Die Grafik zeigt eine Karte von Mecklenburg-Vorpommern. Darauf eingezeichnet sind jeweils die Ort und die Anzahl der dort registrierten queerfeindlichen Angriffe im Jahr 2025. Das waren: Schwerin (1), Grevesmühlen (1), Wismar (1), Rostock (5), Ribnitz-Damgarten (1), Greifswald (1), Waren (1) und Neubrandenburg (4).
Unabhängiger Journalismus kostet Zeit und Geld. Eure Unterstützung macht ihn aber möglich!
Queerfeindlichkeit in MV

„Warum hasst mich die halbe Welt dafür, dass ich der Mensch bin, der ich sein will?“

Von Diskussionen um Regenbogenflaggen bis hin zu rechtsextremer Mobilisierung zu CSDs – die Zeichen des Kampfes gegen Vielfalt zeigen sich in MV deutlich. Seit Mitte April belegen zudem Zahlen der Opferberatung Lobbi einen erneuten Anstieg rechter Angriffe auf queere Menschen. Die Spitze des Eisbergs. Denn viele Taten und alltägliche Diskriminierungen bleiben unsichtbar. Welche Erfahrungen machen queere Personen in MV und wie gehen sie damit um? Ein Blick ins Land.
Wir brauchen euch, damit unsere Inhalte kosten- und werbefrei bleiben.

„Ich wurde ausgelacht, über mich wurde sich lustig gemacht. Beim Vorbeiquetschen an ihnen haben sie mich zwar durchgelassen, aber was ich mir da anhören musste, war furchtbar.“ So schreibt Jenny* es in ihrem Gedächtnisprotokoll einer Zugfahrt nach Rostock Ende August 2025. Mit ihr im Regionalexpress: alkoholisierte Hansa-Fans. Später, in der Rostocker S-Bahn, hätten zudem Neonazis zu ihr gesagt, dass der „Zug jetzt nach Auschwitz“ fahre. Das alles habe in ihr Angst ausgelöst. Im Gespräch erzählt Jenny, dass sie sich mit dieser Erfahrung an die Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt, Lobbi MV, gewandt hat. „Ich möchte, dass solche Dinge öffentlich gemacht werden. Denn viele Nichtqueere wissen nicht, welche Diskriminierung Queere im Alltag erfahren.“1

Jenny ist queer, in Stralsund geboren und war, so sagt sie, „schon immer hier“. Vor drei Jahren hat sich Jenny selbst als nichtbinäre, transfeminine2 Person gefunden. Im letzten Jahr sei dann auch die Angst, „sich so zu kleiden, wie ich Lust habe“, einem Selbstbewusstsein gewichen. Doch seitdem gehören genauso Blicke, Anfeindungen oder respektloses Verhalten zu Jennys täglichem Leben dazu. „Ich muss nur einkaufen gehen.“ Eigentlich möchte sie in diesen Situationen gern etwas entgegensetzen – „damit die nicht denken, dass das gerade okay ist“. Allerdings wisse sie „manchmal nicht, ob das jetzt bei einer Aussage endet oder noch gewalttätig wird“. Auch an jenem Augusttag auf dem Weg nach Rostock hätte es viel schlimmer kommen können, sagt Jenny.

Mehr rechte Angriffe auf queere Menschen

Wie viel schlimmer es geht, dokumentiert die Betroffenenberatung Lobbi jedes Jahr aufs Neue. 2025 gab es nicht nur insgesamt einen neuerlichen Anstieg rechter Gewalttaten, die laut der Beratungsstelle mit einer „zunehmenden Brutalität“ einhergingen. Mit 15 Attacken registrierte Lobbi auch fünf queerfeindliche Angriffe mehr als im Jahr zuvor. Daran sei zu sehen, dass es schon längst „nicht mehr nur die Grenzen des Sagbaren [sind], die sich verschieben“.3

Für Lobbi-Berater Robert Schiedewitz sind die Angriffe sowohl eine Fortsetzung des Trends aus 2024 als auch eine logische Konsequenz aus dem von rechts „bewusst gesetzten Feindbild“ queere Menschen. Über Diskussionen um Regenbogenflaggen oder geschlechtergerechte Sprache seien die Ablehnung einer „Genderideologie“ beziehungsweise Queerfeindlichkeit und Homophobie bis ins bürgerliche Milieu vorgedrungen, sagt er. „Menschen werden anders gemacht, die einfach in Ruhe sie selbst sein wollen.“4 So wie Jenny.

Menschen werden anders gemacht, die einfach in Ruhe sie selbst sein wollen.

Robert Schiedewitz

„Vorfeld der Gewalt“

Wenn sie abends im Bett liege und Erlebtes noch mal Revue passieren lasse, frage sie sich schon manchmal: „Warum hasst mich die halbe Welt dafür, dass ich der Mensch bin, der ich sein will?“ Solche Gefühle und Gedanken Betroffener sind es, die Schiedewitz von einem „Vorfeld der Gewalt“ sprechen lassen. Damit meint er ebenjene Erfahrungen, Blicke und nachgeworfenen abwertenden Sätze, wie Jenny sie aus ihrem Alltag schildert. Dass es davon mittlerweile immer mehr gibt, mehr sagbar geworden ist, diesen Eindruck teilen sowohl der Betroffenenberater als auch Jenny selbst. „Menschen trauen sich viel mehr Dinge. Das merkt man“, findet sie. Vielleicht hätten manche schon immer Vorurteile oder sogar Hass gegenüber queeren Menschen verspürt. „Jetzt trauen sie es sich aber, das auch offen zu sagen.“ Denn mit ihrer Hetze seien sie nicht allein. Es mache sie traurig, dass selbst Homosexualität „immer noch so abwertend gesehen“ werde.

Die Kachel zeigt ein Zitat unter der Spitzmarke „Queerfeindlichkeit in MV“. Dieses lautet: „Warum hasst mich die halbe Welt dafür, dass ich der Mensch bin, der ich sein will?“

Dass solche Erlebnisse das Leben der Betroffenen stark einschränken, hört Schiedewitz in seinen Beratungen regelmäßig. Etwa wenn Betroffene überlegen, ob und wenn ja, wie sie ihr Queersein sichtbar machen, wenn sie das denn wollen. Oder ob sie in letzter Konsequenz MV lieber verlassen sollten. Eine Entscheidung, die zum Beispiel Jenny – mit dem Ziel Hamburg – für sich bereits getroffen hat.

Welch „extreme psychische Belastung“ es bedeutet, nicht so leben zu können, wie man sich fühlt, sich selbst unterdrücken und anpassen zu müssen, aus Angst, gesellschaftlich ausgeschlossen oder sogar angegriffen zu werden, weiß Anna. Seit Anfang des Jahres ist die Psychologin in der Beratungsstelle für trans, inter und nichtbinäre Menschen (TIN MV) in Greifswald tätig. Es mache sie traurig, sagt sie, dass Menschen bei ihr in der Beratung sitzen, eigentlich genau wissen, wer sie sind und wie sie leben möchten, und sich dennoch aus Angst – teilweise seit Jahren oder Jahrzehnten – keine Transition trauen. Darunter versteht man den Prozess, in dem schrittweise das Leben mit der eigenen Geschlechtsidentität in Einklang gebracht wird.5

Beratungsstelle stärkt Vorpommern

TIN* MV ist die erste und bislang einzige Beratungsstelle ihrer Art im Bundesland. Als Modellprojekt wird sie bis 2027 aus Landesmitteln finanziert. Das Land habe festgestellt – auch vor dem Hintergrund der Einführung des Selbstbestimmungsgesetzes auf Bundesebene im Jahr 2024 –, dass in MV Nachholbedarf bei Beratungsstrukturen bestehe, erklärt Anna. Im Rahmen der Fortschreibung des Landesaktionsplans für die Gleichstellung und Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im gleichen Jahr wurde deshalb der Aufbau des Beratungsangebots festgeschrieben.6

Es sei sehr gut, dass es diese Struktur jetzt gebe, sagt die Beraterin. Und dennoch stelle das nur einen Tropfen auf den heißen Stein dar. Denn der Bedarf ist da – das merken sie und ihr Team, seit sie im November mit den Beratungen begonnen haben. Gleichzeitig decken sie ihr Angebot, das auch Weiterbildungen umfasst, mit nur drei halben Stellen ab. Und weil es in Vorpommern noch weniger Unterstützungsstrukturen, beispielsweise queere Vereine, als in Rostock oder Schwerin gibt, müssen Hilfesuchende teilweise weite Wege in Kauf nehmen, wenn sie eine persönliche Beratung in Anspruch nehmen möchten. Auch ein telefonisches oder digitales Gespräch ist möglich, sagt Anna. Aber zum Beispiel für die Unterstützung bei Krankenkassenanträgen oder Ähnlichem sei es praktischer, am selben Ort zu sein.

Der Mensch hinter der geschlechtlichen Identität verschwindet

Diese praktische Hilfe werde in den Beratungen bisher häufig nachgefragt. Neben Anträgen gehe es dabei zum Beispiel auch um gute medizinische Anlaufstellen in MV oder einen Therapieplatz. Viele, die zu ihnen kommen, hoffen, dass sie für alle Probleme und medizinischen Themen schon Ärzt:innen oder Therapeut:innen an der Hand hätten. Das sei leider nicht der Fall, sagt Anna. Zum einen, weil bestimmte Spezialisierungen in der Region nicht in ausreichendem Maße vorhanden seien. Zum anderen, weil es oft an geschultem Fachpersonal fehle. Viel funktioniere hier über persönliche Erfahrungen nach dem Motto Versuch und Irrtum: Wo war der Eindruck gut, wo hat man sich wohlgefühlt und wo nicht? Dazu verweisen sie auch auf die Website queermed, wo queer- und transsensible Ärzt:innen selbst empfohlen, aber auch gefunden werden können. „Mitunter muss es dann doch ein weiterer Weg nach Berlin sein“, weiß Anna.

Auf welche Herausforderungen queere Menschen treffen, wenn sie auf der Suche nach der richtigen medizinischen Versorgung sind, davon berichtet Miro Goy. Goy lebt als nichtbinäre trans Person seit 2007 in MV und macht aufgrund einer chronischen Erkrankung viele Erfahrungen im medizinischen Bereich. Bei diskriminierenden Fragen und Äußerungen gehe es los, sagt Goy. Andere fragen zu viel nach dem Transsein selbst, obwohl doch die medizinische Hilfe im Vordergrund stehen sollte. Goy empfindet es als „anstrengend und belastend, ständig damit aufräumen zu müssen“. Als Mensch verschwinde man in diesen Momenten hinter der eigenen geschlechtlichen Identität. Goys Strategie: „Mittlerweile habe ich das Outen aufgegeben.“ Wenn einen selbst die eigene und langjährige Psychotherapeutin manchmal mit dem falschen Namen anspreche, zeige das, wie schwierig es ist.7

Nicht darüber zu reden, ist eine persönliche Entscheidung

„Von queeren Menschen wird oft erwartet, dass sie ihr ganzes Leben offenlegen.“ Möchten sie das nicht, reichen die Reaktionen von Unverständnis bis Eingeschnapptheit, sagt Alice Hagenbruch von Queer-Strelitz. Der Verein organisiert alle zwei Jahre den CSD in Neustrelitz, setzt sich für Aufklärung ein und bietet queeren Menschen aus der Region im Rahmen verschiedener Veranstaltungen unter anderem einen Raum zum Treffen, Reden und gemeinsamen Feiern.8 Die Form der Diskriminierung, wie sie zum Beispiel Miro Goy aus dem medizinischen Bereich beschreibt, erlebten queere Personen häufig, sagt Hagenbruch. Vor der dahinterstehenden Anspruchshaltung seien leider auch die Menschen nicht gefeit, die sich selbst für offen halten. Dabei sei Sichtbarkeit natürlich wichtig, aber schlussendlich die Entscheidung darüber auch jedem Menschen selbst zu überlassen. „Manchmal ist das Nicht-darüber-Reden kein Schweigen, sondern eine persönliche Sache“, so Hagenbruch.

Von queeren Menschen wird oft erwartet, dass sie ihr ganzes Leben offenlegen.

Alice Hagenbruch

Nicht immer schweigen zu müssen, mit Menschen in Kontakt zu sein, mit denen ein Austausch möglich ist, eine Community zu haben – das sei unverzichtbar, betont Miro Goy. „Früher bin ich in andere Städte gefahren, um andere trans Personen kennenzulernen.“ Da habe sich in den letzten Jahren viel verändert. Es hätten sich zum Beispiel neue queere Gruppen gegründet, wo es vorher keine gab. Diesen Eindruck teilt auch TIN-Beraterin Anna. Es gebe teilweise mehr Sichtbarkeit, etwa in Schulen, findet sie. Dass es dort Kinder und Jugendliche gibt, „die äußern können, dass sie sich mit ihren Pronomen nicht wohlfühlen, oder sich outen“, sei ein enormer Zugewinn, sagt auch Alice Hagenbruch. Anna kann das bestätigen: Denke sie an die Zeit vor 15 Jahren zurück, als sie selbst offen queer zu leben begann, so erinnere sie sich eher an „eine große Unsichtbarkeit und fehlende Vorbilder“.

Ein „größeres Sicherheitsbedürfnis“ beim CSD

Wie problematisch das abseits von Städten wie Greifswald oder Rostock auch weiterhin ist, darauf weist Miro Goy hin. Welche elementare Rolle in dieser Lücke Soziale Medien als Ort des Austauschs und der Suche nach Community – gerade für junge Menschen – spielen, betonen Alice Hagenbruch und Anna. Dass dieser Segen in Anbetracht des vielen Hasses online zugleich auch Fluch sein kann, gehöre aber ebenfalls zur Wahrheit dazu. Diese Erfahrung machen sie bei Queer-Strelitz auf ihren Social-Media-Kanälen regelmäßig – gerade wenn es um den Christopher Street Day gehe.

Dort sehen sich Veranstalter:innen seit einiger Zeit – im Vorfeld, aber auch bei der Demonstration selbst – nicht nur mit Hass, sondern mit zunehmender rechtsextremer Mobilisierung konfrontiert. So zum Beispiel im vergangenen Jahr beim ersten CSD in Parchim. Oder, wie Robert Schiedewitz von Lobbi erinnert, bei der größten rechtsextremen Demonstration in MV 2025 zum CSD in Grevesmühlen.

Sicherheitsabwägungen seien zwar schon immer Teil der Vorbereitungen gewesen, sagt er. Doch nähmen sie immer mehr Raum ein. Ein „größeres Sicherheitsbedürfnis“ bestätigt auch Alice Hagenbruch mit Blick auf die Organisation und Durchführung des CSD in Neustrelitz Mitte August. Beim letzten CSD 2024 waren Teilnehmer:innen über eine Mauer mit Eiern beworfen worden. Hinzu kämen die privaten Erfahrungen, die jede Person mache. Mit der Stadt habe es hinsichtlich der Veranstaltung aber bereits einen Austausch gegeben, sagt Hagenbruch. Und der Demonstrationszug selbst werde von der Polizei geschützt.

* Den Nachnamen haben wir auf eigenen Wunsch weggelassen.

Weiterlesen:

zu sehen sind drei gedruckte Ausgaben von KATAPULT MV

Dieser Artikel erschien bereits in unserer Printausgabe, die ihr im Abo oder im Shop bekommen könnt!

  1. Telefonat mit Jenny am 14.4.2026. ↩︎
  2. Als transfeminin können sich Menschen bezeichnen, die bei Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen bekommen haben, sich aber als weiblich identifizieren. ↩︎
  3. Lobbi MV (Hg.): Hemmungen fallen weiter, Zeit zu handeln. Rechte Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern 2025 (16.4.2026). ↩︎
  4. Telefonat mit Lobbi MV am 13.4.2026. ↩︎
  5. Queermed-deutschland.de (Hg.): Transition, auf: queermed-deutschland.de. ↩︎
  6. Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport MV (Hg.): Landesaktionsplan für die Gleichstellung und Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in Mecklenburg-Vorpommern. Fortschreibung, S. 6, auf: regierung-mv.de (2024). ↩︎
  7. Telefonat mit Miro Goy am 14.4.2026. ↩︎
  8. Telefonat mit Alice Hagenbruch am 13.4.2026. ↩︎

Autor:in

  • Redakteurin und Betriebsrätin in Greifswald

    Geboren in Berlin, aufgewachsen in Berlin und Brandenburg. Tauschte zum Studieren freiwillig Metropole gegen Metropölchen.

Gute Arbeit?

Jeder Euro hilft, neue Recherchen zu realisieren!

Ein KATAPULT-MV-Abo beinhaltet:

Mit deinem Abo erhältst du KATAPULT MV und unabhängigen Lokaljournalismus am Leben!

KATAPULT-Newsletter