Schmale Straßen führen zum alten Gutshof, der von ebenso alten Bäumen mit goldbraunen Blättern umringt wird. Es ist ein sonniger Herbsttag. Drei kleine Stufen hinaufgestiegen, steht man mitten im Haus und wird von den Hunden Mali, Scotty und Jack begrüßt. Auch die schwarz-weiße Katze Pepe lässt nicht lange auf sich warten. Für einige Tage sind auch noch die zehn Hundewelpen Teil der Hausgemeinschaft, bevor sie in die Hände ihrer neuen Besitzer:innen übergeben werden. „Besonders wichtig ist die Verbundenheit, dass wir als Menschen spüren, dass wir Teil der Natur sind, und gleichzeitig transportieren, dass Altern jeden betrifft“, erzählt Anja Kopp im Gespräch. Wir sitzen zusammen mit ihren Unterstützer:innen Gisela Molinera, Marieke Stauf und Gerrit Ophey an einem großen Holztisch und sprechen darüber, wie Altern in Würde aussehen sollte. Die Atmosphäre ist offen und freundlich. Alle duzen sich.
Selbstbestimmt leben
Der Haidhof stellt als Pflegebauernhof ein Kontrastprogramm zum klassischen Altenheim dar. „Das Projekt ist sicherlich für viele etwas, aber nicht für jeden“, sagt Anja, die vor zehn Jahren eine schwere Brustkrebserkrankung durchmachte und daraufhin viele ihrer Lebensentscheidungen auf den Prüfstand stellte. „Was zählt im Leben? Was ist wirklich wichtig? Wo will ich meine Arbeitsenergie hineinstecken? Das war der Auslöser, mich damit auseinanderzusetzen, wie ich leben möchte und was ich noch mit meiner Arbeitskraft anfangen will.“ Am Ende eines langen Prozesses stand Bauernhof statt Altenheim, schildert sie. Für Gisela, Gerrit und Marieke ist ebenfalls klar: Würdevolles Altern bedeutet, weiter selbstbestimmt zu leben und ein aktiver Teil der Gesellschaft zu sein. In einem herkömmlichen Pflegeheim werden Senior:innen etwa vor die Konsequenz gestellt, sich von ihren Haustieren und Pflanzen zu trennen. Für Gerrit hat dieser Vorgang etwas Entmenschlichendes. „Das ist eine extreme seelische Belastung und es löst einen enormen Trennungsschmerz aus. Was ich dort erlebe, ist, dass die Menschen in ein großes Lebensloch hineinfallen“, schildert er. Das ist auf dem Gutshof anders. Alle Bewohner:innen können ihre Haustiere und Pflanzen mitnehmen. „Unser Denken und Handeln beginnt immer bei den Bedürfnissen der Menschen“, betont die Projektleiterin.

Nachhaltigkeit von klein auf
Nicht nur das Wort Gemeinschaft wird auf dem Haidhof großgeschrieben, sondern auch das Thema Nachhaltigkeit. Ursprünglich war das Vorhaben in Neustadt an der Weinstraße (Rheinland-Pfalz) geplant. Rund zweieinhalb Jahre hat Anja mit ihren Mitstreiter:innen nach einer passenden Immobilie gesucht, auf deren Fläche auch Tiny Houses gebaut werden können. Die Suche blieb erfolglos. Dennoch entsteht momentan auch in der Pfalz ein zweiter Bauernhof statt Altenheim, der voraussichtlich 2028 eröffnet.
Über eine Freundin, die auch Gründungsmitglied des Vereins ist, kam sie an den Gutshof auf Rügen, der 1780 erbaut wurde. Gemeinsam schafften sie es, dass die Tiny Houses im Flächennutzungsplan – einem Entwurf, der die städtebauliche Entwicklung einer Gemeinde festlegt – berücksichtigt werden. „Die Gebäude werden sehr ökologisch aus Hanfkalk gebaut. Ein CO2-negativer Baustoff“, erzählt Anja. Sollten die Häuser irgendwann einmal nicht mehr gebraucht werden, könnte man sie einfach zerstören und auf den Feldern verstreuen. Insgesamt sollen 25 Menschen auf dem Haidhof ein neues Zuhause finden. Momentan stehen rund 140 Leute auf der Warteliste für die begehrten Plätze. Zwischen 45 und 65 Quadratmeter werden die einzelnen Wohnungen auf Mietbasis umfassen. Genügend Raum zur individuellen Entfaltung.
Mit dem Bau bleiben die Initiator:innen ihrem Kreislaufkonzept treu, das sie auch auf ihre Unternehmensform übertragen wollen. Denn das Projekt ist gemeinwohlorientiert. Das bedeutet, dass sie mit dem Pflegebauernhof nicht gewinnorientiert wirtschaften. „Ein Vorhaben, was Behörden und Banken vor eine Herausforderung stellt und sie sich die Frage stellen lässt, wie es in einem kapitalistischen System umgesetzt werden kann“, sagt Anja. Das Projekt soll eine „Organisation in Verantwortungseigentum“ werden. Gewinne werden bei dieser Rechtsform in die Gesellschaft reinvestiert. Es findet kein Kapitalabfluss statt. Als Gesellschaftsform gibt es sie bisher nur im Ausland. Doch auch hierzulande hat die Bundesregierung im Koalitionsvertrag von 2025 die Einführung einer „Gesellschaft mit gebundenem Vermögen“ vorgesehen. Das wäre praktisch das Äquivalent zu der im Ausland existierenden Rechtsform.

Nachhaltigkeit wird auf dem Haidhof nicht nur gelebt, sondern auch vermittelt. Hierfür treffen Alt und Jung aufeinander. Aktionen gemeinsam mit der örtlichen Grundschule und dem Kindergarten bringen Leben ins Haus. In einem ersten Schritt werden dafür im Garten gerade fünf Hochbeete gebaut. „Der Austausch mit Kindern ist wie ein Jungbrunnen. Man denkt überhaupt nicht an den Tod, sondern steckt mitten im Leben. Schöner kann es nicht sein“, erzählt Gerrit. Für die Senior:innen geht es auch darum, den nachfolgenden Generationen Werte zu vermitteln. „Wir spüren, dass die Wertigkeit in ganz vielen Bereichen verlorengeht. Oft der Zeit geschuldet“, sagt Anja. Die Gutshofbewohner:innen wollen deshalb ihr Wissen über den Umgang mit Natur und Tieren weitervermitteln. Auch ein Hofcafé und eine Hausaufgabenbetreuung seien in Planung.
Einfluss auf die Demokratie
Anja ist überzeugt: „Wenn wir es schaffen, mehr Pflegebauernhöfe zu errichten, wird das einen ganz großen Einfluss auf die Gesellschaft haben, weil es einfach sichtbar wird, dass würdiges Altern möglich ist.“ Momentan werde das Thema Altern und Sterben in eine Ecke gestellt und tabuisiert. Dabei handelt es sich um etwas, mit dem jeder Mensch im Laufe seines Lebens konfrontiert ist. „Im Endeffekt geht es auch darum, wie wir miteinander umgehen. Das hat einen Einfluss auf die Demokratie.“ Andere Länder machen es vor und begegnen damit dem demografischen Wandel: So ist man zum Beispiel Anfang der 2000er-Jahre in den Niederlanden einen anderen politischen Weg gegangen und hat Geld bereitgestellt, damit Landwirt:innen Pflegebauernhöfe einrichten können. „Mittlerweile gibt es dort über 1.000 und in Frankreich sind es über 900“, sagt Anja. Der Bauernhof sei bei dem Projekt in Gingst jedoch nur Beiwerk. Das Hauptaugenmerk liege ganz auf den individuellen Menschen und der Gemeinschaft.
Im Aufbruch
Zum Gutshof gehört auch ein insgesamt ein Hektar großes Areal, das landwirtschaftlich genutzt wird. Im dazugehörigen Garten hat Gerrit momentan seinen Wohnwagen geparkt. Er wohnt dort für einige Zeit mit seinen beiden Hunden, die er vor ein paar Jahren aus einer Tötungsanstalt gerettet hat. Gerrit möchte die Zeit nutzen, um für sich die Entscheidung zu treffen, ob der Haidhof für ihn und seine tierischen Gefährten ein neues Zuhause für den Lebensabend sein kann.
Wenige Meter weiter haben die Hühner ihr Quartier. Sie versorgen den Gutshof mit Eiern in Bioqualität. Kafka, der Hahn im Stall, wurde dem Haidhof erst kürzlich geschenkt. Sein Vorbesitzer konnte nichts mehr mit ihm anfangen, als der Gockel eines Tages impotent wurde. Zu der Hühnerschar werden sich später noch weitere Tiere dazugesellen: Neben Bienenvölkern sollen auch Pferde, Kaninchen, Meerschweinchen, Ziegen und Schafe Einzug halten.
Anja, Gisela und die anderen präsentieren die Ackerfläche, auf der im nächsten Frühjahr wieder reichlich Obst und Gemüse angebaut werden. An einem Strauch hängen sogar noch einige Himbeeren. Es ist dieser Blick über die weiten Felder, der beruhigend wirkt. Auch der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft grenzt an die Gemeinde Gingst. Marieke will eines noch loswerden: „Das Projekt zeigt eigentlich, wie gelebte Inklusion aussehen kann. Das ist mir wichtig zu betonen.“ Denn der Hof ist offen für queere Menschen sowie Menschen mit Behinderungen. Wir schauen in den Himmel und sehen, wie Wildgänse ihre Bahnen ziehen. Sie sind im Aufbruch, denn der Winter naht. Und auch Anja und ihre Unterstützer:innen sind im Aufbruch. Es gibt noch einiges zu tun, bis das Projekt Bauernhof statt Altenheim voraussichtlich Ende 2026 seine Türen für die Bewohner:innen öffnen kann. Das Ziel ist klar: Sie wollen nicht nur einen Ort schaffen, der ein würdiges Altern ermöglicht, sondern auch gesellschaftlich etwas bewegen. Leben und Tod sollen in die Mitte der Gesellschaft geholt werden.

