Sie habe noch einen Schlafanzug getragen, als ein Mitarbeiter der Haffburg einfach in ihr Zimmer gekommen sei, berichtet Natali Bakaeva gegenüber dem NDR.1 Ihre Geschichte deckt sich mit den Berichten anderer Bewohner:innen und verschärft die bisherigen Vorwürfe gegen Mitarbeitende der Wismarer Gemeinschaftsunterkunft. Bereits letzten Sommer wandten sich Bewohner:innen an den Flüchtlingsrat MV. Sie seien bei Verstößen gegen die Hausordnung in einem Strafbereich untergebracht worden. Die Zimmer könne man weder abschließen, noch habe es Schränke und nur eingeschränkte Koch- und Kühlmöglichkeiten gegeben.2 Der Flüchtlingsrat machte die geschilderten Missstände öffentlich.3
Der Landkreis Nordwestmecklenburg als Betreiber der Unterkunft bestätigte damals zwar, dass Personen bei Verstößen ihre Zimmer verlassen mussten. Willkür oder eine Entwürdigung sei darin aber nicht erkennbar gewesen. Der Kreis reichte nach eigenen Angaben sogar Anzeige gegen den Flüchtlingsrat wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung zu Lasten der Mitarbeitenden des Landkreises ein. Diese liege aktuell bei der Staatsanwaltschaft Schwerin.4 „Wir wissen von keiner Anzeige“, kommentiert der Geschäftsführer des Flüchtlingsrates René Fuhrwerk. Er stehe einer solchen allerdings gelassen gegenüber.5

Neues Gutachten legt Probleme offen
Jetzt erhöht ein wissenschaftliches Gutachten den Druck auf den Landkreis erneut. Verfasst hat es Christine Krüger, Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule Neubrandenburg, im Auftrag des Flüchtlingsrates. Es beruht auf Interviews mit Fachkräften aus der Haffburg selbst sowie Sozialarbeiter:innen anderer Einrichtung, die in Kontakt mit Bewohner:innen standen. Außerdem wurden Aussagen von Bewohner:innen selbst mit einbezogen.6
Im Gutachten schildert Krüger vier Problemfelder: Zugänge zu Angeboten sozialer Arbeit, strafende Maßnahmen durch Mitarbeiter:innen und Gewaltschutz, Bedingungen für Familien und Kinder und die Arbeitsbedingungen für die Fachkräfte der sozialen Arbeit.
Nach Aussage verschiedener Fachkräfte erhielten Schutzsuchenden beispielsweise nur eingeschränkten Zugang zu Angeboten sozialer Arbeit. Auch sei als Bestrafung bei Regelverstößen der Zugang zu solchen gänzlich verwehrt worden. Ob die Einrichtung ihrer Pflicht zur Bereitstellung von Beratungsangeboten nachkommt, empfiehlt das Gutachten zu prüfen.
Der Pressesprecher des Landkreises teilt auf Nachfrage mit, dass in der Gemeinschaftsunterkunft „tägliche Angebote vorgehalten“ werden. „Diese erstrecken sich von der Beratung über die Kinder- und Hausaufgabenbetreuung bis hin zu sportlichen Aktivitäten.“7
Landrat: Unterbringung sei menschenwürdig
Auch auf die Vorwürfe aus dem Sommer 2025 geht das Gutachten ein. Die Unterbringung in einem Strafbereich bei Regelverstößen sei durch die befragten Fachkräfte bestätigt worden. Im Gutachten heißt es zum Zustand der Zimmer: „Es handele sich um vier Zimmer, die unzureichend ausgestattet seien und hygienische Standards nicht erfüllen. Es fehle eine Kochmöglichkeit, Kühlschrank, Schrank, oftmals Tisch und Stühle. Es gebe keine Möglichkeit, persönliche Sachen sicher zu verwahren. Die Zimmer würden mit bis zu sechs Personen belegt und seien nicht verschließbar.“
Landrat Tino Schomann (CDU) bestätigt gegenüber dem NDR erneut die Existenz eines solchen gesonderten Bereiches, schließt aber an: „Es sind keine Strafzimmer, oder kein Gefängnis.“ Die Bewohner:innen hätten dort Zugang zu allen Versorgungsmöglichkeiten. Nach Ansicht des Politikers sei die Unterbringung dort menschenwürdig.
Gutachten: Haffburg nicht auf Kinder eingestellt
Im Gutachten werden außerdem weitere Strafmaßnahmen kritisiert. So entscheide beispielsweise das Personal, wer medizinische Termine in Anspruch nehmen dürfe. Das Gutachten bestätigt auch die Schilderung von Natali Bakaeva, dass Mitarbeitende ohne Anzuklopfen einfach die Zimmer betreten. Die Bewohner:innen berichten zusätzlich, dass sie sich in Folge der Strafmaßnahmen unter Druck gesetzt fühlen und häufig angeschrien werden.
Auf diese Vorwürfe angesprochen, widerspricht der Landkreis: „Die Bewohnerinnen und Bewohner können selbstverständlich zum Arzt gehen. Die Organisation obliegt dem Bewohner selbst.“ Fälle, bei denen Zimmer ohne Anklopfen betreten wurden, seien nicht bekannt. Die Situation, wie Bakaeva sie schilderte, sei bis dato ebenfalls unbekannt gewesen.
Besonders dringlich weist Krüger in ihrem Gutachten darauf hin, dass „Bedrohungssituationen von Kindern in der Unterkunft in der Vergangenheit nicht ernst
genommen wurden“. Die Einrichtung sei nicht entsprechend ausgestattet, Kinder hätten keine ausreichenden Spielmöglichkeiten und es gäbe kein pädagogisches Konzept. Aktuell leben 61 Minderjährige in der Haffburg. Der Landkreis sieht die Ausstattung der Unterkunft dagegen als angemessen an.
Grüne kritisieren Landrat scharf
Der Flüchtlingsrat sieht für alle im Gutachten beschriebenen Missstände Landrat Tino Schomann in der Verantwortung.8 Scharfe Kritik am Landkreis kommt auch von den Grünen in MV. Anne Shepley, sozialpolitische Sprecherin der Fraktion im Landtag, schreibt etwa: „Die Berichte aus der Haffburg sind erschütternd – und sie sind leider nicht neu. (…) Der Landkreis Nordwestmecklenburg muss diese Hinweise endlich ernst nehmen und konsequent handeln.“ Die Politikerin geht auch hart mit Schomann ins Gericht. Er spiele die Vorwürfe „kaltschnäuzig“ herunter. Das sei ihrer Ansicht nach der falsche Umgang mit solchen Hinweisen.9
Eine kürzlich erschienene Studie der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer zeigt, dass unwürdige Bedingungen in Unterkünften keine Einzelfälle sind. Befragt wurden dafür Geflüchtete aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Fast die Hälfte von ihnen beschrieb ihre Wohnsituation als „gefängnisartig“. Mehr als ein Drittel nahmen den Mangel an Privatsphäre außerdem als „unerträglich“ oder „extrem unerträglich“ wahr10.
- Barfaut, Simon und Woest, Christoph: „Haffburg“: Neue Vorwürfe gegen Gemeinschafts-Unterkunft in Wismar, auf: ndr.de (10.3.2026). ↩︎
- NDR (Hg.): Haffburg in Wismar: Flüchtlingsrat MV erhebt schwere Vorwürfe gegen Unterkunft, auf: ndr.de (18.7.2025). ↩︎
- @fluechtlingsrat_mv: Beitrag vom 4.7.2025, auf: instagram.com. ↩︎
- Telefonat mit Tore Degenkolbe, Pressesprecher des Landkreises Nordwestmecklenburg, am 13.3.2026. ↩︎
- Telefonat mit René Fuhrwerk am 13.3.2026. ↩︎
- Krüger, Christine: Fachgutachten zu den Vorfällen und Beschwerden in der Gemeinschaftsunterkunft „Haffburg“ in Wismar, auf: fluechtlingsrat-mv.de (Januar 20262). ↩︎
- E-Mail von Tore Degenkolbe, Pressesprecher des Landkreises Nordwestmecklenburg, vom 13.3.2026. ↩︎
- Flüchtlingsrat MV (Hg.): Gutachten sieht schwere Mängel in Wismarer Unterkunft „Haffburg“ – Flüchtlingsrat fordert Konsequenzen von Landkreis und Land, auf: fluechtlingsrat-mv.de (10.3.2026). ↩︎
- Shepley, Anne (Hg.): Haffburg zeigt: Gesetzliche Schutzkonzepte für Kinder dringend nötig // Shepley: „Kinder müssen überall dort geschützt werden, wo sie leben“, auf: gruene-fraktion-mv.de (11.3.2026). ↩︎
- Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Flüchtlingsopfer (Hg.): Nur 1% erhält angemessene Behandlung: Versorgungskrise in Ostdeutschland, auf: baff-zentren.org (12.3.2026). ↩︎

