Es sind schwere Zeiten. Schwere Zeiten vor allem für den Wal, der sich sichtlich geschwächt, vielleicht nur einen Platz zum Ausruhen oder Sterben gesucht hat. Aber da hat er nicht mit den Menschen gerechnet. Anders als manche Männer unterschätzt sich so ein Wal eventuell in seiner Größe und Bedeutung. Er ist schließlich größer als 20 Zentimeter. Aber das macht der sich selbst als Meeresbiologe bezeichnende Robert Marc Lehmann wieder wett. Warum ich das so formuliere? An seiner Expertise in Sachen Meeresbiologie gibt es so einige Zweifel. Bereits in der Vergangenheit war er etwas sehr optimistisch hinsichtlich seines beruflichen Werdegangs. Man könnte fast von Täuschung sprechen. So war er im Ozeaneum Stralsund kein Abteilungsleiter, sondern nur ein Teamleiter. In seiner dortigen Anstellung reiste er auch nicht um die Welt, hingegen nur drei mal nach Norwegen.1 Immerhin.
Erstaunlich ist auch eine Stelle in der aktuellen NDR-Nordreportage Gestrandet: Ein Wal in der Ostsee vom 22. April. Dort sieht man, wie Lehmann einen anderen Mann anweist, den Wal mit einer Baggerschaufel anzuschieben. Daraufhin gibt der Wal Laute von sich. Es wirkt, als würde sich das Tier vor Schmerzen krümmen. Danach färbt sich das Wasser rot. Szenen, die einen nochmal an dem Expertenwissen von Lehmann zweifeln lassen sollten. Szenen, die einen tief bewegen. Aber vom NDR nicht entsprechend eingeordnet werden. Schade. Genug zu Lehmann. Er ist nicht der Einzige, der das Leid des Tieres für seine Zwecke missbraucht.
Auch Verschwörungsgläubige2 und Rechtsextremist:innen3 haben sich auf Timmy beziehungsweise Hope eingeschossen. Sie beherrschen die Taktik der Emotionalisierung in der Aufmerksamkeitsökonomie perfekt. Das beweisen unter anderem Hunderte, zum Teil KI-generierte Beiträge, Videos und sogar Songs, die zum Thema Wal in den Sozialen Netzwerken kursieren. So werden aus Mücken Elefanten oder im Fall vom Wal, aus einem Säugetier ein Zeichen für das angebliche Versagen unser Politiker:innen. Oder gleich des ganzen Staates. Kleiner geht es ja nicht.
Aber versuchen wir es mal mit einer Nummer kleiner: Was uns das Schicksal des Wals tatsächlich lehren könnte, ist das Aushalten von Widersprüchen. Ja, es gibt Menschen, die sich als Tierschützer:innen aufspielen und Fleisch der niedrigsten Haltungsform 1 kaufen. Genauso gibt es auf der anderen Seite Menschen, die sich vegan ernähren und trotzdem Fast Fashion konsumieren. Und ja, man kann sogar zum Wohl eines Tieres auf seine Erlösung hoffen und trotzdem kein schlechter Mensch sein. Am Ende des Tages hatte Adorno Recht mit seinem Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Denn wir sitzen alle im Boot eines kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, das unsere Lebensgrundlagen zerstört (und die von Walen und anderen Meerestieren gleich mit). Eine Prise Kapitalismuskritik. Das muss eine Demokratie aushalten können. Genauso wie ein Wal, der gestrandet ist. Mehrfach. Leider.
- Kaiser, Julia: Lügen und Halbwahrheiten? Ozeaneum Stralsund reagiert auf Vorwürfe von Youtuber Robert Marc Lehmann, auf: ostsee-zeitung.de (29.12.2022). ↩︎
- Bletzinger, Moritz: Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker schlachten „Timmy“ aus, auf: fr.de (24.4.2026). ↩︎
- Röpke, Andrea: Wal-Qual und Quote, auf: endstation-rechts.de (22.4.2026). ↩︎

