Die Grafik zeigt die Schlagzeile: Waffen, Sprengstoff, Munition - Razzia bei AfD-Politiker Philip Steinbeck. Außerdem ist eine Karten von MV (Mecklenburg-Vorpommern) zu sehen. Darin ist der Ort Jessenitz (Landkreis Ludwigslust-Parchim) eingezeichnet. Im dortigen Gutshaus, das gleichzeitig das Wohnhaus von Philip Steinbeck ist, fand die Razzia statt.
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Razzia in Gutshaus Jessenitz

AfD-Politiker Philip Steinbeck lagert Waffen und Sprengstoff

Das Wohnhaus des AfD-Kreistagsmitglieds in Ludwigslust-Parchim war gestern Ziel einer Razzia. Die Polizei fand große Mengen Waffen, Munition und Sprengstoff. Es sind nicht die ersten Funde dieserArt bei Rechtsextremen in MV.
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Am 6. August wurde – nach Erkenntnissen von KATAPULT MV – der Wohnsitz des AfD-Politikers Philip Steinbeck, das Gutshaus Jessenitz (Ludwigslust-Parchim), durchsucht. Dabei stellten die Behörden ein umfangreiches Arsenal an Waffen und Munition sowie größere Mengen Sprengstoff sicher. Grund für die groß angelegte Hausdurchsuchung war der Verdacht auf Verstoß gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz sowie auf unerlaubten Waffenbesitz.1

Die vor Ort gefundenen Waffen könnten gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen. Steinbeck darf laut Medienberichten rechtmäßig Waffen besitzen.2 Die, die gefunden wurden, seien aber nicht auf seiner Waffenbesitzkarte eingetragen gewesen, heißt es von einem Sprecher der Staatsanwaltschaft Schwerin. Um welche es sich genau handelt, dazu äußerte er sich nicht. Im Rahmen einer kriminaltechnischen Untersuchung soll sich nun unter anderem herausstellen, ob es sich um scharfe Waffen handelt.3 An den Durchsuchungen in Jessenitz und einer Lagerhalle in Lübtheen waren etwa 60 Beamt:innen beteiligt. Nach Angaben des Polizeipräsidiums Rostock dauerte der Einsatz von den frühen Morgenstunden bis weit über Mitternacht.4

Steinbeck widerspricht der Staatsanwaltschaft gegenüber Ostsee-Zeitung und Nordkurier. Es handele sich bei den gefundenen Waffen um „Deko“.5 Seine Sammlung historischer Kriegswaffen im Keller ist seinen Angaben zufolge untauglich gemacht.6

Wer ist Philip Steinbeck?

Mindestens seit Juni 2016 ist Steinbeck AfD-Mitglied.7 Aktuell sitzt er für die rechtsextreme Partei im Kreistag Ludwigslust-Parchim.8 Innerhalb der AfD gilt Steinbeck als umstritten. Vor der Bundestagswahl 2021 warfen ihm mehrere AfD-Mitglieder vor, zur Aufstellung der damaligen Landesliste Stimmen aus seinem Kreisverband gegen Bargeld angeboten zu haben.9

Steinbeck unterhielt in der Vergangenheit Kontakte zur NPD – insbesondere zu Udo Pastörs – und soll unter anderem 2011 auf einer Spendenliste der Partei aufgetaucht sein. Vorher war der gebürtige Hamburger für die Landtagsfraktion der rechtsextremen Partei Deutsche Liga für Volk und Heimat in Schleswig-Holstein tätig.10 Wie der Landtagsabgeordnete der Linkspartei, Michael Noetzel, schreibt, taucht Steinbecks Name zudem in den Akten des rechtsextremen Nordkreuz-Netzwerks auf. So soll er Kontakt mit Marko G., dem Gründer der Gruppe, gehabt haben. Mindestens ein Vortragsabend unter dem Motto „Zu erwartendes Krisenszenario und Empfehlungen der Vorbeuge und des Selbstschutzes“ soll von beiden gemeinsam organisiert worden sein.11

Daniel Trepsdorf, Leiter des Regionalzentrums für demokratische Kultur Westmecklenburg, bezeichnet Steinbeck gegenüber KATAPULT MV als „rechtsextremen, völkischen Spindoktor.“12 Der Begriff bezeichnet Kommunikations- und Politikberater:innen, die Informationen und Aussagen durch einen gewünschten Spin vorteilhafter erscheinen lassen.13 Steinbeck sei „bestens vernetzt“ – etwa mit der Identitären Bewegung, rechtsextremen Burschenschaften und der mittlerweile aufgelösten rechtsextremen Jungen Alternative. Während andere in der ersten Reihe stehen, betreibe der 60-Jährige vor allem „Struktur- und Kaderarbeit“, sagt Trepsdorf. So soll er den mittlerweile aus der AfD ausgeschlossenen Dennis Augustin aufgebaut und unterstützt haben.

Gutshaus mit AfD-Geschichte

Das Gutshaus in Jessenitz bei Hagenow, in dem auch die Razzia stattfand, war bereits in der Vergangenheit mehrfach ein zentraler Ort für die AfD. Hier soll sich die sogenannte Schlossgruppe gegründet haben. Dabei handelt es sich um eine inoffizielle Gruppe innerhalb der Partei, deren Ziel es ist, die AfD weiter nach rechts außen zu steuern. Die etwa 70 mutmaßlichen Mitglieder trugen auf Veranstaltungen in der Vergangenheit rote Kreuze als Erkennungsmerkmal.14

Im Haus von Steinbeck fand 2016 außerdem eine AfD-Spendenveranstaltung statt. Dabei sollte Geld für den damals anstehenden Landtagswahlkampf gesammelt werden. Unter den Gästen war auch der Bundestagsabgeordnete Alexander Gauland.15

Waffenaffine Szene

Steinbeck ist nicht der einzige Rechtsextreme aus MV, bei dem in den letzten Jahren Waffen und Sprengstoff gefunden wurden. Am bekanntesten ist vermutlich die Gruppe Nordkreuz. 2017 durchsuchte die Anti-Terror-Einheit GSG9 die Wohnhäuser von sechs Mitgliedern der rechtsextremen Gruppierung. Sie fanden unter anderem Waffen, Tausende Schuss Munition und Sprengstoff.16 Als Teil des Nordkreuz-Netzwerks gilt auch Haik Jaeger, in dessen Wohnung und Auto allein rund 3.000 Schuss Munition sichergestellt wurden.17 Heute sitzt er für die AfD im Kreistag von Nordwestmecklenburg, ist im Kreisvorstand der Partei und wollte in diesem Jahr Bürgermeister in Neukloster werden. Sowohl der Gemeinde- als auch der Kreiswahlausschuss entschieden, ihn nicht zur Wahl zuzulassen.18

Drei Jahre später fanden Behörden illegale Waffenlager bei der rechtsextremen Vereinigung Sturmbrigade 4419 und der Gruppierung Nationales Bündnis Löcknitz. Bei Letzteren war auch der frühere NPD-Politiker Dirk B. Mitglied.20 Er wurde inzwischen wegen des illegalen Erwerbs von Waffen und Munition zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.21

Weitere drei Jahre später: 2023 gab es eine großangelegte Razzia gegen den zuvor verbotenen rechtsextremen Verein Hammerskins, bei der ebenfalls Waffen gefunden wurden. Durchsucht wurden unter anderem Objekte in Jamel, Salchow und Zempin.22 Der in Jamel lebende Sven Krüger ist einer der bekanntesten Rechtsextremen Deutschlands. 2011 wurde der ehemalige NPD-Landesvorstand bereits wegen gewerbsmäßiger Hehlerei und illegalen Waffenbesitzes zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt.23

Erst im Juni diesen Jahres geriet auch eine rechtsextreme Jugendgruppe ins Visier der Ermittler:innen. In sechs Wohnungen wurden mehrere Waffenmagazine, Softairwaffen und ein granatenähnlicher Gegenstand, der Sprengstoff enthalten könnte, beschlagnahmt. Die Gruppe trat unter dem Namen Letzte Verteidigungswelle öffentlich auf.24

Wie bewaffnet Rechtsextreme aktuell sind, zeigt ein Blick in den Verfassungsschutzbericht von 2024: 374 erlaubnispflichtige – und damit legal erworbene – Schusswaffen ordnet die Behörde der rechtsextremen Szene zu.25 Die zusätzliche Anzahl illegal beschaffter Waffen, wie es mutmaßlich auch bei Philip Steinbeck der Fall ist, deckt der Bericht allerdings nicht ab.

Transparenzhinweis: Der Artikel wurde am 8. August um ein Statement von Philip Steinbeck ergänzt.

  1. Polizeipräsidium Rostock (Hg.): Polizei stellt Waffen sowie Sprengstoff sicher, auf: presseportal.de (6.8.2025). ↩︎
  2. Milius, Stefanie; Roß, Silke: Durchsuchung bei AfD-Politiker: Polizei findet Waffen und Sprengstoff, auf: nordkurier.de (6.8.2025). ↩︎
  3. Telefonat mit der Staatsanwaltschaft Schwerin am 7.8.2025. ↩︎
  4. Telefonat mit dem Polizeipräsidium Rostock am 7.8.2025. ↩︎
  5. Löer, Wigbert: AfD-Kreischef bürgte für neue Mitglieder, auf: stern.de (9.11.2016). ↩︎
  6. Landkreis Ludwigslust-Parchim (Hg.): AfD-Fraktion im Kreistag, auf: bis.kreis-lup.de. ↩︎
  7. Pubantz, Frank: Gab es in der AfD MV den Versuch des Stimmenkaufs gegen Geld?, auf: ostsee-zeitung.de (21.1.2021). ↩︎
  8. KATAPULT MV (Hg.): Rechtsextreme und antidemokratische Lokalpolitiker:innen, auf: katapult-mv.de (28.6.2024). ↩︎
  9. Linksfraktion im Landtag MV (Hg.): Durchsuchter AfD-Funktionär mit Verbindungen ins Nordkreuz-Netzwerk, auf: linksfraktionmv.de (7.8.2025). ↩︎
  10. Telefonat mit Daniel Trepsdorf am 7.8.2025. ↩︎
  11. Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Spin-Doctor, auf: bpb.de. ↩︎
  12. Schulz, Philipp: Das Kreuz mit den Rittern in der MV-AfD, auf: nordkurier.de (7.5.2019). ↩︎
  13. Süddeutsche Zeitung (Hg.): Rechte Überläufer – von der NPD zur AfD, auf: sueddeutsche.de (30.8.2016). ↩︎
  14. Kock, Carolin: „Nordkreuz“: Als die Warnungen verhallten, auf: ndr.de (21.6.2025). ↩︎
  15. NDR (Hg.): Innenministerium will mutmaßlichen “Nordkreuz“-Polizisten entlassen, auf: ndr.de (23.9.2024). ↩︎
  16. NDR (Hg.): Beschwerde abgelehnt: Haik Jaeger darf nicht Bürgermeister werden, auf: ndr.de (22.5.2025). ↩︎
  17. Bundesministerium des Inneren (Hg.): Bundesinnenminister verbietet rechtsextremistische Vereinigung „Sturm-/Wolfsbrigade 44“, auf: bmi.bund.de (1.12.2020). ↩︎
  18. Kleine Wördemann, Gerald: Löcknitz in Vorpommern: Wie zwei Dutzend Rechte versuchen, einen Ort zu übernehmen, auf: ostsee-zeitung.de (7.11.2020). ↩︎
  19. NDR (Hg.): 46 Monate Haftstrafe für Reichsbürger aus Löcknitz, auf: ndr.de (3.7.2025). ↩︎
  20. Hansen, Anna; Blöß, Louise: Waffen und Sprengstoff bei Neonazis gefunden,auf: katapult-mv.de (20.9.2023). ↩︎
  21. Schöler, Martin: Das Nazidorf (Teil 1): Der Dorfchef von Jamel, auf: katapult-mv.de (2.6.2022). ↩︎
  22. Spiegel (Hg.): LKA findet Waffen bei rechtsextremer Jugendgruppe, auf: spiegel.de (21.5.2025). ↩︎
  23. Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern (Hg.): Verfassungsschutzbericht 2024, auf: verfassungschutz-mv.de (Juli 2025). ↩︎

Autor:in

  • Katapult MV

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