr gezielt, Jugendliche in Mecklenburg an sich zu binden. Inzwischen gilt der Aryan Circle in MV als aufgelöst. Nach Informationen des NDR hatte R. nicht nur eine ideologische, sondern auch familiäre Bindung an den Aryan Circle. Laut den Ermittlungsbehörden behauptete sein Vater, dort Mitglied zu sein.

Weiterlesen: Aryan Circle sucht Anschluss in Mecklenburg

Bilder belegen außerdem, dass E. S. an mindestens zwei Demonstrationen der Partei Die Heimat beziehungsweise ihrer Jugendorganisation Junge Nationalisten (JN)10 teilgenommen hat. So beispielsweise in Grevesmühlen.11 Dort hatte der bekannte Neonazi und Heimat-Funktionär Sven Krüger zum Protest gegen den örtlichen CSD aufgerufen. Auf dem Arm von S. sieht man außerdem ein Tattoo der Schwarzen Sonne. Sie gilt als klares Erkennungszeichen unter Rechtsextremen.

Weiterlesen: Wer marschierte gegen den CSD in Grevesmühlen?

Jugendgruppen unter sich

Neben der Vernetzung mit etablierten rechten Strukturen waren R. und S. mit anderen Jugendgruppen verbunden. Gemeinsam demonstrierten sie mit der inzwischen aufgelösten Division Schwerin, die 2025 mehrfach das alternative Wohnprojekt Komplex in der Landeshauptstadt angriff.

Weiterlesen: Jugendjahre einer Naziclique

Auch mit der überregional aktiven und ebenfalls gewalttätig auftretenden Gruppe Der Störtrupp gingen die beiden jungen Männer auf die Straße.12 Bei einer gemeinsamen Demonstration in Wismar waren außerdem führende Personen der Deutschen Jugend Voran anwesend.13 Auch diese Gruppe gilt als gewaltbereit und ist besonders in Berlin und Brandenburg aktiv.14 Ihr Chef muss aktuell eine mehr als dreijährige Haftstrafe wegen Angriffen auf politische Gegner:innen in der Justizvollzugsanstalt Hakenfelde in Berlin-Spandau absitzen.15

Potenzial weiterhin da

Sebastian Beer hat für den Verein democ die Strukturen rechtsextremer Jugendgruppen in Deutschland analysiert. Er kommt zu dem Schluss, dass es seit 2024 überall in Deutschland gewaltbereite rechtsextreme Jugendgruppen gibt.16 Waren es anfangs noch lose Zusammenschlüsse, versuche die JN inzwischen, aus diesem Spektrum ihre Mitglieder zu rekrutieren. Auch Stefan Kollasch von der RAA sieht durch den Umstand, dass es häufig Kontakt mit etablierten rechtsextremen Strukturen wie dem Aryan Circle gab, eine stärkere Radikalisierung der Jugendlichen: „Das kommt nicht nur aus dem Internet.“

Die Jungen Nationalisten aus MV zeigten diese Bestrebungen kürzlich besonders offensiv. In einem Instagrambeitrag forderten sie junge Menschen auf, „sich nicht in ominösen Telegramgruppen zu verheizen, sondern innerhalb der JN zu organisieren“.17 Für Kollasch ist die Gefahr durch gewaltbereite Jugendliche trotz der Festnahme mutmaßlicher Anführer der LVW nicht gebannt. Bei einigen Jugendlichen habe die Berichterstattung über die LVW außerdem eine Art Bewunderung ausgelöst. Das merkt auch Sebastian Beer in seiner Analyse an: „Eine mediale Dauerpräsenz, die auf Sensation und Zuspitzung setzt, kann unbeabsichtigt zur Aufwertung der Akteure beitragen.“18

Demonstrationen anlässlich des Christopher Street Days werden wohl auch in diesem Jahr zum möglichen Ziel solcher Jugendgruppen. Bereits in den vergangenen zwei Jahren protestierte die rechtsextreme Szene gegen CSDs in kleineren Städten wie Grevesmühlen, Parchim und Wismar. Dieses Jahr mobilisiert die westmecklenburger Gruppe Sturm Nord gegen den CSD in Parchim am 16. Mai.19 Online rufen sie zu Gewalt auf. Das Potenzial für gewalttätige Eskalationen ist gegeben, so Kollasch.

  1. Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof (Hg.): Anklage gegen sieben mutmaßliche Mitglieder und einen mutmaßlichen Unterstützer einer rechtsextremistischen terroristischen Vereinigung erhoben, auf: generalbundesanwalt.de (18.12.2025). ↩︎
  2. Bundeskriminalamt (Hg.): Festnahme von vier mutmaßlichen Mitgliedern und einem Unterstützer der rechtsextremistischen terroristischen Vereinigung „Letzte Verteidigungswelle – L.V.W“, auf: bka.de (21.5.2025). ↩︎
  3. Kabisch, Volker u.a.: „Letzte Verteidigungswelle“: Durchsuchung auch in MV, auf: ndr.de (17.3.2026). ↩︎
  4. Götschenberg, Michael; Schmidt, Holger: Razzia gegen mutmaßliche rechte Terrorzelle, auf: tagesschau.de (21.5.2025). ↩︎
  5. Litschko, Konrad; Joswig, Gareth: Nazis im Kinderzimmer, auf: taz.de (21.5.2025). ↩︎
  6. Tornau, Joachim: Terrorverdächtigen Jungnazis bleibt öffentlicher Prozess erspart, auf: endstation-rechts.de (5.3.2026). ↩︎
  7. Beitrag liegt der Redaktion vor. ↩︎
  8. Telefonat mit Stefan Kollasch am 25.3.2026. ↩︎
  9. Fotos liegen der Redaktion vor. ↩︎
  10. Pixelarchiv (Hg.): 29.11.2025 Neonazi-Aufmarsch in Berlin-Mitte, auf: pixelarchiv.org (29.11.2025). ↩︎
  11. Fotos liegen der Redaktion vor. ↩︎
  12. Pixelarchiv (Hg.): 29.3.2025 Aufmarsch „Aryan Circle“ in Schwerin, auf: pixelarchiv.org (29.3.2025). ↩︎
  13. Fotos liegen der Redaktion vor. ↩︎
  14. Fröhlich, Alexander; Geiler, Julius: Schläge, Tritte, Scheinhinrichtung: Anführer einer jungen Neonazi-Truppe aus Berlin vor Gericht, auf: tagesspiegel.de (23.3.2025). ↩︎
  15. Geiler, Julius: Zum Abschied gab’s Bautz’ner Senf: Kameraden entlassen Berliner Neonazi Julian M. in die Haft, auf: tagesspiegel.com (1.9.2025). ↩︎
  16. Beer, Sebastian: Jung und militant: Rechtsextreme Jugendgruppen in Deutschland, S.10, auf: democ.de (25.3.2026). ↩︎
  17. @mup.verteidigen: Beitrag vom 17.3.2026, auf: instagram.com. ↩︎
  18. Beer 2026, S.27. ↩︎
  19. @sturm_nord: Beitrag vom 22.3.2026, auf: instagram.com. ↩︎

Autor:in

  • Porträt von Lilly Biedermann Redakteurin Katapult MV in Greifswald

    Redakteurin in Greifswald

    Geboren und aufgewachsen in Sachsen. Ist zum Studieren vom tiefen Osten in den kalten Osten nach Greifswald gezogen.

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