Mit der Kommunalwahl 2024 haben sich die politischen Kräfteverhältnisse in der Greifswalder Bürgerschaft geändert. Seither gibt es keine progressive Mehrheit mehr – und das hat nunmehr auch Folgen für den Klimaschutz. Auf Antrag der CDU-Fraktion soll das Zieljahr der Hansestadt für das Erreichen von Klimaneutralität von 2035 auf 2045 verschoben werden. Die Konservativen versprechen sich davon einen „realistischeren Transformationspfad“ und mehr Akzeptanz und Planungssicherheit für Bürger:innen, Unternehmen und die Verwaltung. „Akzeptanz des Klimaschutzes erreicht man nicht durch ideologische Beschlüsse und unerreichbare Ziele, sondern durch Planungssicherheit für Haushalte und Betriebe sowie praktisch und stufenweise umsetzbare Maßnahmenkataloge“, wird der Fraktionsvorsitzende Gerd-Martin Rappen in einer Pressemitteilung zitiert.1
Protest von Klimaschützer:innen
Am Dienstag äußerten vor dem Rathaus etwa 50 Mitglieder von Fridays for Future vor der Sitzung des Ausschusses für Bauwesen, Klimaschutz, Umwelt, Mobilität und Nachhaltigkeit ihren Unmut über den CDU-Antrag. „Ideologie ist immer das, was Andere machen. Das werfen wir auch der CDU vor, die dahingehend Politik macht, ihre Klientel zu befriedigen“, sagten die Sprecher:innen der Greifswalder Klimaschutzgruppe gegenüber KATAPULT MV. Den Ideologievorwurf der Konservativen weisen sie zurück, da ihr Anliegen von der Wissenschaft unterstützt werde.
Auch für die Klimaschützer:innen ist klar, dass das Ziel der Stadt, bis 2035 klimaneutral zu werden, sehr ambitioniert und wahrscheinlich eher unrealistisch ist. Trotzdem wünschen sie sich von der Bürgerschaft, dass die bisherige Zielfrist bestehen bleibt. Fridays for Future befürchtet, dass mit der Festlegung auf das Jahr 2045 auch der Anspruch der Politik verlorengeht, bis dahin wirkungsvoll etwas für den Klimaschutz zu tun. Zudem nehme eine Aufschiebung jeglichen Druck von der Stadtverwaltung. „Jetzt gleich aufzugeben, wird auch dazu führen, dass die konkrete Umsetzung verzögert wird“, so die Aktivist:innen.

Fachausschuss beschließt Verschiebung auf 2045
Zum CDU-Antrag lag im Ausschuss ein Änderungsantrag der Grünen-Fraktion vor. Er sah unter anderem vor, die Festlegung auf ein Klimaschutzziel bis zu einem bestimmten Zeitpunkt komplett zu streichen. Zudem wollten die Grünen erreichen, dass Klimaziele spezifisch nach „geeigneten“ und durch die Stadt „real beeinflussbaren Sektoren“ (zum Beispiel Wärme, Verkehr, Landnutzung) neu definiert werden.2 Auch die AfD kündigte in der Sitzung an, zum Thema einen Antrag einbringen zu wollen. Linken-Politiker Hennis Herbst machte in seiner Anmerkung zum Antrag der Konservativen deutlich, dass er es sinnvoll finde, das Klimaschutzziel bei 2035 zu belassen, auch wenn sich alle bewusst seien, dass dieses Ziel überambitioniert ist.
Der Fachausschuss stimmte letztlich jedoch nur über den CDU-Antrag ab und bestätigte ihn mehrheitlich. Damit der Beschluss gültig wird, muss die Bürgerschaft ebenfalls zustimmen.
Greifswald als Leuchtturm
In Mecklenburg-Vorpommern ist Greifswald derweil die einzige Stadt, die für das Erreichen der Klimaneutralität noch das Jahr 2035 anstrebt. Für die Aktivist:innen von Fridays for Future ein weiterer Grund, an dem Ziel festzuhalten: „Greifswald ist für viele Sachen ein Leuchtturm, wenn man sich mal anschaut, wie zum Beispiel die Statistik bei Bildungsabschlüssen, Anteil an jungen Einwohner:innen und so weiter aussieht“, sagen die Klimaschützer:innen. Die Universitäts- und Hansestadt könnte also für andere Städte ein Vorbild sein. Bereits in der Vergangenheit stellten sie zudem konkrete Forderungen an die Greifswalder Politik, die Stadt nicht nur klimafreundlicher, sondern auch lebenswerter zu machen. Dazu zählen die Wiedervernässung von Mooren und die Umsetzung des Verkehrskonzepts Innenstadt.
- CDU-Bürgerschaftsfraktion Greifswald: CDU-Fraktion bringt Realismus zurück in die Greifswalder Klimapolitik, auf: cdu-greifswald.de (9.1.2026). ↩︎
- Fraktion Bündnis 90/Die Grünen: Änderungsantrag zu: Greifswalder Klimaschutzziele realistisch anpassen, auf: greifswald.sitzung-mv.de (19.1.2026).
↩︎

