Zum Inhalt springen

Zukunft der MV-Werften

Alles, nur nicht offshore?

Von

Artikel teilen

Am Werftstandort Stralsund wurde der Anfang gemacht: Die Stadt selbst kaufte die Fläche, um sie künftig neu zu verpachten, die Nutzung aber mitbestimmen zu können. Dort ist ein maritimer Gewerbepark geplant. Partner sind die norwegische Fosen-Werft und das bereits in Stralsund angesiedelte Unternehmen Ostseestaal. Beide Unternehmen sind im Schiffbau tätig. Wie viele der Werftmitarbeitenden übernommen werden, ist aber noch unklar.

Nach monatelangen Gesprächen mit potenziellen Investor:innen und der Insolvenzverwaltung steht auch fest: Das Fertigmodulwerk in Wismar geht in die Hände des Laborherstellers Medizintechnik Eppendorf. Dort sollen künftig statt Schiffsausrüstung Laborutensilien aus Hightech-Kunststoff hergestellt werden. Zuletzt wurde nun auch der Standort Wismar selbst verkauft. Neuer Eigentümer ist der U-Boot- und Marineschiffbauer Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) aus Kiel. Das Unternehmen baut unter anderem Fregatten und Korvetten. Mit Blick auf das 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für den Ausbau der Bundeswehr will TKMS-Vorstandschef Oliver Burkhard zusätzliche Kapazitäten aufbauen. Nach einer gemeinsamen Beratung mit Vertreter:innen der IG Metall am vergangenen Freitag hat sich das Unternehmen nun auch bereit erklärt, nach der Übernahme des Standortes je nach Auftragslage zunächst 800 und dann bis zu 1.500 Mitarbeitende direkt und unbefristet einzustellen, vorrangig aus der Transfergesellschaft.

Ein Rückschlag hatte es dagegen Ende Mai für die „Global One“ gegeben. Laut der Insolvenzverwaltung ist der letzte Interessent für das weltweit größte Kreuzfahrtschiff abgesprungen. Zu 70 Prozent fertiggestellt, liegt es noch in der Wismarer Werft.

Für das Rostocker Unternehmen Neptun Ship Design, das ebenfalls zur insolventen Werftengruppe gehörte, haben sich die Meyer-Werft und das Schiffbauunternehmen Fassmer zusammengetan und das Ingenieurbüro mit rund 100 Mitarbeitenden übernommen.

Gewerkschaft mit erstem Schritt zufrieden

Und der Standort Rostock-Warnemünde? Den Zuschlag soll morgen offiziell die Bundeswehr bekommen, um dort das bestehende Marinearsenal in Wilhelmshaven zu ergänzen und Fregatten und Korvetten warten zu können – in unmittelbarer Nähe zum Marinestützpunkt Hohe Düne, heißt es.

Die Gewerkschaft IG Metall, die sich zusammen mit den Betriebsräten für den Verbleib der Mitarbeiter:innen an den Standorten eingesetzt hatte, ist über diesen ersten Schritt zufrieden: es sei das Ziel gewesen, „die Menschen im Land und möglichst in der maritimen Industrie zu halten“, so Bezirksleiter Daniel Friedrich. „Mit dem geplanten Marinearsenal in Rostock und dem Verkauf des Standortes Wismar an Thyssenkrupp Marine Systems gibt es konkrete Perspektiven. Uns geht es um Industriepolitik, die mit guter Arbeit verbunden wird.“ Aber auch am dritten Standort werden nicht alle der 800 derzeitigen Mitarbeiter:innen unterkommen.

Grundsätzlich ist es laut der IG Metall jetzt noch wichtig, neben dem Verkauf der Standorte auch die Arbeitsplatzgarantie für die Mitarbeitenden sicherzustellen. Von den Betriebsräten heißt es, man hoffe weiterhin auf die maritime Branche. Auch wenn die Möglichkeit für eine Vorreiterrolle MVs auch in einem anderen Sektor gegeben wäre.

Kriegsschiffe statt erneuerbarer Energien

Denn bei den durch die Insolvenz verfügbar gewordenen Werftstandorten hätte der neue Fokus auch auf den Ausbau der erneuerbaren Energien gelegt werden können. Technik und vor allem das Know-how der noch verbliebenen Mitarbeiter:innen wären dabei nützlich, sagt Folko Manthey, Mitglied des Betriebsrats am Wismarer Werftstandort. Für den Bau von Versorgungsplattformen etwa brauche es auch Kabel, Wohneinheiten und Versorgungsschiffe. Das könne sowohl mit der Belegschaft als auch der vorhandenen technischen Ausstattung gewährleistet werden. Gespräche über eine Sparte für Offshore-Energie habe es auch schon mit TKMS gegeben. Inwieweit dies jedoch realisiert werde, stehe noch nicht fest. Dabei wäre es „einfach die beste Option“, findet Manthey. Auch die Belegschaft sei zu einem Großteil dafür. Er hoffe weiterhin, dass sich Kooperations-Interessent:innen aus dieser Branche fänden.

Und auch die IG Metall empfahl in einer gemeinsamen Erklärung mit Fachverbänden aus der Offshore-Industrie schon im vergangenen Jahr eine Partnerschaft beispielsweise für eine klimaschützende Wasserstoffproduktion aus Offshore-Windenergie. Es wäre ein richtiger Schritt weg von der überwiegend fossilen Industrie. Dabei sei auch eine internationale Zusammenarbeit mit europäischen Partnerstaaten denkbar und wünschenswert.

Riesenchance vertan?

Beim Besuch von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) war vom Fokus auf erneuerbare Energien ebenfalls die Rede. Auf einer gemeinsamen Fachtagung zur Zukunft der Werften Ende März, organisiert von der IG Metall und der Stiftung Offshore am Standort Rostock-Warnemünde, betonte Claudia Müller (Grüne), Koordinatorin der Bundesregierung für maritime Wirtschaft und Tourismus, dass die Offshore-Windindustrie ein „Schlüsselfaktor der Energiewende“ sei, die man mit den „traditionsreichen deutschen Werften“ zusammenbringen müsse. Stiftungsgeschäftsführerin Karina Würtz fügte hinzu: „Die Kapazitäten der deutschen Werften werden bei den ambitionierten Offshore-Wind-Ausbauplänen dringend gebraucht.“ Sie seien für die Energiewende sogar systemrelevant. Man müsse schnell die nächsten Schritte gehen, um die Chance für die Offshore-Windenergie zu erhalten und den Beschäftigten vor Ort baldmöglichst eine Perspektive zu bieten.

Nächste Schritte ab wann?

Warum also nicht die naheliegende Variante, die zugleich auch den so gewünschten Ausbau vorantreiben könnte? Das fragt sich auch die Arbeitsgemeinschaft zur Zukunft der maritimen Industrie in MV. Deren Mitglieder der Landesarbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Finanzen der Grünen, der AG MV-Werften der Freiparlamentarischen Allianz (FPA) sowie Leute aus Fachverbänden und ehemalige Werftmitarbeiter:innen sehen die Gefahr, dass die Werftstandorte zu stark in militärische Planungen involviert werden.

Mecklenburg-Vorpommern vergebe eine Riesenchance, Vorreiter bei erneuerbaren Energien, vor allem der Windkraft, zu werden, so der Vorsitzende Luca Piwodda (FPA). Die Idee, sich auf Offshore-Technik zu fokussieren, sei seit Jahren auch von Mitarbeitenden der MV-Werften in Betracht gezogen worden. Stattdessen würden diese Ansätze jetzt ignoriert. Nicht nur Fachkräfte im Schiffbau liefen Gefahr, verlorenzugehen, sondern wegen der Nordex-Pleite auch in der Windkrafttechnologie. Aus den Reihen der Werftarbeiter:innen wurde eine Petition gestartet, mit der an die Landesregierung appelliert wird, die Werften für den Offshore-Ausbau zu erhalten.

Dagegen steht der Plan von Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD). Sie will morgen die bereits vorliegenden Pläne für die Zukunft der Werftstandorte unterzeichnen.

MV braucht mehr als nur eine Zeitung pro Region. Holt euch ein KATAPULT-MV-Abo!

Schon 5.373 Abonnent:innen

190,0 %

🎉 Ziel I:

19.000 Euro

Ziel II: 57.000 Euro

(11.400 Original-Abos)

Fußnoten

  1. Preuss, Susanne: Pipettenspitzen statt Schiffskabinen, auf: faz.net (22.4.2022).
  2. Wolf, Christian: Kieler Werft TKMS will in Wismar U-Boote bauen, auf: ndr.de (10.6.2022).
  3. Meyer Werft (Hg.): Meyer und Fassmer übernehmen Schiffbau-Weltmarke, auf: meyerwerft.de (13.4.2022).
  4. IG Metall Küste (Hg.): Offshore-Wasserstoffproduktion bietet Chance für mehr Arbeit und Wertschöpfung in Deutschland, auf: kueste.igmetall.de (10.9.2021).
  5. IG Metall Küste (Hg.): Deutsche Werften als Erfolgsfaktor der deutschen und europäischen Offshore-Energiewende, auf: kueste.igmetall.de (25.3.2022).

Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

Neueste Artikel

Tag der Einheit

In MV herrscht Einheit. Besonders lange schon in Tessin.

Tag der offenen Moschee

Zum Tag der offenen Moschee laden die muslimischen Gemeinden im Land heute zum gemeinsamen Austausch ein.

300 Therapieplätze ersatzlos gestrichen

Ende Juli gaben die Median-Kliniken die Schließung des Standortes Schelfstadt in Schwerin zum 30. September bekannt. Wirtschaftliche Gründe seien ursächlich für diesen Schritt. Dadurch fallen kurzfristig und vorerst ersatzlos 300 Therapieplätze für Abhängigkeits- und psychisch Kranke weg. Die Folgen der Schließung sehen Suchtexpert:innen schon jetzt. Denn nichtdurchgeführte Suchttherapien können in Arbeits- und Wohnungslosigkeit münden und zu Folgeerkrankungen von Sucht wie Krebs- und Lebererkrankungen führen, heißt es von der Landeskoordinationsstelle für Suchtthemen.