Die Grafik zeigt in welche Strecken Berufspendler:innen in Mecklenburg-Vorpommern (MV) durchschnittlich zurücklegen. Dabei wird klar, dass in MV viele Pendler leben und zur Arbeit pendeln. Den längsten Arbeitsweg haben die Erwerbstätigen im Amt Boizenburg-Land mit durchschnittlich 34,6 Kilometern.
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Verkehrsplanung

Leben im Pendeltakt

Mecklenburg-Vorpommern ist ein Land der Pendler. Ludwigslust-Parchim ist deutschlandweit einer der Landkreise mit den längsten Arbeitswegen. Doch was machen diese Strecken mit dem Land und seinen Menschen? Wir haben nachgefragt bei Ulrike, Pendlerin seit über 25 Jahren.
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Pendler:innen sind laut der Bundesagentur für Arbeit „alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, deren Arbeitsort sich vom Wohnort unterscheidet“.1 Ulrike, die in Stralsund lebt, aber in Greifswald arbeitet, gehört zu dieser Gruppe. Um zur Arbeit zu kommen, fährt sie rund 30 Kilometer mit dem Auto und benötigt dafür etwa 30 Minuten, je nach Verkehrslage. Damit geht es ihr wie vielen Menschen in Deutschland. Etwa die Hälfte der Erwerbstätigen benötigt zwischen zehn und dreißig Minuten zum Arbeitsplatz. 65 Prozent bewältigen die Strecke mit dem Auto.2

Ich fahre mit Ulrike einmal ihren Arbeitsweg ab. Als ich ins Auto einsteige, läuft Radio. Eigentlich ungewöhnlich. Normalerweise höre sie Podcasts oder gar nichts. Nämlich dann, wenn eine Kollegin bei ihr mitfährt. Und schon sind wir mittendrin im Gesprächs übers Pendeln.

Auf dem Weg zur B 105 halten wir an einer roten Ampel. Alles entspannt. So war es nicht immer, erinnert sich die Sozialpädagogin: „In den ersten Jahren hat mich sowas richtig geärgert, wenn ich irgendwo an der roten Ampel ewig stehen musste.“ Grund dafür war auch der Stress, der mit dem Pendeln einhergeht. Woher dieser Stress kommt und wie er sich auswirkt, hat ein Forschungsteam des Instituts für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main untersucht. Mithilfe von Interviews identifizierten die Forschenden vor einigen Jahren vier Arten von „Pendelpraktiken“.3

Zwischen Alltagsjonglieren und Hinnehmen

Einerseits gibt es das sogenannte „Alltagsjonglieren“. Das betrifft hauptsächlich Frauen mit Kindern, die mit dem Auto unterwegs sind. Ihr Alltag ist geprägt von familiären Verpflichtungen. Sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld gelten strikte Zeitpläne. Darum wird das Pendeln auch als Zeitverschwendung und Verringerung der Lebensqualität wahrgenommen. Auch Ulrike war einst eine Alltagsjongleurin: „Als die Kinder noch im Haus waren, war das eine mega Herausforderung. Im Nachhinein frage ich mich, wie ich das eigentlich hingekriegt habe.“ Geholfen hätten damals Freunde und die Familie, erzählt sie.

Die zweite Pendelpraxis nennt sich „Am Limit“. Hauptsächlich Männer mit mittleren bis langen Pendeldistanzen beteiligen sich daran. Der Arbeitsweg wird von ihnen als sehr stressig empfunden. Im Gegensatz zu den Alltagsjongleur:innen resultiert der Stress allerdings aus der Verkehrssituation. Die Organisation des Pendelns spielt eine wichtige Rolle, noch bevor die Fahrt eigentlich beginnt. Diese wird hauptsächlich mit dem Auto durchgeführt, weil die Berufstätigen damit Kontrolle über ihr Pendeln ausüben. Zusätzlich zum Stress der Fahrt kommt Langeweile als negatives Gefühl hinzu.

Die Pendler:innen der Praxis „Nutzen ziehen“ verbinden positive Gefühle mit dem Arbeitsweg. Häufig handelt es sich um Menschen ohne Kinder, die seltener mit dem Auto und stattdessen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Rad unterwegs sind. Sie nutzen die Zeit für Dinge, die im Alltag zu kurz kommen, wie lesen oder mit Freund:innen telefonieren. Durch flexible Arbeitszeiten sind Staus und Verspätungen für sie keine Stressfaktoren. Inzwischen ist Ulrike am ehesten eine Nutzen-ziehen-Pendlerin. „Ich kann das ganz gut genießen, diese Zeit für mich, die ich im Auto bekomme“, erzählt sie.

Die letzte Pendelpraxis trägt den Namen „Hinnehmen“. Die Pendler:innen nehmen ihren Arbeitsweg als etwas wahr, das man nicht ändern kann. Diese Normalisierung wird unterstützt durch langjähriges Pendeln und ein soziales Umfeld, das ebenfalls einen langen Arbeitsweg hat. Die Teilnehmenden dieser Praxis haben keine besonders positiven, aber auch keine besonders negativen Gefühle in Bezug auf ihr Pendeln.

Gesundheitsprobleme fahren mit

Neben den persönlichen Gefühlen gibt es auch die gesundheitlichen Auswirkungen des langen Arbeitsweges. Pendeln erhöht das Risiko für Kopf- und Rückenschmerzen, Depressionen und Schlafprobleme. Sind Erwerbstätige allerdings zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs, kann sich der Arbeitsweg positiv auf die Gesundheit auswirken.

Trotz der langen Autofahrten hat sich Ulrike immer einen körperlichen Ausgleich gesucht. Geholfen hat ihr dabei Familienhund Sunny. Sie beschreibt den Australian Shepherd als „Seelentröster und Fitnessgerät“. Früher habe sie vor der Fahrt zur Arbeit und der Runde mit Sunny noch Yoga gemacht. Das schafft sie inzwischen nicht mehr. „Vielleicht hat das etwas mit dem Älterwerden zu tun“, mutmaßt sie. Auch auf der Arbeit hat sie „kein Sitzfleisch“ und geht in der Mittagspause spazieren.

Der Trend geht zum Pendeln

Die Grafik zeigt wie lange Ulrike für ihren Arbeitsweg in Mecklenburg-Vorpommern brauchen würde. Mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln (ÖPNV) pendelt sie 73 Minuten. Mit dem Auto benötigt sie nur 30 Minuten zum Pendeln.

Inzwischen fahren wir schon eine Weile auf der B 105. Wir sind Teil einer langen Schlange von Autos, die durch die Landschaft kriecht. Ulrike erzählt mir, dass es seit Ende der 90er Jahre immer mehr Fahrzeuge geworden seien: „Als ich angefangen habe, hier zu pendeln, habe ich immer gedacht: ‚Bei einer Panne kommt hier kein Mensch vorbei.‘ Jetzt ist der Verkehr unglaublich.“ Studien belegen, dass das nicht nur ein Gefühl ist. Zwischen 2012 und 2022 ist in Deutschland die Anzahl der Menschen, die pendeln, um 21,2 Prozent gestiegen.4

Doch warum pendeln wir so viel mehr? Die gemeinnützige Ideenschmiede Agora Verkehrswende hat vier Gründe dafür ausgemacht. Unter anderem werde der Arbeitsmarkt immer spezialisierter. Um eine Arbeitsstelle zu finden, die perfekt zur Ausbildung und zum Lebensentwurf passt, nehmen Beschäftigte auch längere Wege in Kauf. Auch die Zahl der Erwerbstätigen allgemein spielt eine Rolle. Vor allem die Zahl der Frauen in Lohnarbeit hat zugenommen. Mehr Berufstätige bedeuten auch mehr potenzielle Pendler:innen. Auch die Infrastruktur und die Siedlungsentwicklung haben ihren Teil zu der Entwicklung beigetragen. Dichtere Verkehrsnetze ermöglichen es, längere Strecken zu pendeln. Durch die „Entdichtung“ von Städten, zum Beispiel durch Einfamilienhaus-Siedlungen, leben außerdem immer weniger Menschen nah an ihrem Arbeitsort.5

Der zunehmende Verkehr hat auch Auswirkungen auf die Umwelt. In einer Studie von Agora heißt es dazu: „22,4 Prozent der klimarelevanten Emissionen des Personenverkehrs [in Deutschland] entfallen auf das Berufspendeln. Diese lassen sich mit 95 Prozent fast vollständig dem Pkw-Verkehr anlasten.“

Von Tür zu Tür oder gar nicht

Möglichkeiten, das Pendeln umweltschonend zu gestalten, gibt es einige. Ulrike beispielsweise bildet regelmäßig Fahrgemeinschaften. Ein- bis zweimal die Woche nutzt sie außerdem die Möglichkeit, von Zuhause aus zu arbeiten. Ein Elektroauto kann sie sich allerdings nicht leisten. Wäre ein Umstieg auf den Zug eine Option für die Stralsunderin? Leider nicht, sagt sie. Die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln würde viel zu lange dauern. Grund dafür sind nicht nur die Umsteigezeiten, sondern auch die Entfernung von ihrem Haus zur nächsten Haltestelle.

Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Urbanistik gemeinsam mit der TU Dortmund ergab, dass ein guter Anschluss an öffentliche Verkehrsmittel bei der Wohnstandortwahl eine größere Rolle spielt als die Verfügbarkeit eines Parkplatzes.6 Die Wissenschaftler:innen von Agora empfehlen, den Regionalverkehr, etwa Bahnstrecken, durch sogenannte Feinerschließungssysteme zu ergänzen. Damit sind Busse, aber auch Radwege gemeint, die es ermöglichen, „von Tür zu Tür“ mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Rad zu pendeln. Wenn diese Anbindung ausfällt, „wird im schlechtesten Fall die komplette Pendelstrecke mit dem Auto zurückgelegt“, egal wie gut der ÖPNV sonst ausgebaut ist.

Ulrike und ich sind in Greifswald angekommen. Die Anzahl der Themen, die ich mit ihr auf dieser Fahrt besprechen konnte, gibt mir ein Gefühl dafür, wie viel Zeit sie wöchentlich im Auto verbringt. Dabei gibt es noch viel mehr zu diskutieren. Die Gefahr von Autounfällen beispielsweise oder welche Auswirkungen die Coronapandemie auf das Pendeln hatte. Das Thema Berufspendeln ist vielschichtig und spielt eine Schlüsselrolle auf dem Weg zu einer umweltschonenden Mobilität.

  1. Bundesagentur für Arbeit (Hg.): Glossar: Pendler, auf: statistik.arbeitsagentur.de. ↩︎
  2. Statistisches Bundesamt: Erwerbstätige nach Stellung im Beruf, Entfernung, Zeitaufwand und benutztem Verkehrsmittel für den Hinweg zur Arbeitsstätte, Erstergebnis des Mikrozensus 2024 in %, auf: destatis.de (26.5.2025). ↩︎
  3. Stein, Melina u.a.: Impacts of Commuting Practices on Social Sustainability and Sustainable Mobility, auf: mdpi.com (8.4.2022). ↩︎
  4. Deutschlandatlas (Hg.): Immer mehr Pendlerinnen und Pendler: So hat sich das Pendelverhalten in Deutschland verändert, auf: deutschlandatlas.bund.de. ↩︎
  5. Böhme, Uwe u.a.: Wende im Pendelverkehr: Wie Bund und Kommunen den Weg zur Arbeit fairer und klimagerechter gestalten können, auf: agora-verkehrswende.de (April 2022). ↩︎
  6. Deutsches Institut für Urbanistik (Hg.): ÖPNV-Anschluss wichtiger für Wohnstandortwahl als verfügbarer Pkw-Stellplatz, auf: difu.de (30.5.2024). ↩︎

Autor:in

  • Porträt von Lilly Biedermann Redakteurin Katapult MV in Greifswald

    Redakteurin in Greifswald

    Geboren und aufgewachsen in Sachsen. Ist zum Studieren vom tiefen Osten in den kalten Osten nach Greifswald gezogen.

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