Rechtsrockkonzerte: dem Verfassungsschutz MV bekannte Veranstaltungsorte zwischen 2010 und 2024
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Rechtsextremismus

Blut und Boden auf alten LPG-Flächen

In Mecklenburg-Vorpommern nutzen Rechtsextreme immer wieder alte Flächen der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) aus der DDR, um dort unter anderem Rechtsrockkonzerte zu veranstalten. Dabei geht es ihnen um mehr als nur das Vollführen von Musikevents.
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In dem am dünnsten besiedelten Flächenland Deutschlands gibt es ländliche und strukturschwache Räume wie Sand am Meer. In MV leben rund 1.950 Rechtsextremisten1, die solche Leerräume – oft verborgen von der Öffentlichkeit – für ihre Zwecke missbrauchen. Dazu gehören auch ehemalige LPG-Flächen, die sich meist weit entfernt von Wohngebieten befinden. Mit organisierten Gegenprotesten, beispielsweise gegen Rechtsrockkonzerte, haben die Neonazis daher eher weniger zu befürchten. Zudem bieten die Orte die Möglichkeit, von der staatlichen Überwachung, beispielsweise in Form von Polizeikontrollen, unentdeckt zu bleiben.

Extremisten suchen gezielt nach Immobilien

Bei den ehemaligen LPG-Flächen aus der Zeit des DDR-Regimes handelt es sich jedoch nicht nur um weite Freiflächen, die sich für Treffen, Zeltlager oder auch Konzerte eignen, sondern auch um Gebäude wie einstige Scheunen oder Hallen. Und von ihnen gab es zu DDR-Zeiten nicht wenig: Allein im Bezirk Neubrandenburg gab es 1.566 LPG-Betriebe.2 Auch ehemalige Kasernen, wie die in Basepohl (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) werden für Konzerte genutzt.3 MVs Verfassungsschutz stellte zudem in den letzten Jahren fest, dass Rechtsextremisten bemüht sind, Immobilien im ländlichen Raum zu erwerben.4 Diese könnten von ihnen nicht nur als Veranstaltungsräume, sondern auch zu Schulungszwecken genutzt werden. Für extremistische Zwecke eignen sich besonders große, abgeschiedene Objekte mit alleinigem Verfügungsrecht, die durch ihre Lage bereits ein gewisses Maß an Privatsphäre mit sich bringen.

Der Inlandsgeheimdienst sieht in den von Rechtsextremisten als Rückzugsort genutzten Immobilien eine Bedrohung für die demokratischen Strukturen der betroffenen Gemeinden. Der Immobilienbesitz sei für die Öffentlichkeit ein sichtbarer Beleg für die Präsenz und Einflussnahme der rechtsextremen Szene vor Ort. Dies würde laut Verfassungsschutz für Objekte gelten, die für Konzerte, Vortragsabende oder Kampfsportveranstaltungen genutzt werden, sowie für Gewerbeimmobilien. Dazu zählen beispielsweise rechtsextremistische Tattoostudios, Gaststätten, Verlage, Vertriebsunternehmen sowie Musik- oder Modelabels. Darunter zum Beispiel das Haus Jugendstil in Anklam, das von den Heimat-Politikern Enrico Hamisch und Alexander Wendt betrieben wird und in dem sich auch ein Versandhandel befindet.5

Der Erwerb von Immobilien auf dem Land ist für Gruppen und Einzelpersonen der rechtsextremen Szene aus mehreren Gründen von Bedeutung: „Einerseits werden so Rückzugsräume geschaffen, in denen die eigene Ideologie und Lebensweise ungestört praktiziert werden kann. Andererseits sollen die Kommunen, in denen Rechtsextremisten leben, ideologisch vereinnahmt werden“, heißt es auf Nachfrage bei MVs Staatsschutzbehörde. Somit sollen Sympathien geweckt und die Extremisten als hilfsbereite Nachbar:innen und Kümmer:innen vor Ort wahrgenommen werden.

Welche rechtsextremen Gruppierungen sich dort genau treffen, lässt der Verfassungsschutz zum Schutz seiner Arbeitsweise weitgehend unbeantwortet und verweist lediglich auf die im letzten veröffentlichten Verfassungsschutzbericht von 2024 genannten Akteure hin. Darin aufgelistet sind neben diversen sogenannten Kamerad- und Bruderschaften auch Aktions- und Rockergruppen.6 Einem Medienbericht aus dem April 2023 zufolge konnte die Polizei in Gallentin bei Bad Kleinen zuletzt ein Rechtsrockkonzert auf einem früheren LPG-Gelände verhindern.7 Dort identifizierten die Beamt:innen die Teilnehmer:innen als Personen, die der Brigade 12 Pommern zuzurechnen sind. Diese Vereinigung ist eine Untergruppe der Arischen Bruderschaft, die durch den bundesweit bekannten Rechtsextremisten Thorsten Heise ihren Einflussbereich nach Vorpommern ausgeweitet haben soll.8 Diese Bruderschaft mitsamt ihrer Untergruppen war deutschlandweit regelmäßig an der Durchführung von Rechtsrockkonzerten beteiligt. Ende September 2023 löste Heise die Gruppierung auf, die vor allem als Sicherheitsdienst auf den Musikveranstaltungen der Szene arbeitete.9

Rechtsextremismus in der DDR

Rechtsextremisten sind aufgrund vorhandener Immobilien jedoch nicht zwingend auf ehemalige LPG-Flächen für ihre Events angewiesen, sagt Christian Ulbricht, Leiter des Regionalzentrums für demokratische Kultur Vorpommern-Greifswald.10 Doch warum suchen sich die extremistischen Akteur:innen trotzdem diese Orte aus? Viele Quellen sind dazu nicht zu finden. Neben dem schon beschriebenen Standortvorteil in meist abgeschiedener Lage könnte eine mögliche Ursache in der Sozialisierung der älteren Akteure liegen, die eventuell zu DDR-Zeiten schon Kontakt zu LPG-Flächen gehabt haben könnten. In einem Artikel des Deutschlandfunks schildert die DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier eines ihrer Erlebnisse mit Rechtsextremismus in der Diktatur. Sie sei damals von einer Tierärztin auf ein LPG-Fest nach MV eingeladen worden. Dort sei Alkohol in großen Mengen geflossen. „Und auf einmal zog die ganze LPG, bis auf wenige Ausnahmen zur ‚Schwarz-braunen Haselnuss‘ und dem Polenstädtchen‘ durchs Gestühl. Und da haben alle mitgemacht. Und dann hörte ich immer: ‚Dich haben sie wohl vergessen zu vergasen?“, beschreibt Klier.11 Personen mit rechtsextremer Ideologie waren also schon damals auf LPG-Flächen unterwegs.

Es ist wahrscheinlich, dass auch die völkische Ideologie eine maßgebliche Rolle bei der Wahl des Veranstaltungsortes spielt, der sich viele Rechtsextremisten verschrieben haben. Ein zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Weltanschauung und der Organisation der Landwirtschaft war die sogenannte Blut und Boden-Ideologie. Dabei wird eine naturnahe bäuerliche Gemeinschaft verklärt und als beste Lebensform idealisiert. Zudem geht es auch um eine fiktive „reine arische“ Abstammung, die mit dem nordischen Boden als eng verknüpft betrachtet wird.12 Wichtig ist zu erwähnen, dass es sich bei völkischen Siedlern um keine ideologisch-einheitliche Gruppe handelt. Das Spektrum reicht laut Daniel Geschke, wissenschaftlicher Referent am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ Jena), von esoterischen Anhänger:innen bis hin zu „knallharten Ökonazis“, die oft sektenartige Strukturen aufweisen.13 So zogen Anfang der 1990er Jahre die ersten völkisch-rechtsextremen Gemeinschaften nach MV: Eine Gruppe kaufte Immobilien und Land im Raum Güstrow – eine andere siedelte sich in der Gegend rund um Lübtheen an.14

Rechtsrock ist kein Genre

Thorsten Hindrichs, Musikwissenschaftler und Rechtsrockexperte an der Universität Mainz, verwendet den Begriff Rechtsrock nicht als musikalisches Genre, sondern als sozialwissenschaftliches Fachwort unter dem alle populären Formen von rechtsextremer Musik vom Schlager bis zum Rap fallen.15 Die Konzerte seien meist konspirativ organisiert. Sie dienen innerhalb der Szene unter anderem dazu, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und bei Konzerten Geld zusammenzutragen. „Musik ist jedoch keine Einstiegsdroge in die rechtsextreme Szene“, sagt Hindrichs. Nach außen ginge es den Rechtsextremen, wie auch beim Kauf von Immobilien, um Raumnahme und Machtdemonstration. Aber auch mit Bezug auf die Texte um Feindmarkierung, Abgrenzung und eine Art Selbstvergewisserung. Dieses Wissen machen sich auch NPD-Aktivist:innen zunutze und brachten ab 2004 die sogenannte Schulhof-CD in Umlauf, die neben Rechtsrock auch anderes Propagandamaterial, wie zum Beispiel rechtsextreme Reden, enthielt.16 Zuletzt sei die Ausgabe „Die Jugend ruft Deutschland Schulhof-CD – Die Zukunft im Blick“ 2013 an einem Gymnasialen Schulzentrum in Ludwigslust-Parchim verteilt worden.17 Ab Ende 2018 gingen die Neonazis dann mit dem Projekt Schülersprecher.info den Weg weg von der physischen hin zur digitalen Verbreitung über einen Downloadlink.18

Salchow als Hochburg

MV scheint in der Vergangenheit jedenfalls stellenweise eine Hochburg für Rechtsrockkonzerte gewesen zu sein, in der einige Bands auch konkret Bezug zu rechtsterroristischen Netzwerken wie Blood & Honour haben und damit internationale Kontakte pflegen.19 Bei einer Auswertung der Kleinen Anfragen aus MVs Landtag zu rechtsextremen Veranstaltungen zeigt sich, dass in einer Scheune in Salchow zwischen den Jahren 2013 bis 2024 die meisten Rechtsrockkonzerte in MV stattfanden. Der Ort befindet sich im Landkreis Vorpommern-Greifswald und wird bereits seit Ende der 90er Jahre als Veranstaltungsstätte für rechtsextreme Konzerte genutzt.20 In Salchow sollen zudem auch Personen aus dem Unterstützer:innenumfeld des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) an Musikevents teilgenommen haben. Bei den dortigen Konzerten sind auch die meisten Besucher:innen anzutreffen, wie die Analyse zeigt. Eine weitere Hochburg befand sich bis 2020 zudem in Grevesmühlen. Ebenda fanden im Thinghaus, das 2024 an einen Unternehmer verkauft wurde,21 mehrere Musik- und Szeneevents statt. Von den Rechtsrockkonzerten, die sich in MV teilweise auf LPG-Flächen abspielen, reichen somit die Verbindungen durch Netzwerke wie Blood & Honour und dem NSU auch nach Ungarn, Frankreich, Spanien, Griechenland, Schweden, Dänemark, Finnland, sowie in die Niederlande, Polen, Italien, Nordamerika und Russland. Sie dienen unabhängig vom Ort, der Vernetzung und Finanzierung einer schon längst terroristisch agierenden rechtsextremen Szene.

  1. Ministerium für Inneres, Bau und Digitalisierung MV (Hg.): Verfassungsschutzbericht 2024, S. 42, auf: verfassungsschutz-mv.de (Juli 2025). ↩︎
  2. Hochschule Neubrandenburg (Hg.): Entwicklung der Betriebsgröße und -anzahl, auf: hs-nb.de. ↩︎
  3. KATAPULT MV (Hg.): Neubrandenburger Anwalt wirbt für Nazi-Konzert, auf: katapult-mv.de (10.1.2024). ↩︎
  4. E-Mail der Pressestelle des Ministeriums für Inneres, Bau und Digitalisierung MV vom 13.4.2026. ↩︎
  5. KATAPULT MV (Hg.): Und immer wieder Lassan, auf: katapult-mv.de (22.12.2023). ↩︎
  6. Ministerium für Inneres, Bau und Digitalisierung MV 2025, S. 47. ↩︎
  7. Nordkurier (Hg.): Polizei verhindert Rechtsrock–Konzert auf LPG–Gelände, auf: nordkurier.de (30.4.2023). ↩︎
  8. Landtag MV (Hg.): Aktivitäten der „Brigade 12 Pommern“ und Antwort der Landesregierung, auf: dokumentation.landtag-mv.de (25.5.2023). ↩︎
  9. Ayyadi, Kira; Lauer, Stefan: Thorsten Heise löst Neonazi-Gruppierung auf, auf: belltower.news (27.9.2023). ↩︎
  10. Telefonat mit Christian Ulbricht am 22.5.2026. ↩︎
  11. Adler, Sabine: Real existierender Rechtsextremismus, auf: deutschlandfunk.de (10.10.2019). ↩︎
  12. Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz der Naturfreunde Deutschlands: Glossar „Blut und Boden“, auf: nf-farn.de. ↩︎
  13. Geschke, Daniel: Völkische Siedler und braune Ideologie, auf: hss.de (8.7.2020). ↩︎
  14. Heinrich, Gudrun; Kaiser, Klaus-Dieter (Hg.): Naturschutz und Rechtsradikalismus, auf: banu-akademien.de (2015). ↩︎
  15. Gespräch mit Thorsten Hindrichs am 2.4.2026. ↩︎
  16. Boie, Johannes: Pausenbrot und rechte Propaganda, auf: sueddeutsche.de (17.5.2010). ↩︎
  17. Landtag MV (Hg.): Schulhof-CD-Verteilung „Auf dem Stundenplan“ durch die JN (Jugendorganisation der NPD) und Antwort der Landesregierung, auf: dokumentation.landtag-mv.de (13.3.2015). ↩︎
  18. Ayyadi, Kira: Die NPD-Jugend und ihre selbsternannte „Schulhofrebellion von rechts“, auf: belltower.news (3.7.2019). ↩︎
  19. Speit, Andreas: Internationale Kontakte, auf: taz.de (13.9.2019). ↩︎
  20. NSU Watch (Hg.): „Gehen Sie mal als Polizeibeamter zu so einem Konzert, da werden Sie nicht glücklich.“ – Die Sitzung des 2. NSU/Rechter Terror-Untersuchungsausschusses Mecklenburg-Vorpommern vom 26. Juni 2023, auf: nsu-watch.info (26.6.2023). ↩︎
  21. Prochnow, Michael: Thinghaus Grevesmühlen: Unternehmer kauft ehemaligen Nazitreff – das hat er damit vor, auf: ostsee-zeitung.de (10.4.2024). ↩︎

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Autor:in

  • Redakteurin in Greifswald

    Irgendwas zwischen Patchworkwendekid und Halbprovinzbohème. Wohnte in 4 von 16 Bundesländern. Konnte ohne Abitur, aber mit Meisterbrief studieren. Ist ausgebildete Crossmedia-Journalistin.

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