„Der Abschlussbericht ist weit mehr als eine Aufarbeitung der Vergangenheit. Er ist ein Auftrag für die Zukunft“, sagt Constanze Oehlrich, Grünen-Politikerin und Obfrau im zweiten NSU-Untersuchungsausschuss von MVs Landtag.1 Besonders besorgniserregend seien die engen Verbindungen zwischen der AfD MV und Nordkreuz, die der Ausschuss offengelegt habe. Ähnlich sehen das auch die Ausschussmitglieder von SPD und Die Linke. Michael Noetzel, Obmann der Linksfraktion, beschreibt, dass es sich „offenbar um zwei Seiten ein- und derselben Medaille“ handelt.2 Seiner Einschätzung zufolge bereitet sich die extreme Rechte allem Anschein nach zweigleisig auf die Machtübernahme vor – in den Parlamenten und auf dem Schießstand. Die SPD-Obfrau Martina Tegtmeier resümiert: „Der Abschlussbericht ist kein Schlussstrich. Er ist Auftrag, die Empfehlungen des Ausschusses konsequent umzusetzen.“3 Ann Christin von Allwörden, Obfrau der CDU-Fraktion, unterstrich in ihrer Rede vor dem Ausschuss, dass die NSU-Morde und das Nordkreuznetzwerk das Vertrauen in die staatlichen Institutionen erschüttert habe. Seit dem Bekanntwerden sei jedoch viel bei Polizei und Verfassungsschutz in Bund und Land passiert. „Deshalb sind viele der Empfehlungen obsolet, weil sie schon längst Realität sind“, so die CDU-Politikerin.4
In Bezug auf den Nordkreuz-Komplex sieht die AfD-Fraktion eine „unzulässige politische Zuschreibung.“ Es handele sich lediglich um „zufällige personelle Überschneidungen.“5 KATAPULT MV hat den Abschlussbericht dahingehend analysiert und geht auf die wichtigsten Akteure ein, die Verbindungen zwischen MVs AfD und Nordkreuz aufweisen.
Marko G. – einer der mutmaßlichen Köpfe von Nordkreuz
Lange bevor es Nordkreuz gab, ist der Polizist Marko G. immer wieder einzelnen Kollegen aufgefallen, die einige seiner Aussagen und Aktivitäten als rechts einordneten und versuchten zu intervenieren.6 Trotz der internen Warnungen konnte G. innerhalb der Polizei aufsteigen.7 Bei Hausdurchsuchungen im Zuge der Ermittlungen rund um das Prepper-Netzwerk fanden Ermittler:innen unter anderem über 50.000 Schuss Munition bei dem ausgebildeten SEK-Elite-Polizisten.8 Das Landgericht Schwerin führte einen Prozess gegen den Beamten wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, das Waffengesetz und das Sprengstoffgesetz. Dabei wurde G. zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Der Richter nannte den Angeklagten lediglich „waffenbegeistert“ und verglich ihn mit einem Musiker, der auch nicht ohne seine Instrumente auskäme. Das Landgericht sah sich nicht für Terror zuständig, es ginge „nicht um Gesinnungsstrafrecht.“9
Nordkreuz-Mitglieder und aktive AfD-Politiker: Haik Jäger und Maik Flemming
Maik Flemming war Mitglied der Chatgruppen Nord Kreuz und Nord Com.10 Im Nordkreuz-Chat warb Flemming für die AfD. Des Weiteren gab es Hinweise darauf, dass Nordkreuz-Mitglieder bei AfD-Abgeordneten beschäftigt waren.11 Marko G. kennt er bereits seit 2007.12 Bei einer Vernehmung des Bundeskriminalamts äußerte sich Flemming 2018 abfällig über die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie „betreibe Hochverrat am deutschen Volk.“13 Flemming sitzt seit 2024 für die AfD in der Stadtfraktion Schwerin.14
Haik Jaeger und Marko G. sollen parallel zu ihren Aktivitäten im Nordkreuz-Netzwerk für die AfD Wahlkampf gemacht haben. Jaeger ist wie G. Polizist und seit 2024 AfD-Kreistagsmitglied in Nordwestmecklenburg. Im August 2025 wurde er als stellvertretendes Mitglied in den Finanzausschuss gewählt.15 Im letzten Jahr wollte er zudem Bürgermeister von Neukloster werden, durfte aber aufgrund fehlender Verfassungstreue nicht kandidieren.16 Der Verfassungsschutz MV führt den AfD-Politiker als gewaltbereiten Rechtsextremisten.17 Jaeger sammelte 27 Datensätze zu Personen mit Privatadressen, die er durch die illegale Nutzung von Polizeisystemen erlangt hatte.18 Als es 2017 im Zuge der Ermittlungen rund um das Netzwerk zu einer Hausdurchsuchung kam, fanden die Ermittler:innen 3.000 Schuss Munition im Haus des Extremisten.
AfD-Kreistagsmitglied Philip Steinbeck
Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hatte 2020 die Chatverläufe des AfD-Kommunalpolitiker Philip Steinbeck mit Marko G. im Blick. Diese seien von Gewaltphantasien und Wehrmachtsverherrlichung geprägt gewesen.19 Laut NDR tauchte sein Name zudem auf einer NPD-Spender:innenliste (heute Die Heimat) auf.20 Auch Jaeger ließ er Geld zukommen.21 Das BfV hatte Steinbeck aber nicht erst seit 2020 auf dem Schirm. Bereits seit 2006 ist er der Behörde als Rechtsextremist bekannt, der in der Vergangenheit für die NPD aktiv war. Seit circa 2015 engagiere er sich für die AfD und fiel medial unter anderem als Führungsperson eines sogenannten Tempelritterordens auf, eines Zusammenschlusses besonders radikaler AfD-Mitglieder.22 Zudem soll er Treffen organisiert haben, die sich sowohl an Nordkreuz- als auch an AfD-Mitglieder gerichtet haben.23 Des Weiteren wurde Steinbeck im letzten Jahr zweimal erneut auffällig: Im August 2025 gab es bei dem Politiker eine Razzia, bei dem die Polizei große Mengen Waffen, Munition und Sprengstoff fand. Im vergangenen Dezember wurde zudem ein Video öffentlich, das Steinbeck zeigt, wie er zwei Jugendliche drangsaliert und demütigt.24 Trotz all dieser Vorfälle ist Steinbeck bis heute AfD-Kreistagsmitglied im Landkreis Ludwigslust-Parchim.25
Nikolaus Kramer: der rechtsextreme AfD-Landtagsabgeordnete
Aber nicht nur Steinbeck hat Kontakte zu Nordkreuz-Mitgliedern. 2018 berief der rechtsextreme Landtagsabgeordnete und Polizist Nikolaus Kramer Haik Jaeger in den Landesfachausschuss für Innere Sicherheit, Justiz und Datenschutz des Landtags.26 Zudem nahmen beide im Jahr darauf am Königsstuhl-Treffen des Flügels der AfD auf Rügen teil. Fotos der Veranstaltung zeigen die Teilnahme von Aktivist:innen der Identitären Bewegung sowie heute führender AfD-Politiker:innen aus MV. Darunter Petra Federau, Christoph Grimm, Tommy Thormann, Dario Seifert, Thomas Naulin, Enrico Komning und Jens Schulze-Wiehenbrauk.27 Auch der ehemalige AfD-Politiker Holger Arppe nahm an dem Treffen teil.
Zuletzt fiel Kramer als Fraktionschef damit auf, seine Ehefrau als Fraktionsmitarbeiterin zu beschäftigen. Kurz darauf wurde der AfD-Spitzenkandidat Enrico Schult zum neuen Fraktionsvorsitzenden gewählt.28
Die Ex-AfD-Politiker Holger Arppe und Dennis Augustin
Dennis Augustin zahlte laut NSU-Abschlussbericht wie Steinbeck ebenfalls Geld an Jaeger.29 Auch an den Aktivisten der Identitären Bewegung MV, Daniel Fiß, der mittlerweile Mitarbeiter von Nikolaus Kramer ist, floss vonseiten Augustins Geld.30 Die AfD-Mitgliedschaft von Augustin wurde aufgrund seiner verschwiegenen NPD-Aktivitäten annulliert.31 Auf Steinbecks Anwesen traf er sich zudem mit anderen AfD-Mitgliedern, um an einer Vortragsveranstaltung zum Thema „Zweiter Weltkrieg“ teilzunehmen.32 Auch hier bestehen also Kontakte.
Holger Arppe war von 2016 bis 2021 Landtagsabgeordneter für die AfD, bevor er die Partei verlassen musste. Er äußerte sich in nicht-öffentlichen Nachrichten auf Facebook menschenverachtend und sprach 2015 unter anderem davon, Menschen „an die Wand stellen“ zu wollen. Des Weiteren schrieb er: „Grube ausheben, alle rein und Löschkalk oben rauf.“33 Damit erwähnte er im Bezug auf die Beseitigung von Leichen bereits vor dem öffentlichen Bekanntwerden von Nordkreuz die Verwendung von Löschkalk. Auch soll Arppe Haik Jaeger als Wahlkampfhelfer beschäftigt und sich von Marko G. in Sachen Wehrhaftigkeit und Selbstverteidigung beraten lassen haben.34
Nordkreuz macht weiter
Laut NSU-Watch drängten sich Beobachter:innen Erinnerungen an die Aufarbeitung des NSU-Komplexes auf: die Sicherheitsbehörden hatten die Strukturen umfassend im Blick, taten jedoch nichts.35 Steinbeck, Jaeger und Flemming sind bis heute ohne Konsequenzen parteipolitisch für die AfD aktiv. In einem Gespräch zwischen verschiedenen Sicherheitsbehörden und Marko G. im Januar 2020 sei es darum gegangen, dass er erneut Leute, die zum Schießen ausgebildet seien, um sich schare; dies seien alte und neue Leute gewesen.36
Trotz diverser offenkundiger Verbindungen zwischen der AfD MV und dem Terrornetzwerk Nordkreuz, der Identitären Bewegung und anderen rechtsextremen Gruppen ist die Partei bislang im Bundesland nicht als gesichert rechtsextrem eingestuft.
- Bündnis 90/Die Grünen Landtagsfraktion MV (Hg.): Rechter Terror verpflichtet zum Handeln, auf: gruene-fraktion-mv.de (2.7.2026). ↩︎
- Die Linke Fraktion im Landtag MV (Hg.): Die extreme Rechte bereitet sich auf den Tag X vor – in den Parlamenten und am Schießstand, auf: linksfraktionmv.de (2.7.2026). ↩︎
- SPD-Fraktion im Landtag MV (Hg.): Tegtmeier: PUA NSU II/Rechtsextremismus zieht klare Lehren für den staatlichen Umgang mit rechter Gewalt, auf: spd-fraktion-mv.de (2.7.2026). ↩︎
- CDU Fraktion MV (Hg.): Ann Christin von Allwörden, Untersuchungsausschuss NSU, CDU-Fraktion, Landtag MV, auf: youtube.com (2.7.2026). ↩︎
- Landtag MV (Hg.): Beschlussempfehlung und Abschlussbericht des 1. Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Aufklärung der NSU-Aktivitäten sowie weiterer militant rechter und rechtsterroristischer Strukturen in MV, S. 2997, auf: dokumentation.landtag-mv.de (19.6.2026). ↩︎
- NSU Watch (Hg.): „Den Finger schon am Abzug“ –
Der Nordkreuz-Komplex, S. 37 (2026). ↩︎ - Ebd., S. 38. ↩︎
- Erb, Sebastian; Schmidt, Christina: „Eine einmalige Verfehlung“, auf: taz.de (24.4.2020). ↩︎
- NSU Watch, 2026, S. 45. ↩︎
- Landtag MV, 2026, S. 1466. ↩︎
- Ebd., S. 2456. ↩︎
- Ebd., S. 1550. ↩︎
- Ebd., S. 1551. ↩︎
- AfD Kreisverband Schwerin (Hg.): AfD-Stadtfraktion Schwerin, auf: afd-sn.de. ↩︎
- Landkreis Nordwestmecklenburg (Hg.): ris.nordwestmecklenburg.de. ↩︎
- Erhardt-Maciejewski, Christian: Beschwerde abgelehnt: Rechtsextremist darf nicht Bürgermeister werden, auf: kommunal.de (23.5.2025). ↩︎
- Leist, Friedrich: Nordkreuz-Mitglied darf aus Polizeidienst entlassen werden, auf: ndr.de (10.9.2025). ↩︎
- Landtag MV, 2026, S. 2460. ↩︎
- Ebd., S. 1369. ↩︎
- NDR (Hg.): Gewalt an Jugendlichen: AfD-MV will Philip Steinbeck rauswerfen, auf: ndr.de (15.12.2025). ↩︎
- Landtag MV, 2026, S. 1382. ↩︎
- Ebd., S. 1381. ↩︎
- Ebd., S. 2456. ↩︎
- NDR (Hg.): Landes-AfD will Philip Steinbeck rauswerfen, auf: ardmediathek.de (15.12.2025). ↩︎
- Landkreis Ludwigslust-Parchim (Hg.): AfD-Fraktion, auf: bis.kreis-lup.de. ↩︎
- Landtag MV, 2026, S. 1380. ↩︎
- Pixelarchiv (Hg.): 23.11.2019 Treffen des AfD-»Flügels«, auf: pixelarchiv.org (2019). ↩︎
- Pubanzt, Frank: Jahrelangen Machtkampf gewonnen: Enrico Schult ist neuer Chef der AfD im Landtag, auf: nordkurier.de (16.6.2026). ↩︎
- Landtag MV, 2026, S. 1382. ↩︎
- Reißenweber, Uwe: AfD-Politiker aus MV zahlte an „Identitären“-Vize, auf: nordkurier.de (5.4.2019). ↩︎
- Speit, Andreas: Zu viel NPD im Stammbuch, auf: taz.de (9.7.2019). ↩︎
- Landtag MV, 2026, S. 1377. ↩︎
- Röpke, Andrea; Speit, Andreas: Protokolle eines AfD-Politikers, auf: taz.de (31.8.2017). ↩︎
- Landtag MV, 2026, S. 1374. ↩︎
- NSU Watch, 2026, S. 51. ↩︎
- Ebd., S. 53. ↩︎

