Selbsternannter Mobbing-Experte Carsten Stahl tourt durch MV. Er gibt Workshops an Schulen, hat aber keine pädagogische Ausbildung und nutzt eine Art Konfrontationstherapie ohne Fachwissen.
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Fragwürdige Anti-Mobbing-Workshops

Vom Laiendarsteller zum selbsternannten Experten

Mobbing unter Kindern und Jugendlichen ist in MVs Bildungseinrichtungen Alltag. Etwas dagegen unternehmen möchte der Youtuber und selbsternannte Mobbing-Experte Carsten Stahl. Dazu reist er mit seinen Workshops von Schule zu Schule. Seine Art der „Konfrontationstherapie“ kann dabei laut Expert:innen mehr schaden als nutzen.
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Vor einigen Wochen kontaktierte uns Anna P.* Ihre Kinder besuchen eine Schule in Greifswald, in der Carsten Stahl zu Gast war. Sie schilderte uns, dass sie erst eine Woche vor dem Termin mit dem Berliner Youtuber von dem Workshop erfahren habe. Der betreffende Elternbrief liegt uns vor. Darin wird Stahl von Lehrkräften als „Präventionspädagoge“ bezeichnet. Er verfügt jedoch weder über pädagogische noch über psychologische Qualifikationen. Der selbsternannte Mobbing-Experte ist eigentlich Laiendarsteller und bekannt aus der RTL2-Serie Privatdetektive im Einsatz. Nach eigener Aussage hat er zudem eine kriminelle Vergangenheit.1 Anna P. wollte gegen Stahls Besuch vorgehen und konfrontierte die Schulleitung und das Schulamt mit der fehlenden Qualifikation von Stahl und ihrer Angst vor einer möglichen Retraumatisierung der Kinder. Ohne Erfolg – obwohl diese Angst nicht ganz unbegründet ist.

„Im ungünstigsten Fall wird Mobbing verstärkt“

Welche Folgen können Anti-Mobbing-Workshops haben, die von Personen ohne entsprechende Qualifikation durchgeführt werden? Sebastian Wachs, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Münster, erklärt: „Sie können Kinder und Jugendliche verunsichern, weil komplexe Konflikte vereinfacht oder dramatisiert dargestellt werden.“ Schuldzuweisungen an einzelne Kinder oder Gruppen könnten zudem verstärkt werden, wodurch sich Fronten verhärten und Konflikte weiter eskalieren. „Im ungünstigsten Fall werden Machtverhältnisse reproduziert, Betroffene erneut bloßgestellt oder aggressives Verhalten indirekt legitimiert – so dass Mobbing nicht reduziert, sondern sogar verstärkt wird.“2 Neben physischem, verbalem und sozialem Mobbing gibt es auch das sogenannte Cybermobbing, welches über digitale Medien stattfindet.

Carsten Stahl ist in verschiedenen Sozialen Netzwerken sehr aktiv. Alleine auf Instagram folgen ihm 286.000 Profile.3 Mit klaren, zugespitzten Botschaften erreicht er eine große öffentliche Aufmerksamkeit und spricht reale Sorgen von Eltern, Lehrkräften und Kindern an. So greift er auf Social Media immer wieder Zeitungsartikel von Bild auf, die Gewalt, Missbrauch und die Tötung von Kindern thematisieren. Darunter den Fall von Fabian aus Güstrow, der im vergangenen Jahr ermordet wurde.4 „Problematisch ist jedoch, dass seine Arbeit stark emotionalisiert und häufig auf Konfrontation setzt, während pädagogisch-psychologische Konzepte, differenzierte Ursachenanalysen und wissenschaftliche Evaluationen weitgehend fehlen“, ordnet Wachs ein. Ohne fundierte Diagnostik bestehe die Gefahr, komplexe Mobbingdynamiken zu vereinfachen oder einzelne Beteiligte zu stigmatisieren. Laut dem Erziehungswissenschaftler sollten Schulen daher vorrangig auf Präventions- und Interventionsprogramme zurückgreifen, die wissenschaftlich überprüft wurden, systemisch ansetzen und deren Wirksamkeit sowie mögliche Nebenwirkungen bekannt sind. Auf Stahls Formate treffe das bisher nicht zu.

Der „Experte“ schweigt

Im vergangenen Dezember sendeten wir Carsten Stahl einen Fragenkatalog zu. Wir wollten von ihm wissen, woher seine Kompetenz stammt, um an einem so sensiblen Thema wie Mobbing zu arbeiten. Auch wollten wir wissen, wo er seine fachlichen Grenzen sieht, auf welches Fachwissen er seine Seminare stützt und ob er es für möglich hält, dass Kinder und Jugendliche durch seine Arbeit retraumatisiert werden. Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe erreichte uns keine Antwort von dem selbsternannten Experten.

Wir fragten auch beim Bildungsministerium MV nach und wollten wissen, warum Schulen jemanden wie Stahl einladen, der über keine pädagogische oder psychologische Kompetenz verfügt. Man teilte uns mit, dass die Schulen in MV eigenverantwortlich über die pädagogischen Angebote entscheiden. Es liege im pädagogischen Ermessen der Lehrkräfte, für welche Referent:innen sie sich entscheiden, um auf die individuellen Bedarfe und Lerngruppen eingehen zu können.5 Warum Stahl in die Greifswalder Schule eingeladen wurde, beantwortete die dortige Schulleitung bis Redaktionsschluss nicht. Auch ist nicht klar, ob sich die betreffende Schule vermehrt mit Mobbing auseinandersetzen muss. Völlig mobbingfreie Einrichtungen sind laut Wachs unrealistisch. „Realistisch und notwendig sind aber Schulen, die früh reagieren, Betroffene schützen und Mobbing wirksam begrenzen, wenn es sich noch nicht über sehr lange Zeiträume verfestigt hat“, sagt der Professor.

Hier gibt es professionelle Hilfe

Neben schulpsychologischen Diensten, Schulsozialarbeit und kommunalen Beratungsstellen gibt es auch anerkannte Präventionsprogramme, Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen oder spezialisierte Fachberatungsstellen. Schulen sollten laut Wachs Datenbanken wie die Grüne Liste Prävention nutzen, um Angebote auszuwählen, deren Wirksamkeit nachgewiesen ist.

In MV können betroffene Familien Hilfe beispielsweise beim Kinderschutzbund bekommen. Dieser hat an seine Landesgeschäftsstelle die Kontaktstelle Kinderschutz angegliedert. „Hier bei uns findet ein niedrigschwelliges Beratungsangebot statt“, sagt Landesgeschäftsführerin Maria Dahlke-Wöhle. Vor Ort achte ihre Organisation zudem auf Qualitätsstandards. Das heißt unter anderem, dass bei Selbstbehauptungskursen, die der Kinderschutzbund MV organisiert, immer eine pädagogische Fachkraft anwesend sein muss. „Man kann Personen ohne fachlichen Hintergrund nicht ganz alleine loslaufen lassen. Davon würde ich wirklich Abstand nehmen“, warnt Dahlke-Wöhle. Im Gespräch schildert sie zudem, dass die Beratungsfälle beim Kinderschutzbund jährlich zunehmen. Das liege nicht nur an der steigenden Fallzahl von Mobbingbetroffenen, sondern auch an der wachsenden Bekanntheit ihrer Anlaufstelle. Stahls Methode, Betroffene mit den Täter:innen zu konfrontieren, lehnt Dahlke-Wöhle ab: „Es gibt Nachweise dafür, dass so eine Art Konfrontationsmethodik für gemobbte Schüler:innen retraumatisierend sein und Ängste verstärken kann.“ Das gelte insbesondere für eine direkte Konfrontation von betroffenem Kind und mobbendem Kind vor einer Großgruppe.

Das Landeskriminalamt hat gemeinsam mit dem Institut für Qualitätsentwicklung MV die Unterrichtsbausteine zur Gewalt- und Kriminalprävention in der Grundschule entwickelt. Diese bieten zahlreiche Materialien zu den Themen sexualisierte Gewalt, Behinderung, Migration, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sowie Mobbing.6

Anna P. hätte sich von der Schule ihrer Kinder gewünscht, dass sie zu einem wichtigen und sensiblen Thema wie diesem qualifizierte Personen einlädt und nicht jemanden wie Stahl, den nach eigenen Angaben die „Straße ausgebildet“7 hat.

* Name von der Redaktion geändert.

  1. ContentPilots (Hg.): Carsten Stahl, auf: buchszene.de. ↩︎
  2.  E-Mail von Sebastian Wachs vom 13.1.2026. ↩︎
  3.  instagram.com/stoppt_mobbing_carsten_stahl. ↩︎
  4. @stoppt_mobbing_carsten_stahl: Beitrag vom 12.10.2025, auf: instagram.com. ↩︎
  5. E-Mail der Pressestelle des Bildungsministeriums MV vom 17.11.2025. ↩︎
  6. Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung MV (Hg.): Prävention von Gewalt und Mobbing, auf: bildung-mv.de. ↩︎
  7.  Camp Stahl (Hg.): Was macht Carsten Stahl so besonders?, auf: camp-stahl.de. ↩︎

Autor:in

  • Redakteurin in Greifswald

    Irgendwas zwischen Patchworkwendekid und Halbprovinzbohème. Wohnte in 4 von 16 Bundesländern. Hat einen Meisterbrief und einen Papagei.

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